«Wirtschaft und Ökologie sind heute eng miteinander verbunden»

Im Gespräch mit dem Magazin umwelt fordert sanu-Direktor Peter Lehmann mehr Mut und Weitsicht von den Berufsverbänden. Es gelte, die ökologischen Trends zu erkennen und entsprechende Bildungsangebote zu entwickeln. Jürg Zellweger vom Schweizerischen Arbeitgeberverband sieht keinen dringenden Handlungsbedarf. Mit dem bestehenden Bildungssystem lasse sich rasch auf Veränderungen reagieren.

Interview: Nicolas Gattlen

Peter Lehmann und Jürg Zellweger
Peter Lehmann (links) und Jürg Zellweger im Innenhof der sanu-Geschäftsstelle in Biel.
© Flurin Bertschinger, Ex-Press/BAFU

umwelt: Herr Lehmann, als Direktor der sanu future learning ag spüren Sie Trends frühzeitig auf und entwickeln Strategien für die Berufsbildung. Wie sieht die Arbeitswelt von morgen aus, und welche Kompetenzen werden gefragt sein?

Peter Lehmann (PL): Wir werden wohl nie mehr in einer Situation wie nach dem Zweiten Weltkrieg sein, als das politische und wirtschaftliche Umfeld über Jahrzehnte hinweg stabil war und die Berufskarrieren ohne Brüche verliefen. Heute kann quasi über Nacht ein neuer Wirtschaftsplayer auftauchen, der ganze Branchen umwälzt oder wegfegt. Beispiele hierfür sind die Internet-Vermittlungsdienste Airbnb für Unterkünfte oder Uber für Fahrdienstleistungen. Mit einer Marktkapitalisierung von über 50 Milliarden Franken ist Uber nur wenige Jahre nach der Firmengründung bereits höher bewertet als die Credit Suisse oder die ABB. Damit hätte vor zehn Jahren kaum jemand gerechnet. Die Arbeitswelt wird durch die Digitalisierung, die Globalisierung und den raschen Technologiewandel weiter an Dynamik gewinnen, und die Berufsbildung ist entsprechend anzupassen.

Was soll sich ändern?

PL: Wir müssen die Berufsleute so ausbilden, dass sie mit Veränderungen klarkommen. Zusätzlich zu Fachkompetenzen werden künftig verstärkt Gestaltungskompetenzen oder sogenannte Schlüsselqualifikationen gefragt sein. Die Berufsleute müssen in Szenarien denken, Probleme erkennen, Strategien und Lösungen entwickeln und diese in verantwortungsvoller Weise umsetzen können.

Jürg Zellweger (JZ): Die heutige Berufsbildung gewichtet neben Fachkompetenzen auch Methoden sowie Selbst- und Sozialkompetenzen und nimmt damit die genannten Anforderungen gut auf. Wichtig ist zudem, dass die Berufsleute ihre Karriere mit einer offenen Lernhaltung angehen und laufend dazulernen und Chancen nutzen. Nicht nur die Wirtschaft ist in ständigem Umbruch, auch die gesellschaftlichen, ökologischen und politischen Rahmenbedingungen ändern sich. Es werden zum Beispiel neue Umweltschutzgesetze erlassen und neue Normen oder Labels eingeführt. Um à jour zu sein, muss man sich fortbilden.

Welche Bedeutung haben ökologische Megatrends wie Klimawandel, Verknappung der natürlichen Ressourcen?

Jürg Zellweger
Jürg Zellweger verantwortet beim Schweize­rischen Arbeitgeberverband das Ressort «Bildung und berufliche Aus- und Weiterbildung». Er ist Mitglied der Geschäftsleitung und vertritt den Verband in der eidgenössischen Berufsbildungs­kommission. Seit 2014 wirkt er zudem als Stiftungsrat von education21, dem nationalen Kompetenz- und Dienstleistungszentrum für Bildung für Nachhaltige Entwicklung (BNE) in der Schweiz.
© Flurin Bertschinger Ex-Press/BAFU

JZ: Sie sind nicht für alle Branchen gleich wichtig. Für die Cleantech- und die erweiterte Umweltbranche sind diese Themen zentral, sie bilden ihr Kerngeschäft und werden entsprechend als Wachstumstreiber gesehen. In anderen Branchen spielen sie derzeit eine untergeordnete Rolle, sie könnten in Zukunft aber an Bedeutung gewinnen. Der Bildungsbereich kann auf solche Trends rasch mit Weiterbildungsangeboten reagieren. In der Berufsbildung mit umfassend konzipierten Berufsbildern rechne ich per se nicht mit einem fundamentalen Anpassungsbedarf: Die Fertigung von Werkstücken etwa unterscheidet sich nicht nach «grünem» oder «nicht grünem» Verwendungszweck des Produktes. Die Verbände beobachten die Trends aber sehr genau und nehmen auch Anpassungen vor: Für die konkrete Ausgestaltung eines Berufsprofils ist ein Trend dann relevant, wenn er sich als ein echter Bedarf bei den Unternehmen manifestiert. Die Berufe der Grundbildung werden alle fünf Jahre überprüft und, falls nötig, um entsprechende Kompetenzen ergänzt. Auch die Bildungsangebote der höheren Berufsbildung werden regelmässig angepasst. Dabei fliessen auch Aspekte der Bildung für eine nachhaltige Entwicklung ein.

