BAFU-Tagung

Eröffnungsrede der BAFU-Tagung von Dr. Franziska Schwarz, Vizedirektorin BAFU, 7.11.2019, Bern

Es gilt das gesprochene Wort

Liebe Tagungsteilnehmerinnen und Tagungsteilnehmer
Herzlich willkommen

„Biodiversität’s bringt’s!“ Zum zweiten Mal in Folge stellen wir unsere Tagung unter dieses Motto. Und dies mit gutem Grund: Eine intakte und vielfältige Natur ist die Grundlage für uns und die nachfolgenden Generationen. Sie ist Basis des Lebens. Wir tun gut daran, ihr Sorge zu tragen und achtsam mit ihr umzugehen.

Diese Einschätzung teilt auch das World Economic Forum WEF. Gemäss globaler Risikoanalyse des WEF von diesem Jahr gehören die Umweltrisiken zu den grössten Herausforderungen für uns Menschen. Und - zu den Themen ganz oben auf der Liste gehört die Biodiversität. Für das WEF ist klar: “The accelerating pace of biodiversity loss is of particular concern».

Warum denn nun sind die Umweltrisiken plötzlich so dominant auch in wirtschaftlichen Analysen? Sie alle kennen die Sustainable Development Goals SDG, zu denen sich die internationale Staatengemeinschaft verpflichtet hat. Diese 17 Ziele sind grundsätzlich gleich wichtig. Trotzdem gibt es eine Ordnung, welche hilft, die grundlegende Bedeutung der Umwelt zu verstehen.

Dazu muss das bekannte Dreieck der Nachhaltigkeit umgedacht werden: zu einem Kegel der Nachhaltigkeit also von 2D auf 3D: Erst auf der Grundlage einer funktionierenden und widerstandsfähigen Natur entstehen Gesellschaften mit ihrer Kultur, welche wiederum das Fundament für eine prosperierende Wirtschaft bilden.

Und darum geht es auch aus der Optik eines World Economic Forum: Es geht nichts ohne Biodiversität zu Land und zu Wasser, ohne Klimaschutz und ohne sauberes Wasser.

Auch die Bevölkerung äussert zunehmend ihre ernsthafte Besorgnis. Mit verschiedenen politischen Mandaten, die aktuell auf dem Tisch liegen, fordert sie die Politik zum Handeln auf: Neben den Klimastreiks, wären da die zum Beispiel die Trinkwasserinitiative, die Pestizidinitiative, die Landschafts- und die Biodiversitätsinitative – sie alle sind Ausdruck dieser Besorgnis. Sie alle verlangen einen sorgsameren Umgang mit der Natur. Die Politik tut also gut daran, die Bedürfnisse der Bevölkerung ernst zu nehmen.

Biodiversität tut uns gut – zum Beispiel dort wo wir wohnen. Umfragen und Forschungsergebnisse zeigen, dass sich die Bedürfnisse der Biodiversität mit denjenigen des Menschen gut vertragen: Denn auch die Bevölkerung bevorzugt im Siedlungsraum abwechslungs- und strukturreiche Grünräume. Attraktives Wohnen als Wohlfühlfaktor. Aber die intakte Biodiversität ist nicht zuletzt ein Standortvorteil der Schweiz im internationalen Wettbewerb.

Die BioDIVERSITÄT hat schliesslich einen grossen Mehrwert auf den wir auch bauen: Stabilität und Sicherheit. Die Vielfalt ist deshalb so unglaublich wichtig, weil sie der Natur die Möglichkeit gibt, auf Störungen zu reagieren. So ist genau dies hilfreich beim Klimaschutz. Eine reichhaltige Biodiversität ist eine wirkungsvolle und erst noch kostengünstige Anpassungsstrategie. Aber, und dies ist das grosse ABER, das funktioniert nur, wenn die Vielfalt eben auch da ist.

Und genau da liegt der Hase im Pfeffer: Wir wissen nicht, wann es zu viel an Verlust ist, aber wir wissen mit Sicherheit, wohin der Verlust führt – zu Instabilität und unsicheren Lebensgrundlagen und zu einer unsicheren Wirtschaftsbasis.

