Wasserforum: Wasser-Management in den Alpen vor neuen Herausforderungen - Die Schweizer Wasserpolitik und ihre Herausforderungen

Rede von Franziska Schwarz, Vizedirektorin des BAFU am 4. Mai 2015 im Padiglione Svizzero - Expo Milano

Sehr geehrte Damen und Herren

Ich weiss nicht, ob und wie fest Sie sich noch an Ihren Schulunterricht erinnern können. Aber ein Thema aus dem Geografieunterricht ist mir in lebhafter Erinnerung. Es war in der 5. Klasse - ich war also 11. Die Lehrerin thematisierte die Alpen als Wasserscheide und - sie sprach von der Schweiz als Wasserschloss Europas. Was für ein schönes Bild - ein Wasserschloss! Und welch wichtige Rolle mein Land da offenbar spiele. Das hat mich schon ein bisschen stolz gemacht.

Wird die Schweiz auch künftig über unbegrenzte Wasserressourcen verfügen? Werden wir in 50 Jahren immer noch das Wasserschloss Europas sein? Diese Fragen stellen sich bei uns viele Menschen, wenn von den Folgen des Klimawandels in unserem Land die Rede ist. Die Antwort - wir haben es soeben von den Experten gehört - fällt eigentlich beruhigend aus. Der Klimawandel bringt zwar Veränderungen bei der Verteilung der Niederschläge übers Jahr mit sich. Aber - wir werden in der Schweiz auch in Zukunft genügend Wasser haben. Dennoch - lokal kann es durchaus zu kritischen Situationen kommen. Einen ersten Eindruck hatten wir im Hitzesommer 2003 erhalten. 2013 sind wir in der Schweiz nur ganz knapp dem Hochwasser vorbeigeschrammt, welches sieben Länder in Europa massiv getroffen hat. Solche Extremsituationen - das hat die Wissenschaft bestätigt - werden häufiger.

Die Schweiz ist sich dieser Herausforderung bewusst. Und sie macht sich fit in den verschiedenen Sektoren: Von der Landwirtschaft über die Energieproduktion bis zur Trinkwasserversorgung. Ein wichtiges Stichwort ist dabei exakt das Thema dieser Tagung: das Wassermanagement.

Bevor ich Ihnen die Wasserpolitik der Schweiz ausführlicher darstelle, möchte ich gerne einen Punkt betonen, der mir als Vertreterin der Schweizer Bundesbehörde wichtig ist: Die Schweiz setzt ihre Wasserpolitik nicht isoliert um, sondern ist sich ihrer Verantwortung als sogenannter Oberlieger - sozusagen ihrer Verantwortung als Schlossbesitzer - bewusst. Die länderübergreifende Zusammenarbeit nehmen wir sehr ernst. Zum Beispiel in diversen Grenzwasserkommissionen. An den Tessiner Seen etwa arbeiten wir eng mit den Regionen Lombardei und Piemont zusammen. So bspw. im Rahmen der CIPAIS Commissione internazionale per la protezione delle acque italo-svizzere. Auch für die Regulierung des Lago Maggiore liegt ein bilaterales Abkommen vor.

Doch nun nach Bern - zur nationalen Politik. Das Schweizer Parlament hat gefordert, dass die Schweiz in Zusammenhang mit dem Klimawandel Massnahmen im Wassersektor ergreift. Gefordert wird auch eine Wasserstrategie.

Die zuständigen Stellen des Bundes haben diesen Ball aufgenommen. Wir haben Studien und Berichte verfasst, die die zu erwartenden Probleme analysieren und Lösungsansätze aufzeigen. Sie legen dar, wie die Schweiz künftig mit Wasserknappheit und Trockenheit umgehen kann und wie sich entsprechende Konflikte und Versorgungsprobleme lösen lassen.

Ich werden Ihnen gleich ein paar Stichworte zu diesen Strategien liefern. Aber zum besseren Verständnis möchte ich Ihnen zuerst zeigen, dass die künftige Verfügbarkeit der Ressource Wasser in der Schweiz komplexer ist, als man gemeinhin annehmen könnte. Dabei spielt eben nicht nur der Klimawandel eine Rolle. Ein breit angelegtes nationales Forschungsprogramm, von dem ihnen mein Vorredner Bruno Schädler bereits berichtet hat, ist zu folgendem Schluss gekommen: Im Berggebiet wird das Wasserangebot in Zukunft tatsächlich von den Folgen des Klimawandels bestimmt. Im dicht besiedelten Mittelland hingegen, wo zwei Drittel der Bewohner der Schweiz leben, wird die Verfügbarkeit des Wassers vor allem durch Landnutzungsänderungen beeinflusst. Konkret heisst das: Wenn immer mehr freie Flächen überbaut oder von Industrie und Gewerbe genutzt werden, wirkt sich das auch auf den Wasserhaushalt aus. Das ist eigentlich logisch, da der Boden und somit dieser Lebenräum nicht mehr seine natürlichen Funktionen ausüben kann.

