Wissenstransfer mit ChloroNet: Lohnender Erfahrungsaustausch

25.11.2015 - Das BAFU betreibt zusammen mit dem Kanton Zürich das breit abgestützte Netzwerk ChloroNet zur Problematik der chlorierten Kohlenwasserstoffe (CKW). Damit leistet der Bund einen wichtigen Beitrag zum fachlichen Austausch unter allen Beteiligten. Ziel ist es, mit pragmatischen Lösungen belastete Standorte zu sanieren oder zu behandeln.

Chlorierte Kohlenwasserstoffe gehören nicht ins Grundwasser. Die nationale Plattform Chloro- Net fördert den Erfahrungsaustausch und ermöglicht das gemeinsame Entwickeln von Lösungen. Die Bilder zeigen Untersuchungs- und Sanierungsarbeiten an CKW-belasteten Standorten.
© Infobroschüre ChloroNet BAFU/AWEL, 2015

Text: Lukas Denzler

Sie waren über Jahrzehnte hinweg beliebt und weit verbreitet - die chlorierten Kohlenwasserstoffe, kurz CKW. Günstig und einfach in der Anwendung, wurden sie ab 1920 als Lösungsmittel eingesetzt. In der mechanischen Industrie zum Entfetten von Metallteilen, in der Uhrenindustrie, aber auch in chemischen Reinigungen. Ab 1970 erkannte man, dass CKW toxisch wirken, denn bei Personen, die mit CKW in Berührung gekommen waren, traten gesundheitliche Probleme auf. Zum Schutz der betroffenen Arbeitskräfte begann der Staat, die Verwendung dieser Stoffe einzuschränken. Ende der 1970er-Jahre wurden CKW im Grundwasser entdeckt. Die Substanzen waren jahre- oder jahrzehntelang an verschiedenen Stellen punktuell in den Untergrund gelangt. In der Schweiz sind über 12‘000 belastete Standorte mit CKW verunreinigt, und in den kommenden Jahren müssen schätzungsweise 1100 CKW-Altlasten saniert werden. Problematisch macht die CKW, dass sie ausgesprochen langlebig und im Grundwasser gleichzeitig relativ mobil sind. «Bei 12 % der Messstellen im Siedlungsgebiet sind die Anforderungswerte der Gewässerschutzverordnung für CKW im Grundwasser von maximal 1 Mikrogramm pro Liter überschritten», stellt Miriam Reinhardt von der Sektion Hydrogeologische Grundlagen im BAFU fest. Bund und Kantone erfassen die Grundwasserqualität landesweit im Rahmen der Nationalen Grundwasserbeobachtung NAQUA.

Know-how für komplexe Sanierungen

Die Abklärungen zu belasteten Standorten sind in den meisten Fällen eine vielschichtige und langwierige Angelegenheit. Eine erfolgreiche Sanierung erfordert viel Wissen, das nicht immer wieder neu erarbeitet werden sollte. Aus diesem Grund haben das BAFU sowie die Kantone Zürich und St. Gallen 2007 die nationale Plattform ChloroNet ins Leben gerufen. Dieses Netzwerk fördert den Erfahrungsaustausch im Umgang mit CKW und trägt dazu bei, neue praxistaugliche Lösungen für belastete Standorte zu entwickeln. «Weil der Umgang mit CKW-Standorten derart komplex ist, wollen wir mit ChloroNet für alle Beteiligten eine Möglichkeit schaffen, voneinander zu lernen», sagt Christiane Wermeille, die Leiterin der Sektion Altlasten beim BAFU. Im Gegensatz zu den verschiedenen Fachgruppen im Bereich der Altlastensanierung, in denen meistens nur Kantonsvertreter zusammenkommen, ist ChloroNet bewusst weit gefasst. Neben Bund und Kantonen arbeiten auch Fachpersonen für Altlastensanierungen, Hydrogeologen, betroffene Firmen und Grundstückseigentümer sowie Forschungsinstitute mit.

In seinen Anfängen hat ChloroNet vor allem Grundlagen erarbeitet. So wurde unter anderem ein Leitfaden über die Stoffeigenschaften erstellt oder die Frage erörtert, mit welchen Untersuchungsstrategien sich CKW-Belastungen im Untergrund am besten nachweisen lassen. Danach waren die Abgrenzung und die Fracht belasteter Standorte Themen, und es wurden Kriterien für einen Sanierungsunterbruch diskutiert. Ein wichtiges Element bei diesem Wissenstransfer sind Arbeitsgruppen sowie die jährlich stattfindenden Workhops und Tagungen. Die Tagungen werden jeweils von über 200 Fachleuten besucht und haben sich zu einem der wichtigsten Weiterbildungsanlässe im Bereich Altlasten entwickelt.

