Bundesamt für Umwelt BAFU

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Holzverarbeitung: Aus Rundem mehr Eckiges machen

Bis vor Kurzem nutzte die Schweiz die natürliche Ressource ihrer Wälder wie ein Entwicklungsland: Ein Grossteil davon ging als Stammholz unverarbeitet in den Export. Das ändert sich nun. Mit der Inbetriebnahme der Grosssägerei in Domat/Ems GR Mitte 2007 sind die Sägereikapazitäten im Inland deutlich grösser geworden, und sie werden sich in den kommenden Jahren weiter erhöhen.

Fährt man auf der A13 oder mit der Bahn von Chur Richtung Bündner Oberland, sind bei Domat/Ems die Rundholzhaufen sowie das Schnittholz der Firma Stallinger Swiss Timber unübersehbar: So viel Holz aufs Mal hat man bis jetzt in der Schweiz noch nie gesehen.

Stallinger kam, baute und sägte

Nicht nur die anvisierte Einschnittmenge von einer Million Kubikmetern pro Jahr ist rekordverdächtig, sondern auch die kurze Planungs- und Bauzeit. Vom Spatenstich an dauerte es knapp ein Jahr, bis am 19. April 2007 die Sägereimaschinen und Sortieranlagen in der sogenannten Profilierlinie tätig wurden. Es folgte wenig später die Inbetriebnahme der Gleisanlage, der Trocknungsanlage und des Hobelwerks. Christian Felix, Prozess- und Qualitätsmanager beim Stallinger-Werk, meint, die kurze Bauzeit sei auch dem Projektleiter für die Aufbauarbeiten, Gregor Sax, zu verdanken. Sax war lange technischer Leiter bei Stallinger im österreichischen Frankenmarkt und kannte von dort die Linck-Sägelinie und die Springer- Sortieranlagen in- und auswendig.

25 Prozent des angelieferten Holzes stammen aus dem Bündnerland, 60 aus der restlichen Schweiz und 15 aus Österreich, Deutschland und Frankreich. Das Holz aus Graubünden kommt grösstenteils per Lastwagen, das ausserkantonale zu 90 Prozent mit der Bahn. Künftig soll auch das Bündner Holz vermehrt auf der Schiene transportiert werden.

Modern Times beim grössten Holzverarbeiter der Schweiz

Sind die Bäume entladen und auf dem Rundholzplatz zu einem Haufen getürmt, bringt sie ein High-Lifter zur Rundholz-Sortieranlage. Dort werden sie quer auf Förderketten geladen. Renato Caviezel klassiert von einer Steuerkabine aus die Stämme, die vorbeipoltern. «Ich habe knapp zwei Sekunden Zeit, um einen Baumstamm zu beurteilen, dann muss ich einen Knopf drücken», erklärt Caviezel.

Je nach Arbeitsschicht ist Caviezel von 5 Uhr morgens bis 14 Uhr oder von 14 Uhr bis 23 Uhr im Einsatz. Er überwacht dabei auf mehreren Bildschirmen auch alle automatischen Prozesse entlang des Sortierstrangs - von der Entrindungsmaschine bis zur Sortierung. «Forstwart ist die Minimalausbildung, die es für diesen Job braucht», sagt er.

Hat ein Stamm einen starken Wurzelanlauf, das heisst eine Verdickung im untersten Bereich, wird er über den «Bypass» geleitet: Dort hobelt der Wurzelreduzierer ihn zylindrisch ab. Es folgen die Entrindung, das Durchfahren einer Metalldetektor-Anlage und die Vermessung des Stammes ohne Rinde. Die Rinde geht an das neue Biomassekraftwerk Tegra Holz & Energie AG gleich nebenan.

Ab in die weite Welt

In der ersten Profiliergruppe werden danach mit Hilfe von Eckfräsern und Sägeblättern zuerst zwei Seitenbretter und nach Drehung des Stamms um 90 Grad zwei weitere Seitenbretter abgesägt. Das übrig bleibende quaderförmige Kernholz wird anschliessend von der Mehrblattkreissäge in bis zu zehn Bretter geschnitten.

Auch hier überwacht ein Mitarbeiter auf Bildschirmen die voll automatisierte Anlage - von den Sägemaschinen über die Bretter-Sortieranlage bis zur Verpackungsstation. Ein Teil des Schnittholzes wird in der Hobelmaschine weiterveredelt.

