25-jähriges Jubiläum von Labiola

Rede von Dr. Franziska Schwarz, Vizedirektorin des BAFU, am Jubiläumsanlass Labiola, 30. April 2016, Schinznach-Dorf (AG)

Es gilt das gesprochene Wort.

Sehr geehrter Herr Regierungsrat Attiger
Lieber Christian Hofer
Werte Familie Kohler
Liebe Anwesende 

Vielen Dank für die Einladung an diesen Jubiläumsanlass. Im Namen des Bundesamtes für Umwelt überbringe ich die besten Glückwünsche zum 25-jährigen Jubiläum von Labiola. Ich danke Ihnen für Ihren unermüdlichen Einsatz, die Landwirtschaft mit Natur und Landschaft zu vereinen. Diese Arbeit ist sehr wichtig und sinnvoll. Denn die Landwirtschaft ist - genauso wie unsere Gesellschaft - auf eine intakte Umwelt angewiesen und kann ihrerseits dazu beitragen. Für diese Wechselwirkung steht im Kanton AG seit 25 Jahren Labiola.

Labiola hat mit Magerwiesen im Fricktal begonnen. Von Beginn weg wurde Wert auf einen intergralen Ansatz gelegt: Nicht nur wird die Ökologie ganzheitlich betrachtet, Förderflächen und Fördermassnamen werden auch möglichst optimal in die betrieblichen Strukturen und Abläufe eingegliedert. Und es versteht sich von selbst, dass so der Landwirt wesentlich besser und zielgerichtet die Bedürfnisse von Natur und Landschaft in seiner Arbeit berücksichtigen kann.

Ein weiteres Kernelement von Labiola ist die Beratung. Und ich kann Sie nur ermutigen, meine Damen und Herren, halten Sie daran fest. Denn im Austausch zwischen den verschiedenen Partnern entstehen in aller Regel die besten und nachhaltigsten Lösungen. Der Erfolg gibt Labiola Recht; die Biodiversitätsförderflächen im Kanton AG sind von sehr hoher Qualität und ihr Anteil wurde kontinuierlich erhöht - und dies ohne die landwirtschaftliche Produktion zu beeinträchtigen.

Ich danke Ihnen ganz besonders, dass Sie sich im Rahmen von Labiola der biologischen Vielfalt annehmen, denn die Biodiversität in der Schweiz ist in Bedrängnis!

Die Schweizerinnen und Schweizer sind stolz auf ihre Natur. Schweiz Tourismus macht im Ausland Werbung damit. «Get Natural» ist ihr Slogan. Ist das gerechtfertigt? Wenn wir die Fakten betrachten, muss ich leider abwinken:

  • Jede 3. Art ist in der Schweiz vom Aussterben bedroht: Pflanzen, Tiere, Pilze.
  • Nehmen wir das konkrete Beispiel der Wildbienen: Ich muss Ihnen nicht erzählen, dass diese in der Landwirtschaft von zentraler Bedeutung für die Bestäubung sind. 45% der Wildbienenarten in der Schweiz sind gefährdet.
  • Knapp die Hälfte aller Lebensräume befindet sich in schlechtem Zustand. So haben beispielsweise die Flächen von Trockenwiesen und -weiden, welche häufig im Landwirtschaftsgebiet liegen, in den letzten Hundert Jahren um 95% abgenommen.

Aber wie haben wir uns nur in diese Lage manövriert? Wir Menschen brauchen immer mehr Platz und Ressourcen. Wir verschmutzen unsere Umwelt und verändern das Klima. Wir mischen Floren und Faunen durcheinander, zerschneiden Lebensräume, versiegeln die Böden und verbauen Gewässer für die Energieproduktion.

Und - der Druck nimmt stetig zu. Den Tieren, Pflanzen, Pilzen steht immer weniger geeigneter Raum zur Verfügung. Alleine die Siedlungsfläche ist seit 1990 um die Grösse des Genfersees angewachsen.

Der Verlust der biologischen Vielfalt ist schleichend - still. Dieser Umstand sorgt dafür, dass in der Bevölkerung der schlechte Zustand in dem sich unsere Tiere, Pflanzen befinden, kaum wahrgenommen wird. Eine Studie des Forschungsinstituts gfs.bern aus dem Jahr 2013 zeigt, dass ein Grossteil der Bevölkerung den Zustand der Biodiversität als gut einstuft. Aber eben: grüne fette Wiesen sind nicht wirklich biodivers.

