Sondermülldeponie Kölliken: Das Mahnmal verschwindet

25.11.2015 - Die grösste Altlast der Schweiz ist abgetragen. Die Sondermülldeponie von Kölliken (AG) steht als Sinnbild für eine umfassende Aufarbeitung der Abfallsünden der Vergangenheit.

Die riesige Halle über der Sondermülldeponie in Kölliken (AG) ist zu einem Symbol geworden für die erfolgreiche Altlastensanierung in der Schweiz.
© rotair

Text: Kaspar Meuli

Es war der Gestank, beissend und allgegenwärtig, der die Dinge in Kölliken (AG) ins Rollen brachte. Monatelang hatte die Bevölkerung zugesehen, wie dubioser Müll aus der halben Schweiz angekarrt wurde. Doch dann wehte auf einmal unerträglicher Mief von der alten Tongrube ins Dorf; es wurden Klagen laut. «Nur was man riecht und sieht», sagt Hertha Schütz-Vogel, «wird von den Menschen als Gefahr wahrgenommen.» Niemand setzte sich so entschieden für eine Schliessung der Deponie ein, wie die heute 75-jährige Kämpfernatur. Sie war die Erste, die erkannte, welch hohe Gefahr vom Giftmüll für das Grundwasser ausging.

Inzwischen ist die «Grösste Umweltsünde der Schweiz» («Basler Zeitung») beinahe getilgt. Die letzten der in Kölliken eingelagerten rund 475‘000 t Sondermüll sind im Sommer 2015 ausgebaggert worden. Nun gilt es noch den kontaminierten Fels abzutragen. Kurz vor Abschluss des Aushubs stattete Hertha Schütz-Vogel der Aufräumoperation einen Besuch ab. Ihren ersten, seit die Arbeit in der gigantischen Halle vor 8 Jahren aufgenommen wurde. Die von Weitem sichtbare, weisse Stahlkonstruktion gilt heute als Symbol für die Altlastensanierung in der Schweiz. «Ich bin erleichtert, dass alles ausgegraben wurde, es gab keine andere Lösung», sagt Hertha Schütz-Vogel. «Hut ab vor den Menschen, die dort arbeiten.»

Tatsächlich ist diese Aufgabe nicht jedermanns Sache. Baggerführer und Chemieexperten arbeiten in Fahrzeugen mit luftdichten, gepanzerten Kabinen. Muss sich ausnahmsweise jemand zu Fuss auf der Müllhalde bewegen, dann nur mit Schutzanzug, Schutzmaske und GPS-Sender. Zwischen 50 und 60 Personen sind ständig mit dem Ausgraben, Analysieren und Abtransportieren des Giftmülls beschäftigt. Um das Entweichen von Luft in die Umwelt zu verhindern, herrscht in der Halle Unterdruck. Die Filteranlage, mit welcher der Abluft alle Schadstoffe entzogen werden, ist so gross wie ein Einfamilienhaus. Kurz: So eine Sanierung gab es noch nie, sie ist weltweit einzigartig.

«Bisher wurde keine Sondermülldeponie mit diesen Dimensionen mitten in einem bewohnten Gebiet leergeräumt», erklärt Benjamin Müller, der Geschäftsführer des Deponiekonsortiums. «Wir müssen hier einen vollen industriellen Betrieb aufrechterhalten.» Diese Pionierarbeit fasziniert. Bis zu 10‘000 Menschen im Jahr verfolgten von einer Besuchertribüne aus, wie in der Halle der 15 m hohe Müllberg Schicht für Schicht abgetragen wurde. Unter ihnen immer wieder Delegationen von Fachleuten aus ganz Europa.

Die Geschichte, wie es zur «Apokalypse im Aargau» («Die Zeit») kam, füllt Bände. Hier eine Kurzversion.

© SMDK

In den 1970er-Jahren herrschte Notstand bei der Müllentsorgung. In Zürich zum Beispiel war der Bau einer Verbrennungsanlage für Sondermüll abgelehnt worden, und nun wusste man nicht wohin mit der Schlacke aus der Kehrichtverbrennung und dem Aluminiumwerk Refonda. Und in Basel brauchten die Chemiefirmen dringend Ersatz für eine Halde in Bonfol (JU), die stillgelegt wurde . Da kam die Idee einer zentralen Ablagerung auf, in der auch giftige Abfälle gesammelt würden, die bisher unkontrolliert in Gewässern, Kiesgruben oder Wäldern entsorgt worden war.

