Karst: Höhlen wurden zu Abfallgruben

25.11.2015 - Im vorigen Jahrhundert dienten hierzulande Hunderte von Höhlen der Entsorgung von Müll. Nun gilt es, diese Abfälle samt ihren giftigen Substanzen zu beseitigen - mit kostspieligen, komplexen und heiklen Sanierungsmassnahmen. Eine Expedition in die Unterwelt des Juras und der Voralpen.

Die Müllbeseitigung in Karsthöhlen ist aufwändig und verlangt viel Handarbeit. Das Bild zeigt einen Höhlenforscher bei Entsorgungsarbeiten in der Gouffre des Envers in Provence (VD).
© Rémy Wenger, ISSKA

Text: Muriel Raemy Lindegger

In einer kleinen Felsspalte lassen sich zwei Seilverankerungen setzen. Die Beine ins Leere gestreckt, mit dem Abseilgerät in der Hand, lässt Rémy Wenger - leidenschaftlicher Höhlenforscher und Vizedirektor des Schweizerischen Instituts für Speläologie und Karstforschung (ISSKA) - das Seil Zentimeter um Zentimeter durch die Finger gleiten. Das Licht seiner Helmlampe erschliesst ihm Räume im Höhlendunkel. Hier ein Stalagmit von blendendem Weiss, dort, wenige m entfernt, der Widerschein des kristallklaren Wassers eines kleinen Sees.

Beim Räumen von Höhlen in Les Bois (JU) kamen auch mechanische Hilfsmittel zum Einsatz.
© Rémy Wenger, ISSKA

Der Speläologe gibt noch ein wenig mehr Seil und spürt endlich Boden unter den Füssen. Er lässt das Seil los und macht sich mit vorsichtigen Schritten auf in die Höhle. Plötzlich bleibt Rémy Wenger mit den Stiefeln in einer widerlich riechenden Schlammpfütze stecken. Er richtet den Strahl seiner Lampe nach oben und erblickt eine fast 20 m hohe, bräunlich verfärbte, feuchte Wand. Unglaublich: An ihrem Fuss türmt sich Müll - ein Autowrack, rostige Kübel, alte Batterien. Die konstante Temperatur und die Feuchtigkeit in der Höhle haben sie über Jahre hinweg konserviert.

Rémy Wengers Bericht endet wie folgt: «Dies ist die Geschichte der Abfallgrube ‹Creux Seupi› oberhalb von Biel (BE). Doch es könnte ebensogut diejenige des ‹Gouffre de la Petite Joux› von Ponts-de-Martel (NE) oder zahlreicher anderer Höhlen sein, die der Bevölkerung als Müllabladeplatz dienten.» Sie zählen zu den 170 durch das SISKA sanierten Höhlen in der Westschweiz. Doch laut Inventaren des Instituts sowie der Schweizerischen Gesellschaft für Höhlenforschung verbleiben in der West- und vor allem in der Deutschschweiz noch über 600 Höhlen, die es von Abfall zu befreien gilt.

Schwindelerregende Aktionen

Das SISKA kommt in der Regel im Auftrag der Kantone, die für die Sanierung dieser Altlasten zuständig sind, zum Einsatz. Im Fall der Höhle Creux Seupi, die im Jahr 2007 gereinigt wurde, lagerten die rund 200 Kubikmeter Abfall in einer Tiefe von 20 bis 35 Metern. «Sie wurden mit einem leistungsstarken Greifbagger hochgehievt. Um das verhedderte Material zu lockern, mussten permanent zwei Personen unter Tag arbeiten», erinnert sich Rémy Wenger. Nebst 15 Autowracks wurden tonnenweise Metallschrott, Schutt, Pneus und Siedlungsabfälle herausgezogen.

Wie auch in Prédame (JU) kamen mechanische Hilfsmittel zum Einsatz.
© Rémy Wenger, ISSKA

Während dieser Aktionen entnahmen die Sanierungsfachleute wiederholt Wasser- und Bodenproben. Die Laboranalysen ergaben hohe Gehalte an Schwermetallen wie Zink, Cadmium, Kupfer oder Blei. Die seit mehreren Jahren, ja gar Jahrzehnten abgelagerten Abfälle erwiesen sich demnach als noch immer gefährlich für die Umwelt.

Die Schweizer Karstwelt

Nahezu alle der schweizweit erfassten 9000 Höhlen liegen in sogenannten Karstgebieten. Diese machen 20 % des Untergrundes unseres Landes aus, namentlich im Jura und in den Voralpen.

Die Karte gibt einen Überblick über gereinigte Karsthöhlen in der Westschweiz.
© Rémy Wenger, ISSKA

Bei Karst handelt es sich um ein Korrosionsphänomen, das beim Kontakt von Kalk mit Regenwasser entsteht. Letzteres erodiert das Gestein und bildet so für Karstregionen typische Formen wie trichterförmige Dolinen, Höhlen, Klüfte oder auch die rinnenartigen Karren oder Schratten. Das Besondere: In diesen Gebieten fliesst das Niederschlagswasser nur selten oberflächlich ab. «Dabei regnet es dort genauso häufig wie anderswo», scherzt Rémy Wenger. Aufgrund eines Netzes von unzähligen Zwischenräumen und Spalten versickert das Wasser direkt im Boden, durchläuft das Karstsystem und fliesst dann unterirdisch ab.

