Pionierarbeit zur Ökologisierung der Wasserkraft beim Kraftwerk Aarberg - Schutz und Nutzung der Gewässer aus Sicht des Bundes

Rede von Franziska Schwarz, Vizedirektorin des BAFU, anlässlich der Verleihung des Gewässerpreises Schweiz vom 21. Mai 2015 in Aarberg.

Sehr geehrte Damen und Herren,

Ich freue mich, anlässlich dieser Preisverleihung vor Ihnen sprechen zu dürfen, und ich gratuliere der Preisträgerin herzlich zu dieser Auszeichnung. Ich bin ganz glücklich, dass mit der BKW Energie AG erstmals eine Betreiberin von Wasserkraftwerken mit dem Gewässerpreis Schweiz ausgezeichnet wird. Und zwar - ich zitiere - „für den gelungenen Kompromiss zwischen Nutzung und Schutz der Gewässer" hier in Aarberg. Sie sehen: Schutz und Nutzung der Gewässer lassen sich erfolgreich unter einen Hut bringen.

Es ist für mich toll, dass es für einmal nicht wir vom BAFU sind, die erklären und betonen, dass dieser Spagat sehr wohl möglich ist. Diesmal ist es die Jury des Gewässerpreises.

Schutz und Nutzung der Gewässer: Das ist der rote Faden, der sich durch die Schweizer Gewässerschutzpolitik zieht. Die Überzeugung, dass es möglich ist, die unterschiedlichen Interessen an den Gewässern miteinander zu versöhnen, ist schliesslich die Basis des neuen Gewässerschutzgesetzes und dieses ist seit 2011 in Kraft.

Nur noch zur Erinnerung: Das Gesetz wurde vor dem Hintergrund der Volksinitiative „Lebendiges Wasser" beschlossen. Der Schweizerische Fischerei-Verband hatte zusammen mit anderen Umweltverbänden 160‘000 Unterschriften gesammelt mit dem Ziel, alle Schweizer Fliessgewässer zu renaturieren. Aufgrund eines politischen Kompromisses wurde die Initiative schliesslich zurückgezogen. Das Parlament stimmte einem Gesetz zu, das nun vorschreibt, dass 4000 km Fliessgewässer ökologisch aufgewertet werden müssen. Dies innerhalb von 80 Jahren.

Die Ziele des 2011 in Kraft getretenen Gesetzes kennen Sie alle:

  1. Die eingezwängten Flüsse und Bäche sollen wieder mehr Raum erhalten. Sie müssen naturnäher werden und dazu beitragen, die Vielfalt von Arten und Ökosystemen zu erhalten und zu fördern.
  2. Die negativen Auswirkungen der Wasserkraftnutzung auf das Ökosystem sollen entschärft werden.
  3. Wenn den Gewässern mehr Raum zur Verfügung steht, trägt das auch zum Hochwasserschutz bei.
  4. Die Bevölkerung soll durch renaturierte Flusslandschaften in den Genuss von Naherholungsgebieten kommen. Wie attraktiv solche Gebiete sind, beweisen die zahllosen Wanderer und Velofahrern, die in Aarberg Wochenende für Wochenende entlang der Alten Aare unterwegs sind.

Mit anderen Worten: die Schweizer Gewässerschutzpolitik will den typischen Schweizer Kompromiss und eine Win-Win-Situationen schaffen.

So weit so gut. Doch die Umsetzung dieses politischen Auftrags verläuft nicht immer so glatt, wie wir es alle gerne hätten. Die Knacknuss ist meistens dieselbe: der Kampf um eine Ressource, die in der Schweiz immer knapper wird: Land. Das Stichwort heisst „Flächenkonkurrenz". Sie haben bestimmt mitverfolgt, wie sich zum Beispiel im Luzerner Reusstal die Bauern gegen Renaturierungen stemmen, die Teil eines grossen Hochwasserschutzprojektes sind. Das Opfer an Kulturland, so ihr Argument, sei viel zu gross.

Wenn die Wogen hoch gehen, tut es gut, einen Blick auf die Fakten zu werfen. Jahr für Jahr werden in der Schweiz gegen 35000 Hektaren Kulturland verbaut. Im Vergleich dazu nimmt sich die Fläche, die es zur Umsetzung des Gewässerschutzgesetzes braucht, bescheiden aus. Für die angestrebten Renaturierungen braucht es 2'000 Hektaren - verteilt über 80 Jahre. Zudem dürfen künftig höchstens 20'000 Hektaren Landwirtschaftsland nur noch extensiv genutzt werden. Für Ertragseinbussen werden die Bauern finanziell entschädigt. Das war Bestandteil des ausgehandelten Kompromisses.