Umso wichtiger ist es, meine Damen und Herren, dass Initiativen wie das Programm Labiola und Sie alle den Handlungsbedarf erkennen und Lösungen umsetzen.

Die offizielle Schweiz hat den dringenden Handlungsbedarf in Sachen Biodiversitätsschutz erkannt. Mit der Unterzeichnung diverser internationaler Abkommen hat die Schweiz ein klares Bekenntnis zur biologischen Vielfalt abgelegt. Und 2012 sagte der Bundesrat mit der Annahme der Strategie Biodiversität Schweiz

  • JA zu einer reichhaltigen Biodiversität, einer Biodiversität, welche auf Veränderungen reagieren kann

- und -

  • Ja zum langfristigen Erhalt der Biodiversität und ihrer Leistungen. Viele wissen nämlich nicht, dass die Natur Leistungen erbringt. Leider haben diese kein Preisschild, so dass wir ihren Wert nicht erkennen oder beachten.

Eine reichhaltige Biodiversität, der Erhalt der Biodiversität: Das sind ehrgeizige Ziele, meine Damen und Herren. Auch wenn es uns nicht so erscheint. Es sind aber Ziele, die wir trotz des aktuellen sehr starken politischen Gegenwinds nicht aus den Augen verlieren dürfen. Die Schweiz hat sich verpflichtet, zu handeln und nicht nur zu reden. Die Strategie Biodiversität Schweiz soll in die Praxis umgesetzt werden. Das Bundesamt für Umwelt ist derzeit daran, eine entsprechende Vernehmlassungsvorlage vorzubereiten. Der Erhalt der Biodiversität in der Schweiz ist eine Verbundaufgabe. Eine Aufgabe zwischen Bund und Kantonen. Beide - Bund und Kantone - sind gleichermassen gefordert, sich zu engagieren. Aber auch die verschiedenen Sektoralpolitiken müssen vernetzt denken und arbeiten. Die Landwirtschaft ist dabei einer unser wichtigster Partner, um die gesetzten ehrgeizigen, aber dringend notwendigen Ziele zu erreichen.

Eine wesentliche Ursache für den Rückgang der Artenvielfalt ist Ammoniak. Ammoniak aus der Tierhaltung ist die Hauptursache für die Überdüngung sensibler Lebensräume. Dies wird durch Stickstoffeinträge aus der Luft verursacht. 95% des Ammoniaks stammt aus der Landwirtschaft. Seit 20 Jahren stagnieren die Ammoniakemissionen der Schweizer Landwirtschaft auf einem sehr hohen Niveau. Die Ammonikakeinträge in die Ökosysteme müssten um die Hälfte reduziert werden, um nachhaltig zu gewährleisten, dass wir weiterhin von den Leistungen, die die Natur zur Verfügung stellt, profitieren können. Kurz gesagt: Die Tragfähigkeit der Ökosysteme wie Wald, Boden, Gewässer ist in der Schweiz bei weitem nicht gewährleistet. Die Leistungsfähigkeit unserer Natur nimmt stetig und kontinuierlich ab. Wir leben also auf Pump - unsere Schulden nehmen stetig zu und werden immer grösser! Das Nachsehen haben unsere künftigen Generationen. Sie werden nicht mehr von denselben Leistungen profitieren können, wenn wir nicht heute handeln. Sie müssen dann diese Schulden begleichen. Und das wird sehr teuer werden!

Ansätze zur Ammoniakreduktion bestehen bereits heute. Mit flächendeckender Umsetzung von technischen Emissionsminderungsmassnahmen wie bspw. dem Schleppschlauch können wir die Emissionen senken. Die Technik heute bietet aber noch mehr! Beispielsweise schneidet der sogenannte Gülledrill beim Befahren der Felder einen Schlitz in den Boden, in den die Gülle injiziert wird. Dies verringert den Ammoniakausstoss um mehr als die Hälfte. Und, trotz Kosten für den Lohnunternehmer, der das Gerät bedient, geht die Rechnung auf, weil durch die höhere Effizienz weniger Mineraldünger zugekauft werden muss.

