Kunststoffrecycling: Bald ein Einwurfloch mehr?

22.08.2012 - Der Anteil von Kunststoffen am Haushaltkehricht steigt kontinuierlich an. Wie die neusten Bewertungen zeigen, eignen sich einzelne Kunststoffprodukte im Abfall durchaus für eine Verwertung. Knackpunkte eines erweiterten Recyclings bleiben jedoch die Finanzierung und die Standorte der Sammelsysteme.

Das Zwischenlager an Kunststoffen in Form von langlebigen Gütern wie Bauteilen oder Fahrzeugen nimmt jährlich um und 255 000 Tonnen zu. Derzeit werden etwa 70 Prozent des Jahresverbrauchs an Plastik energetisch genutzt. Pro-duktströme = blaue Pfeile; Abfallflüsse = grüne Pfeile; industrielle Prozesse im In- und Ausland = gelb.

Das Verstauen des Wochenendeinkaufs im Kühlschrank und auf dem Küchenregal macht es augenfällig: Der Stapel leerer Plastiktragtaschen wird noch grösser, und Multipackungen müssen meist von einer Kunststofffolie befreit werden, die umgehend im Abfall landet. Auch immer mehr Lebensmittel, die früher in Gebinden aus Glas, Metall oder Karton verkauft wurden, sind heute in Verpackungen aus Polyethylen, Polystyrol, PET und weiteren Kunststoffen abgefüllt. Bei steigender Tendenz machen sie im Kehrichtsack inzwischen bereits 15 Gewichtsprozente aus. Mit Ausnahme von PET-Flaschen, für die ein feinmaschiges Sammelnetz mit einer hohen Verwertungsquote von 80 Prozent besteht, landen die meisten Verpackungsabfälle aus Plastik im Kehricht. Doch weshalb werden nicht auch andere Kunststofffraktionen aus den Haushalten separat erfasst und rezykliert? «Eine Sammlung und Verwertung von vermischten Plastikrückständen wäre für die Herstellung von neuen Produkten unbrauchbar», erklärt Michel Monteil, Chef der Sektion Abfallverwertung und -behandlung beim BAFU. «Bevor man solche Abfälle einschmelzen kann, müssen sie sorgfältig sortiert, zerkleinert und gewaschen werden. Diese Aufbereitung verursacht vor allem bei stark verschmutzten Kunststoffen einen beträchtlichen Aufwand.»Kein zwingender Handlungsbedarf.Zudem verteuert das beträchtliche Volumen vieler Verpackungen die Rücknahme und den Transport. Es sind denn auch primär die vergleichsweise hohen Kosten, welche bisher weitere Separatsammlungen von Plastikgebinden verhindert haben. Dazu kommt, dass hierzulande aus ökologischer Sicht kein dringender Handlungsbedarf besteht, weil bei uns die meisten Kunststoffrückstände in den Siedlungsabfall gelangen – und damit in Kehrichtverbrennungsanlagen (KVA) energetisch genutzt werden. Anders verhält es sich in Ländern wie Grossbritannien oder Italien, wo nach wie vor grosse Mengen an Siedlungsabfällen auf Deponien landen. Dadurch werden die Plastikrückstände zum Teil weiträumig verweht, was die Landschaft verunstaltet und die Gewässer belastet.

Ökoeffizientes Recycling. Eine neue Studie zeigt nun aber, dass die stoffliche Verwertung bestimmter Plastikabfälle auch bei uns durchaus ökoeffizient sein kann. «Dies gilt zum Beispiel für das Recycling von Hohlkörpern und grossen Folien», stellt Michel Monteil fest. «Es könnte die Umwelt entlasten und wäre auch volkswirtschaftlich sinnvoll, weil dadurch wertvolle Rohstoffe wie insbesondere Erdöl eingespart würden.»

