Revitalisierungsbedarf an Gewässern in der Schweiz

Rede von Franziska Schwarz, Vizedirektorin BAFU, an der Veranstaltung von «Naturemade und EBM»: Erlebniswelten Ökostrom vom 27.6.2018 in Münchenstein.

Sehr geehrte Regierungspräsidentin
Lieber Gastgeber
Sehr geehrte Mitglieder
Liebe Produzentinnen und Produzenten
Sehr geehrte Damen und Herren 

Nun sind wir also von unserer Exkursion ans Wasser zurück und sitzen wieder im Trockenen. Ich freue mich, Ihnen als Vertreterin des Bundesamts für Umwelt in den nächsten Minuten darzulegen, warum Revitalisierungen in der Schweiz für Natur und Mensch so wichtig sind. Und – ich bedanke mich beim Veranstalter für diese Möglichkeit. 

Was eine gelungene Revitalisierung alles bewirken kann, ist ihnen während ihres Spaziergangs entlang der aufgewerteten Birs sicher vor Augen geführt worden. Wie Sie jetzt wissen, profitieren Flora und Fauna nachweislich von diesen neu geschaffenen Lebensräumen. Und dies bereits ein Jahr nach Abschluss der Bauarbeiten. Aber nicht nur die Natur kommt an der aufgewerteten Birs auf ihre Rechnung, sondern auch wir Menschen. Der Fussweg entlang des Flusses etwa ist eine äusserst beliebte Wanderstrecke. Das ist umso wichtiger, als es den Menschen in einem stark überbauten und genutzten Gebiet - wie hier in Münchenstein - an Möglichkeiten, die Natur zu erleben, fehlt. Und nicht zu vergessen wird mit der Revitalisierung auch der Hochwasserschutz verbessert. 

Revitalisierungen haben also viele Gewinnerinnen und Gewinner. Und von einem weiteren Profiteur wird anschliessend gerade die Rede sein. Den Produzenten und -lieferanten von Ökostrom bietet die Unterstützung von Revitalisierungsprojekten eine ausgezeichnete Gelegenheit, ihr Profil als verantwortungsbewusste und zukunftsorientierte Unternehmen zu positionieren. 

Auf all diese Aspekte werde ich noch zurückkommen, aber zuerst ein paar Hintergrundinformationen zum Zustand der Schweizer Gewässer - also den Schweizer Bächen, Flüsse und Seen. 

Die Schweizer Bevölkerung ist sich kaum bewusst, wie stark sich die Fluss- und Seelandschaften in den vergangenen 150 Jahren verändert haben. Die weitreichendsten Folgen hatten die Korrektionen der grossen Gewässer im 19. Jahrhundert. Aber auch vor tausenden Kilometern kleiner Flüsse und Bäche machte die Kanalisierung keinen Halt - auch sie wurden im Laufe der Zeit eingezwängt. Man hat sie nicht nur kanalisiert, verbaut, sondern auch in Betonröhren verlegt. Heute sind ein Viertel aller Flussstrecken und Bachläufe der Schweiz durch menschliche Eingriffe stark beeinträchtigt. Im intensiv genutzten Mittelland ist gar bei 40 Prozent der Fliessgewässer nichts mehr von ihrem natürlichen Zustand übrig. 

Noch dramatischer ist der Verlust von Auen. Bis zu 90 Prozent der ursprünglichen Auenflächen sind zerstört. Die meisten Feuchtgebiete in der Schweiz sind trockengelegt. Damit gingen auch die Bestände von wasserliebenden Pflanzen und Tieren verloren. 

Dieses menschliche Wirken hat einschneidende Folgen, denn die Lebensräume an der Schnittstelle von Wasser und Land sind ein Hotspot der Artenvielfalt. In kaum einem anderen Lebensraum sind derart viele unterschiedliche Tiere und Pflanzen zu finden. Und in keinem anderen Lebensraum in der Schweiz sind so viele Arten bedroht oder gar schon ausgestorben. 

Die Biodiversität steht in der Schweiz ganz allgemein unter starkem Druck und nicht nur im Lebensraum Gewässer. Leider ist sich die Bevölkerung dieses dramatischen Rückgangs und dessen Konsequenzen nicht bewusst. 