Stallinger verarbeitet sowohl Fichten als auch Tannen. Den besseren Preis erzielt Fichtenholz, das für Bauzwecke mehr nachgefragt wird. Zwei Drittel des Schnittholzes verlassen das Werk per Bahn, ein Drittel auf dem Lastwagen. Die Fahrt geht nach Österreich, wo es zu Leimbindern - Konstruktionselementen aus verleimten Brettern - weiterverarbeitet wird, oder in ein anderes EU-Land. Weitere Destinationen sind Japan, die USA sowie der Nahe und Mittlere Osten.

Die Firma hat Ausbaupläne. Sie will selbst Leimbinder produzieren. Weitere Optionen sind die Verarbeitung des Schnittholzes zu Platten oder ein Pelletierungswerk, in dem aus Sägemehl und Hobelspänen der Brennstoff für Holzpelletheizungen produziert wird. Für Stallinger wäre es optimal, das Sägemehl vor Ort zu verarbeiten: Der ganze Logistikaufwand für das Wegführen der Sägenebenprodukte ist enorm.

Das Werk von Domat/Ems stellt derzeit 109 Arbeitsplätze. Es umfasst 15 Hektaren. Allein der Rundholzplatz ist so gross wie 14 Fussballfelder. Für die Realisierung von Ausbauplänen ist eine Erweiterungsfläche von 4,5 Hektaren reserviert.

Mehr Holzeinschnitt mit weniger, dafür grösseren Sägereien

Mit der Inbetriebnahme des Stallinger- Werks hat die Schweiz die Wende bei der Holzverarbeitung geschafft. Von 2002 bis 2007 erhöhte sich die Menge des eingeschnittenen Stammholzes um 12 Prozent auf rund 2,5 Millionen Kubikmeter. Das entspricht knapp 70 Prozent der Stammholzernte im Jahr 2007. Gleichzeitig setzte sich der Konzentrationsprozess in der Sägereibranche fort: Die Zahl der Betriebe nahm von 2002 bis 2007 um rund 20 Prozent ab. Damit stieg die durchschnittliche Betriebsproduktivität um 43 Prozent. 1996 hatte es noch keine Sägerei mit einer Einschnittmenge von über 100 000 Kubik- metern gegeben, 2002 waren es schon zwei und 2007 deren fünf. Trotz erhöhter Sägereikapazität geht immer noch ein Drittel des Stammholzes, das im Land geschlagen wird, unverarbeitet in den Export. Wird indessen das in Luterbach SO von der Firma Schilliger geplante Werk mit einer Kapazität von voraussichtlich 0,6 Millionen Kubikmetern pro Jahr wie geplant 2009 den Betrieb aufnehmen, wird die Schweiz punkto Verarbeitungskapazitäten endgültig kein Entwicklungsland mehr sein. Zumal weitere grössere Betriebe einen Ausbau planen.

Gibt es genug Holz auch für weitere Grosssägereien?

Wird im Schweizer Wald genug Holz nachwachsen, um dereinst den Bedarf der Sägereien zu decken? Alles in allem schon, aber nicht von der gefragten Art: Unsere Sägereien verarbeiten zu 95 Prozent Nadelholz. Werden alle Projekte und Ausbaupläne realisiert, kann die Nachfrage bis 2010 von derzeit 2,5 auf 4 Millionen Kubikmeter steigen. Das hiesige Nutzungspotenzial für Nadel-Stammholz wird auf 3,4 Millionen Kubikmeter pro Jahr geschätzt. Der Schweizer Wald wird somit nicht mehr genug liefern, um die Werke auszulasten. Hansruedi Streiff, Direktor von Holzindustrie Schweiz, erwartet, dass dann der Wettbewerb in der Branche vermehrt über den Rohstoffeinkauf ausgetragen und Opfer fordern wird. Noch mehr Kleinsägereien müssten schliessen.

Fichten bilden den Hauptrohstoff der Sägereien. Sie stehen hauptsächlich in den Wäldern der Voralpen und Alpen. Hier ist die Holzernte aufwendiger als im Mittelland, kann aber dank moderner Technik und entsprechender infrastruktureller Erschliessung wirt- schaftlich erfolgen - insbesondere wenn die Holzpreise weiter ansteigen. Das ist seit Anfang 2006 der Fall: Für die Schweizer Waldbesitzer rentiert es sich endlich wieder, ihr stehendes Kapital zu schlagen. 2007 wurden 5,7 Millionen Kubikmeter Holz geerntet - 13 Prozent mehr als im Durchschnitt der letzten 20 Jahre.

