Der Logistiker als Klimaschützer

Eine nachhaltige Wirtschaftsweise erfordert umweltbewusste und -kompetente Berufsleute. Das BAFU engagiert sich für die Verankerung der nötigen Fähigkeiten in der Berufsbildung. Immer mehr Berufsverbände erkennen auch die wirtschaftlichen Vorteile von ökologischen Kompetenzen: Die Unternehmen können dadurch Kosten und Risiken senken und die gesellschaftliche Akzeptanz erhöhen.

Text: Nicolas Gattlen

Der Koch, die Bankwirtschafterin, der Drogist: sie alle sind keine eigentlichen Umweltspezialisten. Und doch beeinflussen sie mit ihren Entscheidungen und Handlungen im Berufsalltag die Umwelt. Kennt der Koch die verschiedenen Herstellungsverfahren und die Labels der Lebensmittelbranche? Wie geht der Drogist mit giftigen, gefährlichen Stoffen um? Bewirbt die Bankwirtschafterin nur konventionelle oder auch nachhaltige Finanzprodukte? Das BAFU setzt sich auf verschiedenen Ebenen dafür ein, dass die nötigen Kompetenzen für den Schutz und die nachhaltige Nutzung der natürlichen Ressourcen sowie für den Schutz des Menschen vor Naturgefahren und übermässigen Belastungen in die Berufsbildung integriert werden.

Berufsbildungsgesetz fordert ökologische Kompetenzen

Die Bundesverfassung erklärt in Artikel 2 die nachhaltige Entwicklung zu einem Staatsziel und fordert in Artikel 73 Bund und Kantone dazu auf, «ein auf Dauer ausgewogenes Verhältnis zwischen der Natur und ihrer Erneuerungsfähigkeit einerseits und ihrer Beanspruchung durch den Menschen anderseits» anzustreben. Seit 1997 legt der Bundesrat seine politischen Absichten zur Umsetzung der nachhaltigen Entwicklung in einer Strategie fest. Diese sieht unter anderem vor, dass Bildung für eine Nachhaltige Entwicklung (BNE) auf allen Bildungsstufen integriert wird. Das 2004 in Kraft getretene Berufsbildungsgesetz formuliert entsprechende Leitlinien für die berufliche Grundbildung: Sie umfasst insbesondere die Vermittlung und den Erwerb der wirtschaftlichen, ökologischen, sozialen und kulturellen Kenntnisse und Fähigkeiten, welche die Lernenden dazu befähigen, zu einer nachhaltigen Entwicklung beizutragen. Die Bildungsverordnungen und -pläne der beruflichen Grundbildung müssen alle fünf Jahre bezüglich der wirtschaftlichen, technologischen und ökologischen Entwicklungen überprüft und, falls notwendig, angepasst werden. Für die Revisionen und Neuentwicklungen zuständig sind das Staatssekretariat für Bildung, Forschung und Innovation (SBFI) und die Organisationen der Arbeitswelt (Berufsverbände, Sozialpartner sowie andere Organisationen und Anbieter der Berufsbildung). Das SBFI steuert die Prozesse, erlässt die Bildungsverordnungen und genehmigt die Bildungspläne; die Bildungsinhalte werden von den Organisationen der Arbeitswelt (OdAs) definiert. Das BAFU nimmt – oft schon in einer frühen Phase der Vernehmlassung – schriftlich Stellung zu den Bildungsverordnungen und -plänen.

