Altlasten: Aufräumen mit den Umweltsünden

21.05.2014 - Nach mehrjährigen aufwendigen Abklärungen haben alle Kantone und drei Bundesstellen ihre Kataster der belasteten Standorte abgeschlossen. Wie eine landesweite Auswertung des BAFU zeigt, belegen die rund 38‘000 erfassten Areale eine Gesamtfläche von etwa 230 Quadratkilometern. Bei den meisten belasteten Grundstücken handelt es sich um Betriebsstandorte und ehemalige Deponien im Mittelland, die nicht selten in der Nähe von Grundwasservorkommen oder Oberflächengewässern liegen.

Emme bei Biberist (SO)
Bevor man die Emme bei Biberist (SO) revitalisieren kann, muss zuerst eine Altlast mit deponierten Schlämmen der ehemaligen Papierfabrik saniert werden.
© Reportair, Niklaus M.Wächter

Text: Beat Jordi

«Bei der Projektierung und Realisierung von grösseren Bauvorhaben bewähren sich die kantonalen Kataster der belasteten Standorte (KbS) mittlerweile als wertvolles Planungsinstrument», stellt Reto Tietz von der Sektion Altlasten beim BAFU fest. Dies zeigt sich etwa im Kanton Solothurn am Beispiel des Projekts «Hochwasserschutz und Revitalisierung Emme» zwischen Biberist und der Mündung in die Aare bei Luterbach. Mit ihren Uferwäldern und Gehölzen ist die Emme in der dicht besiedelten und industriell intensiv genutzten Gegend das prägende Landschaftselement. Zwar hat man ihr Flussbett in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts von damals bis zu 120 Metern Breite auf 25 bis 30 m verengt und kanalisiert. Trotzdem wirkt der bisweilen von Auenwäldern gesäumte Unterlauf mit seinen vereinzelten Kiesbänken als willkommene Auflockerung der städtisch dominierten Siedlungsstruktur, in der unterschiedliche Nutzungen auf engstem Raum aufeinanderprallen. Im Durcheinander der zahlreichen Verkehrsträger, Infrastrukturbauten und grossflächigen Industrieareale dienen die Ufer der Emme und ihr unmittelbares Umland der lokalen Bevölkerung denn auch als beliebtes Naherholungsgebiet.

Von belasteten Standorten gesäumt

Geografische Verteilung der belasteten Standorte
© BAFU

Allerdings weist der 4,8 km lange Gewässerabschnitt zwischen dem Wehr Biberist und der Aare erhebliche Hochwasserschutzdefizite auf. Dies dokumentieren neben den lokalen Gefahrenkarten auch die Erfahrungen der August-Hochwasser von 2005 und 2007. Aufgrund der zu geringen Abflusskapazität besteht bei extremen Abflüssen eine Verklausungsgefahr im Bereich von mehreren Brücken, und es droht die Überflutung von Siedlungsgebieten. Käme es zu Dammbrüchen, könnte die Schadensumme sogar 200 Mio. CHF übersteigen.

Damit die Emme Hochwasser künftig schadlos ableiten kann, soll ihr nun flussabwärts von Biberist wieder mehr Platz eingeräumt werden. Davon verspricht sich die zuständige Fachstelle des Kantons Solothurn nicht nur mehr Sicherheit, sondern auch eine erhöhte Strukturvielfalt im Gewässer und entlang der Uferbereiche. Bevor die Arbeiten zur Aufwertung dieser Flusslandschaft beginnen können, müssen jedoch zuerst mehrere belastete Standorte entschärft werden, die sich ganz oder teilweise innerhalb des neuen Gewässerraums befinden. Die im kantonalen Kataster erfassten Flächen liegen vorwiegend in ehemaligen Nebenarmen der Emme, die man nach der Kanalisierung des Hauptgerinnes scheinbar ohne Bedenken zur Ablagerung von Abfällen nutzte. Auch mehrere Kiesgruben in Ufernähe dienten nach ihrer Ausbeutung als Deponien für Kehricht, Gewerbe- und Industrieabfälle oder für Bauschutt.

