Eine Investition, die sich lohnt

Firmen können ihre Nachhaltigkeitsstrategie nur dann vollständig umsetzen, wenn auch das Personal entsprechend geschult wird. Der Detailhändler Coop und die Metallbaufirma Ernst Schweizer AG stellen über interne und externe Bildungsangebote sicher, dass ihre Mitarbeitenden die nötigen Umweltkompetenzen erwerben und im Betrieb erfolgreich einsetzen.

Text: Gregor Klaus 

Workshops Nachhaltigkeitsstrategie Coop
Mit regelmässigen Workshops und Tagungen will der Detailhändler Coop sicherstellen, dass seine Nachhaltigkeitsstrategie von den Mitarbeitenden verstanden und korrekt umgesetzt wird.
© Coop Tagungszentrum

Der Reporter steht vor der Fischabteilung in einem Coop-Laden bei Basel: Vor ihm liegt ein Teil des Meeres auf Eis ausgebreitet, frisch und verlockend. Doch der Reporter möchte nicht zur Überfischung der Meere beitragen. «Es sollte Fisch aus nachhaltiger Fischerei sein», sagt er zum Herrn hinter der Theke. «Die mit dem Label MSC sind gut», erklärt der Verkäufer und zeigt auf die Schildchen mit dem blauen Fischsymbol des Marine Steward Ship Council. «Das Label garantiert, dass die Fischbestände in gutem Zustand sind. Noch besser sind Bio-Fische aus Zuchten.» Der Reporter entscheidet sich schliesslich für die Bio-Forelle aus einem Westschweizer Zuchtbetrieb. Annina Böhlen von der Nachhaltigkeitsabteilung bei Coop hatte ihn vorgewarnt: «Bei uns ist Nachhaltigkeit Programm. Ökologische, ökonomische und soziale Ziele sind keine Gegensätze, sondern gleichberechtigt in unserem Leitbild festgeschrieben.» Der Schutz und die nachhaltige Nutzung natürlicher Ressourcen wurden bereits 1973 in den Coop-Statuten verankert. Auch in der Ausbildung hat das Thema Nachhaltigkeit schon immer eine Rolle gespielt. Seit 2012 wird es beim Bio-Pionier Coop systematisch in allen internen Bildungsangeboten verankert.

Ökologie als Kernkompetenz

Auslöser dafür war eine Mitarbeiterbefragung: Sie brachte zutage, dass die Angestellten sich zwar mit dem Engagement von Coop für eine gesunde Umwelt identifizieren; ein Drittel der Mitarbeitenden konnte aber mit dem Begriff «Nachhaltigkeit» nichts anfangen. Das gab der Geschäftsleitung zu denken. Hinzu kamen die Finanzkrise, neue Discounter und der zunehmende Einkaufstourismus. «Coop musste sich noch stärker auf seine Kernkompetenz konzentrieren», erklärt Benni Lurvink, Verantwortlicher für die Ausbildung der Lernenden und Mitarbeitenden von Coop. «Punkten können wir mit unseren 1998 Verkaufsstellen im Detailhandel und mit unserer nachhaltigen Wirtschaftsweise.» Daraufhin wurde unter anderem das Ausbildungskonzept «Nachhaltigkeit 2012+» entwickelt. Ein Team aus mehreren Personen stellt sicher, dass die wichtigsten Aspekte der Nachhaltigkeit in allen internen Bildungsangeboten – für Lernende wie für Manager – verankert sind. «Dabei unterscheiden wir zwischen Basis-, Vertiefungs- und Spezialausbildung und verbessern regelmässig die Qualität der Bildungsprogramme», erklärt Annina Böhlen.

Nachhaltigkeit ist kein Beigemüse

Jedes Jahr nehmen bei der Coop-Gruppe über 1000 Jugendliche in 31 Berufen ihre Lehre in Angriff. Coop ist damit der zweitgrösste Lehrstellenanbieter der Schweiz. Zudem werden über 230 interne Weiterbildungskurse für die Mitarbeitenden an 17 eigenen Ausbildungsstandorten angeboten. 2014 besuchten Angestellte an insgesamt über 100 000 Tagen Aus- und Weiterbildungen, bei den Kadermitarbeitenden waren es rund 21 000 Tage. Ein gewaltiges Potenzial, um das Thema Nachhaltigkeit gezielt zu vermitteln. Weil bei Coop die Kursteilnehmenden in den praktischen und theoretischen Prüfungen auch Fragen zur Nachhaltigkeit beantworten müssen, ist das Thema keineswegs nur Beigemüse. Lernende kommen bei Coop früh und regelmässig mit dem Thema in Berührung. «Für die Lernenden im ersten Lehrjahr organisieren wir jährlich einen Event- Tag in den verschiedenen Coop-Regionen», sagt Benni Lurvink. Bei einem Besuch auf einem Bio-Bauernhof oder im Forschungsinstitut für biologischen Landbau (FiBL) in Frick (AG) wird nicht nur die Philosophie von Coop vermittelt, sondern werden auch die Öko-Labels vorgestellt.