Die Artenvielfalt geht zurück – denn es fehlt an vielfältigen Lebensräumen. Die Schweiz ist – bei aller Schönheit – eintönig geworden. Das gilt nicht nur für das intensiv genutzte Landwirtschaftsgebiet im Mittelland. Es ist ebenso feststellbar im Siedlungsgebiet, in und an den Gewässern, teilweise im Wald und zunehmend auch in höheren Lagen etwa durch die intensivierte Alpwirtschaft. Da ist es nicht weiter erstaunlich, dass sich viele Tiere und Pflanzen nicht mehr zu Hause fühlen können, ihren Platz nicht mehr finden und auch keinen mehr haben. Darüber hinaus ist die Bewegungsfreit der Arten eingeschränkt – etwa durch Verkehrswege oder durch tausende Hindernisse in Gewässern. Wegen zerschnittenen Lebensräumen finden sie keine Nahrung mehr oder können sich nicht mehr fortpflanzen.

Aufgrund von Vergiftungen - beispielsweise durch Pflanzenschutzmittel aufgrund mechanischer Einwirkungen - zum Beispiel durch Mähtechniken, oder an Mittelspannungsmasten kommen Arten zu Tode. Diesen direkten Einwirkungen können wir begegnen. Wir stehen dem nicht machtlos gegenüber. So beispielsweise indem wir Pestizide mit einem zu hohen Risiko für Mensch und Natur verbieten oder indem wir Strommasten sanieren.

Und damit sind wir bereits Mitten im Thema der heutigen Tagung. Wollen wir die Natur mit all ihren Schätzen für unsere Kinder erhalten, müssen wir uns mit der Biodiversität auseinandersetzen - und zwar flächendeckend, regional und global. Die Strategie Biodiversität Schweiz nimmt die nachhaltige Nutzung der Biodiversität als zentrales Ziel auf. Und der Aktionsplan konkretisiert mit diversen Massnahmen die indirekte Förderung der Biodiversität.

Heute wollen wir mit ihnen gemeinsam Lösungen diskutieren: Wie können wir unsere Aktivitäten so gestalten, dass sie auch gewinnbringend für die Biodiversität sind und damit wir sie auch dauerhaft nutzen können.

Fest steht: Wir müssen handeln und wir können handeln.

Hierzu sind bei Bund und den Kantonen bereits konkrete politische Aufträge auf dem Tisch, die entschiedenes Handeln einfordern: Nehmen wir das Beispiel Insektensterben. Eine Motion aus der Kommission für Umwelt, Raumplanung und Energie des Nationalrats verlangt konkrete Massnahmen.

Der Bericht „Insektensterben stoppen“ zur Motion zeigt 10 Massnahmenfelder, mit konkreten Handlungsanweisungen auf. Die Umsetzungsvorschläge reichen von der Wiedervernässung ehemaliger Feuchtlebensräume, über die Berücksichtigung der Insekten in der Agglomerationspolitik bis hin zur biodiversitätsfreundlichen Bewirtschaftung entlang von Verkehrswegen. Also los!

Verkehrsflächen können richtig angelegt und gepflegt wahre Biodiversitätshotspots sein. Weshalb nur mindestens 20% der Bahn- oder Strassenböschungen biodivers pflegen? Weshalb nicht umgekehrt diese Pflege als Grundsatz nehmen und bei Bedarf davon abweichen? Biodiversitätsfreundliche Pflege ist nicht teurer.

Die Schweiz braucht leistungs- und widerstandsfähige Netze. Das Lebensnetz der Schweiz ist noch löchrig. Stopfen wir diese Löcher gemeinsam. So gehen etwa Verkehrswege und Natur zusammen, denn Verkehrswegen bilden wichtige Achsen für die Vernetzung der Natur. Oder auch Vernetzungsflächen der Agrarpolitik lassen sich bestens in diese ökologische Infrastruktur einbetten. Oder der Gewässerraum und die Revitalisierten Gewässerstrecken? Ebenfalls wichtige Vernetzungselemente.

