Sozialer Mehrwert dank Open Data: Kreativität in Fluss bringen

Das BAFU stellt der Öffentlichkeit immer mehr Umweltdaten zur freien Verfügung - ein «Aktivposten für die Kreativität»: Findige Köpfe nutzen die Daten etwa für Smartphone-Applikationen. Besonders beliebt sind die Wassertemperaturen und die Pegel von Flüssen.

Christian Studer, Umweltinformatiker
Christian Studer, Umweltinformatiker

Text: Nicolas Gattlen

Christian Studer, Gründer des Bureau für digitale Existenz, kann es kaum erwarten. Sobald die Aare 16 Grad warm ist, wird er oberhalb des Marzilibads in den Fluss steigen und sich ein paar Hundert m weit treiben lassen - so wie es Tradition und Volkssport ist in der Bundesstadt. Noch aber muss sich der Berner gedulden, die Temperatur der Aare erreicht in diesen Märztagen nicht einmal 8 Grad. Christian Studer verfolgt sie regelmässig auf einer Handy-App («Aare Schwumm»), die er als Umweltinformatiker selbst entwickelt hat. Neben der Wassertemperatur zeigt die App auch den aktuellen Abfluss der Aare bei der Messstation Schönau, unweit des Marzili.

Ein Anstoss für die Innovation

«Die Idee zur App ist mir 2009 bei einem Besuch auf der Website der Abteilung Hydrologie des BAFU gekommen», erzählt Christian Studer. «Es war die Zeit der ersten iPhones. Als ich im Internet auf die Wasserdaten des Bundes stiess, dachte ich mir: Die liessen sich doch auf einer App veröffentlichen.» Also schickte er eine E-Mail-Anfrage ans BAFU. Die Antwort hat den Informatiker dann «positiv überrascht»: Man werde ihm, so hiess es, die gewünschten Daten sofort und kostenlos zur Verfügung stellen.

Indem er seine Daten bereitstellt, verfolgt der Bund mehrere Ziele: Zum einen will er die Verwaltung transparenter machen und die sachpolitische, aber auch die wissenschaftliche Diskussion fördern. Gleichzeitig möchte er der Wirtschaft Zugang zu Rohdaten für innovative Geschäftsmodelle eröffnen: Im Begleittext zu seiner 2014 verabschiedeten Open-Government-Data-Strategie schätzt der Bundesrat das wirtschaftliche Potenzial der Verwaltungsdaten auf bis zu 1,8 Mrd. CHF.

Traditionsreiche Gewässerdaten

Auch die Abteilung Hydrologie des BAFU verfügt über einen grossen Datenschatz: Seit 1863 erfasst der Bund systematisch die Wasserstände von Schweizer Gewässern. Einzelne Datenreihen reichen gar bis zum Beginn des 19. Jahrhunderts zurück, als Pioniere die Pegelstände für die Rheinschifffahrt sowie für den Bau der ersten Gewässerkorrektionen zum Schutz vor Hochwasser sammelten. Mit der zunehmenden Nutzung der Wasserkraft stieg das Interesse an den Wasserdaten: Die Elektrizitätswerke wünschten verlässliche Informationen über die Flusspegel, damit sie ihre Laufwerke optimal bauen und betreiben konnten.

Nachdem 1896 in Ittigen (BE) die erste nationale Kalibrierungsanlage zur Messung von Fliessgeschwindigkeiten in Betrieb genommen worden war, baute der Bund sein Messnetz stetig aus. Heute betreibt die Abteilung Hydrologie des BAFU rund 260 Messstationen an Oberflächengewässern. Neben den Erhebungen des Wasserstands an Seen wird an 200 Flussstellen der Abfluss berechnet und an 70 Standorten die Wassertemperatur von Flüssen ermittelt. 90 % der Stationen verfügen über eine automatische Fernabfrage. Die Daten gelangen je nach Station im 10-Minuten- bis im Stundentakt in die Zentrale des BAFU, von wo sie an verschiedene Kunden und Webportale verteilt werden. Über die Website «hydrodaten.admin.ch» stehen sie für Interessierte auch als maschinenlesbares XML-File bereit.

