Bundesamt für Umwelt BAFU

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Biodiversitäts-Monitoring (BDM) - Zwiespältige Vielfalt

Die biologische Vielfalt der Schweiz konzentriert sich im Berggebiet; dies belegen erste
Ergebnisse des Schweizer Biodiversitäts-Monitorings (BDM). Allerdings ist zu befürchten,
dass – wie zuvor in den tieferen Lagen – künftig auch da ein Teil der Vielfalt auf der Strecke bleibt.

Urs Draeger, Koordinationsstelle BDM 

Das Biodiversitäts-Monitoring Schweiz (BDM) wurde 2001 lanciert. Nach mehreren Aufbaujahren und ausgedehnten Felderhebungen liefert das Programm nun erstmals Aussagen nicht bloss über den Zustand der biologischen Vielfalt im Land, sondern auch über Trends und Entwicklungen.

Noch grosse Vielfalt in den Bergen. Die Bergregionen sind für die Biodiversität in der Schweiz von herausragender Bedeutung; dies zeigen die Zahlen des BDM sehr deutlich. Bergwiesen und -weiden beherbergen im Durchschnitt ein Viertel mehr Gefässpflanzenarten als tiefer gelegenes Grünland. Auf Alpweiden kommen im Schnitt 19 Moosarten vor, auf kollinen Wiesen und Weiden bloss deren 3.

Auch die Bergwälder sind im Schnitt wesentlich artenreicher als Wälder im Flachland. Und nirgendwo sonst gibt es bei uns so viele gänzlich der Natur überlassene Lebensräume wie in den Bergen.

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 Der Bienenfresser brütete erstmals 1991 in der Schweiz. Das Flussneunauge verschwand zu Beginn des 20. Jahrhunderts aus unseren Gewässern.
© www.fischartenatlas.de / Stefan Gerth, Agentur Sutter
Die Alpen sind zudem ein Hort für Arten mit weltweit beschränktem Verbreitungsgebiet. Hierzulande wachsen etwa 150 in Mitteleuropa endemische Gefässpflanzenarten, deren Verbreitungsgebiet zu mindestens einem Viertel in der Schweiz liegt. Davon gehören nahezu vier Fünftel zu den Gebirgspflanzen. Dass die Berggebiete im Vergleich zu anderen Landesgegenden heute mit ihrer grossen Vielfalt glänzen, ist nicht allein auf die naturräumlichen Bedingungen, sondern auch auf die Art und Intensität der Nutzung zurückzuführen. Die Tagfaltererhebungen des BDM unterstreichen dies: In den Bergen zählte das BDM durchschnittlich doppelt so viele Arten wie im Mittelland, doch beweisen einzelne artenreiche Messflächen, dass auch dort das Potenzial für eine grosse Tagfaltervielfalt vorhanden ist. Um dieses auszuschöpfen, bräuchte es aber mehr blumenreiche Wiesen und Weiden sowie mehr Krautsäume entlang von Hecken und Waldrändern. Viele dieser für Tagfalter attraktiven Lebensräume wurden im Zuge der Zersiedelung und Intensivierung der Landwirtschaft im Mittelland zerstört.

Auswirkungen des Klimawandels. Angesichts der Bedeutung der Alpen für die hiesige biologische Vielfalt sind die Veränderungen, die momentan in diesem Teil der Schweiz stattfinden, besorgniserregend. Dies betrifft nicht allein das starke Wachstum der Siedlungen oder die Entwicklung der Landwirtschaft, die Grenzertragslagen aufgibt und auch in den Höhenlagen leichter erreichbare ­Flächen intensiviert. Stärker als anderswo macht sich in den Bergen wahrscheinlich auch der Klimawandel bemerkbar. Zumindest stellt das BDM fest, dass bestimmte subalpine und alpine Pflanzenarten in nur fünf Jahren im Mittel um rund 13 Höhenmeter nach oben gewandert sind. Sollte sich dieser Trend fortsetzen, könnten Arten auf Spezialstandorten im Gebirge zunehmend in Bedrängnis geraten.