Nun - wie sieht das Wassermanagement konkret aus, mit dem sich die Schweiz den Herausforderungen der Zukunft stellen will? Sie können sich vorstellen, dass all die Überlegungen, die dazu in den vergangen Jahren angestellt wurden, eher in einer ganzen Vortragsreihe Platz fänden, als in einem viertelstündigen Referat. Einerseits ist die Materie komplex und andererseits ist auch die politische Struktur der Schweiz nicht minder anspruchsvoll. Die Verteilung der Kompetenzen auf die drei föderalen Ebenen Gemeinde, Kanton und Bund spielt bei uns eine grosse Rolle. In der Schweiz gehört das Wasser den Kantonen. D.h. sie bestimmen über die Nutzung der Wasservorkommen. Die Kantone setzen auch weitgehend das Bundesrecht um.

Ich fasse einmal sehr grosszügig zusammen, wenn ich sage, im Zentrum unserer strategischen Überlegungen zum künftigen Wassermanagement stehen Wissen und Organisation:

So sollen zum Beispiel Karten erarbeitet werden, die zeigen, wo Wasser knapp werden könnte. Und es soll der Austausch von Daten zu Verfügbarkeit und Bedarf an Wasser zwischen den verschieden Sektoren verbessert werden. Und die bessere Kooperation unter den Akteuren einer Region oder eines Einzugsgebiets soll sicherstellen, dass die Wasserressourcen möglichst optimal genutzt werden. Wir denken dabei an intelligente Vernetzung. Wenn sich zum Beispiel in der Trinkwasserversorgung verschiedene Betreiber mit jeweils eigenen Quellen zusammenschliessen, ist die Versorgung breiter abgestützt und wird flexibler.

Wir sprechen hier von integralem Wassermanagement und einer regionalen Planung zur Bewirtschaftung der Wasserressourcen. Das ist ein grosser und wichtiger Schritt, den gegenwärtig sind bei der Wasserversorgung in der Schweiz vor allem kleinräumige Lösungen üblich.

Auf einer übergeordneten Ebene verfolgt die Wasserpolitik der Schweiz folgendes Ziel: Wir wollen sicherstellen, dass das Lebens- und Produktionsmittel Wasser auch in Zukunft überall und jederzeit zuverlässig zur Verfügung steht. Und zwar ausreichend, in optimaler Qualität und kostengünstig.

Ein ehrgeiziges Ziel, werden Sie sagen. Und ich gebe Ihnen Recht. Denn es kommt noch besser: Unsere Politik anerkennt die Interessen ganz unterschiedlicher Nutzer. Nicht nur Trinkwasser für Mensch und Tier wollen wir garantieren, sondern auch Wasser für die Landwirtschaft und die Energieproduktion sowie für die Schifffahrt. Und selbstverständlich gilt es auch den Schutz von Gewässern und Ökosystemen zu gewährleisten. Die Ökosysteme tragen schliesslich mit ihren dazu Leistungen bei, dass die Sektoren Landwirtschaft, Tourismus, Energiewirtschaft, Waldwirtschaft usw. einen Mehrwert generieren können. Doch dazu komme ich nochmals später.

So weit so gut. Aber was geschieht, wenn es einmal wirklich kritisch wird und das Wasser nicht mehr zur Befreidigung all dieser Bedürfnisse reicht? Und sei es bloss in kurzfristigen Ausnahmesituationen?

Vorderhand existieren auf nationaler Ebene keine Verteilregeln für die Ressource Wasser. Und es gibt keine generelle Hierarchie der Interessen und Nutzungen in Konfliktsituationen. Die Kantone müssen in solchen Fällen eine Interessenabwägung durchführen, die je nach Region und Betroffenheit unterschiedlich ausfallen kann. Die Schweiz plant auch in Zukunft kein Bundesgesetz, dass die Prioritäten bei Wasserknappheit regelt. Die Schweizer Politik ist der Meinung, dass sich regional sinnvollere Lösungen für den Einzelfall finden lassen.

