Wie viel «Umwelt» kommt im Unterricht an?

In den Verordnungen über die berufliche Grundbildung werden Umweltkompetenzen heute systematisch verankert. Aber wie sieht es im Schulalltag aus? Finden die umweltrelevanten Themen auch Eingang in die Schullehrpläne? Wie werden sie vermittelt und geprüft? Eine Studie gibt Antworten.

Text: Peter Bader

Renato Wüst ist ein leidenschaftlicher Mensch. Für das Gespräch mit dem Magazin umwelt nimmt er sich «selbstverständlich Zeit», weil ihm die Umwelt «sehr am Herzen liegt». Der eidgenössisch diplomierte Küchenchef ist als Executive Chef im Grand Resort Bad Ragaz (GR) Herr über sechs Restaurants. Und damit ist er auch zuständig für die Ausbildung der Lernenden. Er sagt: «Den Lernenden umweltbewusstes Handeln vorzuleben, ist besonders wichtig. Denn sie gestalten als Berufsleute die Welt von morgen.» Das Grand Resort spielt in einem Forschungsprojekt des BAFU eine wichtige Rolle. Dazu später mehr. Zwei Drittel der Schweizer Jugendlichen wählen die Berufslehre als Einstieg in die Arbeitswelt. Das BAFU setzt sich dafür ein, dass in den Bildungsverordnungen und -plänen der verschiedenen Berufe auch Kompetenzen zum Schutz und zur nachhaltigen Nutzung der natürlichen Ressourcen verankert werden. Dadurch sollen die ausgebildeten Berufsleute in ihrem Berufsalltag über das nötige Know-how verfügen (siehe Seite 9–12). Bloss: Wie viel davon kommt im Schulalltag an? Und was braucht es, damit umweltrelevante Inhalte an den Berufsfachschulen erfolgreich vermittelt werden?Das BAFU wollte es genau wissen und gab beim Eidgenössischen Hochschulinstitut für Berufsbildung (EHB) in Zollikofen (BE) eine nationale Studie in Auftrag. Zwei Fragen standen dabei im Vordergrund. 1. Werden die umweltrelevanten Themen der Bildungsverordnungen und -pläne durch die Berufsschullehrpersonen im Unterricht und im Prüfungsverfahren auch umgesetzt? 2. FindenUmweltthemen Eingang in die Schullehrpläne des allgemeinbildenden Unterrichts? Und wenn ja, in welchem Umfang? Für beide Teilstudien wurde gleichzeitig geklärt, welche Rahmenbedingungen die Umweltbildung begünstigen oder allenfalls behindern. Regula Stucki, Projektleiterin der von 2013 bis 2014 durchgeführten Studie, fasst die Resultate so zusammen: «Umweltaspekte werden in den Berufsfachschulen vermittelt, die Intensität der Vermittlung hängt jedoch von der Lehrperson ab.»

Renato Wüst
«Der Schutz der Umwelt wird bei uns im Hotel und speziell in der Küche immer wichtiger. Wir versuchen, unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter für Themen wie Food-Waste oder die sorgfäl­tige Abfalltrennung zu sensibilisieren. Das gilt für alle, nicht nur für Lehrlinge. Alles andere wäre ja unglaubwürdig und würde den Anliegen schaden.» Renato Wüst, Executive Chef und Ausbilder von Koch/Köchin-Lernenden im Grand Resort Bad Ragaz (GR).
Werner Düro
«Angehende Berufsleute für Umweltaspekte zu sensibilisieren, ist eine grosse Chance. Allerdings sind die Lehrpläne so voll mit anderen Themen, dass ökologische Anliegen oft zu kurz kommen. Es fehlen auch didaktische Leitplanken und Zielsetzungen. Letztlich hängt gute Umweltbildung also von der Motivation der einzelnen Lehrkraft ab.» Werner Düro, Berufsfachschullehrer für
Elektroinstallateure an der Gewerblich-Industriellen Berufsschule Bern (GIBB).
Andreas Begré
«Wir wollen bis 2023 eine CO2-neutrale Unternehmung sein. Dazu schulen wir unsere Lernenden in internen Kursen. Eine der zentralen Fragen ist dort: ‹Was kann ich persönlich tun?› Klimaschutz und Schonung der Ressourcen sind wichtig. Zudem gibt es ­Trainings am Arbeitsplatz, etwa zur Trennung von Wert- und Abfallstoffen.» Andreas Begré, Koordination Berufsbildung national, Coop.
Christoph Tanner
«Umweltbildung ist nicht nur eine Frage des Wissens. Es geht auch um die richtige Haltung der jungen Frauen und Männer. Diese Haltung zu vermitteln, ist der anstrengendste Teil der ganzen Umweltbildung, denn längst nicht alle nehmen sie an. Das hängt vor allem von ihrem gesellschaftlichen Umfeld und ihrem Vorwissen ab.» Christoph Tanner, Berufsfachschullehrer für
Elektroinstallateure an der Allgemeinen Gewerbeschule Basel (AGS)
Hans Fritschi
«Es ist wichtig, dass die jungen Menschen dem Thema Umwelt nicht nur zu Hause und in der Volksschule begegnen, sondern auch in der ­Lehre. In der Berufswelt spielt die Ökonomie eine grosse Rolle. Gerade deshalb darf die Ökologie nicht fehlen. Öko­nomie und Ökologie sind keine Gegensätze. Im Gegenteil: Sie müssen eine Einheit sein.» Hans Fritschi, Lehrer für kaufmännische Berufe am Bildungszentrum Interlaken (BZI).

