Internationaler Informationsaustausch: Umweltdaten für eine vernetzte Welt

GEO und GEOSS, UNEP und EUA, EIONET, UNECE und so fort: Das ist kein atemloser Rap, sondern eine Aufzählung von Institutionen, die auf internationaler Ebene einen einfachen Zugang zu verlässlichen Daten über das Ökosystem ermöglichen. Eine unverzichtbare Basis, um den Umweltproblemen, die auch vor Landesgrenzen nicht haltmachen, wirkungsvoll entgegenzutreten.

Text: Stefan Hartmann und Lucienne Rey

Ist es möglich, Entwicklungsszenarien für eine Region zu modellieren, die sich über 24 verschiedene Länder erstreckt, eine Fläche von 2,2 Mio. Quadratkilometern abdeckt und 160 Mio. Einwohner zählt? Diese Frage stand am Anfang von EnviroGRIDS - einem Projekt, das darauf abzielte, relevante Zusammenhänge im Einzugsgebiet des Schwarzen Meeres zu analysieren und dabei etwa herauszufinden, aus welchen Quellen überschüssige Nährstoffe wie Nitrate oder Phosphate stammen, die das Ökosystem belasten. Wichtigster Geldgeber war das 7. Forschungsrahmenprogramm der Europäischen Union.

Die Gruppe EnviroSPACE der Universität Genf hat dieses anspruchsvolle Vorhaben im Auftrag von GRID (Global Resource Information Database) koordiniert. GRID ist ein Netzwerk von Zentren, das die Umweltdatenbank des UNEP, des Umweltprogramms der Vereinten Nationen, unterhält. Das Hauptanliegen von EnviroGRIDS lautete: Neben inhaltlichen Erkenntnissen sollten auch Methoden erarbeitet und praktisch erprobt werden, um Daten institutsübergreifend und über Ländergrenzen hinweg zu teilen und gemeinsam zu bearbeiten.

Anthony Lehmann, EnviroSPACE Lab
Anthony Lehmann, EnviroSPACE Lab

Wissen ist Macht

«Wir haben in der Zusammenarbeit mit unseren Partnern sehr positive Erfahrungen gemacht», bestätigen Anthony Lehmann und Nicolas Ray, Direktor des EnviroSPACE Lab resp. Leiter der Einheit für Umwelt und Geografische Informationssysteme des EnviroSPACE Lab, die gemeinsam für die Koordination der über 30 Partnerinstitutionen verantwortlich waren. «Für viele war es die erste Erfahrung in einem europäischen Programm, was dem ganzen Projekt einen grossen Motivationsschub verlieh.» Ganz reibungslos verlief allerdings das Sammeln der benötigten Informationen nicht: So fiel Nicolas Ray auf, dass Mitarbeitende aus Ländern, die früher stark von Moskau abhängig waren, mehr Mühe hatten, eigenständig zu arbeiten, und striktere Vorgaben wünschten - obschon ihre Fachkenntnisse ebenfalls hervorragend waren. Anthony Lehmann bestätigt: «Partner aus Ländern der ehemaligen Sowjetunion liefen sogar Gefahr, verklagt zu werden, wenn sie uns ihre Daten lieferten.»

Tatsächlich sind Umweltdaten oft von geostrategischer Bedeutung - man denke an Länder am Oberlauf von Flüssen, denen es ganz recht ist, wenn ihre Nachbarn weiter unten nicht genau wissen, wie viel Wasser sie für ihren Bedarf abzweigen. Doch die Geopolitik ist nicht das einzige Hindernis, wenn es um das Teilen von Umweltinformationen geht. «Je tiefer das ökonomische Niveau, desto geringer ist auch die Qualität des Umweltmonitorings», sagt Anthony Lehmann. Das Fehlen finanzieller Mittel kann gar dazu verleiten, mit den erhobenen Daten Geld zu verdienen, indem diese verkauft werden: «Das ist das Schlimmste, was passieren kann», ergänzt der Experte für Biologie und Statistik.

Nicolas Ray, EnviroSPACE Lab
Nicolas Ray, EnviroSPACE Lab

Genf - ein Hotspot für globale Umweltdaten

In der Calvinstadt werden indes nicht nur wissenschaftliche Daten gesammelt und ausgewertet; vielmehr wird auch administrative Arbeit geleistet. So hat hier das vom BAFU finanzierte Sekretariat der Gruppe für Erdbeobachtung GEO seinen Sitz - im gleichen Gebäude übrigens wie die Weltwetterorganisation (WMO). GEO organisiert Symposien zu drängenden Umweltthemen wie etwa dem Klimawandel oder zu Naturgefahren und unterstützt eine Reihe globaler Initiativen. Das zentrale Projekt von GEO ist allerdings das Global Earth Observation System of Systems (GEOSS) - eine Plattform, die weltweit erhobene Umweltdaten zusammenführt. Die im Rahmen von EnviroGRIDS gesammelten Informationen fliessen denn auch in GEOSS ein.

