Wertschöpfungskette in Gang bringen: Ein kleiner Schritt mit grosser Wirkung

Die Zukunft des Verzascatals mit seinen pittoresken Dörfern, Wasserfällen, Felswänden, Wäldern, Wiesen und Weiden findet zu einem guten Teil in der Magadinoebene in einer Industriehalle statt: Eine neu entwickelte Maschine verarbeitet auch kleine Wollmengen aus der Schafzucht, einem wichtigen Erwerbszweig der Landwirtschaft. Mit der Innovation wurde eine Lücke in der Verarbeitungskette der Wolle geschlossen - und dies weit über das Tessin hinaus. Aus Abfall wird ein gefragter Rohstoff.

Wolle Waschanlage
Gefragter Rohstoff: Schweizer Wolle lässt sich dank einer neu entwickelten Waschanlage verarbeiten.
© Associazione Pro Verzasca

Text: Vera Bueller

In der Landwirtschaft der Südschweizer Bergtäler spielt die Schafzucht eine bedeutende Rolle. Bisher hat sich aber für die Kleinbauern mit ihren rund 20‘000 Schafen nur die Fleisch- oder die Milch- und Käseverarbeitung gelohnt. Die Wolle ihrer Tiere hatte keinen besonderen Wert, denn die Weiterverarbeitung der meist kleinen Wollmengen rentierte sich nicht: Der Transport in die dafür notwendigen Anlagen - meist Grossanlagen im Ausland - ist viel zu teuer und kostet in der Regel mehr, als die Abnehmer für die Wolle zahlen. Dazu kommt, dass grosse Wollreinigungsbetriebe geringe Mengen oft gar nicht annehmen. Und auf dem internationalen Markt, etwa in der Bekleidungsindustrie, ist die Schweizer Wolle sowieso nicht handelbar, denn die Konkurrenz aus Australien, Neuseeland oder China drückt die Preise.

Es spricht also alles gegen die Verwertung von Schweizer Schafwolle. Viele Schafhalter lassen denn auch die Vliese ihrer Tiere ungenutzt verrotten oder verbrennen sie. Damit konnte sich allerdings Marcel Bisi, der Präsident des regionalen Bauern- und Kunsthandwerkerverbandes Pro Verzasca, nicht abfinden: «Es kann nicht sein, dass wir ein wertvolles Produkt, das uns die Natur schenkt, einfach in den Müll werfen.» Also überlegte er sich, wie man das Hauptproblem bei der Wollverarbeitung in den Tessiner Tälern lösen könnte: Wie und wo lassen sich kleine Mengen von Wolle dezentral waschen, trocknen und lagern? Gemeinsam mit Renzo Longhi vom Istituto CIM per la sostenibilità nell’innovazione (Institut für Nachhaltigkeit in der Innovation) der Fachhochschule der italienischen Schweiz SUPSI machte er sich 2009 auf die Suche nach einer Waschtechnologie, die den Schweizer Verhältnissen - geringe Quantitäten, abgelegene und weit verstreute Produktionsstandorte - entspräche. Schnell stellten sie fest, dass es auf dem Markt kein Produkt gab, das zu einem annehmbaren Preis beste Reinigungsergebnisse bei umweltschonendem Betrieb bot. Was lag also näher, als an der SUPSI selber eine entsprechende Maschine zu entwickeln? Unterstützung erhielten sie dabei von der eidgenössischen Kommission für Technologie und Innovation (KTI) und der Umwelttechnologieförderung (UTF) des BAFU.

Nachhaltige Produkte

Marcel Bisi Renzo Longi
Die kleinen Wollmengen werden in der Maschine automatisch gewaschen. Die Väter der Innovation: Marcel Bisi (links) und Renzo Longhi.

Die neue Wool-Wash-Anlage steht in einer Fabrikhalle in Gordola, einem eigentlichen Wolle-Kompetenzzentrum von Pro Verzasca: keine drei m lang, 50 Zentimeter breit, 1,6 m hoch. Die schmutzige Schafwolle aus dem Verzascatal durchläuft 3 Waschbehälter mit 50 Grad warmem Wasser. Sie wird mit Gabeln automatisch von einem Becken ins nächste transportiert und zwischen jedem Waschgang getrocknet. Seife und Ultraschall ersetzen aggressive chemische Reinigungsmittel; das Wasser wird laufend aufbereitet und wiederverwendet. Ein Durchlauf mit 600 g Wolle, 200 g pro Behälter, dauert 15 Minuten. Dann wird die Wolle gekämmt, gezupft, gestreckt, gebleicht, je nachdem auch gefärbt und zu Garn versponnen. Bis zu 20 kg können so pro Tag verarbeitet werden. Zum Vergleich: Eine Grosswaschanlage in Italien schafft pro Tag 60‘000 kg.