Die Währung der Biodiversität ist Raum. Raum in ausreichender Grösse, Qualität, vernetzt und richtig angeordnet. Aber auch wir wollen Raum. Raum zum Wohnen, zum Wirtschaften, zur Nahrungsmittelproduktion, für Bahn und Strasse und um unsere Freizeit zu geniessen. Hier prallen Interessen aufeinander. Wir müssen uns jedoch darüber bewusst sein, dass die Interessen der Natur auch unsere ureigenen Interessen sind. Die Biodiversität liegt im Interesse der Schweizer Bevölkerung und der Schweizer Wirtschaft.

Wir finden zum Beispiel überall Pestizide und ihre Abbauprodukte im Wasser, im Boden, in den Wildtieren, in den Naturschutzgebieten. Stickstoffe aus der Landwirtschaft, ganz besonders Ammoniak, überdüngen und schädigen unsere Wälder und unsere Gewässer. Flüsse werden vermeintlich gezähmt. Dies ist nicht im Sinne der Biodiversität und auch nicht in unserem. 

Immer dann, wenn wir nicht nachhaltig produzieren, wenn wir derart in die Natur eingreifen, dass die natürlichen Wechselwirkungen nicht mehr spielen können, wenn wir vielfältige Landschaften zum Verschwinden bringen und einen monotonen Einheitsbrei hinterlassen – immer dann verlieren auch wir: wirtschaftlich und als Gesellschaft. 

Wir brauchen sauberes Wasser für unser Überleben und so auch zur Produktion gesunder Nahrungsmittel. Wir brauchen Gewässer, Auen und gesunde Böden, die Spitzen von Regenmengen aufnehmen können und so mithelfen, Naturgefahren abzufedern. Beton alleine kann es nicht richten. 

Wir brauchen gesunde Böden, die unser Trinkwasser filtern. Wir wollen uns an schönen, vielfältigen, bunten, lebendigen, dynamischen Landschaften erfreuen. Wir wollen die Schweiz als attraktiven Standort und Tourismusmagnet weltweit positionieren. Usw.: die Leistungen der Natur sind vielfältig. Es liegt aber an uns, diese einmaligen und unbezahlbaren Leistungen der Natur für uns Menschen zu erlauben, zu fördern und zu bewahren. Damit auch unser Nachwuchs genau gleich wie die heutige Generation weiterhin von diesen Leistungen der Natur profitieren kann. 

Vor diesem Hintergrund wird klar, weshalb das Gewässerschutzgesetz von 2011 so grosses Gewicht auf Revitalisierungen legt. Bis im Jahr 2080 sollen 4'000 Kilometer Gewässer revitalisiert werden. Das ist eine Herkulesaufgabe und sie wird mehrere Generationen beschäftigen. 

Leider ist es mit punktuellen ökologischen Aufwertungen nicht getan. Die Schäden sind zu gross und wir müssen mit der grossen Kelle anrichten: Zur Verbesserung und dem langfristigen Erhalt der Artenvielfalt müssen wir in der Schweiz ein Netzwerk des Lebens oder in Fachsprache: eine ökologische Infrastruktur schaffen. Diese Infrastruktur muss einerseits aus Schutzgebieten bestehen und andererseits müssen diese Hotspots mit Vernetzungskorridoren verbunden werden. Wir geben dieser ökologischen Infrastruktur die Farben blau und grün. 

Beim Aufbau der ökologischen Infrastruktur spielen unsere Bäche, Flüsse und Seen eine zentrale Rolle - sie bilden gewissermassen das blaue Band oder Netz der ökologischen Infrastruktur. Das grüne Netz vernetzt auf dem Land die Schutzgebiete mit Korridoren. 

Das blaue Netz oder die blauen Bänder dienen aquatischen, amphibischen und terrestrischen Lebewesen dazu, sich fortzubewegen und fortzupflanzen. Mit dieser Begegnungszone wird garantiert, dass die Arten auch auf Artgenossen treffen mit denen sie Gene austauschen können und so ihr langfristiger Erhalt und die Vielfalt möglich werden. Selbstverständlich muss dieses blaue Netz den Lebewesen auch Nahrung und Rückzugsmöglichkeiten bieten. Besonders wichtig ist dieser Aspekt in dicht besiedelten Gebieten wie hier an der Birs. 

Schön und gut, werden Sie sich sagen, doch was hat das alles mit der Produktion und Vermarktung von Ökostrom zu tun? Wir sind hier ja schliesslich an einer Veranstaltung von Naturemade. 