Eine weitere in Genf ansässige Institution, die EnviroGRIDS massgeblich unterstützte, ist das Europäische Kernforschungszentrum CERN. Es stellte das Know-how zur Verfügung, um die riesigen Datenmengen verteilt auf Computern in ganz Europa zu bearbeiten. «Es hätte ein Jahr gedauert, um unsere ganzen Daten auf einem einzigen Rechner auszuwerten», sagt Anthony Lehmann. «Dank des Computernetzes war die Arbeit in zwei Wochen erledigt.»

Auch Europa sammelt Umweltdaten

Alle grossen Schwellenländer und Industrienationen beteiligen sich an GEOSS - obschon die Teilnahme freiwillig ist. Auf europäischer Ebene dagegen gelten im Umgang mit Umweltdaten verbindlichere Regelungen: Die Schweiz ist im Rahmen der Bilateralen Verhandlungen II seit dem 1. April 2006 Vollmitglied bei der Europäischen Umweltagentur (EUA). Der 1990 gegründeten EUA mit Sitz in Kopenhagen gehören neben der Schweiz die 28 EU-Mitgliedsstaaten sowie Island, Liechtenstein, Norwegen und die Türkei an. Ausserdem kooperiert die EUA mit 6 Ländern des westlichen Balkans (Albanien, Bosnien-Herzegowina, Kosovo, Mazedonien, Montenegro und Serbien).

Über die EUA werden europaweit Daten zum Zustand der Umwelt ausgetauscht. Dabei arbeitet die Agentur aktiv mit diversen internationalen Organisationen zusammen. Die EUA verlangt von den Mitgliedern jährlich Datenflüsse zu 16 Umweltbereichen. Diese werden vom EUA-Informations- und Umweltbeobachtungsnetz EIONET erfasst. Schwerpunkte bilden Luftreinhaltung, Klima-, Boden- und Gewässerschutz, Biodiversität, Abfallbewirtschaftung, Materialflüsse und Ressourceneffizienz.

Das Problem der Datenharmonisierung

Für ihre Beteiligung an der EUA leistet die Schweiz einen jährlichen Beitrag von 2 Mio. CHF; eine weitere Million ist jeweils für die Bereitstellung der Schweizer Daten an EIONET nötig. Die Messwerte laufen beim BAFU zusammen, das sie der EUA übermittelt. Sie sind recht detailliert: Mit Blick auf die Luftreinhaltung etwa werden mehr als 10 verschiedene Luftschadstoffe erfasst, deren Emissionen vom Bund, den Kantonen und verschiedenen Städten durch 35 über die ganze Schweiz verteilte Messstationen erhoben werden.

Durch den Austausch mit der EUA kann sich die Schweiz ein Bild davon verschaffen, wie die Nachbarländer Umweltdaten erheben und mit diesen arbeiten. Nicolas Perritaz, BAFU-Verbindungsmann zur EUA, betont: «Der Zugriff auf europaweit einheitliche Umweltinformationen ermöglicht es der Schweiz, den Erfolg eigener Massnahmen zum Schutz der Umwelt besser mit denen der EU-Nachbarstaaten zu vergleichen.»

Herausforderungen stellen sich allerdings bei der Vergleichbarkeit der Daten, die nach gemeinsamen, harmonisierten Kriterien erhoben werden müssen. Für die effiziente und koordinierte Weitergabe und Verwaltung von Umweltdaten hat EIONET das SEIS-Konzept (Shared Environment Information System) ausgearbeitet, das die Prinzipien für eine wirtschaftliche und einheitliche Datenbewirtschaftung festsetzt.

Informierte Bürgerinnen und Bürger dank zugänglicher Daten

Umweltdaten sind nicht nur für Wissenschaft und Verwaltung bedeutungsvoll. Vielmehr geben sie auch der Öffentlichkeit ein Mittel an die Hand, um nachzuvollziehen, ob politische Entscheidungstragende ihre Argumentationen auf korrekten Zahlen begründen und ob die eingeleiteten Massnahmen tatsächlich die erwünschten Wirkungen bringen. Auf internationaler Ebene rechtlich bindend, fordert das im Jahr 1998 von der UN-Wirtschaftskommission für Europa (UNECE) verabschiedete Aarhus-Übereinkommen, dass der Öffentlichkeit Zugang zu Umweltinformationen einzuräumen sei.

