Biodiversität und Bildung: Was wächst denn da?

23.05.2013 - Das internationale Bildungsprogramm GLOBE hat zum Ziel, Schülerinnen und Schüler zum Erforschen ihrer Umwelt anzuhalten. Die Kinder und Jugendlichen lernen so wichtige ökologische Zusammenhänge kennen. Als ein Schwerpunktthema gelten in der Schweiz gebietsfremde invasive Pflanzenarten, welche die Biodiversität bedrohen. Ein Schulbesuch zeigt: Der künftige wissenschaftliche Nachwuchs ist eifrig bei der Sache.

Text: Lucienne Rey

Nicht immer fallen Invasoren mit Kanonendonner und Schlachtgebrüll ein - es gibt auch solche, die sich schleichend breitmachen. Das ist auch Corinne und Mirjam aufgefallen: «Auf der Jagd nach den heimlichen Eroberern» lautet der Titel ihres Plakats, das sie an diesem frühen Morgen vor ihrer Maturitätsklasse am Gymnasium Kirchenfeld in Bern vorstellen. Die zwei jungen Frauen und ihre Kameraden haben im fachübergreifenden Unterrichtsgefäss «Naturwissenschaftliche Methoden» diejenigen Pflanzenarten im nahen Worblental kartiert, die von anderen Kontinenten stammen und sich auf Kosten der einheimischen Flora und Fauna ausbreiten (sogenannte invasive Neophyten). Jede Arbeitsgruppe präsentiert nun ihr Poster, das Aufschluss über Fragestellung, Methode, Hypothesen und Resultate der Erhebung gibt und die Arbeit vieler Std. bündelt.

Sensibilisieren für Natur und Wissenschaft

Der von den Lehrern Georg Thormann (Geografie) und Heinz Stöckli (Biologie) gemeinsam gestaltete Unterricht verbindet mehrere Anliegen. Zum einen sollen die Schülerinnen und Schüler ihre erworbenen fachlichen und methodischen Kenntnisse anwenden. Zum andern werden sie an die selbstständige wissenschaftliche Arbeitsweise herangeführt und damit auf die Anforderungen der Hochschulen vorbereitet. Durch diese Verknüpfung von ökologischer Sachkunde und wissenschaftlicher Methode ist das Gymnasium Kirchenfeld dafür prädestiniert, am internationalen Bildungsprogramm GLOBE teilzunehmen.

Das Akronym GLOBE steht für «Global Learning and Observations to Benefit the Environment» und bezeichnet ein internationales Bildungsprogramm für alle Schulstufen, das im Jahr 1994 vom damaligen US-amerikanischen Vizepräsidenten Al Gore aus der Taufe gehoben wurde. Heute beteiligen sich weltweit über 26‘000 Schulen aus 112 Ländern an GLOBE, davon allein in Europa 41. In der Schweiz wurde der GLOBE-Förderverein im Jahr 2009 gegründet. GLOBE Schweiz ist für die Bildungsarbeit des BAFU ein wichtiger Partner (siehe dazu auch «umwelt 4/2010»).

Dank GLOBE gewinnen die beteiligten Schülerinnen und Schüler Einsichten, die über die persönliche Arbeit hinausgehen: Die gesammelten Daten werden im Internet veröffentlicht und können mit den Erhebungen der Klassen aus anderen Regionen oder gar aus dem Ausland verglichen werden. Im Fall der Neophyten-Kartierung leitet GLOBE die Datenblätter zudem an Info Flora weiter. Diese Stiftung, die in Genf und Bern je eine Geschäftsstelle unterhält, hat sich der Dokumentation und Förderung der Wildpflanzen in der Schweiz verschrieben und sammelt hierfür Informationen zu Vorkommen, Gefährdung, Schutz und Biologie der Schweizer Flora. Die Verantwortlichen von Info Flora haben im Gegenzug beim Entwurf der Datenblätter und Erhebungsleitlinien von GLOBE Schweiz mitgewirkt.

Beträchtlicher Aufwand

Der Posterpräsentation vor der Klasse - Höhe- und Schlusspunkt in einem - ist mancher Arbeitsschritt vorangegangen. Die Gymnasiastinnen und Gymnasiasten lernen zunächst im botanischen Garten Aussehen und Eigenschaften der invasiven Neophyten kennen, die sie im Worblental antreffen könnten. In Gruppen suchen die Schülerinnen und Schüler anschliessend einen bestimmten Abschnitt des Worblentals ab und erheben mit einem Satellitennavigationsgerät den genauen Standort der vorgefundenen Pflanzen. Ausserdem füllen sie für jeden Fund ein Datenblatt aus, das Aufschluss über Anzahl Triebe und Entwicklungsstadium der Einzelpflanzen, Grösse des Bestands, Deckungsgrad der Fläche sowie Beschaffenheit des Lebensraumes gibt. Damit sich Anwohnende und Landbesitzer nicht über die Jugendlichen wundern, die am Flüsschen entlangstreifen, hat Georg Thormann zuvor die betroffenen Gemeinden informiert.