Seit dem Frühjahr 2010 treffen sich Fachleute von Bund, Kantonen, Gemeinden, des Detailhandels und der Branche regelmässig am «Runden Tisch Kunststoffrecycling». Dieses Gremium erarbeitet Entscheidungsgrundlagen und dient der gemeinsamen Lösungssuche zur Ausschöpfung der Verwertungspotenziale. In seinem Auftrag soll eine Studie unter anderem klären, welche zusätzlichen Kunststofffraktionen sich für eine separate Verwertung eignen. Danach muss sich zeigen, ob einzelne Partner - wie etwa Gemeinden, der Detailhandel oder private Organisationen - bereit sind, solche Abfälle zurückzunehmen. Die Frage der Finanzierung dürfte dabei eine Schlüsselrolle spielen. Die Interessengemeinschaft Detailhandel Schweiz (IG DHS) hat die Machbarkeit einer kombinierten Hohlkörpersammlung für Kunststoffflaschen, PE-Milchflaschen und Getränkekartons in ihren Verkaufsstellen 2011 bereits auf eigene Initiative geprüft. Aufgrund der besonders in kleinen Filialen knappen Platzverhältnisse und der erforderlichen Investitionen in die Rücknahmelogistik hat sie jedoch entschieden, keine flächendeckende Sammlung anzubieten. Dies schliesst jedoch nicht aus, dass einzelne grössere Verkaufsstellen oder Detailhändler trotzdem eine Rücknahme der Kunststoffflaschen anbieten, wie dies etwa in der Region ­Luzern bereits der Fall ist.

«Gemeinden, die versuchsweise solche Sammlungen einführen wollen, raten wir, die erwünschten Abfälle genau zu definieren», sagt Michel Monteil. «Dadurch können sie vermeiden, dass stark verschmutzte Folien, Joghurtbecher oder Verbundpackungen in den Containern landen, die aufgrund der Verunreinigungen schliesslich doch in KVAs verbrannt werden müssen.» Gestützt auf die geltenden gesetzlichen Grundlagen liegt es schon heute in der Kompetenz der Kantone zu entscheiden, ob die Gemeinden auf ihrem Gebiet Separatsammlungen von Kunststoffabfällen anbieten dürfen oder gar sollen.

Weniger Probleme bereiten die relativ einheitlichen Plastikfraktionen aus Industrie- und Gewerbebetrieben. So eignen sich etwa Polyethylenfolien aus der Distribution sowie Abschnitte oder dickwandige Kanister sehr gut für das Recycling und erzielen teilweise hohe Erlöse.

Thermische Verwertung. Wird eine thermische Verwertung angestrebt, bestehen grundsätzlich zwei Möglichkeiten. Entweder belässt man die Kunststoffe in den Siedlungsabfällen, womit sie in Kehrichtverbrennungsanlagen zu Strom und Wärme umgewandelt werden, oder sie dienen als alternativer Brennstoff in Zementwerken. Die Schweizer Zementindustrie setzt bereits heute beträchtliche Mengen an Kunststoffen ein, die meistens aus Produktionsrückständen von Industrie- und Gewerbebetrieben bestehen. Ein nachträgliches Aussortieren der Plastikbestandteile aus den gemischten Siedlungsabfällen ist nach dem geltenden Umweltrecht nicht zulässig.

Möglichkeiten der Finanzierung. Zur verursachergerechten Finanzierung der Verwertungskosten kommt einerseits ein vorgezogener Recyclingbeitrag (VRB) auf privatwirtschaftlicher Basis in Frage, wie er im Inland bereits für die stoffliche Verwertung von PET-Getränkeflaschen und Aluminiumdosen existiert. «Ein solches System müsste selbst bei einem stark schwankenden Erdölpreis stabil bleiben, denn die langfristige Entsorgungssicherheit hat auch beim Recycling oberste Priorität», sagt Michel Monteil. Kann sich die betroffene Branche nicht auf eine solche Lösung einigen, wäre andererseits auch eine vom Bund vorgeschriebene vorgezogene Entsorgungsgebühr (VEG) möglich, wie sie hierzulande für Glasflaschen und Batterien gilt. Gegenwärtig evaluiert der Runde Tisch Kunststoffrecycling die Machbarkeit einzelner Sammel- und Recyclingsysteme. Sofern sich die Betroffenen nicht auf eine freiwillige Lösung einigen können, müsste vor einer allfälligen Umsetzung zuerst ein Konsens auf politischer Ebene gefunden werden.

Stoffflüsse unter der Lupe. Als wichtige Entscheidungsgrundlage hat das Fachgremium zuerst eine genaue Erhebung der aktuellen Mengenströme und Verwertungskanäle erarbeitet. Demnach sind in der Schweiz 2010 insgesamt rund 1 Million Tonnen oder 125 Kilo­gramm Kunststoff pro Kopf in den Wirtschaftskreislauf gelangt. Davon entfallen unter anderem 26 Prozent auf Polyethylen, 16 Prozent auf Polypropylen und 15 Prozent auf PVC - vor allem Bauteile. 37 Prozent des Kunststoffverbrauchs gehen auf das Konto von Verpackungen, und ein Viertel beansprucht die Baubranche. Ebenfalls bedeutend sind die Kunststoffabfälle aus der Landwirtschaft, welche immer mehr Wickelfolien einsetzt.