Quer durch alle Berufe und Stufen

Das Thema Nachhaltigkeit spielt in allen Berufen, für welche Coop eine Lehre anbietet, eine wichtige Rolle. Der Ausbildung des Verkaufspersonals wird besonderes Gewicht beigemessen. So lernen beispielsweise Mitarbeitende hinter der Fleischtheke, ihre Kundschaft in Bezug auf nachhaltig produziertes Fleisch zu informieren, und sie dürfen keinesfalls die unterschiedlich produzierten Fleischqualitäten mischen. Im Bereich der Unterhaltungselektronik der zur Coop Genossenschaft gehörenden Ketten Interdiscount und Fust ist das Wissen bezüglich des Energieverbrauchs einzelner Geräte gefragt. Wichtig ist auch die Schulung der Wareneinkäufer. «Bei einem Kauf von ‹unsauberer› Ware riskieren wir eine Rufschädigung», sagt Benni Lurvink. «Wenn wir hier an Glaubwürdigkeit verlieren, trifft das unsere Lebensader. Deshalb werden diese Personen vertieft und regelmässig zum Thema Nachhaltigkeit weitergebildet.» Alle drei Jahre organisiert Coop für Mitarbeitende in Schlüsselstellungen einen grossen nationalen Nachhaltigkeitstag. Im Zentrum der Aktivitäten stehen die Coop-Marken Naturaplan, Naturafarm, Naturaline und Oecoplan. Die Mitarbeitenden lernen auf spielerische und kreative Weise die verschiedenen Labels kennen. Bei Coop wird die Ausbildung laufend evaluiert: Wo besteht Handlungsbedarf? Gibt es neues Wissen, das integriert werden muss? Annina Böhlen hofft jedenfalls, dass bei der nächsten Mitarbeiterumfrage 2017 alle Teilnehmenden mit dem Begriff Nachhaltigkeit etwas anfangen können.

Ernst Schweizer AG setzt neue Massstäbe

Nachhaltigkeit als Unternehmenskultur hat sich auch die Ernst Schweizer AG auf ihre Fahne geschrieben. Das mittelständische Familienunternehmen mit Sitz in Hedingen (ZH) und rund 550 Mitarbeitenden ist spezialisiert auf energieeffiziente Produkte für die Gebäudehülle sowie auf Systeme zur Nutzung der Sonnenenergie. Bei der nachhaltigen Unternehmensführung gilt die Ernst Schweizer AG als Pionierin. «Nachhaltigkeit ist auf allen Stufen des Unternehmens fest verankert», sagt Martina Marchesi, Leiterin der Fachstelle Nachhaltigkeit. «Das gilt auch für die Aus- und Weiterbildung, die einen hohen Stellenwert in Bezug auf das Erreichen der Unternehmensziele hat.» Die Ernst Schweizer AG bildet derzeit rund 50 junge Leute in 10 Berufen aus. In alle Lehrgänge sind Umweltthemen integriert, um entsprechende Kompetenzen zu fördern. Zu Beginn ihrer Lehre besuchen die Jugendlichen wie auch alle neu eingestellten Mitarbeitenden einen dreitägigen Einführungskurs, der ihnen Informationen zum Unternehmen und zur nachhaltigen Unternehmensführung vermittelt.

CO2-Sparen Ernst Schweizer AG
Nach einer interaktiven Theatervorführung mit Szenen rund ums ­Energie- und CO2-Sparen diskutieren die Mitarbeitenden der Ernst Schweizer AG über mögliche Sparmassnahmen im Betrieb. Anschlies­send markieren sie auf einem Flyer, der verschiedene Massnahmen aufführt, wozu sie sich verpflichten wollen. 190 Tonnen CO2-Einsparung kommen so zusammen.
© Ernst Schweizer AG, Metallbau

Der französische Staatspräsident auf Besuch

Die Vorbildfunktion der Ernst Schweizer AG ist auch dem Bund nicht verborgen geblieben. Im Frühjahr 2015 haben Frankreichs Präsident François Hollande und Bundespräsidentin Simonetta Sommaruga das Familienunternehmen besucht. Im Fokus stand das duale Bildungssystem in der Schweiz. «Unser langjähriges Engagement im Bereich der nachhaltigen Unternehmensführung hat wesentlich dazu beigetragen, dass wir berücksichtigt wurden», sagt Martina Marchesi. Mit Freude erinnert sie sich an den Kurzbesuch des französischen Staatspräsidenten, der interessiert den Ausführungen zweier Lernender zuhörte, die im Rahmen eines Ausbildungslagers ein Projekt zum Thema Klimaschutz realisiert hatten.

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Letzte Änderung 08.06.2017

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