Dänemark startete bereits in den 1980er-Jahren ein Programm - zuerst mit freiwilligen, dann mit verbindlichen Massnahmen und Kontrollen zur Verminderung der Stickstoffverluste in der Landwirtschaft. Heute ist die Hofdüngerausbringung mit Druckfässern und anderen Breitverteilern verboten. Die Injektion der Gülle und die schnelle Einarbeitung von Mist sind obligatorisch, ebenso die Abdeckung der Güllebehälter. Die Stallsysteme wurden - ohne Abstriche beim Tierwohl - konsequent auf eine Verminderung der Ammoniakemissionen optimiert. In der Folge sanken diese im ganzen Land innert 20 Jahren um 40 %. Obschon in Dänemark die Nutztierdichte etwa gleich hoch ist wie in der Schweiz, entweichen dort pro Hektare 40 % weniger Ammoniak in die Luft als hierzulande. Ich weiss natürlich - bei Ländervergleichen sind auch die unterschiedlichen topografischen Verhältnisse zu berücksichtigen: Dänemark ist ein flaches Land, und deshalb lässt sich dort die Injektion anders als bei uns praktisch auf der ganzen Agrarfläche einsetzen. Aber dennoch - eine technische Ammoniakreduktion ist also möglich.

Was sind aber die Voraussetzungen dazu?

  • Das Wissen
  • die Geräte

und - leider - in der Regel

  • ein Obligatorium.

Das Beispiel Schweiz-Dänemärk zeigt im Vergleich, dass ein gewisser Zwang nötig ist, gestützt auf die positiven Resultate - schliesslich aber im Interesse sowohl der Landwirtschaft aber auch der Umwelt, und somit von gesamtgesellschaftlicher Bedeutung ist.

Ein Problem befeuert in der Schweiz das Ammoniakproblem zusätzlich: Der Futtermittelimport. Weil die grösste Wertschöpfung in der tierischen Produktion stattfindet, ist der schweizerische Nutztierbestand deutlich höher als im benachbarten Ausland.

Die grossen Hofdüngermengen sowie die damit verbundenen Ammoniakemissionen sind das eigentliche, strukturelle Kern-Umweltdefizit der Schweizer Landwirtschaft. Sie beeinflussen mindestens 9 der 13 Umweltziele Landwirtschaft negativ:

  • Die Biodiversität verarmt durch Eutrophierung und Versauerung über Ammoniakeinträge sowie durch hohe Hofdüngergaben.
  • Viele Landschaften sind eintönig grün gefärbt aufgrund intensiver Hofdüngergaben.
  • Das klimawirksame Lachgas entsteht direkt in den Güllelagern und infolge von Ammoniakdeposition in den Wäldern.
  • Im Waldboden wird Ammoniak zu Nitrat umgewandelt. Dieses wird wegen der ebenfalls Ammoniak-verursachten Versauerung vermehrt ausgewaschen und trägt via Rhein zu den toten Zonen in der Nordsee bei - d.h. wir sind für die Düngung der Nordsee mitverantwortlich.
  • Intensive Güllegaben verursachen im Grünland Hangerosion, indem Pfahlwurzler durch Gräser verdrängt werden.
  • usw. usw.

Gemäss den vom BLW und vom BAFU gemeinsam festgelegten «Umweltzielen Landwirtschaft» soll der Ammoniakausstoss der Landwirtschaft auf 25‘000 t vermindert, das heisst nahezu halbiert werden. Der Bundesrat hat diese Vorgabe mit dem Luftreinhaltekonzept bekräftigt. Das Ziel ist damit höher gesteckt als die geschätzten 30 % Reduktion, die mit heute bereits anwendbaren Massnahmen zu erreichen sind. Dazu braucht es eine Umorientierung der hiesigen Landwirtschaft.