Ökologie und Technik werden in der Allgemeinbildung kaum thematisiert

Bei der Fragestellung bezüglich der allgemeinbildenden Schullehrpläne untersuchten die Forscherinnen und Forscher die Inhalte von 76 Dokumenten. Die Datenanalyse zeigte, dass das Spannungsfeld «Umwelt, Gesellschaft und Wirtschaft» in allen Landesteilen der Schweiz prominent aufgenommen wird, die Bereiche Ökologie und Technik aber eher unterdurchschnittlich gewichtet werden. Dieser Unterschied erklärt sich laut Regula Stucki damit, dass beim Formulieren der Schullehrpläne auf den gesetzlichen Kernauftrag der Allgemeinbildung fokussiert werde: «Die Jugendlichen sollen zu verantwortungsbewussten Mitgliedern der Gesellschaft erzogen werden. Dabei geht es eher um die grossen Zusammenhänge, also um Themen wie ‹Konsum und Lebensstil.› Die konkreten naturwissenschaftlichen Aspekte von umweltrelevanten Themen spielen dabei eine untergeordnete Rolle.» Diese Aspekte sind vielmehr ein Thema im berufskundlichen Unterricht, der Gegenstand der primären Fragestellung des Forschungsprojekts war. Dazu wurden Interviews mit 38 Lehrpersonen aus 10 verschiedenen Branchen und 3 verschiedenen Sprachregionen (unter anderem Automobilfachfrau, Elektroinstallateur, Fachfrau Gesundheit, Landwirt) geführt. Das Fazit aus dieser Befragung fällt positiv aus. Patrick Lachenmeier, am EHB Bereichsleiter Handel, Verkauf, Gastronomie, Nahrung, Logistik und Informatik und Co-Autor der Studie, hält fest: «Die im Bildungsplan aufgeführten Umweltaspekte werden im Unterricht weitgehend auch vermittelt.» Allerdings würden die Lehrpersonen und die Lernenden dabei mit einer ganzen Reihe von Problemen konfrontiert: «Sie müssen komplexe naturwissenschaftliche Zusammenhänge verstehen. Hinzu kommt der schwierige Umgang mit einer Flut von manchmal auch widersprüchlichen Informationen und Meinungen bei umweltrelevanten
Themen». Je mehr ein Umweltthema in der Öffentlichkeit vorkomme, fügt Regula Stucki an, desto mehr interessierten sich auch die Lernenden dafür. «Aktuelle Diskussionen werden deshalb im Unterricht gerne aufgegriffen.»
Und auch solche, die Ökologie und Ökonomie verbinden: «Mit Ressourceneffizienz kann ein Betrieb die Umwelt schonen und gleichzeitig
Geld sparen. Das macht die Sache für Berufsleute attraktiv.»

Die Rolle der Lehrpersonen und Berufsbildungsverantwortlichen

Die wichtigste Voraussetzung für die Aufnahme von umweltrelevanten Themen in den Unterricht sei die Haltung der Lehrperson, erklärt Patrick Lachenmeier. Ihr Vorwissen und ihre Motivation seien entscheidend für einen wirksamen, inhaltlich dichten Unterricht. Die befragten Lehrerinnen und Lehrer ihrerseits beurteilten den Transfer der Unterrichtsinhalte in die berufliche Praxis als kritisch. Denn der Einfluss der Berufsbildungsverantwortlichen in den Betrieben auf die Jugendlichen sei enorm, bemerkt Regula Stucki. «Die Jugendlichen nehmen ihre Chefs als Vorbilder wahr und beobachten sie sehr genau: Kommt er mit dem Fahrrad zur Arbeit? Achtet sie bei der Arbeit auf die Umweltvorschriften?» Die gesamte Unternehmenskultur bezüglich des ressourcenschonenden Arbeitens präge die Auszubildenden stark.

«Leuchtturm»-Projekte in Arbeit

Aufgrund der oben erwähnten Resultate hat das BAFU beim Eidgenössischen Hochschulinstitut für Berufsbildung ein weiteres Forschungsprojekt in Auftrag gegeben. «Dass die Vorbildfunktion von Betrieb und Berufsbildnern so gross ist, wollen wir nutzen», erklärt Daniela Jost, stellvertretende Sektionschefin Umweltbildung beim BAFU. Für diese bis Ende 2016 laufende Studie wurden Betriebe gesucht, die aufgrund ihrer ressourcenschonenden Praxis und der Vermittlung von Umweltkompetenzen an die Jugendlichen vorbildlich sind. Gemeinsam mit den Forscherinnen und Forschern erarbeiten diese Unternehmen nun Mittel, um ihr Know-how anderen Betrieben der gleichen Branche didaktisch geschickt vorstellen zu können – etwa Websites oder Artikel in der Fachpresse. «Wenn solche Vorschläge aus der eigenen Branche kommen und nicht von oben aufgepfropft werden, sind Glaubwürdigkeit und Akzeptanz grösser», ist Daniela Jost überzeugt. Einer der ausgewählten Betriebe ist das Grand Resort Bad Ragaz. Renato Wüst wird ganz sicher mit Leidenschaft vorangehen.

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Letzte Änderung 24.01.2017

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