Es reicht, einen Blick in den Geschäftsbericht von Naturmade zu werfen, um einen Bezug zwischen nachhaltig produzierter Elektrizität und dem Einsatz für naturnahe Gewässer herzustellen. Denn dort liest man, dass sich Betreiber von Naturemade-Star zertifizierten Wasserkraftwerken dazu verpflichten, pro verkaufte Kilowattstunde Strom, einen Rappen in ihre jeweiligen Fonds für ökologische Verbesserungsmassnahmen einzuzahlen. 

Erlauben Sie mir hier eine Zwischenbemerkung. Aus Umweltsicht ist es eigentlich ausschliesslich das Label Naturmade-Star, das einen klaren Unterschied in der Stromproduktion macht und einen Mehrwert für den nachhaltigen Erhalt der Biodiversität bringt. Das Label Naturemade-Basic führt - meiner Ansicht nach - zu falschen Vorstellungen bei Ihren Kunden, den Stromkonsumenten. Dieser Strom stammt zwar aus erneuerbaren Quellen, kann deswegen aber nicht als ökologisch bezeichnet werden. 

Jedoch nun zurück zu den Fonds für ökologische Verbesserungsmassnahmen. Bis Ende 2016 sind insgesamt 88 Mio. Franken zusammengekommen. Ein Haufen Geld! Rund ein Drittel dieser Mittel haben die diversen Fonds in Revitalisierungen von Gewässern und Landlebensräumen investiert. 

Dafür möchte ich Ihnen danken! 

Dieses Geld hat viel dazu beigetragen, Finanzierungslücken bei Revitalisierungsprojekten zu schliessen, die insbesondere von Gemeinden initiiert werden. Hauptgeldgeber für solche Vorhaben ist meistens der Bund. Diese Kasse wird vom BAFU verwaltet. Der Bund stellt aktuell pro Jahr 30 Mio. Franken für Revitalisierungen bereit und übernimmt im Schnitt zwei Drittel der Kosten. Auch die Kantone unterstützen Aufwertungsprojekte, aber um die Finanzierung zu sichern, sind meist auch die Gemeinden stark gefordert. Und manche können die finanzielle und auch politische Last nicht tragen! 

In solchen Situationen können die Mittel aus den Naturmade-Fonds das Zünglein an der Waage sein, damit vielversprechende und zukunftsweisende Projekte auch tatsächlich realisiert werden können. Die Elektra Birseck zum Beispiel hat die Revitalisierung der Birs im Bereich «Vogelhölzli», die wir besichtigt haben, mitfinanziert. So wurden über den Naturemade-Star-Fonds 20 % der Projektkosten von 1,5 Mio. Franken bezahlt. Und der Fonds des Elektrizitätswerks der Stadt Zürich ewz hat das Projekt «Chly Rhy» bei Rietheim im Kanton Aargau unterstützt. Er übernahm knapp 18 % der Kosten von 8,5 Mio. Franken. In diesem Vorzeigeprojekt mit schweizweiter Ausstrahlung wurde ein Seitenarm des Rheins wiederhergestellt und ein grossflächiges Auengebiet zu neuem Leben erweckt.

Ich könnte zahlreiche weitere Naturemade-Engagements dieser Art nennen. Aber noch mehr interessieren dürfte Sie vielleicht, dass bei dieser Unterstützung auch einiges für die Produzenten von Ökostrom abfällt. Ich spreche hier vom Imagegewinn. 

Ein gutes Beispiel dafür sind die BKW, die 2015 mit dem Gewässerpreis Schweiz geehrt wurden. Zum ersten Mal wurde diese Auszeichnung an eine Betreiberin von Wasserkraftwerken vergeben. Anlass für die Ehrung war der gelungene Kompromiss zwischen nutzen und schützen der Gewässer beim Wasserkraftwerk Aarberg. Darunter nicht zuletzt verschiedene Revitalisierungsprojekte. Und 2017 hat die Stiftung Landschaftsschutz Schweiz nicht etwa ein idyllisches Bergtal zur «Landschaft des Jahres» erkoren, sondern den Aare-Hagneck-Kanal. Weil die Kraftwerkebetreiber BKW und Energie Service Biel dort wegweisende ökologische Aufwertungsmassnahmen unternommen haben.