Das BAFU strebt eine naturnahe Landwirtschaft an. Was heisst «naturnahe Landwirtschaft»? Naturnah ist eine Produktion, die an den Standort und somit an die Tragfähigkeit der Ökosysteme angepasst ist. Wohlgemerkt - das beisst sich nicht mit der Produktion! Das BAFU ist nicht gegen die Produktion! Heute ist die Schweizer Landwirtschaft aber insgesamt nicht naturnah: Im internationalen Vergleich ist die Intensität der landwirtschaftlichen Produktion in der Schweiz relativ hoch. Sie liegt teilweise über dem für die Ökosysteme tragbaren Niveau. Um den Beitrag der inländischen Produktion zur Versorgung der Schweizer Bevölkerung langfristig zu erhalten, gilt es daher, die Belastung der Umwelt zu vermindern. Und ich möchte dies wiederholen und in den Kontext der Produktion stellen: Um die inländische landwirtschaftliche Produktion langfristig zu erhalten, gilt es, die Belastung der Umwelt zu vermindern. Und nicht etwa, wie viele glauben, die Produktionsintensität weiter zu erhöhen. Dies wäre nicht zielführend. Auf Importfutter basierende Tierproduktion ist keine Landwirtschaft, sondern Industrie. Wollen wir das? Aus meiner Sicht ist es keine Perspektive, Betriebe, die aus dem eigenen Boden nicht lebensfähig sind, mit Import und industrieller Produktion am Leben zu erhalten zum Preis der Nichterreichung der Umweltziele.

Natur und Landschaft sind keine Konkurrenten der Landwirtschaft sondern Partner. So fördern Strukturen und Biodiversitätsförderflächen  im Ackerbaugebiet die Bodenfruchtbarkeit, indem Makro- und Mikroorganismen sowie Nützlinge in die Felder dispergieren (u.a. auch durch Vögel transportiert) und so Bodenfruchtbarkeit und Pflanzengesundheit fördern. Weiter spielen Wildbienen eine zentrale Rolle bei der Bestäubung. Und selbst der Flächenverbrauch für die Ökologie ist vernachlässigbar im Vergleich zum Nutzen, den diese Flächen und die dort lebenden Arten bringen.

Wir sind uns alle bewusst: Der Boden in der Schweiz ist ein knappes und hart umkämpftes Gut. Grosse Flächenkonsumenten sind Siedlung und Infrastruktur, nicht die Umwelt. Eine aktuelle Untersuchung aus Ihrem Kanton zeigt zudem, dass mehr als die Hälfte des Bodenverbrauchs ausserhalb der Bauzonen durch die Landwirtschaft selbst verantwortet wird. Für die Ökologie sind es keine 10%. Es sind die bereits erwähnten industriellen Bauten, die u.a. für diesen grossen Flächenverbrauch im Landwirtschaftsgebiet verantwortlich sind. Das kann weder in Ihrem noch in meinem Interesse sein.

Die Biodiversität benötigt Raum in ausreichender Qualität, Quantität und regionaler Verteilung. Im Moment decken die bestehenden Schutzgebiete 11 Prozent der Landesfläche ab. Weitere 3 Prozent sind rechtlich gesichert. Damit wir aber langfristig Arten und Lebensräume in der Schweiz erhalten können, brauchen wir mehr: mindestens 17 Prozent der Landesfläche sollte aus Schutzgebieten bestehen - so wollen es die Ziele der Biodiversitätskonvention. Wir sind aber noch nicht so weit. Es fehlen uns weitere 4 Prozent Schutzflächen. Viele dieser Schutzflächen können jedoch auch genutzt werden. Denken wir an die Trockenwiesen und -weiden, an die Flachmoore und Jagdbanngebiete. 

Ob wir diese zusätzlichen Flächen allerdings erhalten, ist eine Frage der politischen Akzeptanz. Ich möchte Ihnen sagen, meine Damen und Herren, und Sie haben diese Erfahrung vielleicht auch schon gemacht: Der Nutzen, der von diesen Flächen ausgeht, ist gross und rechtfertigt die scheinbare Einschränkung. Denn die Nützlinge zu Gunsten der Landwirtschaft leben dort. Wo sonst? Nur wenn die Funktionen des Ökosystems gewährleistet sind, können wir auch weiterhin von den diversen Leistungen profitieren, die uns die Natur wie gesagt gratis zur Verfügung stellt.

In diesem Sinne spreche ich Labiola nochmals meinen Dank aus für das bisher Geleistete. Ich wünsche Labiola und Ihnen allen viel Erfolg bei ihren weiteren Arbeiten, Landwirtschaft und Biodiversität zu vereinen. Nicht nur sie gewinnen dabei, sondern auch unsere Gesellschaft. Aber v.a. sind ihnen die künftigen Generationen dankbar, wenn auch sie weiterhin mit dem Slogan «Get Natural» für die Schweiz im Ausland werden werben können.

Vielen Dank!

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Letzte Änderung 10.05.2016

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