Um diese Idee in die Tat umzusetzen, bildete sich ein Konsortium. Hauptpartner waren die Kantone Aargau und Zürich, und mit einer Minderheit beteiligt die Stadt Zürich und eine Gruppe Chemiefirmen. Als Standort der Sondermülldeponie gewählt wurde die ehemalige Tongrube von Kölliken. Ein geologisches Gutachten - es bestand aus gerade mal acht Seiten - hatte die Grube für «praktisch dicht» und damit gefahrlos fürs Grundwasser erklärt.

1978 wurde die Sondermülldeponie Kölliken unter dem Kürzel SMDK eröffnet. Die Preise lagen bewusst tief, und so wurde bald jegliche Art von Sondermüll angeliefert: von der Schlacke aus Kehrichtverbrennungen über Armeebatterien bis zu Säureharzen und chemischen Destillationsrückständen. Die Abfälle mussten zwar deklariert werden, aber was tatsächlich deponiert wurde, wollte niemand wissen. Wer kritische Fragen stellte, wurde lächerlich gemacht. Als Hertha Schütz-Vogel und weitere Frauen vom Gemeinderat eine öffentliche Informationsveranstaltung verlangten, bekamen sie zu hören: «Ihr würdet besser Guetzli backen!» Der Kantonsarzt tat Klagen über Kopfschmerzen, Übelkeit und Schlaflosigkeit als «Hausfrauensyndrom» ab. Die Behörden versicherten, alles im Griff zu haben, und der überwiegende Teil der Bevölkerung glaubte ihnen. Erst als in den Medien davon die Rede war, dass das aus der Grube sickernde Wasser die Schadstoffgrenzwerte massiv überschreite, kippte die Stimmung.

1985 schliesslich kam das Ende. Der Gemeinderat von Kölliken beschloss, die Deponie zu schliessen. Das Betreiberkonsortium hatte für die künftige Abdeckung der Gifthalde 2 Mio. CHF zur Seite gelegt. Ein lächerlicher Betrag, wie sich zeigen sollte. Wenn die Sanierungsarbeiten 2020 definitiv abgeschlossen sind und auf der mit Erde aufgefüllten Grube wieder Gras wächst, wird das grosse Aufräumen zwischen 800 Mio. und 1 Milliarde CHF gekostet haben.

© SMDK; airophoto schiphol

Der lange Weg zur Totalsanierung

Wer ist schuld an diesem Fehlschlag? Wie hätte sich die grösste Altlast der Schweiz verhindern lassen können? Bei einem Besuch vor Ort stellt umwelt diese Fragen 3 Männern, die Jahre ihres Berufslebens damit zugebracht haben, die Umweltsünde von Kölliken aus der Welt zu schaffen. Es sind: Jean-Louis Tardent, ehemaliger SMDK-Geschäftsführer, Benjamin Müller, sein Nachfolger, und Peter Kuhn, Leiter der Sektion Abfälle und Altlasten in der Aargauer Verwaltung. Nachfolgend ein Ausschnitt aus dem Gespräch.

Jean-Louis Tardent: «Das war halt der Stand der Technik, für jene Zeit war die SMDK eine moderne Deponie.»

Benjamin Müller: «Einverstanden, das Konzept war in Ordnung, aber die Deponie war billig gemacht, und die Ausführung der Basisabdichtung ...»

Tardent: «...bei damaligen Deponien machte man noch gar keine Basisabdichtung.»

Müller: «Eine bessere Technologie hätte es aber schon gegeben.»

Tardent: «Ja, aber die war zu teuer und das Konsortium hatte kein Geld. Nur die Chemie konnte sich zu dieser Zeit so was leisten.»

Peter Kuhn: «Die Gründung der SMDK war ein abfallhistorisches Ereignis. In der Abfallwirtschaft herrschte dannzumal ein riesiges Chaos. Erst die negativen Erfahrungen in Kölliken führten letztlich zu klaren gesetzlichen Regelungen über die Entsorgung von Abfällen.»

