Medienanlass «Tag der Biodiversität »

Rede von Katrin Schneeberger, Direktorin BAFU, am Medienanlass «Tag der Biodiversität» vom 22.05.2023 in Bern.

Sehr geehrte Medienschaffende
Sehr geehrte Frau Vizedirektorin

Ich freue mich, Sie heute zu unserer Medienkonferenz in einem stimmigen Ambiente begrüssen zu dürfen. Heute ganz besonders, denn heute ist der Tag der Biodiversität. Ein abstraktes Konzept? Ganz und gar nicht, wie wir sehen werden. Im Gegenteil, heute werden wir über konkrete Probleme – aber auch konkrete Massnahmen – sprechen: Wir werden vom Artensterben sprechen, von der drohenden biologischen Monotonie und wie uns das als Menschen, hier in der Schweiz, ganz direkt bedroht und fordert. Aber: Es gibt eben auch Lösungen. Und es gibt Erfolge.

Wenn Sie jetzt mit mir hier in diesem Garten stehen, wenn Sie diese Vielfalt sehen – und vielleicht auch etwas erschnuppern -, wenn Sie hören, wie es summt und brummt, dann ist das auch der Beleg dafür, dass sich der Einsatz für Biodiversität lohnt. Und dass er Freude macht.

Wie geht es der Artenvielfalt in unserem Land? Frau Vizedirektorin Franziska Schwarz wird Ihnen hierzu zwei neue Berichte vorstellen. Zum einen handelt es sich um den Bericht «Biodiversität in der Schweiz», zum andern um den Bericht «Gefährdete Arten und Lebensräume in der Schweiz», ein Papier, das eine Synthese der laufend überarbeiteten Roten Listen herstellt.

Ich möchte nicht vorgreifen, aber: Die Berichte zeigen Entwicklungen, die uns Sorge bereiten müssen. Lassen Sie mich das ganz kurz zusammenfassen: Die Situation hat sich in den letzten zehn Jahren, über alles gesehen, leider nicht verbessert. Bei den Fischen, den Reptilien, den Vögeln und den Gefässpflanzen wie zum Beispiel Farne und Bärlappe hat sie sich gar verschlechtert. Insgesamt sind 17 % aller bekannten Arten vom Aussterben bedroht oder stark gefährdet. Weitere 16 % gelten als «verletzlich» – das heisst: ihr Bestand ist in den letzten 10 Jahren um 30% geschrumpft. Zudem sind viele ökologisch wertvolle Lebensräume immer kleiner geworden und schlechter vernetzt.
Warum muss uns das beunruhigen? Biodiversität ist nicht einfach nur schön – wie hier, in diesem Garten. Sie ist für unser Überleben schlicht unverzichtbar. Übertreibe ich? Erlauben Sie mir, nur einige Beispiele zu nennen:

  • Denken Sie etwa an die Landwirtschaft: Ohne bestäubende Insekten wäre sie nicht denkbar. 80 Prozent der Pflanzen, die weltweit für die menschliche Ernährung angebaut werden, sind auf bestäubende Tiere angewiesen. Fehlen sie, droht Hunger.
  • Die Biodiversität ist auch eine der wichtigsten Quelle für Wirkstoffe, aus denen Medikamente hergestellt werden. Das wohl berühmteste Beispiel ist Penicillin: Die antibiotische Substanz wurde ursprünglich aus einem Schimmelpilz gewonnen.
  • Und dann, gerade hier: Denken Sie an den kostenlosen Service, den uns die Natur in Form von sauberem Wasser, frischer Luft und Grünflächen, in denen wir uns regenerieren können, bietet. Er ist nicht klein…

Im Grunde ist die Sache einfach: Je grösser die Vielfalt der Arten in einem ökologischen System, desto robuster ist dieses. Denn dann ist auch die Chance grösser, dass sich das System an Umwelteinflüsse anpassen kann, als bei Monotonie. Biodiversität ist damit eine Art Versicherung. Landwirte kennen das schon länger: Eine gewissermassen saubere Monokultur ist einem Schädling schutzlos ausgeliefert. Vielfalt hingegen stärkt die natürliche Abwehrkraft.

Das ist heute wichtiger denn je. Denken Sie an den Klimawandel, der unsere Natur öfter und heftiger als zuvor Trockenheits- und Hitzestress aussetzt. Eine grosse Artenvielfalt erhöht die Chance, dass die Natur sich an diese Extremereignisse anpassen kann. Ein gutes Beispiel ist der Wald: Die monotonen Fichtenplantagen im Mittelland, wo es sie noch gibt, haben heute schon ein Problem; die Auswirkungen der trockenen Sommer zeigt sich deutlich. Die Zukunft sind Mischwälder mit Laub- und Nadelbäumen.

Biodiversität ist also nicht einfach ein Luxus. Im Gegenteil: Sie betrifft uns alle ganz direkt. Denn geht es der Biodiversität schlecht, sind unsere Lebensqualität und Lebensgrundlage bedroht. Aber wir haben es in der Hand, die Natur als Kapital zu bewahren.

Davon ist der Bundesrat überzeugt: Die biologische Vielfalt muss besser geschützt werden. Er hat deshalb bereits reagiert und 2012 die Strategie Biodiversität Schweiz verabschiedet. Im zugehörigen Aktionsplan werden verschiedene Massnahmen und Pilotprojekte umgesetzt. Letztes Jahr hat er dann den indirekten Gegenvorschlag zur Biodiversitätsinitiative eingereicht. Damit setzt er ein klares und zugleich politisch machbares Zeichen für die Biodiversität: Er will die Qualität und die Vernetzung von Lebensräumen fördern. Und er will auch die Natur im Siedlungsraum voranbringen. Dieser Gegenvorschlag wird nicht alle Probleme über Nacht lösen, aber er ist ein entscheidender Schritt in die richtige Richtung. Nichts zu tun, würde viel mehr kosten. Mehr dazu wird dann Vizedirektorin Franziska Schwarz erzählen.

Wie in vielen Bereichen geht es auch bei der biologischen Vielfalt darum, das Gleichgewicht zu finden. Eine schwierige Aufgabe, klar. Aber machbar. In diesem Sinne versucht der Bundesrat bei der Sicherung der Biodiversität und dem Ausbau der erneuerbaren Energien, den richtigen Kompromiss zu finden. Wie? Zu jenen Gebieten, die besonders wichtig sind für Pflanzen und Tiere, soll besonders Sorge getragen werden. Und im Gegenzug soll dafür in anderen Gebieten zusätzliche Energiegewinnung ermöglicht werden. Die Förderung erneuerbarer Energien ist wichtig für den Klimaschutz. Und Biodiversität und Klimaschutz gehen Hand in Hand: Wir sind auch in Zukunft auf ein erträgliches Klima und auf die Lebensgrundlagen, welche uns eine reichhaltige Biodiversität bereitstellt, angewiesen.


Wichtig ist hier aber auch: Der Schutz der Biodiversität ist eine Verbundaufgabe, die der Bund nicht alleine wahrnehmen kann. Es braucht auch die Kantone und die Gemeinden. Und es braucht die Privaten und die Wirtschaft. Jeder und jede kann einen Beitrag leisten. Warum dies wichtig ist, habe ich ihnen geschildert. Frau Vizedirektorin Franziska Schwarz wird Ihnen nun die aktuelle Lage detaillierter darlegen.

Bitte, Franziska.

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Letzte Änderung 22.05.2023

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