In der Schweiz hat der Bundesrat auf den 1. Juni 2014 Änderungen des Umweltschutzgesetzes erlassen, die mit dem Beitritt zur Aarhus-Konvention verbunden sind. Diese fordert nicht nur weitgehende Datentransparenz, sondern legt selber Vorkehrungen zum Schutz der Umwelt fest - zum Beispiel im Jahr 1998 Massnahmen zur Emissionsreduktion von Kadmium, Blei und Quecksilber. Schwermetallhaltige Stäube, vor allem aus der Industrie, werden durch Windströmungen und Niederschläge weiträumig verfrachtet und deponiert. Aufgrund der Daten aus der jährlichen Berichterstattung der einzelnen UNECE-Mitglieder und mittels meteorologischer Angaben lassen sich die Verfrachtungen von Kadmium, Blei oder Quecksilber genau errechnen. Es ist beispielsweise bekannt, dass von den etwa 650 kg Kadmium, die über die Atmosphäre in die Schweiz gelangen, 4 % aus Polen und 24 % aus Italien stammen, während der grösste Teil - 52 % - aus der Schweiz selbst kommt. «Entscheidend beim UNECE-Übereinkommen ist, dass sich die Parteien, das heisst die Mitgliedsländer, verpflichten, die nötigen gesetzgeberischen Schritte zu ergreifen, um die Emissionen zu reduzieren», sagt Richard Ballaman von der Abteilung Luftreinhaltung und Chemikalien des BAFU.

Synergien zwischen nationalen und internationalen Bestrebungen

Überhaupt sind die internationalen Aktivitäten dazu geeignet, den national und international laufenden Bestrebungen in Sachen Umweltbeobachtung zusätzlichen Schub zu verleihen. So hat der Bundesrat im März 2013 den Aktionsplan Grüne Wirtschaft verabschiedet; auf europäischer Ebene wurde im Rahmen der Strategie Europa 2020 eine Leitinitiative «Ressourcenschonendes Europa» erarbeitet, die den Begriff der Ressourceneffizienz ins Zentrum stellt; und auf globaler Ebene wurde im Anschluss an den Erdgipfel Rio+20 eine Erklärung zu natürlichem Kapital (Natural Capital Declaration, NCD) verfasst.

Gemeinsam ist diesen Aktionsfeldern, dass sie vielschichtig sind und Angaben zum Zustand unterschiedlicher Naturressourcen und zum Ausmass ihrer Belastung bündeln. Entsprechend komplex ist es, die erforderlichen Daten zu erheben, um die Entwicklungen in diesen thematischen Bereichen zu verfolgen. Hinzu kommt, dass die Daten international harmonisiert sein müssen, damit Vergleichbarkeit gegeben ist. Im Gegenzug ermöglicht die Harmonisierung auch Synergien, indem etwa die Grüne Wirtschaft auf Ebene der UNEP, der EUA und der Schweiz gleich definiert wird.

Vom Wissen zum Handeln

Die umfassendsten Datensätze bringen der Umwelt allerdings kaum Vorteile, wenn sie von den politischen Entscheidungstragenden ignoriert werden. Dass es trotz guter Datenlage schwierig ist, Veränderungen zum Schutz der Umwelt in Gang zu bringen, haben auch Nicolas Ray und Anthony Lehmann erfahren: «Unser Modell zu entwickeln, war an sich schon kompliziert. Noch viel schwieriger ist es, die Entscheidungsträger zu überzeugen, es zu verwenden.» Die beiden Genfer Wissenschaftler arbeiten nun eng mit der seit 1994 existierenden Kommission zum Schutz der Donau (IKSD) und der im Januar 2009 gegründeten Schwarzmeer-Kommission zusammen.

Denn so viel steht fest: Angesichts internationaler Stoffflüsse und globaler Zusammenhänge sind belastbare und wissenschaftlich gut abgesicherte Daten unabdingbar, um die Weltgemeinschaft zum nachhaltigen Umgang mit den natürlichen Ressourcen zu bewegen. «Früher war der Mensch mit der ihn umgebenden Natur direkt vernetzt», bringt es Anthony Lehmann auf den Punkt. «Heute müssen wir mit wissenschaftlichen Daten eine neue Verbindung zwischen Mensch und Umwelt schaffen.»

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Letzte Änderung 11.02.2015

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