Bei allem Lob für die Kraftwerksbetreiber darf man – trotz des vielen Lobs - nicht vergessen, dass die Wasserkraftnutzung am Rückgang der Biodiversität eine Mitverantwortung trägt. Sie hat ab dem 19. Jahrhundert durch den Bau von Kraftwerken entscheidend dazu beigetragen, dass das lange blaue Band der Gewässer in isolierte, kleine Stücke aufgeteilt wurde. Und es sind auch die Wasserkraftwerke, die auch mitverantwortlich für die strukturellen Defizite unserer Gewässer sind. Leider ist die Liste der negativen Folgen der Stromproduktion lang. Sie reicht von ungenügenden Restwassermengen und unzureichender Fischgängigkeit über Defizite im Geschiebehaushalt bis zur Schwall-Sunk-Problematik. So behindern zum Beispiel 1’000 Hindernisse von Wasserkraftanlagen die Fischwanderung, und rund 100 Wasserrückgaben führen zu grossen künstlichen Abflussschwankungen der Gewässer. Dem sogenannten Schwall-Sunk, mit all seinen negativen Konsequenzen für die Wasserlebewesen und ihren Lebensraum. 

Das Gewässerschutzgesetz schreibt eine ökologische Sanierung der Wasserkraft vor, und in den meisten Bereichen, werden die geforderten Massnahmen auch laufend umgesetzt – dies nicht zuletzt, weil den Kraftwerksbetreiber die Kosten dafür zurückerstattet werden. 

In einem Sanierungsbereich aber tun sich die diversen Akteure schwer damit, die gesetzlichen Vorgaben einzuhalten. Ich spreche vom Restwasser. Ausreichendes Restwasser unterhalb von Wasserkraftwerken ist nötig, um die vielfältigen, natürlichen Funktionen der Gewässer zu gewährleisten: Sei es als Lebensraum für Tiere und Pflanzen, als Landschaftselement oder zur Speisung von Grundwasser, wo wir doch 80% vom Grundwasser als Trinkwasser verwenden. 

Gemäss Gesetz hätten die Kantone bis Ende 2012 alle Restwasserstrecken unterhalb von Wasserentnahmen sanieren müssen, die vor 1992 bewilligt wurden. Doch eine Umfrage des BAFU zeigte 2016, dass nur sieben Kantone diesen Auftrag vollständig umgesetzt hatten. Vier Jahre nach Ablauf der gesetzlichen Frist waren von den rund 1000 nötigen Sanierungen 250 immer noch nicht ausgeführt. Der Bund fordert deshalb mit Nachdruck, dass diese Arbeiten nun so schnell wie möglich an die Hand genommen werden. 

Ich möchte mich aber nicht in diesem erhobenen Zeigefinger von Ihnen verabschieden. Denn mich stimmt äusserst positiv, dass in der Schweiz bei den Revitalisierungen eine wohl einmalige Aufbruchstimmung zu spüren ist. Dafür gibt es gute Gründe: Mit dem Gewässerschutzgesetz haben wir den klaren Auftrag, Revitalisierungen im grossen Stil durchzuführen. Und die Finanzierung dieser grossen Aufgabe ist langfristig gesichert. Wir haben also die ausgezeichnete Möglichkeit, die Umsetzung von Projekten zu koordinieren, zu steuern und schlussendlich nach der Umsetzung wie die Arten, die sich im neu geschaffenen Lebensraum tummeln, auch zu geniessen. Einmalige Voraussetzungen also. 

Um die Geschichte der Schweizer Revitalisierung erfolgreich weiterzuschreiben, braucht es nicht nur Gesetze und Geld. Wir müssen auf allen föderalen Stufen und mit allen Beteiligten zusammenspannen. Und vor allem braucht es viel Enthusiasmus. Deshalb mein Aufruf zum Schluss: Unterstützen Sie Revitalisierungsprojekte, spannen Sie mit anderen Akteuren zusammen, beteiligen Sie sich an bereits aufgegleisten Projekten! Denn noch immer geht Revitalisierungsvorhaben aufgrund finanzieller Engpässe der Schnauf (Atem) aus. 

Und: Setzen Sie sich in Ihren Unternehmen dafür ein, dass die nötigen Massnahmen zur ökologischen Sanierung der Wasserkraft zügig umgesetzt werden. Erst dann verdient der Naturemade-Strom die Bezeichnung «Ökostrom» wirklich. Elektrizität, die aus erneuerbaren Quellen hergestellt wird UND die Umwelt dabei so wenig wie möglich belastet. Es ist möglich – ich zähle auf Sie! 

Herzlichen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.

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Letzte Änderung 06.07.2018

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