Fazit: Die grossen Fragen lassen sich heute, bald 40 Jahre nachdem in Kölliken die ersten Giftfässer eingelagert wurden, wohl nicht mehr klären. Und damals, als die Sondermülldeponie zum Himmel stank, suchte man weniger nach Schuldigen, als nach Wegen, den angerichteten Schaden zu beheben.

Zu Beginn der Schadensbehebung ging es darum, die Auswirkungen auf Bevölkerung und Umwelt der bereits zu zwei Dritteln aufgefüllten Grube einzudämmen. Als Sofortmassnahme wurde die Deponie abgedeckt und mit einer Abluftverbrennung sowie einer Kläranlage versehen. Dank einer Drainage im Abstrom der Deponie konnten weitere Austritte von Schadstoffen ins Grundwasser verhindert werden. Doch was sollte langfristig geschehen? Nach jahrelangem Hin und Her wurde eine Gesamtsanierung beschlossen, der vollständige Rückbau der Deponie also. Den Ausschlag für diesen Entscheid gab nicht zuletzt das Geld. Die Betriebskosten für die Sicherung der Deponie beliefen sich auf 4 Mio. CHF im Jahr, und dies auf unbestimmte Zeit. Bis zum Abklingen der Giftigkeit des Mülls auf ein erträgliches Mass wären wohl mehrere Hundert Jahre vergangen.

Wie vertrackt die Sanierung werden sollte, konnte sich gar niemand vorstellen. Überall warteten Herausforderungen - vom technischen Neuland über die Finanzierung bis zum Bewilligungsprozedere mit Blick auf Arbeitssicherheit und Brandschutz. «Ein so komplexes multidisziplinäres Verfahren hatte es zuvor gar nie gegeben», sagt Peter Kuhn, der Aargauer Altlastenverantwortliche. Doch es sei gelungen, einen Bewilligungsprozess, der gewöhnlich wohl 6 bis 8 Jahre in Anspruch genommen hätte, in 3 Jahren abzuwickeln.

«Kölliken» setzt Massstäbe

Genugtuung herrschte auch hinsichtlich des technischen Know-hows, das in Kölliken im Umgang mit Altlasten entwickelt wurde. Die Verladestationen etwa, in denen Container mit dem ausgebaggerten Müll befüllt werden, kommen heute bei allen bedeutenden Sanierungen zum Einsatz. Sie sorgen dafür, dass aus einer Halle kein Gift nach draussen gelangt. Zu wahrer Meisterschaft gar brachten es die Sanierer bei der Analyse des Materials, das sie Baggerschaufel um Baggerschaufel ausgegraben haben. Das Problem dabei: Wie lässt sich durch die Analyse von wenigen g sagen, was in Dutzenden von t wild gemischten Giftmülls steckt? Dieses Wissen aber ist entscheidend für die Weiterbehandlung und die Entsorgung des Abfalls, der übrigens zu 65 % nach Deutschland und Holland exportiert wird. Dies, weil die Schweiz zu klein ist für eine eigene Anlage zur Hochtemperaturverbrennung.

Zum Schluss wollen wir wissen, wie sich das Trauerspiel um die Sondermülldeponie eigentlich auf das 4000-Seelen-Dorf Kölliken ausgewirkt hat? «Das negative Image hing dem Dorf lange an», erzählt der ehemalige Gemeindeammann Peter Rytz. Die Landpreise fielen, und die Nachbardörfer entwickelten sich deutlich schneller als die Standortgemeinde der Deponie. Lange Zeit sei auch das Verhältnis zum Betreiberkonsortium «extrem gespannt» gewesen. Das änderte sich, als klar wurde, dass die verseuchte Grube vollständig ausgebaggert werden sollte. Und als die riesige Rückbauhalle dann schliesslich allen Autofahrenden, die zwischen Bern und Zürich unterwegs sind, zum Begriff wurde, musste sich der Gemeindeammann auch keine dummen Sprüche über sein «Giftdorf» mehr anhören. «So schlecht die Deponie über all die Jahre für Kölliken war», zieht Peter Rytz Bilanz, «so sehr hat sich der Rückbau der SMDK nun zu einem Vorzeigeprojekt entwickelt.»

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Letzte Änderung 25.11.2015

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