Deponie Illiswil (BE): Entgiftungskur für den Illiswilbach

25.11.2015 - 1,5 Mio. Kubikmeter teils problematische Abfälle wurden vor Jahren im Illiswilgraben bei Bern deponiert. Bei der etappenweisen Sanierung dieser Altlast prallen unterschiedliche Interessen aufeinander.

Startgrube der Bohrung
© Schenk AG

Text: Hansjakob Baumgartner

Wie ein Sanierungsfall sieht er eigentlich nicht aus. Gesäumt von üppigem Ufergehölz plätschert der Mülibach munter dahin, bevor er in den Wohlensee im Westen von Bern mündet. Das war nicht immer so. Einst floss der Bach hier durch ein schnurgerades Betongerinne. Ein Revitalisierungsprojekt gab ihm in den Jahren 2003/04 die neue Gestalt.

Doch so lebendig, wie es aussieht, ist das Gewässer nicht. Schadstoffe, die stromaufwärts über den Illiswilbach einfliessen, beeinträchtigen die Wasserqualität.

Renaturierter Mülibach vor der Mündung in den Wohlensee.
© Hansjakob Baumgartner

Bach unter Abfallhalde

Die Quelle der Verunreinigung liegt 1 km nordwestlich beim Weiler Illiswil. Wer sich von Bern her durch das Mülital der Ortschaft nähert, dem fällt auf, dass hier etwas mit der Topografie nicht stimmen kann. Tatsächlich: Der Illiswilgraben ist nicht mehr - wie von der Natur gewollt - tief eingeschnitten, sondern wurde zwischen 1962 und 1975 auf einer Länge von 700 Metern mit 1,5 Mio. Kubikmetern Bauschutt, Hausmüll, Kehrichtschlacken und Strassenschlämmen aufgefüllt. Auch flüssige und ölige Industrieabfälle gelangten in die Deponie. Den Illiswilbach hatte man zuvor in ein Rohr verlegt, das heute unter der Deponie durchführt. Unterhalb des Damms, der nach der Schliessung der Abfallhalde mit Aushubmaterial aufgeschüttet und mit Bäumen bepflanzt worden war, fliesst das Gewässer nun auf einer 200 m langen Strecke wieder frei bis zum Zusammenfluss mit dem Mülibach.

Sanierung der Altlast Illiswil (BE): In der ersten Etappe wurde das Deponiewasser durch Stahlrohre der Kanalisation zugeführt.
© Schenk AG

Schadstoffgehalte über dem Grenzwert

Bei zwischen 2001 und 2008 durchgeführten Untersuchungen fanden sich hier Rückstände von Ammonium, die über den Grenzwerten der Altlasten-Verordnung liegen. Periodisch wurden auch die Limiten für Vinylchlorid und polychlorierte Biphenyle (PCB) überschritten.

Ammonium kann sich in das Fischgift Ammoniak umwandeln. Zwischen den beiden Substanzen herrscht im Wasser ein Gleichgewicht, das unter anderem von der Temperatur abhängt: Je wärmer das Wasser, desto höher ist der Ammoniakanteil. Vinylchlorid ist krebserregend, und PCB sind als langlebige Umweltgifte mit mannigfach schädlicher Wirkung auf viele Organismen gefürchtet. Die Schadstoffe gelangten auf verschiedenen Wegen in den Illiswilbach: Über Sickerleitungen aus der Deponie, unterirdisch via Deponiedamm und Grundwasser oder durch Risse im Rohr der Bacheindolung unter dem Deponiekörper.

Die Grenzwertüberschreitungen erforderten gemäss Altlasten-Verordnung eine Sanierung. «Zwar war die Beeinträchtigung begrenzt», meint Jürg Krebs vom Amt für Wasser und Abfall (AWA) des Kantons Bern, «doch musste man davon ausgehen, dass das Gefährdungspotenzial mit der Zeit zunehmen und langfristig mehr Deponiesickerwasser in die Eindolung dringen könnte.»

Ein oft gewähltes Vorgehen in solchen Fällen besteht darin, die Deponie auszubaggern, das Material mittels Bodenwäsche oder thermisch zu behandeln oder es erneut zu entsorgen. Auf einen Totalaushub wurde jedoch verzichtet. «Eine Sanierung nach diesem Verfahren wäre in Anbetracht der riesigen Abfallmengen und des nicht sehr hohen Gefährdungspotenzials sicher unverhältnismässig gewesen», erklärt Christoph Reusser von der Sektion Altlasten im BAFU- zumal vorgängig auch ein neuer Standort für das Deponiegut hätte gefunden werden müssen.

In einer zweiten Etappe soll nun der Illiswilbach umgeleitet werden. Zwei Varianten stehen zur Diskussion: Bachführung oberirdisch (2 auf der Karte) oder durch einen Stollen (3 auf der Karte). 1 auf der Karte: Illiswilbach oberhalb der Deponie.
© Amt für Wasser und Abfall des Kantons Bern

Sanierung in Etappen

Nach längeren Untersuchungen wurde eine schrittweise Sanierung beschlossen. In einer ersten Etappe wurde das Deponiewasser der Sickerleitungen gefasst und statt in den Bach in die Abwasserreinigungsanlage (ARA) in Wohlen geleitet. Dazu galt es allerdings zuerst abzuklären, ob die Kläranlage überhaupt in der Lage war, die zusätzliche Schadstofffracht zu bewältigen. Ein Pilotversuch, bei dem das verschmutzte Wasser über provisorische Leitungen eingeleitet wurde, zeigte ein positives Ergebnis.