Jedoch: Die Biodiversität braucht Fläche UND Qualität. Der Boden ist knapp. So braucht es eine grösstmögliche Schonung, es braucht Mehrfachnutzungen und es braucht Qualität. Seien wir smart und befriedigen die Mobilitätsbedürfnisse nicht primär durch die Ausdehnung der Infrastrukturen, sondern raumsparend, nutzen wir Siedlungen und Kulturland multifunktional, sichern wir ökologische Qualität, die dem Menschen in vielerlei Hinsicht zu Gute kommt.

Und noch ein weiterer Aspekt: Die Schweiz hat als Wasserschloss Europas grosse Verantwortung. Heute sind in der Schweiz die Gewässer leider grösstenteils nicht mehr naturnah. Sie sind eingeengt, durch Hindernisse unterbrochen. Das Wasser fliesst zu schnell ab, dafür umso heftiger. Das können wir doch besser! Geben wir dem Wasser Raum zurück, damit die Natur ihre Funktionen wieder erfüllen kann. Nutzen wir Auen, Moore, wenig produktive, heute noch drainierte Böden als Hochwasserschutz und Wasserspeicher.

Wir sind gefordert, immer wieder eine nachhaltige Nutzung einzufordern. Sie sollte selbstverständlich sein! Denn übernutzen wird weiterhin die Biosphäre tragen wir unsere Basis ab. Wie wir wissen, die Biosphäre ist die Grundlage des Menschen per se.

Das BAFU ist überzeugt, dass sich die Landwirtschaft sehr wohl standortangepasst und damit nachhaltig gestalten lässt – und das ohne die Nettoproduktion und die Wirtschaftlichkeit für die Landwirte zu schmälern. Diesen Anspruch haben wir. Und diesen Anspruch äussert auch die Bevölkerung zunehmend, denken wir etwa an die Forderungen der Trinkwasser- oder der Pflanzenschutzinitiative.

Auch der Standort Schweiz und damit das Tourismusland Schweiz ist auf eine vielfältige Natur und Landschaft angewiesen. Und der Bund als grosser Grundeigentümer kann Zeichen setzen, so etwa auf seinen Grundstücken und auf den Waffenplätzen unserer Armee. Und schliesslich – verlieren wir das Internationale nicht aus den Augen. Schauen wir bei Investitionen, bei Handelsströmen genauer hin. Denn wir wissen: Unseren ökologischen Fussabdruck hinterlassen wir zum grösseren Teil im Ausland.

Ein Wort noch zum Geld: Wird es teuer?

Dazu folgendes: Die Ausgaben von Bund, Kantonen und Gemeinden für die Biodiversität liegen ca. um den Faktor 50 tiefer als beispielsweise die Ausgaben für den Verkehr. Da kann das Geld nicht das grosse Thema sein, oder? Vorbeugen ist auch bei der Biodiversität definitiv besser als heilen. Denn sind die Arten mal weg, dann sind sie auch weg. Over and out.
Geschätzte Damen und Herren, die Referentinnen und Referenten des heutigen Tages werden uns Ihre Anliegen an die Nutzung der Biodiversität aufzeigen. Und sie werden über Erfolgsfaktoren und Hindernisse einer klugen Nutzung zu uns sprechen. Ich bin überzeugt: sie werden uns inspirieren. Und wir werden gemeinsam diskutieren, wo wir beim Handeln in den unterschiedlichen Sektoren ansetzen können. Lösungen sind zwingend notwendig. Wir müssen die Sorgen der Bevölkerung ernst nehmen. Entschiedenes Handeln ist gefragt und möglich. Interessenskonflikte sind lösbar. Lösen wir nicht nur Konflikte, sondern realisieren wir gemeinsamen Nutzen und Gewinn. Biodiversität bringt’s- Ich wünsche uns allen einen spannenden und inspirierenden Tag!

Vielen Dank!

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Letzte Änderung 07.11.2019

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