Die Pflanzengemeinschaften werden einheitlicher. In den vergangenen Jahren registrierte das BDM, dass die Artenzahlen der Gefässpflanzen in den Wiesen und Weiden steigen -gerade auch in den höheren Gebieten. Hingegen hat sich die Zahl der Moos- und Schneckenarten kaum verändert. Ersten Analysen zufolge nimmt die Gefässpflanzenvielfalt zwar zu. Allerdings breiten sich ohnehin schon sehr häufige Arten weiter aus. Beispiele dafür sind der Löwenzahn, der Weissklee oder der Kriechende Günsel, die nährstoffreiche Standorte bevorzugen und viele verschiedene Lebensräume besiedeln können. Die Ausbreitung von Pflanzen mit solchen ökologischen Ansprüchen hat zur Folge, dass man überall immer wieder dieselben Arten antrifft. Hält dieser Trend an, werden sich die Artengemeinschaften verschiedener Regionen und Standorte immer ähnlicher. Die durchschnittliche Zunahme der Artenzahlen auf den einzelnen Messflächen ist deshalb kein Grund zur Freude, denn sie geht mit einem Verlust an regions- und standorttypischen Arten- gemeinschaften einher.

Mehr Tierarten, doch viele sind gefährdet.  Die Zahl der wild lebenden Arten ist in der Schweiz zwischen 1997 und 2007 weitgehend konstant geblieben - zumindest bei denjenigen Gruppen, für welche die Datengrundlage eine Beurteilung zulässt. Betrachtet man indes den grösseren Zeitraum von 1900 bis heute, nahm die Artenvielfalt bei den untersuchten Gruppen zu. Insgesamt verschwanden im 20. Jahrhundert zwar nachweislich 23 Tierarten aus der Schweiz, darunter zwei Heuschreckenarten der Flussauen. Im gleichen Zeitraum sind aber auch 42 Arten neu hinzugekommen. Besonders deutlich ist die Zunahme bei den Brutvögeln (plus 14 Arten) und bei den Säugetieren (plus 8 Arten). Einige wie Steinbock oder Luchs verdanken ihre Wiedervorkommen Artenschutzbestrebungen, andere sind von selber gekommen, etwa die Wacholderdrossel oder der Wolf. Gemäss BDM-Kriterien gelten Arten erst dann als «vorkommend», wenn sie während mindestens neun von zehn aufeinander folgenden Jahren wild lebend in der Schweiz auftreten. Diese Entwicklung darf allerdings nicht darüber hinwegtäuschen, dass nach wie vor viele Arten in der Schweiz bedroht sind. So gelten 15 der 19 heimischen Reptilienarten gemäss den Kriterien der Roten Listen als «verletzlich», «stark ­gefährdet» oder «vom Aussterben bedroht». Bei den Fischen und Rundmäulern sind es 58 Prozent. Ebenfalls bedrohlich sieht die Lage bei den Brutvögeln aus: Rund 40 Prozent der heimischen Arten stehen hier auf der Roten Liste. Besonders Vogelarten, die wie der Kiebitz im Landwirtschaftsgebiet leben, erlitten in den letzten Jahren drastische Bestandeseinbussen. Kritisch ist die Gefährdungssituation auch bei weiteren Gruppen: So stehen 44 Prozent der baumbewohnenden Flechten und 19 Prozent der Grosspilze auf der jeweiligen Roten Liste.

Wald prägt die Biodiversität von Landschaften. Zwei Drittel der Brutvögel, die das BDM auf seinen Messflächen beobachtet, sind typische Waldarten - und dies, obwohl der Wald nur ein Drittel des Landes bedeckt und die typischen Waldvögel nur etwa ein Drittel der Schweizer Vogelvielfalt bilden. Wald wirkt sich also förderlich auf die Vogelvielfalt von Landschaften aus. Dieser Effekt gilt auch für andere Artengruppen. Besonders artenreich sind Landschaften mit Waldanteilen von 30 bis 70 Prozent.

Erfreulich ist darum, dass die ökologische Qualität der Wälder in jüngster Zeit zugenommen hat. Heute gibt es mehr der Natur überlassene Bestände und Waldreservate als vor zehn Jahren, die Wälder enthalten deutlich mehr Totholz, und der Anteil der naturverjüngten Wälder ist stark gestiegen. Von diesen Entwicklungen profitieren viele Organismen, zum Beispiel Moose und Schnecken. Letztere kommen im Wald am häufigsten vor.