Laubholzverarbeitung ist aufwendiger und teurer

Anders als beim Nadelholz verläuft der Trend bei der Verarbeitung von Laubholz. 2007 wurden in der Schweiz nur 131 000 Kubikmeter Laubholz eingesägt. Das sind 5 Prozent der gesamten Einschnittmenge. Buche, die häufigste Laubbaumart in unserem Wald, wurde bis 2007 teilweise noch zu Zellstoff verarbeitet, heute wird sie bloss noch als Energieholz genutzt oder exportiert. Es liesse sich mehr aus ihr machen. Nicht nur wegen der höheren Wertschöpfung wäre es sinnvoll, in der Schweiz ein oder mehrere Grosssägewerke für die Verarbeitung von Laubholz zu bauen: Der Wald im Schweizer Mittelland wäre natürlicherweise ein Laubwald, und im wärmer werdenden Klima der Zukunft dürften es die eher an tiefere Temperaturen angepassten Nadelhölzer hier noch schwerer haben als heute.

Gesucht: Standorte für Laubholzprojekte

Öffentliche und private Vertreter der Forstwirtschaft der Kantone Waadt, Freiburg, Bern, Neuenburg und Jura haben deshalb das Projekt AvantiBois für den Bau einer Laubholzsägerei lanciert. Als Standort war Avenches VD geplant. 2007 erteilte die Stadt dem Projekt jedoch eine Abfuhr. Das vorgesehene Gelände wurde kurzfristig an den kalifornischen Informatikriesen Yahoo vergeben.

Nun ist AvantiBois auf der Suche nach einem neuen Standort. Favoriten sind Grandson oder Moudon im Kanton Waadt. Nach einer von AvantiBois in Auftrag gegebenen Studie könnten aus einem Umkreis von 150 Kilometern jährlich 810 000 Kubikmeter Laubholz ins geplante Werk geliefert werden, davon 540 000 aus Frankreich und 270 000 aus der Schweiz. Parallel zum Projekt AvantiBois sind neuerdings Abklärungen im Gang für einen Laubholz- Sägereibetrieb in der Ostschweiz.

Die Nutzung von Laubholz sei aber nicht nur eine Frage der Sägereikapazitäten, sagt Hansruedi Streiff. Obwohl in Deutschland drei neue grosse Sägewerke für Buche in Betrieb genommen wurden, sei die deutsche Laubholzverarbeitung heute weit geringer als vor 10 bis 15 Jahren. Der Grund: Die Ausbeute ist beim Laubholz kleiner, die Sortierung aufwendiger und die Verarbeitung langsamer. Laubholzprodukte sind deshalb teuer und werden oft durch billigere Produkte wie Holzimitationen (Laminate), Holzwerkstoffe oder Nadelholz ersetzt.

Höhere Wertschöpfung ist gefragt

Momentan beschäftigt die Schweizer Wald- und Holzwirtschaft rund 80 000 Menschen, und dies vorwiegend in ländlichen Regionen, wo Arbeitsplätze in der Industrie und im Dienstleistungssektor rar sind. Mehr Holz im Land zu verarbeiten ist denn auch ein vorrangiges Ziel der Schweizer Ressourcenpolitik Holz. Auch bei der Produktion von Halb- und Fertigprodukten wie verleimten Balken und Gebäudeteilen könnte viel mehr Wertschöpfung in der Schweiz generiert werden, findet Marco Zanetti, Chef der Sektion Wald- und Holzwirtschaft beim BAFU. «Zurzeit gibt es in der Schweiz keine nennenswerte Fabrikation von Sperrholz.» Und laut Hansruedi Streiff produziert bis jetzt kein Schweizer Hausbauer standardisierte Fertighäuser in grosser Zahl.

Dies widerspiegelt sich auch in der Handelsbilanz für Holz, Holzprodukte, Halbfabrikate, Holzschliff und Zellulose, die 2007 mit minus 2,6 Milliarden Franken immer noch stark im roten Bereich lag. Gesucht seien Investoren aus der Privatwirtschaft, sagt Zanetti. Natürlich könnten die Kantone bis zu einem gewissen Grad unterstützend wirken, so wie das im Kanton Graubünden beim Stallinger-Werk passiert ist. Auch in Luterbach steht der Kanton Solothurn hinter dem Projekt der Schilliger Holz AG.

Brigitte Weidmann


Kontakt: magazin@bafu.admin.ch
Zuletzt aktualisiert am: 17.04.2009

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