Eine unverzichtbare Planungshilfe

«Insbesondere bei der Planung von grossräumigen Infrastrukturvorhaben wie etwa neuen Strassenverbindungen, Bahnlinien, Leitungsbauten oder eben Gewässerrevitalisierungen kommt dem KbS ein hoher Stellenwert zu», sagt Reto Tietz. Dank der online verfügbaren Katasterdaten lassen sich böse Überraschungen, Terminverzögerungen und Budgetüberschreitungen durch verunreinigtes Bodenmaterial, das erst bei den Bauarbeiten zum Vorschein kommt, inzwischen weitgehend ausschliessen. In der Regel ist die Bauherrschaft nämlich informiert, weiss aufgrund der Voruntersuchungen ziemlich genau, was sie erwartet, und kann entsprechende Vorbereitungen treffen.

Allein die geplante Aufweitung der Emme unterhalb von Biberist tangiert zehn belastete Standorte. Dabei müssen drei stark kontaminierte Grundstücke komplett saniert werden. Dazu gehört zum Beispiel die Bioschlammdeponie der 2011 stillgelegten Papierfabrik Biberist. Auf einer ufernahen Fläche von rund 10‘000 Quadratmetern hat das Unternehmen in den 1970er-Jahren Schlämme aus der betriebseigenen Kläranlage abgelagert und die Becken später mit bauschutthaltigem Material überdeckt. Heute wachsen über der Altlast Bäume, doch die Idylle trügt, denn die hohen Gehalte an Kohlenwasserstoffen bedrohen die Qualität der lokalen Wasserressourcen.

Totalsanierungen und Teilaushub

Flussabwärts in Zuchwil ist man im Untergrund der ehemaligen Kehrichtdeponie Rüti ausserdem auf die giftigen Substanzen Cadmium und Arsen gestossen. Auch hier muss zuerst der gesamte Perimeter abgeholzt werden, bevor der Aushub des belasteten Deponiekörpers beginnen kann. «Roden und vollständig ausräumen» heisst die Devise ebenfalls am rechten Emme-Ufer in Derendingen, wo die mit Kehricht, Gewerbeabfällen, Sperrgut, Aushub und Bauschutt gefüllte Deponie am Schwarzweg komplett entfernt wird. Die vorgesehene Entwicklung des Standorts als dynamischer Auenbereich soll nämlich später nicht zu einer zusätzlichen Beeinträchtigung der Ökosysteme und Wasservorkommen durch übermässige Schwermetall- oder Kohlenwasserstoff-Belastungen führen.

Kostenschätzungen zufolge machen allein die drei Altlastensanierungen rund 40 % des Gesamtaufwands von gut 70 Mio. CHF für das Revitalisierungsprojekt aus. Sofern der vorgesehene Zeitplan nicht noch Änderungen erfährt, soll die Realisierung 2016 beginnen und drei bis fünf Jahre dauern.

Neben den drei Altlasten stehen der Gewässeraufweitung auch mehrere aufgefüllte Kiesgruben, eine Bauschuttdeponie, ein ehemaliger Kohlelagerplatz sowie der Kugelfangbereich einer Schiessanlage im Weg. In diesen Fällen beschränken sich die vorgeschlagenen Massnahmen in der Regel auf einen Teilaushub und die Sicherung der Standorte.

Typisch für die Verhältnisse im Mittelland

Der konkrete Fall im solothurnischen Mittelland ist keine Ausnahmesituation, sondern vielmehr typisch für die dicht besiedelten und industriell intensiv genutzten Flussebenen zwischen dem Boden- und dem Genfersee.