Dolinen und andere Vertiefungen zählen zu den bevorzugten Passagen für Grundwasser. Im Kalkgestein wird dieses nicht gefiltert, sondern führt die verschiedenen Schadstoffe, die aus der Zersetzung und Auflösung von Abfällen entstehen, mit sich fort. Wie lassen sich also Schadstoffe im Karst lokalisieren? Wo soll man nach ihnen suchen?

Um die Sanierung von belasteten Standorten zu regeln, hat der Bund die Altlasten-Verordnung erlassen. «Im Karst lassen sich aber die klassischen Methoden zur Ermittlung und Analyse von Verschmutzungen nicht direkt anwenden», erklärt Reto Tietz von der Sektion Altlasten des BAFU. Die traditionellen Probeentnahmen sowie Bohrungen in Standortnähe sind in diesem Fall ineffizient. «Die äusserst rasche Reaktion auf Niederschläge und deren Verfrachtung über grosse Distanzen mit stark verdünnender Wirkung führen dazu, dass das Lokalisieren von Schadstoffen im Karst sehr schwierig ist», erläutert die auf Altlasten spezialisierte Beraterin Hélène Demougeot-Renard. Folglich lasse sich auch der genaue Einfluss eines belasteten Standortes auf die Wasserqualität schwerlich abschätzen.

«Eine heimtückische Verschmutzung»

Die ohnehin schon anspruchsvolle Problemstellung wird mit dem Aufkommen chlorierter Lösungsmittel (CKW) noch komplexer. Diese wurden ab 1920 eingesetzt, unter anderem in der chemischen Reinigung und beim Entfetten von Metallteilen - vor allem in der Uhrenindustrie. Ihre grossräumige Verwendung in der Schweiz hatte zur Folge, dass heute über 12‘000 Standorte belastet sind. Mehr als 2000 davon befinden sich in Karstgebieten, hauptsächlich im Jurabogen.

Der aus einer Höhle in Provence (VD) geborgene Abfall – darunter auch Sondermüll – füllt Mulde um Mulde.
© Rémy Wenger, ISSKA

«Eine heimtückische Verschmutzung», wie es Hélène Demougeot-Renard ausdrückt, «denn sind die chlorierten Lösungsmittel erst einmal im Gelände versickert, ist ihr Verhalten sehr kompliziert. Ihre Dichte ist höher als die von Wasser, und durch ihre veränderliche Löslichkeit sind sie schwer zu lokalisieren und noch schwieriger zu behandeln.» Wegen ihrer Toxizität stellen diese Stoffe eine ernsthafte Gefahr für das Grundwasser dar.

ChloroKarst - eine neue Methodik

Angesichts der Bedeutung des Problems - es vereint die Komplexität der Karstsysteme und das unvorhersehbare Verhalten chlorierter Kohlenwasserstoffe - hat der Bund das Forschungsprojekt ChloroKarst auf die Beine gestellt. Projektpartner sind Philippe Renard, Professor für Hydrogeologie an der Universität Neuenburg, André Bapst, Geologe bei der MFR Géologie - Géotechnique SA in Biel, sowie Hélène Demougeot-Renard als Leiterin des auf Altlasten spezialisierten Beratungsunternehmens eOde in Neuenburg.

Sondermüll
© Rémy Wenger, ISSKA

Liegen erste Ergebnisse vor, wird ChloroKarst einer Arbeitsgruppe des BAFU und der betroffenen Kantone ein systematisches Vorgehen vorschlagen, das den Behörden ermöglichen soll, den Grad der Verschmutzung objektiv zu beurteilen. Zudem soll ChloroKarst eine Entscheidungsgrundlage dafür bieten, ob belastete Standorte überwacht oder gar saniert werden müssen. Das Projekt bewegt sich an der Schnittstelle von Hydrogeologie, Physik, Chemie und Mathematik und steckt mit seinen Aktivitäten noch in den Anfängen, denn es betritt wissenschaftliches Neuland. «Momentan testen wir eine Messmethode, welche die im Wasser enthaltenen Schadstoffe über längere Zeit erfasst», erklärt Hélène Demougeot-Renard. «Wir versuchen, sowohl die Abflüsse wie den Schadstofftransport zu modellieren, um die Schadstoffkonzentrationen vorherzusagen.»

Die Messinstrumente und Computermodelle, die ChloroKarst entwickelt, sind definitiv raffinierter als die Lampe des Höhlenforschers. Doch auch sie haben zum Ziel, Licht in die Unterwelt zu bringen.

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Letzte Änderung 25.11.2015

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