PL: Diese ökologischen Trends sind Treiber für einen rasant wachsenden Umweltmarkt und bieten enorme Chancen für die Schweizer Wirtschaft. Der WWF Schweiz ortet für unser Land bis im Jahr 2020 ein Potenzial von etlichen zigtausend neuen Stellen im Umweltmarkt. Der grösste Zuwachs wird in der Baubranche und der Energiewirtschaft erwartet, aber auch die Nahrungsmittelindustrie und die Mobilität sowie umweltspezifische Dienstleister sind auf kompetente Fachkräfte angewiesen.

Und daran mangelt es, wie ein Fachkräftebericht zu den Umweltberufen zeigt. Mit der demografischen Entwicklung, die eine geringere Anzahl an Lernenden sowie Studienabgängerinnen und -abgängern mit sich bringt, dürfte sich die Situation künftig noch verschärfen. Haben die Berufsverbände hier einen Trend verschlafen?

JZ: Nein, der Fachkräftemangel betrifft ja nicht nur die Umwelt- und die Cleantech-Branche, sondern auch andere Sektoren. Insbesondere in den sogenannten MINT-Berufen mit den Schwerpunkten Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik mangelt es an Fachkräften. Die Nachfrage der Unternehmen nach diesen Fachleuten steigt, und zudem sind die ausbildungsmässigen Anforderungen hoch. Andererseits stellen wir aber auch fest, dass die Technik an Ansehen verloren hat, was das Interesse an Nachwuchskräften schmälert. Die Technik wird zu sehr als Verursacherin von Problemen und zu wenig als Problemlösung erkannt. Hinzu kommt, dass die MINTFächer in der Volksschule zu wenig Gewicht haben.

Die jungen Leute haben keine grosse Wahl: Der Anteil der Lehrstellen in Umweltberufen beträgt gerade mal 0,5 Prozent des Lehrstellenmarktes. Und die Umweltberufe verfügen mit Ausnahme des Energie- und Effizienzberaters über keine eidgenössisch anerkannte Höhere Fachprüfung. Müsste man hier nicht gegensteuern und neue Berufe beziehungsweise Bildungsgänge schaffen?

Peter Lehmann
Peter Lehman ist Gründungsmitglied und seit 1990 Direktor der sanu future learning ag, eines nationalen Kompetenzzentrums für Bildung und Beratung in Nach­haltigkeit mit Sitz in Biel. Seit über drei Jahrzehnten ist Peter Lehmann in der Umsetzungsarbeit und Kommunikation in den Bereichen Forschung, Natur-, Landschafts- und Umweltschutz, Nachhaltige Entwicklung, Erwachsenen­bildung und Entwicklungszusammenarbeit tätig.
© Flurin Bertschinger, Ex-Press/BAFU

PL: Ich befürchte, dass hier tatsächlich ein Trend verpasst wird. Viele Verbände handeln nicht proaktiv, einige sind konservativer als ihre Mitglieder. Ich wünsche mir mehr Mut und Offenheit von den Verbänden. Wir brauchen ein Bildungssystem, das Entwicklungen antizipieren kann. Vor 20 Jahren lancierte der Bund die Weiterbildungsoffensive, die unter anderem dazu führte, dass an vielen Bildungsinstitutionen zahlreiche Umweltfachleute ausgebildet wurden. Diese Personen sind von der
Wirtschaft aufgenommen worden und haben geholfen, das Instrument des Umweltmanagements zu etablieren. Vielleicht braucht es eine weitere Initiative, um die Chancen zu nutzen, die sich auf den weltweiten Cleantech-Märkten ergeben. Costa Rica beispielsweise setzt bei der Stromversorgung auf 100 Prozent erneuerbare Energie, Marokko plant das grösste Solarkraftwerk der Welt, und Skandinavien will sich von den Ölheizungen verabschieden. Diese Entwicklungen sind zu wenig auf dem Radar der Unternehmen und Verbände, weil diese noch kaum mit Szenarien arbeiten, sondern mit den herkömmlichen Trendprognosen von Expertinnen und Experten, die sich im Nachhinein so oft als falsch erweisen.

Die EU hat 2014 eine «Initiative für grüne Beschäftigung» lanciert; unter anderem Österreich, Deutschland und Frankreich haben bereits entsprechende Projekte gestartet, um mehr junge Leute für den wachsenden Umweltmarkt auszubilden oder Arbeitskräfte umzuschulen. Droht die Schweiz den Anschluss zu verlieren?

