Zwischenbilanz Altlastensanierung: Halbzeit beim grossen Aufräumen

25.11.2015 - Der Rückblick auf gut 15 Jahre Altlastenbearbeitung und -sanierung ist erfreulich. Die Bestandesaufnahmen und rund die Hälfte der Untersuchungen sind abgeschlossen, fast 1000 der geschätzten 4000 Altlasten bereits saniert. Nun aber braucht es weitere Anstrengungen, um das Grossprojekt bis zum Jahr 2040 zu vollenden.

Text: Nicolas Gattlen

Möglichst schnell und billig wollte man seine Abfälle im letzten Jahrhundert loswerden. Oft wurde mit einer heute kaum mehr vorstellbaren Sorglosigkeit gehandelt. So landeten nebst dem üblichen Haushaltskehricht auch mal brennbare Sonderabfälle in ausgebeuteten Kiesgruben, Chemikalien flossen ungefiltert in den Rhein, und giftige Produktionsrückstände versickerten auf dem Hinterhof einer Firma. Frei nach dem Motto: Aus den Augen, aus dem Sinn.

Um den Umgang mit Abfällen aus heutiger Sicht zu beurteilen, sind aber auch die damalige Infrastruktur, die technischen Verfahren, Gesetze und Vollzugsregeln zu berücksichtigen. Die meisten Altlasten gehen auf die Jahre zwischen 1950 und 1980 zurück, als die Kläranlagen noch im Aufbau waren und Regeln für die umweltgerechte Entsorgung von Industrie- und Siedlungsabfällen weitgehend fehlten. Erst 1983 wurden mit dem Umweltschutzgesetz (USG) die rechtlichen Grundlagen geschaffen, um Vorschriften über den Schutz des Menschen und seiner Umwelt vor schädlichen oder lästigen Einwirkungen zu erlassen. 7 Jahre später definierte etwa die Technische Verordnung über Abfälle (TVA) präzise Anforderungen an Abfälle und Deponien.

Sonderfall Schweiz

Die Sünden früherer Tage aber wirken bis heute nach. Wie stark ist die Schweiz davon betroffen? «Im Vergleich mit anderen Industrienationen sind wir in einer etwas speziellen Situation», erklärt Christoph Reusser, Mitarbeiter der Sektion Altlasten des BAFU. «Wir haben hier zwar keinen Bergbau, kaum Schwerindustrie, keine grossflächigen Industrieanlagen und keine Kriegsaltlasten. Trotzdem verfügt die Schweiz über eine vergleichsweise hohe Dichte an belasteten Standorten . Dies vor allem darum, weil sich die Standorte auf das stark besiedelte und industrialisierte Mittelland konzentrieren, wo sie insbesondere die empfindlichen Grundwasservorkommen bedrohen.»

© Grafik: BAFU; Bilder: Franz Schenker, Schenker Korner Richter AG; Ex-press

Am 1. Oktober 1998 setzte der Bund die Altlasten-Verordnung (AltlV) in Kraft. Sie enthält Vorschriften für einen einheitlichen Umgang mit belasteten Standorten in der ganzen Schweiz und stützt sich auch auf die langjährigen Erfahrungen anderer Länder wie etwa Deutschlands oder der Niederlande.Die Kantone, das Bundesamt für Verkehr (BAV), das Bundesamt für Zivilluftfahrt (BAZL), das Departement für Verteidigung, Bevölkerungsschutz und Sport (VBS) sowie das Bundesamt für Strassen (ASTRA), die für den Vollzug der Bestimmungen verantwortlich sind, haben die belasteten Standorte in ihrem jeweiligen Kataster systematisch erfasst oder werden dies in naher Zukunft noch tun. Mittlerweile ist diese Datensammlung beinahe abgeschlossen und als Web-GIS-Anwendung im Internet abrufbar. Insgesamt 38‘000 belastete Standorte sind aufgeführt. Darunter finden sich ehemalige Deponien (40 % aller Standorte), belastete Betriebsstandorte (knapp 50 %), Schiessanlagen (rund 10 %) sowie Unfallstandorte (rund 1 %). Fast zwei Drittel der Standorte liegen im dicht besiedelten Mittelland und über die Hälfte der Areale in den Bauzonen, wo sich besondere Herausforderungen ergeben. Die Platzverhältnisse sind hier eng, zudem befinden sich vielfach Wohnungen oder Schulen in der Umgebung. Falls die bestehenden Industrie- oder Gewerbegebäude nicht abgerissen werden können, sind oft aufwendige und langwierige Pumpaktionen erforderlich. Gleichzeitig ergeben sich bei Sanierungen in einer Bauzone auch Chancen für Synergien, denn auf ehemaligen Industriearealen können attraktive Wohn- oder Bürogebäude entstehen.Massnahmen je nach AnalyseergebnissenNach einem Katastereintrag beurteilen die Vollzugsbehörden, ob durch einen belasteten Standort schädliche Einwirkungen zu erwarten sind. Falls mit Einflüssen auf die Umwelt zu rechnen ist, gilt es, den Standort zu analysieren. Dazu werden historische und meist auch technische Untersuchungen durchgeführt. Anschliessend wird entschieden, ob der Standort überwacht oder sogar saniert werden muss. Hierfür bieten sich, je nach Fall, unterschiedliche Massnahmen an. Das können mal Sicherungsbauten sein, die verhindern, dass sich Schadstoffe ausbreiten. Mal nutzt man vor Ort mikrobiologische Verfahren zur Umwandlung problematischer Stoffe in unschädliche. Mal wird der verunreinigte Untergrund vollständig ausgebaggert und extern entsorgt.