Verpflichtet zur Offenheit

Seit rund 15 Jahren stellt das BAFU Wasserwerte online. Künftig dürfte es noch mehr Daten veröffentlichen. Denn mit dem Beitritt zur Aarhus-Konvention, die unter anderem den Zugang zu Informationen regelt, ist die Schweiz verpflichtet, der Bevölkerung möglichst viele Angaben über die Umwelt offenzulegen. Zudem will man den internationalen Datenaustausch zwischen den Umweltbehörden stärken. Heute schon werden beispielsweise Daten zur Gewässerqualität ausgetauscht. Das BAFU bekommt einen Teil dieser Messwerte von den kantonalen Ämtern und reicht sie zusammen mit den eigenen Daten an die Europäische Umweltagentur (EUA) weiter. Die Werte fliessen dann in verschiedene EU-Berichte sowie in interaktive Karten der EUA ein: Eine davon illustriert etwa die Badewasserqualität von 22‘000 Flüssen, Stränden und Seen in Europa.

Auch das BAFU publiziert einen Teil seiner hydrologischen Daten in Form von thematischen Karten, so zum Beispiel im «Hydrologischen Atlas der Schweiz», auf seinem geografischen Umweltportal (map.bafu.admin.ch) oder auf dem Geoportal des Bundesamtes für Landestopografie Swisstopo (geo.admin.ch). Vermehrt nutzt der Bund auf diesem Portal «Storymaps», um ein Thema erzählerisch zu vermitteln. Eine viel beachtete Karte ermittelt aus den Daten der Wassertemperatur «die wärmsten Fliessgewässer der Schweiz» - in Echtzeit, die Rangliste wird stündlich aktualisiert.

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Massgeschneiderte Datenpakete

Für die Wasserdaten des BAFU interessieren sich verschiedene Gruppierungen. Entsprechend differenziert ist die Datenpolitik: «Je nach Bedürfnis stellen wir Daten von unterschiedlichem Bearbeitungsstand zur Verfügung», sagt Edith Oosenbrug von der Sektion Hydrologische Informationen des BAFU. Mitarbeitende von Krisenstäben wie Feuerwehr oder Zivilschutz, aber auch Schifffahrtsgesellschaften, Wassersporttreibende oder Fischer wollen rasch informiert sein. Sie können die aktuellsten Messwerte auf der Website des BAFU, per SMS oder über die Gemeinsame Informationsplattform Naturgefahren (GIN) abfragen. «Diese Rohdaten sind allerdings noch ungeprüft und können Fehler aufweisen», erklärt Edith Oosenbrug. «Es ist möglich, dass ein Blitzschlag die Stromversorgung eines Datenloggers unterbricht oder dass eine versandete Messsonde ein Resultat verfälscht. Deshalb prüfen wir, ob die Daten plausibel, vollständig und korrekt sind.»

Es dauert mehrere Monate, bis die Messwerte des Vorjahres bereinigt und in der Datenbank als «definitiv» gekennzeichnet sind. Aus diesem Bestand stellt das BAFU beispielsweise für die Kundschaft aus den Bereichen Wasserbau, Planung, Wasserkraftnutzung, Gewässerschutz oder Forschung «individuelle Datenpakete» zusammen. Einem Ingenieurbüro etwa, das bauliche Massnahmen an einem Fluss zum Schutz vor Überschwemmungen plant, liefert man Langzeitreihen und Extremwerte der Wasserführung. Diese geprüften Daten sind kostenpflichtig, ihr Preis richtet sich nach Umfang, Recherche- und Bearbeitungsaufwand.

Florian Bessière, Informatiker
Florian Bessière, Informatiker

BAFU-Daten für zahlreiche Apps

Die hydrologischen Daten des BAFU sind auch zum «Spielball» für private Software-Entwickler geworden. Insbesondere die Temperaturwerte von Flüssen erfreuen sich grosser Beliebtheit. Neben Christian Studers «Aare Schwumm»-App sind Dutzende von weiteren Hilfen für Badefreudige auf dem Markt, etwa «WasserWetter» (Windows), «eiSwim» (Android) oder «mAare» (iPhone). Seit 2013 stehen auch den Kajakfahrenden Apps zur Verfügung, die unter anderem auf dem XML-File des BAFU basieren. Mit der «RiverApp» (iPhone/Android) beispielsweise lassen sich die aktuellen Pegelmesswerte von rund 3000 Flüssen in der Schweiz und weiteren Alpenländern sowie den USA mobil abrufen. Eine Grafik zeigt den Pegelverlauf der vergangenen 24 Std. oder der letzten 7 Tage; eine «Flussampel» lässt auf den ersten Blick die Befahrbarkeit von Flussabschnitten erkennen: Die Ampel leuchtet in Rot (Hochwasser), Gelb (Mittelwasser), Grün (Niedrigwasser) oder Grau (zu wenig Wasser).