Ich behaupte nicht, dass es einfach ist, Konflikte um eine knappe Ressource wie Land zu lösen. Doch das Beispiel des Kraftwerks Aarberg und der verschiedenen Renaturierungen, die in seinem Umfeld in den vergangen Jahren realisiert wurden, zeigt, dass es durchaus Auswege aus der Flächenkonkurrenz gibt.

Der Gewässerpreis 2015 beweist eindrücklich, dass sich Flächen für die Aufwertung von Flusslandschaften finden lassen. Sie mögen nun einwenden, die Verhältnisse rund um Aarberg liessen sich nicht mit jenen im Reusstal vergleichen. Schon nur von den Dimensionen her. Da haben Sie bestimmt recht, doch eines bleibt sich bei allen Renaturierungsprojekten gleich: Voraussetzung dafür ist, dass alle Beteiligten am selben Strick ziehen.

In Aarberg waren das neben der BKW und ihrem Ökofonds auch die Gemeinden. Vor allem aber Landwirte und weitere private Land- und Waldbesitzer. Problemlos liessen sich die ökologischen Aufwertungsmassnahmen auch hier nicht umsetzen. Es brauchte lange Gespräche und Verhandlungen.

Doch schliesslich wurde man sich zum Glück einig. Zum Beispiel mit zwei Landwirten, die damit einverstanden waren, dass auf mehr als 4 Hektaren ihrer Ackerfläche ein Mosaik von ökologisch wertvollen Lebensräumen und artenreichen Biodiversitätsflächen geschaffen wurde. Und mit verschiedenen Waldbesitzern konnte man sich darauf einigen, dass auf 2 Hektaren wieder feuchte Verhältnisse geschaffen wurden, wie sie für Auenwälder typisch sind. Diese Abmachungen wurden langfristig getroffen, sind in Dienstbarkeitsverträgen geregelt und im Grundbuch festgeschrieben.

Was hat man damit erreicht? Eine grosszügige Auenlandschaft ist entstanden, und die Alte Aare hat eine neue Dynamik erhalten. Das gefällt nicht nur den Fischen, den Bibern und den Eisvögeln, sondern auch der Bevölkerung.

Ganz besonders interessiert mich an dieser schönen Geschichte eines: Wie lassen sich die Voraussetzungen für solche Erfolge schaffen? Was hat sich vor Ort als Erfolgsschlüssel erwiesen?

Auf der einen Seite waren da bestimmt die vorteilhaften Finanzierungsmöglichkeiten. Der Renaturierungsfonds des Kantons Bern macht vieles möglich, was andernorts schwieriger finanzierbar ist. Und auch die BKW und ihr Ökofonds engagieren sich stark - genau deshalb werden sie ja heute ausgezeichnet.

Doch auf der anderen Seite, so habe ich mir erklären lassen, gab es ein weiteres Erfolgsgeheimnis: den ernstgemeinten Dialog. Dieser Faktor spielt bei Renaturierungsprojekten generell eine entscheidende Rolle. Dabei geht es oft um vermeintliche Äusserlichkeiten. Wer zum Beispiel Landbesitzer für ein Vorhaben gewinnen will, legt beim ersten Gespräch am besten nicht mehr als eine handgezeichnete Skizze auf den Tisch. Vermasste Pläne und perfekte Visualisierungen hingegen erwecken einen definitiven Eindruck und können Widerstand provozieren. Nicht nur in Aarberg hat man nämlich folgende Erfahrung gemacht: Je weniger ausgearbeitet ein Projekt ist, desto einfacher lassen sich Diskussionen führen, Spielraum ausloten, Akzeptanz aufbauen und Kompromisse finden.

Sie mögen erstaunt sein, dass ich mich als BAFU-Vertreterin derart in Details stürze. Unsere Rolle ist ja sonst mehr der Blick von oben nach unten. Doch ich bin überzeugt, dass wir alle von solch konkreten Erfahrungen lernen können - und lernen müssen. Es braucht eine gute Diskussionskultur und durchdachtes Vorgehen, damit bei der Umsetzung des Gewässerschutzgesetzes alle Partner am gleichen Strick ziehen. Und nur dann können wir Erfolge feiern wie heute an dieser Preisverleihung.

„Gemeinsam für Schutz und nachhaltige Nutzung unserer Gewässer", lautet die Devise des Gewässerpreises Schweiz. Das ist eine Forderung, der ich mich nur anschliessen kann!

Ich gratuliere der Preisträgerin und danke vielmals, dass Sie es geschafft hat, diese Anliegen unter einen Hut zu bringen.

Vielen Dank!

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Letzte Änderung 21.05.2015

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