Bundesamt für Umwelt BAFU

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Leben mit dem Hochwasser: Anpassung an die Extremereignisse der Zukunft

Als Folge der Klimaerwärmung rechnen Fachleute in Zukunft mit vermehrten und extremeren Hochwasserereignissen. Um das mögliche Ausmass der Schäden zu reduzieren, drängt sich mancherorts eine Anpassung bestehender Nutzungen auf. Der Handlungsbedarf ist enorm, wie die weiträumigen Überschwemmungen mit Schäden von rund 3 Milliarden Franken im Katastrophenjahr 2005 gezeigt haben.

Am 22. August 2005 riss die Hochwassersirene um halb drei in der Früh viele Leute in Emmen LU aus dem Schlaf. Markus Schwingruber, der mit seiner Familie in der Siedlung Unter-Grundhof lebt, schaltete das Radio ein, wie dies in solchen Fällen angezeigt ist. Der Sender DRS 1 warnte die Bevölkerung, sie solle sich von den Gewässern fernhalten. Die kaum 50 Meter vom Haus entfernte Reuss führte zwar viel Wasser, blieb aber in ihrem Bett, so dass für die Anwohner kein unmittelbarer Handlungsbedarf bestand. Deshalb legte sich auch Markus Schwingruber wieder hin. Doch um sechs Uhr tönten aufgeregte Rufe durchs Haus: «Das Wasser kommt!» Zuerst floss brauner Schlamm durch die Laubengänge der Baugenossenschaft Wogeno, füllte dann gurgelnd sämtliche Keller und fand später den Weg in sieben Parterrewohnungen. Auch das Logis der Familie Schwingruber stand knietief unter Wasser. «Den Bewohnern blieb immerhin noch eine Vorwarnzeit von einer halben Stunde, um wichtige Gegenstände im oberen Stockwerk in Sicherheit zu bringen», sagt Andreas Köck, Geschäftsführer der Wogeno Luzern.

Millionenschäden durch die Kleine Emme

Zur Überraschung der Betroffenen kam die Flut nicht von der nahen Reuss, sondern von der weiter entfernten Kleinen Emme. Das Gewässer war drei Kilometer westlich der Siedlung - bei der Emmenweid und am zentralen Verkehrsknotenpunkt Seetalplatz - über das linke Ufer getreten und hatte den Weg über die Hauptstrasse genommen. Als Folge der Überschwemmung fielen Festnetztelefone und Mobilfunk nahezu vollständig aus. «Wir fühlten uns plötzlich sehr verletzlich und auf uns allein gestellt - eine ungewohnte Erfahrung», erinnert sich Markus Schwingruber. In der Not spielte aber auch die Solidarität. So liehen etwa Bauern den Geschädigten ihre Wasserpumpen aus, und nicht betroffene Familien bekochten ihre Nachbarn. Zwei Monate nach der Überschwemmung konnten die Leute wieder in ihre sanierten Wohnungen einziehen.

In Emmen kann sich niemand an ein vergleichbares Extremereignis erinnern. Bedingt durch die ausserordentlichen Regenmengen von über 200 Litern pro Quadratmeter schwemmten die Bäche aus dem hügeligen Einzugsgebiet viel Geschiebe und gewaltige Wassermassen in die Kleine Emme. «Beim weggerissenen Viscosesteg lag der tosende Fluss rund vier Meter über dem normalen Wasserstand», erklärt Robert Stocker von der lokalen Bauund Umweltdirektion. Am linken Flussufer unterspülte das hoch gehende Gewässer Uferverbauungen und zerstörte die Werkleitungen des angrenzenden Von-Moos-Areals. Mit Hochwasserschäden von insgesamt 180 Millionen Franken gehörte Emmen im August 2005 zu den am stärksten betroffenen Gemeinden der Schweiz.

Schutz vor künftigen Extremereignissen

Nach dem ersten Schock reagierten die kommunalen und kantonalen Behörden umgehend. Im Sinn einer bautechnischen Sofortmassnahme zur Wiederherstellung der Hochwassersicherheit ist der ganze Flussbogen auf einer Länge von rund 400 Metern massiv befestigt und zusätzlich durch eine etwa zwei Meter hohe Betonmauer gesichert worden. «Nun geht es darum, weitere Schutzvorkehrungen für einen denkbaren Überlastfall zu treffen, denn auch das ausgebaute Gerinne hat nur eine begrenzte Kapazität», erklärt Peter Heiniger von der Sektion Hochwasserschutz beim BAFU. In diesem Zusammenhang wird geprüft, wie man die Sicherheit am rechten Ufer auch bei einem sehr seltenen Extremereignis mit einer Wiederkehrperiode von 1000 Jahren durch Objektschutzmassnahmen verbessern könnte. «Das Ziel besteht darin, auf beiden Seiten der Kleinen Emme einen angemessenen Hochwasserschutz zu erreichen.» Zusätzlich gilt es, die Alarmierung und Intervention zu verbessern. Zudem klären die Behörden ab, ob flussaufwärts im Entlebuch grössere Rückhalteräume für Wasser und Geschiebe geschaffen werden könnten, um so die Hochwasserspitzen zu brechen.