Es ist allerdings unbestritten, dass das Trinkwasser in Knappheitssituationen klar Priorität hat. Das heisst, solange es wirklich als physiologische und hygienische Lebensgrundlage genutzt wird und nicht etwa zum Füllen von Pools, zum Bewässern von Gärten oder zum Autowaschen.

Nun möchte ich auf einen Aspekt eingehen, der uns beim Bundesamt für Umwelt speziell am Herzen liegt: der Umgang mit Trockenheit und Hochwasser und die Rolle, die der Gewässerschutz dabei spielt.

Unsere Position in dieser Sache ist klar und unmissverständlich: Wir müssen die aquatischen Ökosysteme dringend schützen! Nicht nur weil sie im Kampf um den Erhalt der Biodiversität eine entscheidende Rolle spielen und weil die Bevölkerung auf attraktive Naherholungsgebiete angewiesen ist. Für den konsequenten Schutz der Ökosysteme spricht auch, dass gesunde, möglichst naturnahe Gewässer widerstandsfähiger sind. Extremereignisse können besser abgefedert werden. Auch reagieren gesunde und vielfältige Ökosysteme weniger anfällig auf die Folgen des Klimawandels.

Die Schweiz will deshalb in den kommenden 80 Jahren 4'000 Kilometer Bäche, Flüsse und die Seeufer renaturieren. Das ist eine Mehrgenerationenaufgabe, die in unserem neuen Gewässerschutzgesetz verankert ist.

Renaturierungen machen die Gewässer in Situationen mit wenig Wasser und in Hitzeperiode widerstandsfähiger. Und wenn wir den Gewässern genügend Raum geben - auch dazu verpflichtet uns das neue Gesetz - richten Hochwasser weniger Schaden an. So wirken bspw. Auen wie Schwämme in Hochwassersituationen und lassen das Wasser nach dem Extremereignis langsam wieder ab. Die Auen haben somit eine wichtige Regulierungsfunktion bei Hochwasserereignissen.

Und gleich noch ein Element unserer neuen Gewässerpolitik: Wir wollen die Reinigungsleistung unser Kläranlagen verbessern. Bis 2040 sollen die Kläranlagen aufgerüstet werden, damit Mikroverunreinigungen wie Hormone, Medikamente, Antibiotika usw. ihre Wirkung verlieren. Denn vor allem in Situationen, in denen Flüsse und Bäche wenig Wasser führen, ist die Belastung durch Rückstände im gereinigten Abwasser kritisch. Und es gibt bei uns Gewässer, die bis zu 90 Prozent aus Wasser bestehen, das aus Kläranlagen eingeleitet wird.

Der Titel dieser Veranstaltung heisst „Wasser-Management in den Alpen vor neuen Herausforderungen". Deshalb hier zum Schluss ein weiterer Beleg dafür, dass sich die Schweiz diesen Herausforderungen bewusst ist und nach innovativen Lösungen sucht, um ihnen zu begegnen.

Sie wissen aus Ihren eigenen Bergen, wie viele natürliche und künstliche Wasserspeicher es in den Alpen gibt. Wir überlegen nun, Stauseen mehrfach zu nutzen. Sie könnten in Zukunft nicht mehr nur zur Erzeugung von Strom dienen, sondern auch eine wichtige Funktion beim Wassermanagement übernehmen. Als Reservoir könnten sie dazu beitragen, Situationen der Knappheit zu bewältigen. Ganz gleich ob es an Trink-, Brauch- und Löschwasser mangelt oder ob an Wasser zum Beschneien von Skipisten oder zum Bewässern von Feldern. Dennoch möchte ich hier nicht vergessen zu erwähnen, dass mit der Bildung von neuen Alpseen, die aufgrund des Klimawandels und der damit verbundenen Gletscherschmelze entstehen werden, wichtige Lebensräume mit einer grossen Artenvielfalt entstehen. Es lohnt sich diese Räume auch vom Nutzen auszunehmen. Schliesslich - da bin ich überzeugt - werden unberührte Landschaften neben einem grossen ökologischen auch einen ökonomischen Mehrwert bringen. Eine Win - win Situation!

Wie Sie sehen: Ideen, wie die neuen Herausforderungen anzupacken sind, gibt es in der Schweiz durchaus.

Ich bedanke mich für Ihre Aufmerksamkeit.

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Letzte Änderung 21.05.2015

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