Etwa anderthalb Jahrzehnte nach Beginn der Arbeiten haben inzwischen alle 26 Kantone und die drei - mit dem Vollzug der Altlastenbearbeitung in ihrem Verantwortungsbereich beauftragten - Bundesstellen BAV, BAZL und VBS ihre Kataster der belasteten Standorte abgeschlossen. Wie die Auswertung durch das BAFU zeigt, gibt es schweizweit rund 38‘000 belastete Standorte, von denen sich knapp zwei Drittel im Mittelland und seinen Randgebieten befinden.

Erfreulicherweise liegt die effektive Gesamtzahl tiefer als die vor Jahren vorgenommene Schätzung von 50‘000. Diese Grössenordnung ergab sich aufgrund einer Hochrechnung der in manchen Kantonen früher erstellten «Verdachtsflächenkataster». Für eine Erfassung genügte damals der blosse Verdacht auf eine Belastung. Für den Eintrag eines Grundstücks im KbS muss hingegen eine entsprechende Gewissheit oder zumindest die hohe Wahrscheinlichkeit einer Belastung bestehen.

Die Verteilung der Standorte in den jeweiligen Regionen widerspiegelt die Besiedelungsdichte und die wirtschaftlichen Aktivitäten. So finden sich im Mittelland pro Quadratkilometer durchschnittlich 1,9 belastete Standorte, im Jura 1,2 und im Alpenraum lediglich 0,3.Von der Gesamtzahl entfallen 39 % auf Deponien, 1 % auf Unfallstandorte und 60 % auf Betriebsareale - einschliesslich der rund 4000 Schiessanlagen. Wie die Auswertung nach Branchen zeigt, haben dabei Autowerkstätten, Tankstellen, Schiessanlagen von Gemeinden und Militär sowie metallverarbeitende Betriebe in den weitaus meisten Fällen zu einem Katastereintrag geführt.

Verglichen mit den europäischen Nachbarstaaten steht die Schweiz dennoch gut da. So gibt es hierzulande beispielsweise keine Kriegsaltlasten. «Ausserdem hat auch der Mangel an nicht erneuerbaren Rohstoffen wie Metallerzen, Erdöl oder Kohle unser Land weitgehend vor grossflächigen Bodenverunreinigungen bewahrt», stellt Christoph Reusser von der Sektion Altlasten des BAFU fest. «Als Folge davon waren bei uns auch umweltbelastende Branchen wie der Bergbau und die Schwerindustrie mit ihren enormen Emissionen nie so präsent wie etwa im Ruhrgebiet.»

Viele belastete Standorte in den Bauzonen

Mit Ausnahme der Schiessanlagen stehen praktisch alle Betriebe im Überbauungsgebiet. Ihre zahlenmässige Dominanz wirkt sich folglich stark auf die Nutzungszonen der belasteten Standorte aus. So liegen 52 % sämtlicher belasteten Areale in den Bauzonen, obwohl die Siedlungsgebiete in der Schweiz flächenmässig nur knapp 7 % ausmachen. Im Landwirtschaftsgebiet dominieren jedoch die Ablagerungsstandorte und Schiessanlagen.

«Bauvorhaben auf belasteten Standorten werden uns und künftige Generationen noch intensiv beschäftigen», sagt Christoph Reusser. Dabei gehe es einerseits um die Entsorgung von grossen Mengen an kontaminiertem Material und andererseits um Massnahmen zum Schutz vor Immissionen - wie etwa bei Bauten auf Standorten mit schadstoffbelasteter Porenluft. «Die meisten belasteten Betriebsstandorte liegen heute noch direkt unter genutzten Gebäuden. Bei diesen über 11‘000 Objekten ist es eine besondere Herausforderung, allenfalls nötige Untersuchungen respektive Sanierungsschritte durchzuführen.»

Die im KbS eingetragenen Grundstücke belegen landesweit eine Fläche von fast 230 Quadratkilometern, was ungefähr der Grösse des Kantons Zug entspricht. Davon machen die Betriebsstandorte trotz ihres zahlenmässigen Übergewichts nur etwa ein Drittel aus. Der grosse Rest geht auf das Konto der rund 15‘600 ehemaligen Deponien.