In der Folge wurden die Sickerleitungen definitiv vom Illiswilbach abgehängt. Seit Anfang 2015 fliesst das in ihnen gefasste Deponiewasser durch einen 620 m langen Stollen in ein unterirdisches Absetzbecken und danach via Kanalisation in die ARA. 1,65 Mio. CHF kostete diese Sanierungsetappe. Damit ist der Illiswilbach vom grösseren Teil der Schadstofflast befreit. 70 bis 80 Liter verunreinigtes Wasser pro Minute waren zuvor über die Sickerleitungen eingeflossen.

Aufwendige Umleitung des Illiswilbachs

Noch gelangen indessen rund 55 Liter Deponiewasser durch Risse in der Eindolung in den Bach. Deshalb soll dieser in einer zweiten Etappe umgeleitet werden, sodass er nicht mehr direkt mit der Deponie in Berührung kommt. Die Realisierung des entsprechenden Bauprojekts ist für 2016/17 geplant. Zwei Varianten stehen zur Diskussion. Die erste besteht darin, den Illiswilbach oberirdisch um die Deponie herumzuführen. Die zweite Variante sieht vor, den Bach oberhalb der Deponie durch einen Stollen direkt in den Mülibach zu leiten.

Für Variante eins spricht, dass dabei auf einer 1100 m langen Strecke wieder ein lebendiges Fliessgewässer entstehen würde. Allerdings ginge auch Gewässerlebensraum verloren. Denn damit der Bach auf der ganzen Länge genug Gefälle aufweist und nicht zu tief ins Gelände eingeschnitten werden muss, müsste er oberhalb der Stelle, an der er heute unter dem Boden verschwindet, abgeleitet werden. Der Abschnitt von da bis zur Eindolung würde damit trockengelegt. Mit negativen Folgen für die Natur: Eine 2013 durchgeführte Erhebung hat nämlich ergeben, dass diese Bachstrecke ökologisch wertvolle Strukturen aufweist.

Hinzu kommt, dass die Illiswiler Bauern Land für den sogenannten Gewässerraum des Bachs abgeben müssten. «Vonseiten der Landeigentümer kommen deshalb Widerstände gegen diese Lösung», sagt Jürg Krebs.

Bei der zweiten Variante mit Stollen müssten die Bauern kein Land abgeben, doch würde damit die bestehende Situation mit einem weitgehend unterirdisch geführten, leblosen Bach buchstäblich zementiert.

«Aus ökologischer Sicht ist die Variante mit oberirdischer Führung sicher die bessere und auch die nachhaltigere Lösung», findet Ulrich von Blücher von der Sektion Revitalisierung und Gewässerbewirtschaftung im BAFU. Dass dafür Agrarflächen in Gewässerraum umgewandelt werden müssten, sei für die betroffenen Landwirte zumutbar, denn der Bau der Deponie habe der Landwirtschaft seinerzeit durch die Auffüllung des steilen Illiswilgrabens auch neues, ebenes Kulturland beschert, das in der Zwischenzeit landwirtschaftlich teilweise intensiv genutzt wurde. «Einen kleinen Teil davon müssten sie nun halt wieder abgeben.»

Die Kosten der zweiten Sanierungsetappe werden auf 5 bis 6 Mio. CHF geschätzt. «Die Stollenvariante wäre im Bau etwas billiger als die offene Bachführung, dafür teurer im Unterhalt», erläutert Jürg Krebs vom kantonalen AWA. Bei Redaktionsschluss dieser Ausgabe von umwelt stand der Variantenentscheid noch aus.

Neue Lösungen gefragt

«Die Sanierung der Altlast Illiswil ist eine komplexe Angelegenheit», betont Christoph Reusser vom BAFU. «Dies zum einen, weil die gängige Lösung - das Ausbaggern des Mülls - ausser Betracht fiel. Zum anderen müssen verschiedene gesetzliche Anforderungen erfüllt werden, das heisst die Sanierungsziele der Altlasten-Verordnung ebenso wie die Bestimmungen der Gewässerschutzverordnung, die grundsätzlich die Öffnung eingedolter Bäche fordert. Hinzu kommt, dass verschiedene Interessen hineinspielen, namentlich auch diejenigen der betroffenen Landwirte.»

Noch keine detaillierten Pläne bestehen für die dritte Etappe. Dabei soll die Eindolung unter dem Deponiekörper in eine Basisdrainage umgewandelt werden. Ein möglichst grosser Anteil des Deponiewassers, das diffus versickert, kann dann über die in der ersten Etappe erstellten Leitungen ebenfalls der ARA zugeleitet werden. Die Realisierung ist für die Jahre 2018/19 geplant. Danach wird auch der Mülibach vor der Einmündung in den Wohlensee gänzlich revitalisiert sein.

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Letzte Änderung 25.11.2015

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