Entwickelt wurde die App vom 27-jährigen Informatiker Florian Bessière aus München. Bessière ist begeisterter Kajakfahrer und kennt sich aus mit Wasser- und Wetterdaten: «In unserem Sport sind sie enorm wichtig.» Früher habe er sich die Pegelstände der Flüsse jeweils auf dem PC angeschaut, bevor er auf Tour ging. Heute kann er sie dank der «RiverApp» in Echtzeit auf seinem Smartphone verfolgen. «Die App kommt in der Kajak-Szene sehr gut an», sagt Florian Bessière, über 10‘000 Mal sei sie schon heruntergeladen worden.

Den Erfolg der App führt ihr Entwickler auf «die Qualität der Daten» und deren «kostenlose Verfügbarkeit» zurück. Diese sei übrigens nicht überall gewährleistet, erklärt Florian Bessière. Baden-Württemberg (D) zum Beispiel mache die Pegelwerte seiner Flüsse nicht allgemein zugänglich, und einige Regionen verlangten für ihre Daten viel zu hohe Preise. Das Südtirol etwa berechne rund 200 Euro pro Pegel. «Solche Preise können wir uns nicht leisten», sagt Bessière, der mit seiner App nicht primär Geld verdienen, sondern Hilfe leisten will. Er spricht von einem «sozialen Mehrwert».

Korrekturen aus der «Community»

Das Beispiel «RiverApp» zeigt ausserdem, wie die Öffentlichkeit zur Schärfung von Umweltdaten beizutragen vermag, indem Interessierte Messfehler aufdecken oder zusätzliche Informationen liefern. So kann die Kajak-Community auf der «RiverApp» Meldungen zur Befahrbarkeit von Flüssen eingeben und Einträge anderer User lesen. Sie weisen etwa auf einen «Baum bei der letzten Kurve vor dem Ausstieg» hin oder auf Veränderungen des Flusses nach einem Hochwasser: Eine schwer zu befahrende Stelle hat sich in eine leichte verwandelt; an einem eigentlich ungefährlichen Ort ist ein sogenannter Syphon entstanden.

Florian Bessière will seine App weiter ausbauen. Er tüftelt an einem Alarmsystem, das die Kajak-Fahrenden bei Hochwasser automatisch informiert. Damit aber drängt sich die Haftungsfrage auf: Ist der App-Entwickler für Unfälle mitverantwortlich, falls sein Warnsystem versagt? Drohen ihm gar strafrechtliche Verfahren? «Nein», sagt Florian Bessière und verweist auf die Quellenangabe auf seiner App.

Erläuterungen auf Anfrage

Liegt die Verantwortung also bei den Umweltämtern, welche die Daten erheben und der Öffentlichkeit zur Verfügung stellen? «Für unsere Messwerte übernehmen wir keine Haftung», erklärt BAFU-Fachfrau Edith Oosenbrug. Die Daten dienten mitunter aber als Massstab der Sorgfalt bei der Beurteilung eines allfälligen Haftpflichttatbestands. Edith Oosenbrug erinnert sich an einen Fall, als eine Versicherung nach einem Bootsunglück beim BAFU nachgefragt hatte, ob der Organisator aufgrund der beim BAFU verfügbaren Informationen mit einem Hochwasser habe rechnen müssen.

Ein Problem aber bleibt: Öffentlich zugängliche Daten können nach ihrer Freigabe auch missverstanden oder fehlerhaft interpretiert werden. So gesehen, kann zu viel Kreativität mitunter auch schaden. Was unternimmt das BAFU, um diese Gefahr zu mindern? «Unsere Mittel sind begrenzt», stellt Edith Oosenbrug klar. «Gerne zeigen wir den Interessierten bei einer E-Mail- oder Telefonanfrage den Gültigkeitsbereich der Daten auf, oder wir erläutern ihnen die Erhebungsmethoden. Letztendlich aber sind die Daten frei, jeder kann sie nutzen, wie er will.»

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Letzte Änderung 11.02.2015

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