Gesucht: Fachkräfte für die Umweltbranche

In der Umweltbranche mangelt es an Fachkräften – und die Situation dürfte sich künftig noch verschärfen. Es braucht zusätzliche Bildungsangebote und Lehrstellen, um die neuen gesellschaftlichen Herausforderungen bewältigen zu können.

Eine Firma für Gebäudebegrünungen möchte ihr Team verstärken, eine Nichtregierungsorganisation sucht eine Umweltingenieurin für ein Bildungsprojekt in Peru, eine Gemeinde will eine Nachfolgerin für den Leiter ihrer Wasserversorgung, und ein KMU braucht dringend eine Recyclistin: Wer Stellenbörsen nach Anzeigen für Umweltfachleute durchkämmt, stösst schnell auf Angebote. Spezialistinnen und -spezialisten sind in vielen Bereichen gefragt – und der Bedarf an Berufsleuten mit Umwelt-Know-how wird weiter steigen.

Wachsende Umweltmärkte

Gemäss Bundesamt für Statistik sind im Jahr 2015 rund 18 300 Personen in der klassischen Umweltbranche (Wasserversorgung, Abwasserentsorgung, Recycling und Entsorgung) beschäftigt – 2012 waren es 17 299 Personen. Zu einem gewichtigeren Wirtschaftsfaktor wird die Branche, wenn man die erweiterte Umweltwirtschaft dazurechnet. Sie umfasst Wirtschaftszweige, die sich zu national anerkannten Normen und Standards der nachhaltigen Produktion verpflichtet haben, aber nicht die Umweltschutzleistung als primären Zweck der wirtschaftlichen Tätigkeit ausweisen. Der Fachkräftebericht Umweltberufe 2014 rechnet mit 163 000 Beschäftigten im erweiterten Umweltmarkt. Rund 530 000 Beschäftigte werden dem Cleantech-Markt zugeschrieben (Studie «Beschäftigung und Wertschöpfung des cleantech-Bereichs in der Schweiz»). Die Branche generiert Umwelttechnologien, -güter und dienstleistungen und erwirtschaftete 2013 mit 8,6 Milliarden Franken (Bruttowertschöpfung) und 8 Prozent der Gesamtwirtschaft. Mit durchschnittlichen jährlichen Wachstumsraten von 6,7 Prozent (Beschäftigung) beziehungsweise 6 Prozent (Bruttowertschöpfung) ist der Cleantech- Markt zwischen 2009 und 2013 deutlich stärker gewachsen als die Gesamtwirtschaft (Beschäftigung plus 3,5 Prozent, Bruttowertschöpfung plus 2,2 Prozent). 

Bildungsangebot entspricht nicht dem Potenzial

Bei der Rekrutierung von Nachwuchs sieht sich die Umweltbranche jedoch vor eine paradoxe Situation gestellt: Diverse Studien zeigen, dass sich viele Jugendliche für die nachhaltige Nutzung der natürlichen Ressourcen oder den Kampf gegen den Klimawandel engagieren möchten. Ihre Berufswahl aber richten diese Jugendlichen dann doch anders aus, weil ihnen insbesondere in der beruflichen Grundbildung (rund 250 Berufe) zu wenig umweltspezifische Angebote zur Verfügung stehen. Der Anteil der Lehrstellen im klassischen Umweltbereich beträgt bloss 0,5 Prozent des Lehrstellenmarktes. Lücken gibt es auch in der Höheren Berufsbildung. So verfügen die Umweltberufe über keine eidgenössisch anerkannte Höhere Fachprüfung (bei den Energieberufen gibt es neu den/die Energie- und Effizienzberater/in). Bei den Höheren Fachschulen fehlen umweltorientierte Fachrichtungen etwa in den Bereichen Wirtschaft, Landwirtschaft, Transport und Verkehr. Und 2013 entfielen bloss 1,4 Prozent der Bachelorabschlüsse auf die Bereiche Umweltingenieurwesen sowie Energie- und Umwelttechnik. Ueli Bernhard, Geschäftsführer des Vereins OdA Umwelt (Organisation der Arbeitswelt Umwelt) fordert deshalb eine «bessere Positionierung» der Umweltfachkräfte sowie eine eigentliche Weiterbildungsoffensive. Gefragt seien Angebote, in denen sich auch bestandene Berufsleute die nötigen ökologischen Kompetenzen aneignen könnten. Ohne Weiterbildung müsse ein Grossteil der Fachkräfte on the Job ausgebildet werden. Besonders eklatant sei der Mangel an Fachkräften in der Heizungsbranche: «Es gibt heute deutlich zu wenig Installateure, um den Austausch all der alten Heizungen zu gewährleisten, die im Rahmen der Energiewende ersetzt werden müssen.»

Wettbewerb um den Nachwuchs verschärft sich

Auch in anderen Bereichen droht der Schweiz ein Mangel an Spezialistinnen und Spezialisten, die die kommenden Herausforderungen – vom Klimawandel bis zu nachhaltig investierten Pensionskassengeldern – anpacken könnten. Der sich abzeichnende Mangel an Umweltfachleuten wird sich durch die demografische Entwicklung verschärfen. Wegen der zunehmenden Überalterung der Gesellschaft ist gemäss dem Fachkräftebericht bis im Jahr 2020 mit einem Rückgang von 17 000 Lernenden zu rechnen. Um in diesem Wettbewerb um den beruflichen Nachwuchs bestehen zu können, müssen die Umweltberufe besser promotet werden und ein schärferes Profil erhalten. Zudem braucht es gemäss Ueli Bernhard in der gesamten Wirtschaft mehr Umweltkompetenzen, sogenannte «green skills». Er plädiert für einen integralen Ansatz, denn ökologische Kompetenzen brauche es sowohl in der Industrie wie in der Landwirtschaft und im Dienstleistungsbereich. 

Polybauer werben mit Klimaschutz

Wie sich Umweltkompetenzen in eine bestehende Berufsausbildung integrieren lassen, zeigen die Polybauer/innen (Dach- und Fassadenbau). In sämtlichen Fachrichtungen beschäftigen sie sich mit der Isolation von Gebäuden und erlernen den Umgang mit Solarpanels. Da hat eine Branche offensichtlich erkannt, wohin sich der Markt entwickelt – und wirbt mit entsprechenden Anreizen um ihren Nachwuchs: «Polybauer/innen schaffen Dachbegrünungen als ökologische Ausgleichsflächen und tragen mit der Montage von Solaranlagen zum Klimaschutz bei» steht da etwa auf der Promotionsplattform bausinn.ch.

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Letzte Änderung 08.06.2017

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