JZ: Ich warne davor, die Ausbildung von Spezialisten und Spezialistinnen politisch zu forcieren. Wenn man solche Fachleute ausbildet, weil dies aus politischer Sicht wünschenswert ist, besteht die Gefahr, dass diese dann keinen Job finden, wenn sich der Markt in eine andere Richtung entwickelt oder sich ein Trend nicht niederschlägt. Es braucht daher keinen Masterplan. Im Ausland wurden ja auch schon schmerzhafte Erfahrungen gemacht mit einer offensiven Industrie- beziehungsweise Beschäftigungspolitik. Mit unserem flexiblen Bildungssystem können wir bei ausgewiesenem Bedarf rasch auf die Bedürfnisse des Marktes reagieren, insbesondere mit Weiterbildungsangeboten sowie auf der Stufe höhere Berufsbildung und Fachhochschule.

Die Studie «Schweizerische Cleantech-Bildungslandschaft im Bereich Weiterbildung» kommt zu einem anderen Befund: Die formale Weiterbildung sei «träge», «reaktiv» und «lückenhaft». Insbesondere in den Bereichen nachhaltiges Bauen, Land- und Forstwirtschaft, nachhaltige Mobilität und Sustainable Finance fehlten Angebote.

PL: Ich möchte hier noch die Bereiche Betriebswirtschaft und Recht anfügen. Wer heute an einer Hochschule einen Bachelor oder Master in Management oder in Business-Administration macht, streift das Thema Ökologie/Nachhaltigkeit kaum. Und das in einer Zeit, da jede wirtschaftliche oder gesellschaftliche Aktivität vom Paradigma der nachhaltigen Entwicklung betroffen ist! Ein weiteres Beispiel: In der Touristikausbildung ist der nachhaltige Tourismus praktisch kein Thema. 2017 wird die UNO das «Jahr des nachhaltigen Tourismus» lancieren und Schweiz Tourismus die Kampagne «Zurück zur Natur», doch in der Schweiz fehlen entsprechende Angebote in genügender Zahl. Alle betroffenen Verbände haben diesen wachsenden Markt zu lange als Nischenmarkt unterschätzt.

JZ: Unsere Verbände sind durchaus aufgeschlossen gegenüber diesen Themen. Sie müssen aber möglichst allen Mitgliedern gerecht werden und nicht nur den «early movers», den Pionieren in einer Branche. Die Berufsbildung basiert auf Konsensentscheiden. Sobald ein Thema für die Mehrheit der Mitglieder wirtschaftlich relevant ist, findet es Eingang in die Berufsbildung.

Peter Lehmann (links) und Jürg Zellweger
Peter Lehmann (links) und Jürg Zellweger im Innenhof der sanu-Geschäftsstelle in Biel.
© Flurin Bertschinger, Ex-Press/BAFU

Die nichtformale Weiterbildung kann schneller auf Trends und die Bedürfnisse der «early movers» reagieren. Anbieter wie die sanu future learning ag dürften also von der Trägheit des formalen Bildungssystems profitieren und in die Lücken springen.

PL: Das tun sie. Doch für die Gesellschaft ist dies eine teure Art der Bildungsreaktion.

Welche Firmen nutzen die Weiterbildungsangebote von sanu?

PL: Dazu gehören Unternehmen, die im Bereich Nachhaltigkeit eine Chance für neue Geschäftsfelder erkennen, aber auch börsenkotierte Unternehmen, die sich keine Reputationsverluste erlauben können und ihre Risiken senken wollen.

Wen schicken die Unternehmen in die externe Weiterbildung: das Management, den Umweltbeauftragten oder eher die technischen Spezialisten?

PL: Noch vor zehn, fünfzehn Jahren delegierten die Unternehmen den Bereich Umweltschutz/Nachhaltigkeit an eine technische Fachstelle, die eher als Charge, als Kostenfaktor und als verhindernde Kraft angesehen wurde. Das hat sich doch etwas verändert. Heute ist das Thema Nachhaltigkeit vielerorts in der Geschäftsleitung angesiedelt und in übergeordnete Managementsysteme integriert. Viele Firmen verfügen über eine Nachhaltigkeitsstrategie, die es umzusetzen gilt. Dabei stellen wir fest, dass das Interesse an Seminarkursen schwindet. Stattdessen wünschen sich die Firmen und die Verwaltungen massgeschneiderte prozessorientierte Inhouse-Schulungen inklusive Begleitung bei der Umsetzung der erworbenen Kompetenzen. Die ist zwar etwas teurer, aber effektiver.

Ein kleineres Unternehmen will oder kann sich solche Ausgaben kaum leisten.

JZ: Wenn es erkennt, dass sich dadurch mittelfristig Kosten einsparen, Risiken senken oder Imagegewinne generieren lassen, wird es diese Chance nutzen. Die Wirtschaft und die Ökologie sind heute eng miteinander verbunden. Kein Unternehmen und kein Verband kann es sich noch leisten, das Thema Nachhaltigkeit zu ignorieren.

PL: Die Wirtschaft hat das Thema auf der Traktandenliste,und das ist erfreulich. Man darf die Geschichte aber auch nicht allzu sehr schönreden. Sobald es ökonomisch eng wird, wie zuletzt mit dem starken Schweizer Franken, steht die Förderung von Umweltkompetenzen immer noch bei vielen Unternehmen rasch auf der Streichliste.

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Letzte Änderung 08.06.2017

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