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 Artenvielfalt in Landschaften der Schweiz: Anzahl registrierter Gefässpflanzen- bzw. Tagfalterarten entlang der 2,5 Kilometer langen, vorgegebenen Strecken innerhalb der 1 Quadratkilometer grossen Stichprobenflächen. Die Brutvögel werden jeweils auf der gesamten Stichprobenfläche erhoben.
Siedlungswachstum mit zwiespältigen Folgen. In den 1980er- und 1990er-Jahren wuchsen die Siedlungen in der Schweiz um 13 Prozent. Dabei dehnten sie sich in erster Linie auf Landwirtschaftsgebiet aus. Häuser, Gewerbebauten und Verkehrsflächen anstelle von Wiesen und Feldern - dies klingt nach einem Verlust von Biodiversität. Doch die Situation ist komplexer: Zweifellos sind versiegelte Flächen für die Natur verloren. Unversiegelte Siedlungsflächen können jedoch vielen spezialisierten und seltenen Arten einen Lebensraum bieten, zum Beispiel Pionier- und Ruderalpflanzen oder Moosen. Letztere bilden in Siedlungen typische Artengemeinschaften, die sich deutlich von den Moosgemeinschaften im Wald oder im Landwirtschaftsgebiet unterscheiden.

In Siedlungen leben aber auch besonders viele in die Schweiz eingeführte oder unabsichtlich eingeschleppte Pflanzen­arten. Diese sogenannten Neophyten, wie zum Beispiel die Kanadische Gold­rute, der Riesenbärenklau oder der Japanknöterich, wurden in vielen Gärten und Pärken angepflanzt oder kamen als blinde Passagiere über die Verkehrswege in die Städte. Ausserdem behagt ihnen das im Vergleich zum Umland etwas mildere Klima. Von den Siedlungen breiten sie sich in benachbarte Lebensräume aus, wo sie unter bestimmten Umständen Schaden anrichten können.

Zunehmend schärferes Bild. Das BDM steht mit seinen Beobachtungen noch am Anfang, denn bislang wurden erst zwei Fünftel aller Messflächen zweimal untersucht. Die bisherigen Zahlen lassen zwar die oben geschilderten Tendenzen erkennen - für ein umfassendes und genaueres Bild der Entwicklungen ist es aber noch zu früh. In den kommenden Jahren wird dieses jedoch immer mehr an Konturen gewinnen. Dann wird sich auch besser abschätzen lassen, wie sich die jüngsten politischen und wirtschaftlichen Entwicklungen auf die Biodiversität auswirken. So liefert das BDM zusammen mit Daten aus anderen Programmen wie etwa dem Landesforstinventar wichtige Grundlagen, um Politiken zu beurteilen und die Wirksamkeit von Naturschutz­instrumenten zu überprüfen.



Das Biodiversitäts-Monitoring Schweiz (BDM)

ud. Das BDM ist das Programm des BAFU zur Überwachung der Biodiversität in der Schweiz. Die Biodiversität umfasst die Vielfalt aller Tier- und Pflanzenarten, den Reichtum an Lebensräumen sowie die genetische Variabilität innerhalb von Arten. Da es unmöglich ist, diese ganze Vielfalt zu erfassen, behilft sich das BDM mit einer Auswahl von 33 Indikatoren, die jeweils einen Teilaspekt der Biodiversität repräsentieren.

Kern des Programms bildet die Erhebung der Artenvielfalt im Feld. Dabei konzentriert sich das BDM auf einige Artengruppen: Gefässpflanzen, Brutvögel, Tagfalter, Moose und Gehäuseschnecken. Um diese Organismen zu erfassen, hat das BDM zwei gesamtschweizerische Messnetze mit insgesamt über 2000 Messflächen aufgebaut. Die Flächen werden alle fünf Jahre nach klar definierten und reproduzierbaren Methoden untersucht. Auf diese Weise entstehen mit der Zeit lange Datenreihen zur Entwicklung der Artenvielfalt in der Schweiz. Ergänzt werden die BDM-eigenen Messungen mit Daten aus verschiedenen externen Quellen.

Eine Stärke des BDM besteht darin, dass es mit seinem Stichprobennetz auch die Artenvielfalt der durchschnittlichen Landschaft berücksichtigt und andere Erhebungen ergänzt, die sich auf seltene Arten und Sonderstandorte konzentrieren. So erhalten wir ein vollständigeres Bild der Artenvielfalt und erfahren, wie es um den allgemeinen Zustand der
Natur in unserem Land steht.


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Zuletzt aktualisiert am: 27.05.2009

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