Die Logistiker und der Klimaschutz

Dabei stützt sich das Bundesamt unter anderem auf die Cleantech-Factsheets. Die Informations-blätter gingen aus einer Studie hervor, die 2011 durch ein Postulat im Parlament angestossen wurde, und dienen zur Weiterentwicklung der Bildungspläne. Sie beinhalten Leistungsziele für über 200 Berufe der Grundbildung. Dem Berufsfeld Logistik beispielsweise attestiert das entsprechende Factsheet ein grosses Cleantech-Potenzial. Durch die Logistik werden heute weltweit mehr als 5,5 Prozent der CO2Emissionen verursacht. Mit geeigneten Massnahmen wie etwa dem Einsatz von Flotten- und Routenmanagementsystemen und von emissionsarmen Fahrzeugen kann die Logistik einen wertvollen Beitrag zum Erreichen der Schweizer Klimaschutzziele leisten. Die Bundesbetriebe haben diesbezüglich bereits Zielvorgaben in ihren Strategien verankert: Die SBB will ihre CO2Emissionen aus dem Betrieb bis 2020 um 30 Prozent gegenüber 1990 senken, und die Post strebt Einsparungen von jährlich 15000 Tonnen CO2 an. Für die Erreichung dieser Ziele ist es gemäss dem Factsheet wichtig, dass das Personal geschult und der Nachwuchs adäquat ausgebildet wird. Bei der 2015 erfolgten Revision des Bildungsplans Logistiker/Logistikerin mit den drei Fachrichtungen Lager, Distribution und Verkehr wurde den Anliegen des BAFU Rechnung getragen. So findet sich unter den defi nierten Kompetenzbereichen neben dem «Einhalten der Vorgaben zum Gesundheits, Daten und Umweltschutz» auch das «Optimieren von Qualität, Wirtschaftlichkeit und Ressourceneffizienz». Dass ökologische und wirtschaftliche Aspekte im selben Bereich aufgeführt werden, ist kein Zufall. Beat Michel Duerler, Geschäftsleiter der Schweizerischen Vereinigung für die Berufsbildung in der Logistik (SVBL), spricht von einem «doppelten Gewinn»: Werde die Ressourceneffizienz verbessert, profitierten davon sowohl die Umwelt als auch die Unternehmen.

Die Berufsbildung im Schweizerischen Bildungssystem
Die höhere Berufsbildung (blau) bereitet auf anspruchsvolle Fach- oder Führungsfunktionen vor. Eine abgeschlossene 3- oder 4-jährige berufliche Grundbildung (grün) mit eidgenössischem Fähigkeitszeugnis (EFZ) erlaubt den Einstieg in die höhere Berufsbildung.
© SBFI

Zusammenarbeit in der Höheren Berufsbildung

Etwas anders präsentiert sich die Situation in der Höheren Berufsbildung (HBB) – der «Kaderschmiede der Wirtschaft». Hier gibt es keine Verpflichtung zu einer 5-Jahres-Revision. Bei anstehenden Bildungsrevisionen wird das BAFU an die Kick-off-Sitzungen der Trägerschaft der eidgenössischen Prüfung eingeladen und darf hier seine Angebote präsentieren. Schliesslich aber entscheiden die Trägerschaften von Berufsprüfungen, Höheren Fachprüfungen und Rahmenlehrplänen (Höhere Fachschulen), ob und in welcher Form sie mit dem BAFU zusammenarbeiten. Das BAFU bietet für jede Phase einer Prüfungsrevision Beratungen an oder vermittelt Fachkontakte. Es hilft zu prüfen, inwiefern der Schutz und die nachhaltige Nutzung der natürlichen Ressourcen für das entsprechende Berufsfeld relevant sind. Es eruiert ökologische Markttrends, geltende Umweltnormen sowie neue ressourcenschonende Technologien und Verfahren. Und es macht Empfehlungen für die Definition von Umweltkompetenzen in den Berufsbildern und Qualifikationsprofilen. Auf Wunsch der Prüfungsträgerschaft nimmt das BAFU auch schriftlich Stellung zum Entwurf einer Prüfungsordnung und Wegleitung. Künftig will die Sektion Umweltbildung des BAFU die Trägerschaften auch bei der Umsetzung der Prüfungsordnungen und Wegleitungen unterstützen, zum Beispiel bei der Schulung von Prüfungsexpertinnen und -experten oder bei der Formulierung von Prüfungsfragen. Neue Aufgaben für die Automobildiagnostiker/innen Der Autogewerbe-Verband der Schweiz (AGVS) hat sich bei der jüngsten Revision der Berufsprüfung für Automobildiagnostiker/innen für eine Zusammenarbeit mit dem BAFU entschieden und liess die Prüfungsordnung von dessen Experten und Expertinnen überprüfen, damit die ökologischen Aspekte gebührend berücksichtigt werden. «Den Fachkräften im Autogewerbe kommt beim Umweltschutz eine wichtige Rolle zu», erklärt Mirjam Tubajiki von der Sektion Umweltbildung des BAFU. «Der Personenverkehr macht zwei Drittel aller verkehrsbedingten CO2-Emissionen aus. Ein Automobildiagnostiker sollte also nicht nur Störungen, sondern auch Verbesserungspotenzial erkennen können. Reparatur- und Wartungsarbeiten bieten Chancen für energetische Sanierungen.» Gemäss der neuen Prüfungsordnung müssen Automobildiagnostiker/innen fähig sein, Energieeffizienzpotenziale an den wichtigsten Systemen und Fahrzeugkomponenten zu ermitteln und Wartungs- sowie Reparaturarbeiten an Heizung und Klimaanlage gemäss dem AutoEnergieCheck anzuordnen. Darüber hinaus müssen sie die Einhaltung von gesetzlichen Richtlinien, technischen Vorgaben sowie Vorschriften zum Umweltschutz gewährleisten. Bei der Reinigung von Fahrzeugen etwa sind Anforderungen an die Abwasserbehandlung einzuhalten; weitere Umweltschutzkompetenzen sind gefragt beim Umgang mit Bremsflüssigkeiten und Kältemitteln von Klimaanlagen oder beim Ölwechsel.