Die gesammelten Daten werden von der Speicherkarte des Satellitennavigationsgeräts auf den PC übertragen und in Tabellenkalkulationsblätter eingelesen, damit Info Flora sie übernehmen kann. Zudem werden sie mit dem geografischen Informationssystem ArcGis ausgewertet und auf einer Landkarte vermerkt. Die mit bunten Punkten versehenen Pläne stehen meistens im Zentrum der Poster.

Hoher Ertrag

Die Plakate sind vom persönlichen Stil ihrer Gestalter geprägt und widerspiegeln damit ein wichtiges Ziel von Georg Thormann: «Die Schüler sollen ihre eigenen Entscheidungen treffen. Sie sehen sich im Feld mit Situationen konfrontiert, die sie selber bewältigen müssen.» Der Lehrer lässt den Jugendlichen freie Hand, wenn es etwa um die Frage geht, ob alle Pflanzen gezählt oder bloss Stichproben ausgewertet werden sollen. Die Entscheidung muss allerdings stichhaltig begründet und das einmal gewählte Verfahren konsequent angewandt werden.

Beim Formulieren ihrer Arbeitshypothesen müssen die Gymnasiastinnen und Gymnasiasten ihre Pflanzenkenntnisse mit dem untersuchten Lebensraum in Beziehung setzen und die erforschte Umgebung genau beobachten. Letzteres ist Georg Thormann ein besonderes Anliegen: «Anders als frühere Generationen, die tagelang durch Wald und Flur stromerten, sitzen die heutigen Jugendlichen viel am PC und kennen die Natur oft nicht mehr aus eigener Anschauung. Umso wichtiger ist die Arbeit im Feld.» Etliche der angehenden Nachwuchsforscherinnen und -forscher lösen die Aufgabe mit Bravour. «Es ist anzunehmen, dass entlang der Worble vor allem das Drüsige Springkraut und der Japanische Staudenknöterich zu finden sind, da beide Pflanzenarten feuchtigkeitsliebende Neophyten sind», lautet beispielsweise eine der zahlreichen Arbeitshypothesen. Sie lassen sich durch die empirischen Befunde erhärten.

Kein Produkt für die Schublade

In der Diskussion wird deutlich, dass sich nicht alle Arbeitsgruppen mit der gleichen Unbefangenheit in ihrem Untersuchungsgebiet bewegten: Im einen Fall liessen sie sich durch Zäune abhalten, obschon der Zugang zum anderen Ufer durch das Bachbett möglich gewesen wäre; auch eine Kuhherde vermochte von der lückenlosen Erhebung abzuschrecken. Doch übers Ganze gesehen lobt Georg Thormann die Arbeit der Gruppen. Ihre Daten treffen denn auch weitgehend zu; das zeigt sich daran, dass die Gesamtergebnisse der beiden beteiligten Klassen gut übereinstimmen.

In der Schlussdiskussion wird deutlich, dass die Schülerinnen und Schüler mit offenen Augen an ihre Aufgabe herangegangen sind: «Die Gemeinden unterscheiden sich stark in ihrem Einsatz gegen die Neophyten», hat beispielsweise Julian bemerkt, und René gibt zu bedenken, dass die landwirtschaftliche Nutzung die gebietsfremden Pflanzen zwar in Schach halte, ein intensiver Anbau allein aber auch keine Lösung im Sinn der Biodiversität bringen könne. Melinda und Eric schliesslich begrüssen es, dass die Erhebung ins GLOBE-Programm eingebunden wurde: «Es ist gut zu wissen, dass unsere Resultate verwendet werden.» Die erhobenen Daten fliessen in ein Monitoring ein und liefern somit etwas Munition für die Abwehrschlacht, die gegen die unerwünschten Eindringlinge geführt werden muss.

 


Biodiversität dank vieler Partner ins Bewusstsein heben

Die Strategie Biodiversität Schweiz hält im Ziel Nr. 7 fest: «Bis 2020 ist das Wissen über die Biodiversität in der Gesellschaft ausreichend vorhanden.» Laut Beat Bringold, Leiter der Sektion Umweltbildung im BAFU, erreicht das Amt dank seiner zahlreichen Partner alle massgeblichen Zielgruppen: «Ausser mit GLOBE arbeiten wir beispielsweise mit Silviva, dem Bildungszentrum WWF oder verschiedenen Naturzentren zusammen, die zahlreiche Angebote bereitstellen, unter anderem auch für Lehrpersonen», erklärt der Fachmann für Umweltbildung. Biodiversität ist in diesen Kursen ein zentrales Thema. Über die Lehrpersonen vermag das BAFU auch die Schülerinnen und Schüler für die ökologische Vielfalt zu sensibilisieren.

Das Amt sichert via Zusammenarbeit mit der Stiftung éducation21 auch die Koordination und Vernetzung verschiedener Akteure in der Umweltbildung. «Den stärksten Hebel setzen wir aber auf der systemischen Ebene an», sagt Beat Bringold. Das BAFU bringt dabei die zum Schutz der biologischen Vielfalt erforderlichen Kompetenzen über die Berufsbildung an die künftigen Gärtnerinnen oder Planenden sowie an alle anderen Praktiker der «grünen Berufe: «Somit bekommt auch ein angehender Förster im Lauf seiner Ausbildung eine ‹Portion Biodiversität›», weiss Beat Bringold.

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Letzte Änderung 23.05.2013

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