Anpassung bestehender Nutzungen

Wie in Emmen haben die Überflutungen vom August 2005 vielerorts in der Schweiz untragbare Risiken aufgezeigt. «Weitere Schutzdefizite gehen aus den nun zunehmend vorliegenden Gefahrenkarten hervor», erklärt Roberto Loat von der Sektion Risikomanagement beim BAFU. Fachleute rechnen aufgrund der Klimaerwärmung zudem damit, dass Hochwasser in Zukunft häufiger auftreten und tendenziell an Intensität zulegen. «Dies erfordert zwingend eine Anpassung bestehender und künftiger Nutzungen. Im Interesse unserer Sicherheit müssen wir Bau- und Gefahrenzonen besser entflechten», sagt Roberto Loat. «Wo Hochwasser drohen, sollen betroffene Kantone und Gemeinden mit planerischen Massnahmen die erforderlichen Rückhalteräume und Abflusskorridore für das überschüssige Wasser sichern und solche Gebiete von Bauten und Anlagen frei halten.» In gewissen Fällen kann dies bedeuten, dass auch für bisherige Bauzonen Bauverbote erlassen werden müssen.

Weesen SG: Von zwei Seiten dem Wasser ausgesetzt

Schwieriger wird es, wenn die roten Gefahrenzonen zum Teil bereits überbaut sind - so wie beispielsweise auch in Weesen SG am Westufer des Walensees. Das 1500-Seelen-Dorf ist von zwei Seiten dem Wasser ausgesetzt, liegt es doch zwischen einer Bergflanke und dem schmalen Uferstreifen. Damit drohen einerseits Hochwasserstände des Sees und andererseits Wildbäche, die das Speer- und das Mattstockgebiet oberhalb von Weesen entwässern und hier in den Walensee münden. Seit 1813 haben die Dorfchronisten 15 grosse Unwetterereignisse mit Zerstörungen durch Murgänge, Rutschungen und Sturzfluten verzeichnet.

Trotzdem ist die Wohnlage an der sonnigen, klimatisch geschützten «Riviera » begehrt. Vor allem in den 1960er- Jahren entstanden in der heiklen Seeuferzone und im näheren Uferbereich der Wildbäche Wohnhäuser, die sich heute in der roten Zone der Gefahrenkarte befinden oder unmittelbar daran angrenzen. Sogar das 1969 gebaute Gemeindehaus liegt bei Seehochwasser im Überflutungsgebiet.

Nachhaltige Siedlungsentwicklung als Ziel

Um die noch relativ neuen Erkenntnisse aus der Gefahrenkarte möglichst pragmatisch umzusetzen, arbeitet der junge Weesener Gemeindepräsident Mario Fedi eng mit den zuständigen Fachstellen für Gefahrenprävention zusammen. Unterstützung kommt dabei auch von der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaft. Im Rahmen einer Pilotstudie erforscht sie in Weesen und drei weiteren Gemeinden der Linthebene Strategien zur nachhaltigen Siedlungsentwicklung. Das Ziel besteht darin, die durch Hochwasser, Murgänge und Erdrutsche verursachten Schäden zu reduzieren. Dazu will man Arbeitshilfen für Planer und Gemeindeverwaltungen entwickeln und das Bewusstsein von Grundeigentümern, Architekten, Raumplanern sowie weiteren Akteuren für die Problematik schärfen.

Geforderte Gemeindebehörden

Insbesondere die Wildbäche sind in Weesen eine permanente Herausforderung, wie etwa ein grosser Erdrutsch der Bevölkerung im Mai 1999 drastisch vor Augen führte. Ausgelöst durch die Schneeschmelze nach dem Rekordwinter und lange anhaltende Starkniederschläge glitten damals etwa 250000 Kubikmeter Material in das Tobel des Renzletenbachs ab. Der Schlammstrom wälzte sich mit grosser Gewalt talwärts,  riss Teile der Wildbachverbauungen weg und verfehlte nur knapp das Siedlungsgebiet. Mit einem Grosseinsatz von Baumaschinen gelang es damals, die träge Masse aus dem bis zum Rand gefüllten Bett des Flibachs herauszubaggern.

