Wirtschaft und Innovationspolitik: «Die Rahmenbedingungen für Umweltinnovationen sind sehr gut»

Ein Gespräch mit Heinz Müller vom Eidgenössischen Institut für Geistiges Eigentum und Christine Roth von Swissmem, dem Verband der Schweizer Maschinen-, Elektro- und MetallIndustrie, über die Förderaktivität des Bundes zugunsten von Innovationen im Umweltbereich.

Christine Roth und Heinz Müller
Dr. Christine Roth leitet beim Verband der Schweizer Maschinen-, Elektro und Metall-Industrie (Swissmem) das Ressort Umwelt und ist für die Umweltberatung und die umweltpolitische Interessenvertretung der Mitgliedsunternehmen zuständig. Die MEM-Industrie ist mit rund 330 000 Beschäftigten die grösste industrielle Arbeitgeberin der Schweiz. Prof. Dr. Heinz Müller ist Patentexperte am Eidgenössischen Institut für Geistiges Eigentum (IGE) und Dozent für Biochemie an der Medizinischen Fakultät der Universität Basel. Am IGE ist er zuständig für die Interaktionen der Patentabteilungen mit den Universitäten und Hochschulen sowie mit Förderagenturen wie dem Schweizerischen Nationalfonds.
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Interview: Daniel Zürcher und Gregor Klaus, Foto: Flurin Bertschinger, Ex-Press/BAFU

umwelt: Die Schweiz gehört bei der Cleantech-Forschung zu den führenden Nationen. Dennoch ist sie keine weltbekannte Cleantech-Exportnation. Weshalb ist das so?

Heinz Müller: Der Cleantech-Bereich ist eine Fusion ganz verschiedener Fachgebiete. Diese zusammenzuführen, ist eine grosse Herausforderung. In der Schweiz klappt das noch nicht richtig. Die Unternehmen arbeiten zu wenig zusammen. Wir exportieren zwar sehr gute Einzelkomponenten wie Motoren, Mikrosteuerungselemente und Filtersysteme, die im Cleantech-Bereich eingesetzt werden, präsentieren aber zu wenig Gesamtlösungen wie zum Beispiel komplette Abfallentsorgungssysteme oder Kehrichtverbrennungsanlagen für eine grosse Stadt oder einen ganzen Staat.

Christine Roth: Tatsächlich gibt es einen Kommunikationsbedarf. Die Schweizer Maschinen-, Elektro- und Metall-Industrie, die sogenannte MEM-Industrie, ist exportorientiert und agiert in einem globalen Markt. Die Wertschöpfungsketten sind extrem verknüpft. Unsere Mitglieder sind in ein Netzwerk aus unzähligen Akteuren eingebunden. Der Fokus der Unternehmen liegt auf dem Bestreben, sich in dieser Wertschöpfungskette mit qualitativ hochstehenden Produkten zu behaupten.

Der Staat fördert Innovationen im Umweltbereich. Ist das gerechtfertigt?

Christine Roth: Die Umwelt ist ein Allgemeingut. Es ist gerechtfertigt, dass sich der Staat als Hüter der Umweltqualität unter gewissen Rahmenbedingungen engagiert und beispielsweise Schadstoffgrenzen festlegt oder direkt Umweltinnovationen fördert. Allerdings müssen sich die Technologien schlussendlich am Markt behaupten können. Sie sollen rentieren und sich verkaufen lassen. Staatliche Eingriffe und Regulierungen dürfen deshalb nicht zu starr und zu stark werden, sonst verhindern sie wirtschaftliche Prozesse und hemmen die Innovation.

Heinz Müller: Für die Erhaltung der Luft- und Wasserqualität ist ganz klar der Staat zuständig. Wir Bürgerinnen und Bürger verursachen ja letztendlich über den Konsum die Umweltbelastungen. Und weil wir lieber einen neuen Fernseher als eine sparsame Heizung kaufen, muss der Staat die richtigen Rahmenbedingungen setzen. Selbstverständlich soll im Endeffekt auch die Wirtschaft von Umweltinnovationen profitieren.

Muss denn zuerst die Technologie vorhanden sein, bevor der Staat neue Gesetze, Grenzwerte und Normen einführen darf?

Heinz Müller: Man kann es auch umgekehrt machen - solange es wirtschaftskonform ist. Bekommt die Wirtschaft genügend Zeit, um die Innovation zu generieren, wird ein neuer Markt geschaffen. Die Firmen werden aktiv und agieren innovativ, wenn sie wissen, dass sie das Produkt später verkaufen können, weil es das Gesetz verlangt.

Christine Roth: Aus Sicht der exportorientierten Schweizer MEM-Industrie sind nationale Vorgaben immer eine Gratwanderung. Regulierungen können schnell zu einem Hemmnis werden.

Heinz Müller: Dann ist einmal mehr der Staat gefragt: Er muss versuchen, gewisse Normen international abzustützen. Ich bin kein Freund von staatlichen Eingriffen. Gerade im Umweltbereich hat der Staat aber gewisse Funktionen, die überlebenswichtig sind.

Wie beurteilen Sie die Schweizer Rahmenbedingungen für Innovationen im Cleantech-Bereich?