Aus Fallbeispielen lässt sich viel lernen

«Wir arbeiten oft mit konkreten Beispielen und Fallstudien», sagt Monika Schwab-Wysser, die ChloroNet im BAFU betreut. So stellte etwa der Kanton Bern an einem Workshop ein lehrreiches Beispiel aus dem Vallon de Saint-Imier vor. 1992 hatten Messungen in zwei Trinkwasserfassungen von Renan im jurassischen Längstal eine Gesamtbelastung von bis zu 200 Mikrogramm CKW pro Liter ergeben. Mithilfe von Bodenluftanalysen suchte man nach den Quellen. Von fünf möglichen Betriebsstandorten und drei Deponien erwies sich dann eine ehemalige Fabrik von Uhrengehäusen, die ihren Betrieb 1981 eingestellt hatte, als Verursacherin der CKW-Belastung.

In der Folge kamen verschiedene Sanierungsmethoden zum Einsatz. Bei 8 Bohrungen wurden Grundwasser sowie Bodenluft entnommen und mit einem Aktivkohlefilter gereinigt. Die Massnahme wirkte zwar, aber noch lange nicht in genügendem Umfang. Deshalb versuchte der Kanton Bern, das Problem mit der Zugabe von einer zuckerhaltigen Melasse in den Griff zu bekommen. Aber auch nach Anwendung dieser «biologischen» Methode waren die CKW-Konzentrationen noch immer zu hoch.

Was tun in einer solchen Situation, fragten sich die Teilnehmenden des Workshops und tauschten Erfahrungen in ähnlich gelagerten Fällen aus. Denn nicht nur in Renan zeigt sich, dass sich die Ziele bei CKW-Sanierungen manchmal nicht erreichen lassen. «In diesen Fällen sind klare Kriterien hilfreich, die es erleichtern abzuwägen, ob ein Sanierungsunterbruch in Betracht gezogen werden kann oder ob weitere Untersuchungen und Abklärungen nötig sind», erläutert Monika Schwab-Wysser.

In den gesetzlichen Grundlagen für den Umgang mit Altlasten sind nicht alle Details geregelt. Deshalb sind laut Gabriele Büring vom Amt für Abfall, Energie, Wasser und Luft (AWEL) des Kantons Zürich die gemeinsam erarbeiteten Praxisanleitungen für die Kantone so hilfreich. Als Projektleiterin koordiniert sie zusammen mit dem BAFU die Aktivitäten von ChloroNet. Die Kantone seien aufgefordert worden, komplexe CKW-Fälle im Netzwerk zur Diskussion zu stellen, erzählt sie. Zusammen mit Expertinnen und Experten seien diese Problemfälle dann diskutiert und Lösungsideen entwickelt worden. «Das war nur möglich, weil ein gemeinsames Verständnis und eine gute Vertrauensbasis vorhanden sind.»

ChloroNet stellt den Kantonen aber nicht nur wichtige Grundlagen zur Verfügung. Jürg Krebs vom Amt für Wasser und Abfall (AWA) des Kantons Bern betont etwa, das Netzwerk erleichtere auch den Zugang zu in- und ausländischen Experten. Über besonders viel Sanierungserfahrung verfügt der Kanton Zürich. Seit Mitte der 1980er-Jahre, als im Limmattal die ersten Sanierungen belasteter Standorte durchgeführt wurden, hat der Kanton viel Know-how erarbeitet. Wissen, das im Rahmen von ChloroNet gerne auch anderen Kantonen zur Verfügung gestellt werde, so Jean-Claude Hofstetter vom AWEL.

Das Grundwasser als Ressource schützen

Noch ist das Ziel nicht erreicht, doch die vielfältigen Anstrengungen bei der Sanierung der CKW-Altlasten lohnen sich. In den 1980er-Jahren mussten wegen zu hoher CKW-Belastung in verschiedenen Kantonen Trinkwasserfassungen aufgegeben werden. Diese Notmassnahme ist heute eher selten erforderlich. Doch im Interesse eines möglichst naturbelassenen d.h. nicht aufbereiteten Trinkwassers sowie intakter Boden- und Gewässer-Lebensgemeinschaften müssen die Anstrengungen unvermindert fortgesetzt werden.

Wissenstransfer und Erfahrungsaustausch zahlen sich aus. Sie führen zu effizienten Massnahmen und tragen wesentlich zur Verbesserung der Grundwasserqualität bei. Das belegen nicht zuletzt die neuesten Ergebnisse von NAQUA. «Bei einzelnen CKW sind die Konzentrationen im Grundwasser erfreulicherweise rückläufig. Tetrachlorethen, das die Hauptbelastung ausmacht, erweist sich hingegen als ausgesprochen hartnäckig», stellt BAFU-Spezialistin Miriam Reinhardt fest. Weil die im Grundwasser gemessenen Werte vielerorts immer noch zu hoch sind, dürfe das Engagement bei der Sanierung belasteter Standorte nicht nachlassen. Kommt dazu, dass neue Herausforderungen warten. Zum Beispiel der Umgang mit Vinylchlorid, einem sehr toxischen Abbauprodukt der CKW. Bereits nimmt sich eine neue ChloroNet-Arbeitsgruppe dieses Themas an.

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Letzte Änderung 25.11.2015

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