In der Folge erarbeiteten die Behörden ein Konzept zur Gerinnesanierung sämtlicher Wildbäche vor Ort. Doch noch während das Bauprojekt für den Flibach öffentlich auflag, ging am 20./21. August 2005 erneut ein heftiges Unwetter über dem Gebiet nieder. Mario Fedi war auf dem Weg zum abendlichen Volleyballtraining, als ihn ein Blick auf die hoch gehenden Bäche sogleich zur Umkehr bewog. Er tauschte die Turnschuhe mit den Stiefeln und konnte sie in den folgenden 14 Tagen praktisch nur noch zum Schlafen ausziehen. Die katastrophalen Auswirkungen der Starkniederschläge hielten den Gemeindeführungsstab, die Feuerwehr und den Zivilschutz nämlich während zwei Wochen auf Trab. In 48 Stunden fielen in der Region 242 Liter Regen pro Quadratmeter - so viel wie noch nie seit Erfassung der Regenmengen.

Sanierung der Wildbäche

Vom Lauibach abgelagertes Geschiebe verstopfte den normalen Abfluss, so dass sich die gestauten Wasser- und Schlammmassen den Weg in den Walensee mitten durch das Dorf suchten, was enorme Zerstörungen verursachte. Überflutet wurde auch das Archiv im Keller des Gemeindehauses. Dabei kamen wertvolle Dorfchroniken zu Schaden, die man aufwändig restaurieren musste.

Schon kurze Zeit nach dem Unwetter leitete die Gemeinde am Gerinne des unteren Flibachs im Notrecht Sanierungen ein, welche Teil des noch nicht rechtskräftigen Bachkonzepts waren. Die Ende Mai 2008 beendete Verbauung umfasst unter anderem einen Geschiebesammler, der das bei Unwettern mitgeschwemmte Geröll nun oberhalb des Dorfes zurückhalten soll.

Fliessgewässer brauchen Raum

Damit die Fliessgewässer Wasser und Geschiebe bei künftigen Extremereignissen möglichst schadlos ableiten können, benötigen sie genügend Platz. In einem Standortpapier zu den Auswirkungen der Klimaänderung auf den Hochwasserschutz in der Schweiz empfiehlt die Kommission Hochwasserschutz im Schweizerischen Wasserwirtschaftsverband KOHS, bei der Festlegung dieses Raumbedarfs sicherheitshalber von den schlimmsten zu erwartenden Szenarien auszugehen. Angesichts der globalen Erwärmung seien Abfluss, Wasserfracht und Geschiebemengen im oberen Entscheidungsbereich festzulegen.

Um Menschen und Sachwerte ausreichend schützen zu können, drängt sich zum Teil sogar ein Rückbau bestehender Siedlungen auf. Aus Schaden ist man etwa in Brienz BE klug geworden. Hier, wo ein Murgang des Glyssibachs im August 2005 mehrere Wohnhäuser zerstörte und zwei Menschen in den Tod riss, soll das Gewässer im Mündungsbereich nun ein viel breiteres Bachbett erhalten. Die meisten beschädigten Häuser auf dem Schwemmkegel dürfen deshalb nicht mehr aufgebaut werden.

Stefan Hartmann, Beat Jordi


Sachversicherungen unterstützen die Prävention 

Die Mobiliar als grösster Sachversicherer im Inland wurde durch die Unwetter vom August 2005 besonders hart getroffen. Allein ihr Schadenaufwand belief sich annähernd auf 0,5 Milliarden Franken. Angesichts des hohen Handlungsbedarfs zur Verhinderung künftiger Elementarschäden kündigte die Genossenschaft an, gesellschaftliche Mitverantwortung zu übernehmen, und stellte der öffentlichen Hand aus ihrem Überschussfonds 10 Millionen Franken zur Unterstützung von konkreten Präventionsprojekten in Aussicht. Im Sinn einer Anschubund Teilfinanzierung sollen die Versicherungsgelder dazu beitragen, künftige Schäden durch Naturgefahren möglichst zu verhindern. Die Erhebung der Vorhaben erfolgt über die lokal verankerten Generalagenturen. Bis Februar 2008 hat die Versicherung im ganzen Land 25 geeignete Projekte ausgewählt, die vor allem den Hochwasserschutz betreffen.

2006 hat auch die staatliche Gebäudeversicherung Bern GVB eine mit 5 Millionen Franken dotierte Präventionsstiftung geschaffen. Sie richtet sich an Hauseigentümer, die man mit finanziellen Beiträgen motivieren will, vorbeugende Massnahmen für den Objektschutz ihrer Liegenschaften zu treffen. Dabei steht Interessierten auch ein Team von Fachleuten für eine kostenlose Beratung zur Verfügung.  



Kontakt: climate@bafu.admin.ch
Zuletzt aktualisiert am: 05.03.2009

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