Christine Roth: Die Rahmenbedingungen sind sehr gut. Die Schweiz ist ein hervorragender Innovationsstandort, und es ist wichtig, diesen zu erhalten. Das Bildungsniveau ist hoch, die Forschung an den Universitäten exzellent. Unser Markt ist liberal und die Innovationsförderung richtig dosiert. Ein wichtiges Instrument ist die Innovationsförderung durch die Kommission für Technologie und Innovation (KTI). Die KTI unterstützt zwar nur zu einem kleinen Teil neue Ideen zur Entlastung der Umwelt. Viele Technologien, die in den Cleantech-Bereich einfliessen, sind jedoch technologische Innovationen aus klassischen Anwendungsgebieten. Den Innovationsgefässen des Staates steht übrigens ein riesiges Volumen an entsprechenden privatwirtschaftlichen Tätigkeiten gegenüber. Bei der steuerlichen Entlastung der Forschungs- und Entwicklungsarbeit in den Unternehmen gäbe es daher sicher noch Spielraum, um die Bemühungen der Wirtschaft zu fördern.

Heinz Müller: Der Bund könnte Umweltinnovationen zu Beginn der Innovationskette vermehrt fördern, indem er einen entsprechenden Nationalen Forschungsschwerpunkt (NFS) startet. Zentrale Anliegen von NFS sind neben einer exzellenten Forschung der Wissens- und Technologietransfer sowie die Vernetzung unter den Akteuren. Viele wichtige Umwelttechnologien sind noch in den Labors der Universitäten und noch nicht bei der Wirtschaft angelangt.

Die KTI fördert nur Forschung und Entwicklung bis zur Phase des Laborprototyps, nicht aber Pilot- und Demonstrationsanlagen, die im industriellen Alltag funktionieren können. Sollte diese Praxis geändert werden?

Heinz Müller: Ich finde nicht. Die KTI-Projekte sind Kooperationen mit Firmen. Ab einem bestimmten Zeitpunkt wird die Technologie der Firma übergeben. Die Pilotanlage hat kaum noch etwas mit Forschung zu tun und sollte von den Unternehmen generiert werden, die das Produkt später verkaufen wollen. Im Umweltbereich ist diese Situation aufgrund des Marktversagens und der spezifischen Bedürfnisse zum Schutz der Allgemeinheit etwas anders. Dafür gibt es eben die Umwelttechnologieförderung des BAFU, die explizit Pilot- und Demonstrationsanlagen fördert.

Wie beurteilen Sie dieses Instrument?

Christine Roth: Es ist unbürokratisch und praxisorientiert. Die Unterstützung durch den Bund kann Signalwirkung für weitere Sponsoren haben. Andere Projekte kommen ohne diese Förderung nicht zustande. Eine vermehrte Unterstützung von Leuchtturmprojekten mit grosser Ausstrahlungskraft wäre zu prüfen.

Heinz Müller: Es werden sehr interessante Projekte gefördert. Es ist aber ein Fehler, dass die Rückzahlungen aus den unterstützten Projekten in die allgemeine Bundeskasse fliessen und nicht wieder in Innovationen reinvestiert werden.

Schweizer Unternehmen sind zurückhaltend bei der Einführung umweltfreundlicher Innovationen. Warum lassen Firmen Möglichkeiten zur Effizienzsteigerung und Innovation ungenutzt?

Christine Roth: Das stimmt so nicht. Firmen haben viele verschiedene Aspekte zu berücksichtigen. Die Kosten bei der Einführung umweltfreundlicher Technologien sind relevant, ebenso die Abschreibungszyklen. Es stellt sich die Frage, wie eine Neuerung in den bestehenden Prozess eingefügt werden kann; die Innovation soll ja mit dem Gesamtsystem in Einklang stehen. Und: Gibt es einen Markt? Wie nachhaltig ist die Effizienzsteigerung? Das notwendige Know-how muss zu den firmenintern relevanten Personen gelangen.

Heinz Müller: Umwelttechnologie heisst nicht zwingend Effizienzsteigerung. Zuweilen ist das Gegenteil der Fall: Die Reduktion von Schadstoffemissionen bedeutet manchmal vor allem Kosten für Neuinvestitionen. Was aber oft viel wichtiger ist, ist der Imagegewinn. Dieser Aspekt kommt noch zu kurz bei den Diskussionen um Umwelttechnologien. Wenn die Industrie einen Gewinn beim Image macht, kann sie die Produkte besser verkaufen.

Christine Roth: Wir hören allerdings auch vermehrt von Unternehmen, dass sich das Argument «grün» im Verkauf alleine kaum verwenden lässt.

Heinz Müller: Das gilt nur dann, wenn das Produkt vergleichsweise teurer ist. Ist es gleich teuer, hat «grün» einen Vorteil.

Christine Roth: Das ist tatsächlich so. Ein gutes Beispiel: Eine Schweizer Firma hat ein Verfahren entwickelt, mit dem Verpackungsmaterialien für Lebensmittel durch Bestrahlung statt mit Chemie sterilisiert werden. Teure und energieintensive Chemikalienbäder fallen weg. Das bedeutet weniger Kosten und weniger CO2-Emissionen, bei gleichzeitiger Erhöhung des Durchsatzes. Der Erfolg am Markt basiert auf einer Kombination von Kosten- und Materialeffizienz mit Umweltnutzen.

 

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Letzte Änderung 18.05.2016

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