Nur jeder dritte Standort erfordert Massnahmen

Ein Eintrag im KbS bedeutet nicht automatisch, dass sich dadurch auch Massnahmen aufdrängen. So sind bei 70 % aller Standorte keine altlastenrechtlichen Schritte notwendig. «Entweder haben schon die Abklärungen im Zuge der Katastererhebung gezeigt, dass von ihnen weder schädliche noch lästige Einwirkungen ausgehen, oder gestützt auf die Voruntersuchung erachten die zuständigen Behörden eine Überwachung oder Sanierung als nicht notwendig», erklärt Christoph Reusser. Trotzdem bleiben die Standorte im Kataster, damit man ihre Belastung nicht vergisst. «So muss zum Beispiel bei späteren Aushubarbeiten das kontaminierte Material umweltgerecht entsorgt werden.»

Die Gesamtkosten der Altlastenbearbeitung in der Schweiz werden auf rund 5 Mrd. CHF geschätzt. Von diesem Betrag entfallen rund 1,3 Mrd. CHF auf Vor- und Detailuntersuchungen. Bislang ist man auf rund 1100 sanierungsbedürftige Altlasten gestossen. Landesweit rechnet das BAFU weiterhin mit einem Gesamttotal von 4000 solcher Altlasten.

Diese Zahl beinhaltet auch die bis heute etwa 700 abgeschlossenen Sanierungen. Sie erfolgten zu rund 80 % mittels einer Dekontamination durch Aushub mit anschliessender Bodenwäsche, thermischer Behandlung oder Deponierung. Nur in 20 % der Fälle war es möglich, belastete Flächen vor Ort zu sanieren. Dadurch fielen Gesamtkosten von 425 Mio. CHF an, wobei der Aufwand für die noch laufenden Projekte in dieser Summe nicht enthalten ist. Darunter fallen auch die grossen und teuren Deponiesanierungsprojekte der mit Sonderabfällen stark belasteten Standorte in Kölliken (AG), Bonfol (JU) oder Monthey (VS). Auch ohne deren Berücksichtigung liegen die durchschnittlichen Sanierungskosten pro Standort bei den Deponien am höchsten.

Potenzielle Gefährdung von Schutzgütern

Hinsichtlich der Umweltrisiken stellen die belasteten Standorte vor allem eine Gefahr für die Gewässerqualität dar. So befinden sich gut 60 % aller im KbS erfassten Flächen in einem Gewässerschutzbereich mit nutzbarem oder genutztem Grundwasser. Den hohen Druck auf die Wasserressourcen im Mittelland dokumentiert auch die Nähe der belasteten Standorte zu Oberflächengewässern, liegt doch ein Viertel weniger als 50 m von einem Fluss-, Bach- oder Seeufer entfernt. In den nächsten Jahren gilt es deshalb, die weitere Untersuchung dieser Standorte vorrangig zu behandeln und bei Bedarf Sanierungs- oder Überwachungsmassnahmen zu treffen, um das unliebsame Erbe aus der Vergangenheit zu entschärfen.

Mit ihrer nun fertiggestellten landesweiten systematischen Erhebung aller belasteten Standorte und der Sanierung umweltgefährdender Altlasten nach ihrer Dringlichkeit steht die Schweiz europaweit sehr gut da. Wie bei der Emme-Revitalisierung lassen sich dabei im Idealfall mehrere Umweltschutz- und Nutzungsanliegen erfolgreich kombinieren. Die Aufwertung der Gewässerlebensräume, ein optimierter Hochwasserschutz und die Steigerung der Attraktivität eines beliebten Naherholungsgebiets gehen hier Hand in Hand mit der Beseitigung umweltbelastender Schadstoffe.

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Letzte Änderung 21.05.2014

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