Wirtschaftlicher Nutzen

Als leitende Angestellte stehen die Automobildiagnostiker/innen auch in engem Kontakt mit der Kundschaft. Deshalb kommt der Beratung in der neuen Prüfungsordnung grosses Gewicht zu. Den Kundinnen und Kunden sollen ökologische Lösungen aufgezeigt sowie die Grundlagen für AutoEnergieCheck-Zertifikate erläutert werden. Arnold Schöpfer, Bildungsverantwortlicher des AGVS, ist überzeugt, dass diese Dienstleistung verstärkt erwartet wird: «Die Berücksichtigung von ökologischen Aspekten ist in der heutigen Zeit einfach ein Muss. Kein Betrieb kann sich erlauben, das Thema Umwelt zu vernachlässigen. Deshalb waren wir an einer Kooperation mit dem BAFU interessiert und haben nun die notwendigen Handlungskompetenzen in der Prüfungsordnung festgeschrieben.» Obwohl sich nicht alle Berufsorganisationen auf eine Zusammenarbeit mit dem BAFU einlassen, hat sich die Kooperation zwischen BAFU und SBFI bewährt. «Eine enge Zusammenarbeit gibt es insbesondere mit Organisationen, die die Erweiterung der Kompetenzliste nicht als Bürde, sondern als Chance sehen und sich davon auch einen wirtschaftlichen Nutzen versprechen», sagt Mirjam Tubajiki. Und sie zählt eine ganze Reihe von Vorteilen auf: Kosteneinsparungen durch Effizienzsteigerung, frühzeitige Anpassung an künftige Umweltregulierungen und an veränderte Kundenwünsche, Wettbewerbsvorteile bei öffentlichen Ausschreibungen, gesellschaftliche Akzeptanz.

Mängel bei der Umsetzung

In den Plänen der beruflichen Grundbildung sind heute ökologische Aspekte deutlich besser integriert, insbesondere die Themen Abfalltrennung, Recyclingprozesse, betriebliche Umweltbestimmungen, Umweltschutz und Umweltbewusstsein. Die beiden Studien «Cleantech in den Bildungsgängen der beruflichen Grundbildung» und «Stand der Umsetzung der Umweltbildung in der beruflichen Grundbildung» zeigen aber, dass es bei der Umsetzung in den Berufsschulen und Betrieben noch Verbesserungspotenzial gibt. So werden die umweltbezogenen Lernziele gemäss der Cleantech-Studie nur in rund einem Drittel aller Ausbildungbetriebe «vollumfänglich vermittelt ». Entscheidend seien die Berufsbildungsverantwortlichen, ihre Einstellung und ihr Fachwissen, das es zu aktualisieren gelte. Einige Berufsverbände sind bereits aktiv geworden und organisieren ein- bis zweitägige Kurse, um die Berufsbildnerinnen und Berufsbildner über die neuesten Entwicklungen, Gesetze und Normen im Umweltbereich zu informieren. Auch das BAFU will sich künftig stärker bei der Umsetzung engagieren und hat dazu ein Pilotprojekt lanciert. 

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Letzte Änderung 08.06.2017

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