Überraschend ist die Tatsache, dass nur 430'000 Tonnen oder umgerechnet 43 Prozent des jeweiligen Jahresverbrauchs an Kunststoffen direkt im Abfall landen. Mehr als die Hälfte verbleibt in Zwischenlagern, zum Beispiel in Form von Kunststoff-Fensterrahmen oder Sportartikeln, die teils erst nach Jahrzehnten entsorgt werden und dann wieder in den Abfallstrom fliessen. Damit werden pro Jahr insgesamt rund 650'000 Tonnen in KVAs thermisch verwertet. 2010 gelangten von den insgesamt 780'000 Tonnen an ausgedienten Kunststoffrückständen 145'000 Tonnen in die Sortierung und Aufbereitung. Davon sind 35'000 Tonnen in Schweizer Zementwerken als Alternativbrennstoff eingesetzt und weitere 10'000 Tonnen in Wirbelschichtöfen für die Energiegewinnung genutzt worden. Auf die stoffliche Verwertung entfallen 90'000 Tonnen, also 9 Prozent der in Verkehr gebrachten Menge. Die zu 80'000 Tonnen Rezyklat verarbeiteten Chargen stammen überwiegend aus Industrie und Gewerbe, wo Produktionsabfälle zum Teil in reiner Form anfallen.

Brachliegendes Verwertungspotenzial. «Einige unserer Nachbarstaaten wie etwa Deutschland haben Verwertungsquoten von bis zu 40 Prozent, während die Schweiz bei weniger als 10 Prozent liegt», gibt Martin Model, Geschäftsführer der Innoplastics AG in Eschlikon (TG) zu bedenken. Das Potenzial sei gross, und zwar in Industrie- und Gewerbebetrieben, in Landwirtschaft und Gartenbau, aber auch bei Spülmittel- und Kosmetikaflaschen aus den Haushalten. «Solche Abfälle gehören generell nicht in die Kehrichtverbrennung.» Das brachliegende Potenzial für ein stoffliches Recycling ist in der Tat beträchtlich. Auch die Betreiber der Zementwerke melden ihr Interesse an. «Schon heute decken Alternativbrennstoffe die Hälfte unseres Energiebedarfs ab, doch wir könnten noch wesentlich mehr Kunststoffe nutzen», erklärt Heiner Widmer, der beim Branchenverband cemsuisse die Bereiche Technik und Umwelt betreut. Bereits seit Mitte der 1980er-Jahre setzt die Schweizer Zementindustrie verschiedene Alternativbrennstoffe wie Altöl, Lösungsmittel, Klärschlamm, Altreifen und Tiermehl ein - und vermindert dadurch ihren Bedarf an Kohle. «Diese Strategie ermöglicht es unserer Branche, CO2-Emissionen zu reduzieren, inländische Energieressourcen zu nutzen und damit die Auslandabhängigkeit zu vermindern», sagt Heiner Widmer. Doch die Beschaffung solcher Brennstoffe ist zunehmend schwieriger. Entweder nutzt die produzierende Industrie kalorienreiche Abfälle wie Lösungsmittel vermehrt selbst thermisch, oder es treten Firmen auf den Plan, die das Material stofflich verwerten wollen, wie dies bei den Kunststoffen der Fall ist.

Massnahmenbündel für mehr Ökologie. Unabhängig vom möglichen Ausbau der Kunststoffverwertung empfiehlt das BAFU ein Bündel von Massnahmen, um die ökologischen Auswirkungen des Plastikkonsums möglichst tief zu halten. An erster Stelle sind die Verpackungsproduzenten gefordert. Sie haben es in der Hand, dünnere Folien und leichtere Behälter zu konstruieren oder Nachfüllbeutel anzubieten und damit den Verbrauch zu minimieren. Die Kundschaft wiederum ist gehalten, auf unnötige Verpackungen zu verzichten und Nachfüllsysteme, wie sie etwa für Waschmittel und das breite Sortiment an Cerealien bestehen, auch zu nutzen. An die Verwerter appelliert das BAFU, die Effizienz der vorhandenen Verbrennungs- und Recyclinglösungen zu optimieren. «So könnten noch etliche KVA-Betreiber den Wirkungsgrad ihrer Anlagen und die Wärmenutzung verbessern», sagt Michel Monteil. «Eine höhere Ausbeute an Wärme und Strom trägt nämlich unter anderem dazu bei, primäre fossile Energieträger zu schonen.»

Pieter Poldervaart

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Letzte Änderung 22.08.2012

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