Doch in den meisten Fällen sind keine Massnahmen zu ergreifen. Die Beurteilung der Vollzugsbehörden zeigt, dass mehr als die Hälfte (61 %) der belasteten Standorte nicht näher untersucht werden muss, da keine Beeinträchtigungen für Mensch und Umwelt drohen. Trotzdem verbleiben diese Standorte im Kataster. Der Grund dafür ist, dass jeder belastete Standort als Informationsquelle zu dokumentieren ist. Denn wird künftig zum Beispiel ein Aushub gemacht, gilt es, das verunreinigte Material zu entsorgen. Bei weiteren 10 % der Standorte, so die Beurteilung, besteht weder Überwachungs- noch Sanierungsbedarf. Und bei knapp 8000 Standorten wurden die zur Beurteilung nötigen Untersuchungen noch nicht durchgeführt. Dies muss spätestens bis 2025 der Fall sein.

Etappenweises Vorgehen

Das BAFU rechnet mit rund 4000 sanierungsbedürftigen Standorten. Die Bearbeitung dieser Altlasten dauert voraussichtlich noch bis zum Jahr 2040. Sie erfolgt etappenweise nach deren Dringlichkeit, wobei die grössten Risiken zuerst entschärft werden. Massgebend für die Risikoabschätzung sind 3 Faktoren: die Art und Menge der umweltgefährdenden Stoffe, das Risiko einer raschen Freisetzung sowie die Empfindlichkeit und Bedeutung der betroffenen Schutzgüter. Mit diesem Begriff werden diejenigen Umweltelemente bezeichnet, die, wenn sie kontaminiert sind, die Gesundheit von Menschen, Tieren und Pflanzen beeinträchtigen können, das heisst Grund- und Oberflächengewässer, der Boden sowie die Luft.

Als «belastete Standorte» gelten gemäss der Altlasten- Verordnung Ablagerungsstandorte, die sich noch in Betrieb befinden oder stillgelegt wurden (Deponien), sowie Betriebs- und Unfallstandorte, die durch Abfälle verschmutzt sind. «Altlasten» sind belastete Standorte, die zu schädlichen oder lästigen Einwirkungen auf die Umwelt führen oder bei denen die konkrete Gefahr hierfür besteht. Sie sind sanierungsbedürftig.
© BAFU

Falls die zu schützenden Güter bereits beeinträchtigt oder unmittelbar gefährdet sind, gilt es rasch zu handeln. Eine komplette Sanierung aber sei nicht in jedem Fall nötig, erklärt Christoph Reusser. Nicht überall müsse beispielsweise der gesamte Untergrund ausgehoben werden. Denn die Altlasten-Verordnung sehe nicht vor, die Belastungen vollständig zu entfernen, sondern die Schutzgüter vor schädlichen Einwirkungen zu bewahren. Es gelte das Prinzip der Verhältnismässigkeit. Mancherorts lasse sich das Sanierungsziel auch mit Sicherungen oder mit In-situ-Verfahren erreichen. Dabei werden die Schadstoffe vor Ort ohne Aushub entfernt, zum Beispiel durch Pump-, Absaug- oder mikrobiologische Methoden. Weniger dringend ist die Bearbeitung von Altlasten, welche die Schutzgüter nicht akut gefährden oder wenn sich die Freisetzung der Schadstoffe durch natürliche Abbauprozesse laufend vermindert. Doch auch in diesen Fällen ist das Ziel, die Quellen der Belastungen bis spätestens 2040 zu stoppen. Die Schadstoffgrenzwerte sollen dauerhaft unterschritten werden, damit auch langfristig keine Sanierung mehr nötig ist.