Aber mit diesen Grossbetrieben wollen die Tessiner gar nicht konkurrieren: «Uns geht es um die kleinen Dimensionen. Das steigende Bewusstsein der Konsumentinnen und Konsumenten für die Herkunft der Produkte sowie die zunehmende Wertschätzung für hochwertige regionale Waren sind die Grundlage, auf der die Idee basiert», betont Renzo Longhi. Es sei von Anfang an die Absicht gewesen, qualitativ hochwertige Wolle für Strickwaren oder Stoffe zu produzieren - nicht einfach nur für Dämmplatten, Matratzen oder Filzmatten. Damit habe Arbeit für rund 40 Mitarbeiterinnen gesichert werden können - Arbeitsplätze für Einheimische im Verzascatal, die spinnen und stricken. «Natürlich muss der Käufer für einen von A bis Z vor Ort produzierten Pullover bedeutend mehr ausgeben, als für ein Produkt bei einer internationalen Kleiderkette», sagt Marcel Bisi. Immer mehr Leute seien jedoch bereit, diesen Mehrpreis im Interesse einer nachhaltigen und ökologischen einheimischen Produktion zu bezahlen. «Das trägt zur Existenzsicherung bei den Kleinbauern bei», betont der Verzaschese mit unverkennbarem Stolz auf das Erreichte.

Beitrag zum Landschafts- und Naturschutz

Ein Schaf der im Tessin üblichen Rasse Bianca Alpina liefert jährlich 1 kg Wolle. Die Wolle muss aber nicht immer von Schafen stammen. Geliefert und angenommen wird auch Wolle vom Kamel, vom Alpaka und vom Lama oder von der Angoraziege (Mohair), und zunehmend stammt die Wolle nicht mehr nur aus dem Verzascatal, sondern auch aus anderen Tälern des Tessins. Einige wenige Bauern kaufen die verarbeitete Wolle zurück. In der Regel wird sie aber via Pro Verzasca zu Strickwaren verarbeitet oder als qualitativ hochstehendes regionales Produkt verkauft.

Gerade für Täler wie das Verzascatal mit seiner authentischen Landschaft ist die Schafzucht von besonderer Bedeutung. Denn wenn die landwirtschaftliche Nutzung der offenen Weiden für die Bauern nicht mehr attraktiv ist, verwaldet das Tal. Das ist nicht nur aus landschaftlicher Sicht ein Qualitätsverlust; auch die Artenvielfalt leidet darunter, weil Kleinlebensräume auf extensiv bewirtschafteten Flächen verschwinden. Ganz zu schweigen vom Druck zur Abwanderung, der zunimmt, wenn Arbeitsplätze und Einkommen fehlen.

Nachfrage aus dem In- und Ausland

Dass die von der SUPSI entwickelte Maschine ein Erfolg ist, zeigt sich nicht nur im Verzascatal: Die Nachfrage nach der Wollwaschanlage und nach dem dahinterstehenden Produktionskonzept wächst. «Anfragen sind bereits aus der Toskana, aus dem Veneto und aus Sizilien gekommen, auch schon aus Frankreich und Belgien», erzählt Renzo Longhi. Mit einem Stückpreis von rund 50‘000 CHF ist die leicht transportierbare Anlage erschwinglich. Und weil sie darüber hinaus leicht zu bedienen, robust und gegebenenfalls mit einfachen Mitteln zu reparieren ist, eignet sie sich auch für abgelegene Regionen. Die Vereinigung Laines d’ici in Cernier (NE) im Naturpark Chasseral will bereits in eine Anlage investieren. Für weitere Nutzerinnen und Nutzer haben die beiden Tessiner Innovatoren ein Handbuch verfasst, das auf die unterschiedlichen Schafrassen eingeht und deren Wolle nach Qualität, Weichheit und Nutzungsmöglichkeit kategorisiert. «Es wäre gut, wenn alle Naturparks mit Schafzucht eine solche regional einsetzbare Anlage erwerben würden», sagt Renzo Longhi.

Auch Ursula Frei von der BAFU-Sektion Innovation ist es ein Anliegen, dass es nicht bei einer nur punktuell erfolgreichen Entwicklung bleibt: «Wool-TI ist ein Paradebeispiel dafür, wie man mit verhältnismässig wenigen Mitteln viel erreichen kann. In diesem Fall liess sich eine ganze Wertschöpfungskette schliessen.» Es sei ein gutes Beispiel für technische Innovation. Dank der dezentralen Verarbeitung könnten auch der Transport, die Lagerung und der Verkauf der Wolle in der jeweiligen Region erfolgen. «Das ist ökologisch sinnvoll und schafft Arbeitsplätze.»

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Letzte Änderung 18.05.2016

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