Investitionen in die Biodiversität lohnen sich

Gastkommentar von Franziska Schwarz, Vizedirektorin des Bundesamts für Umwelt (BAFU), in der Neuen Zürcher Zeitung NZZ vom 22.05.2015

Durch menschliche Eingriffe und Übernutzung gerät die Natur immer stärker unter Druck. Der Aktionsplan zur Strategie Biodiversität Schweiz des Bundesrates will diesem Trend entgegenwirken und ist eine einmalige Gelegenheit, die bedrohte biologische Vielfalt zu bewahren.

Die Vielfalt an Ökosystemen, Arten und Genen, die Biodiversität, ist ein Geschenk der Natur und von unschätzbarem volkswirtschaftlichem Wert. Ganz selbstverständlich profitieren wir von diesem Vermögen, aus dem wertvolle Leistungen und Produkte hervorgehen. Die sogenannten Ökosystemleistungen können als «Dividenden» aufgefasst werden, die der Wirtschaft und der Gesellschaft zugutekommen. Der Einfluss des Menschen auf die Natur ist jedoch derart intensiv, dass die Biodiversität und somit auch die Ökosystemleistungen weltweit zurückgehen. Allein in der Schweiz ist über ein Drittel der Pflanzen-, Tier- und Pilzarten bedroht. Sie leiden darunter, dass ihre Lebensräume zerstört, übernutzt oder so verändert werden, dass ihre Lebensgrundlagen verloren gehen.

Grenzen der Leistungsfähigkeit

Von den zahlreichen Ökosystemleistungen, von denen wir profitieren, sind einige für uns Menschen von zentraler Bedeutung:

  • Biodiversität liefert uns Lebensmittel. Von den weltweit 240'000 Pflanzenarten sind 60'000 essbar.
  • Viele Kulturpflanzen sind auf die Bestäubung durch Insekten angewiesen. Neben der Honigbiene gibt es in der Schweiz über 600 Arten von Wildbienen, die Pflanzen bestäuben und vielfältige Lebensräume benötigen.
  • Ökosysteme wie z. B. der Wald filtern das Wasser und stellen in der Schweiz Trinkwasser in einwandfreier Qualität zur Verfügung.
  • Zahlreiche Medikamente basieren auf Stoffen, die von Pflanzen, Pilzen, Bakterien oder Tieren gebildet werden. Die Biodiversität leistet hier einen unentbehrlichen Beitrag.
  • Biodiversität ist ein wichtiger Standortfaktor. Für die Lebensqualität spielen Nähe, Erreichbarkeit und Qualität von Natur und Landschaft eine wichtige Rolle. Auch im Wirtschaftssektor Tourismus trägt die biologische Vielfalt zur Wertschöpfung bei und schafft Arbeitsplätze.
  • Natürliche und naturnahe Bäche und Flüsse mit genügend Raum können Hochwasserspitzen reduzieren und damit teure Schäden verhindern. Gesunde und ökologisch ausgeglichene Schutzwälder verhindern Erosion und schützen vor Lawinen.

Biodiversitätsschutz ist auch Klimaschutz: Moore und Wälder sind natürliche Speicher von CO2. Die Renaturierung von Feuchtgebieten und der Erhalt von naturnahen Wäldern tragen kostengünstig zum Klimaschutz bei.

Der Verlust an Biodiversität bringt unsere Ökosysteme an die Grenzen ihrer Leistungsfähigkeit; wir laufen Gefahr, dass diese Systeme ihre Leistungen nur noch ungenügend oder gar nicht mehr erbringen können. Der Schutz der Biodiversität wird also völlig zu Unrecht als Gegensatz zur Erhaltung und Erhöhung des wirtschaftlichen Wohlstands gesehen. Gemäss einer Berechnung der Europäischen Kommission erbringt beispielsweise eine Hektare Schutzgebiet im EU-Raum im Schnitt einen Nutzen im Wert von 2500 bis 3400 Euro. Geht man für die Schweiz von ähnlichen Grössenordnungen aus, so übertrifft der volkswirtschaftliche Nutzen von Schutzgebieten die Kosten ihres Erhalts und ihrer Pflege um ein Vielfaches.

Biodiversität und Ökosystemleistungen haben in der öffentlichen Wahrnehmung allerdings kein Preisschild. Sie werden als öffentliche Güter behandelt, die unendlich zur Verfügung stehen und gratis genutzt werden können. Auch fühlen sich nur wenige für ihren Erhalt verantwortlich, obwohl alle von ihren Leistungen profitieren.

Die Übernutzung unserer Ökosysteme und der weltweite Rückgang der Biodiversität wurden bereits im letzten Jahrhundert überdeutlich. Die internationale Staatengemeinschaft - auch die Schweiz - verpflichtete sich daher mit der Ratifizierung der Biodiversitätskonvention (Rio 1992), die biologische Vielfalt zu erhalten und nachhaltig und gerecht zu nutzen. Zwei Jahrzehnte später müssen wir jedoch eine alarmierende Bilanz ziehen: Forschende von 33 wissenschaftlichen Schweizer Institutionen hielten vor kurzem in einer Analyse fest, dass wir weit davon entfernt sind, die Biodiversitätsverluste zu stoppen. Qualität und Quantität der Lebensräume nehmen kontinuierlich ab, Arten sterben lokal und regional aus. Fast die Hälfte der verschiedenen Lebensräume unseres Landes ist bedroht. Das Fazit des Berichts: «Ohne massive zusätzliche Anstrengungen werden die Verluste (ausgehend vom bereits äusserst tiefen Niveau) landesweit weiter fortschreiten.»

Die Leistungen unserer Ökosysteme drohen also mittelfristig zu versiegen - mit immensen Kosten, die auf die Schweiz zukommen, wenn wir die heute noch von der Natur erbrachten Leistungen ersetzen oder schon zerstörte Ökosysteme reparieren müssen. Es braucht deshalb die Bereitschaft der Gesellschaft, der Politik und der Wirtschaft, massiv in das Naturkapital zu investieren, es zu sanieren und nachhaltig zu unterhalten. Nur so können wir die Biodiversität und ihre Ökosystemleistungen langfristig bewahren.

Engagement der Gesellschaft

Der Aktionsplan zur Strategie Biodiversität Schweiz des Bundesrates bietet eine umfassende Lösung und ermöglicht uns, noch rechtzeitig zu handeln. Er umfasst eine Vielzahl von Massnahmen, die den Schutz und die nachhaltige Nutzung der Biodiversität zum Ziel haben und das Zusammenspiel der verschiedenen betroffenen Bereiche, beispielsweise Landwirtschafts- und Umweltpolitik, stärken. Natürlich erfordert die Umsetzung des Aktionsplans Geld und das Engagement der ganzen Gesellschaft. Im Vergleich zu den Kosten, die bei Nichtstun anfallen, sind diese Investitionen allerdings sehr gut angelegt. Damit die Biodiversität als zentrale Lebensgrundlage des Menschen weiterhin zu unserem Wohlstand beitragen kann, müssen wir ihr Sorge tragen, sie pflegen und stärken. Schieben wir das Handeln auf später hinaus, kommt das unser Land teuer zu stehen.

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Letzte Änderung 22.05.2015

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