Sorge um das Trinkwasser

Die Hauptsorge der Behörden gilt dem Trinkwasser. Aufgrund der engen Platzverhältnisse in der Schweiz befinden sich diverse Belastungen durch ehemalige Deponien in unmittelbarer Nähe von Trinkwasserfassungen. Vielerorts stammt das gefasste Wasser aus Grundwasservorkommen. Das Grundwasser ist denn auch das mit Abstand am häufigsten beeinträchtigte Schutzgut. Über 60 % der belasteten Standorte liegen in Gewässerschutzbereichen mit genutzten oder nutzbaren Grundwasservorkommen. Bei Grundwasserfassungen im öffentlichen Interesse toleriert der Gesetzgeber grundsätzlich keine Schadstoffe. Sofern hier Rückstände oder problematische Abbauprodukte nachweisbar sind, gilt ein belasteter Standort als sanierungsbedürftige Altlast.

Die Sünden der Vergangenheit sind teuer

Rund 5 Mrd. CHF dürfte die Altlastenbearbeitung kosten . Etwa ein Viertel dieser Summe ist für die Untersuchungen zur Klassierung der belasteten Standorte einkalkuliert, rund 3,7 Mrd. beansprucht die Sanierung von geschätzten 4000 Altlasten. Dabei zeigt sich, dass grossflächige oder tiefgründige Ablagerungsstandorte mit grossen Mengen an deponierten Sonderabfällen generell die höchsten Sanierungskosten verursachen. Die Bearbeitung von Schiessanlagen etwa kommt bedeutend günstiger zu stehen. Obschon sie bislang über die Hälfte der Sanierungsfälle ausmachen, verursachten die Kugelfänge weniger als 15 % der gesamten Sanierungskosten.

Wie künftige Hypotheken vermieden werden

Um weitere Altlasten zu vermeiden, wurden die im Umweltschutzgesetz verankerten Vorschrif-ten für den Umgang mit umweltgefährdenden Abfällen, Abwässern und Chemikalien schrittweise verschärft. So sorgen etwa die Verbrennungspflicht für brennbare Rückstände, verschärfte technische Anforderungen an Deponien und strenge Auflagen für den Verkehr mit gefährlichen Abfällen dafür, dass heute normalerweise keine sanierungsbedürftigen Standorte mehr entstehen können. Vollständig befreit von Umwelthypotheken werden aber wohl auch kommende Generationen nicht sein - zum Beispiel weil wir im grossen Stil CO2 in die Luft blasen oder Plastikmüll produzieren, der irgendwann im Meer landet.

Die Altlastenhypothek aber dürfte bis 2040 vollständig abgetragen sein. «Wir sind gut unterwegs», bilanziert Christoph Reusser. «Etwa die Hälfte der Wegstrecke ist geschafft.» Nun aber brauche es weiterhin grosse Anstrengungen, um auch das Ziel zu erreichen.

Die Hypotheken von morgen

Zweifellos wird auch unsere Generation den kommenden unerwünschte «Hypotheken» hinterlassen, etwa Plastikrückstände im Meer oder Kohlendioxid (CO2), das sich in der Atmosphäre anreichert und den Treibhauseffekt verstärkt sowie die Meere versauert.

Weniger bekannt sind die Konsequenzen der schwindenden Biodiversität, die Auswirkungen der übermässigen Stickstoffeinträge oder die Folgen von Mikroverunreinigungen, die über das Abwasser und die Landwirtschaft in unsere Gewässer gelangen. Hinzu kommen die Problemfelder, die sich unserer Wahrnehmung derzeit entziehen. Der Soziologe Ulrich Beck hält in seinem Werk «Risikogesellschaft» fest, dass es gerade die Unsichtbarkeit ist, welche die heutigen (und künftigen) Bedrohungen kennzeichnet. Umso wichtiger ist es, potenzielle Gefahren frühzeitig zu erkennen und den Stand des Wissens sowie der Technik stetig zu aktualisieren, damit wir den nachfolgenden Generationen möglichst keine Hypotheken hinterlassen.

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Letzte Änderung 25.11.2015

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