Aktionsplan Biodiversität Schweiz: Mission (im-)possible

12.02.2014 - Am Aktionsplan zur Strategie Biodiversität Schweiz haben Hunderte von Fachleuten aus allen Gesellschaftsbereichen mitgewirkt. Was zunächst wie eine «mission impossible» aussah, entpuppte sich als Meilenstein im Naturschutz.

Biodiversitätsförderung mit mehrfachem Nutzen: Dieser ausgedolte Bach in Zürich Affoltern ist auch ein anregender Kinderspielplatz.
© Raffael Waldner/BAFU

Text: Gregor Klaus

Was haben eigentlich der Schweizerische Gemeindeverband, BirdLife Schweiz, die Universität Bern, Swiss Snowsports, economiesuisse und der Schweizerische Wasserwirtschaftsverband gemeinsam? Sie alle wollen die biologische Vielfalt in unserem Land erhalten. Zusammen mit zahlreichen anderen Organisationen haben sie im Jahr 2013 intensiv darüber diskutiert, wie der anhaltende Verlust an Tier- und Pflanzenpopulationen, genetischer Vielfalt und naturnahen Lebensräumen gestoppt und eine Trendwende herbeigeführt werden kann. Dieses sektorenübergreifende Vorgehen ist ein absolutes Novum in der Schweizer Naturschutzgeschichte.

Die Marschrichtung wurde vom Bundesrat im Auftrag des Parlaments vorgegeben. Das oberste Ziel der Strategie Biodiversität Schweiz, welche die Landesregierung 2012 guthiess, verlangt, dass die Biodiversität «reichhaltig» ist und «langfristig» erhalten bleibt. Parlament und Bundesrat reagierten damit auf Forschungsresultate, die den besorgniserregenden Niedergang der biologischen Vielfalt belegen. Die Wissenschaft hatte plausibel aufgezeigt, dass unsere Wohlfahrt deswegen gefährdet ist: Bei einer stark verminderten Biodiversität können die Ökosysteme verschiedene Dienstleistungen nicht mehr erbringen. Zu diesen gehören sauberes Trinkwasser, reine Luft, stabile Hänge, fruchtbare Böden, die Bestäubung der Kulturpflanzen und attraktive Erholungsgebiete.

Die Organismen, die sich seit der letzten Eiszeit zu zahlreichen stabilen Lebensgemeinschaften zusammengefunden haben, sichern unsere Lebensgrundlagen. Deren Erhaltung sei auch ein «ethischer Auftrag», betonte Bundesrätin Doris Leuthard 2013: Es gehe darum, «das Leben in seiner ganzen Vielfalt für uns und für künftige Generationen zu bewahren».

Breit abgestützter Aktionsplan

Die Biodiversitätsstrategie ermöglichte erstmals ein zielgerichtetes Vorgehen beim Schutz dieser natürlichen Ressource. Das BAFU wurde damit beauftragt, einen Aktionsplan mit dazugehörigem Massnahmenkatalog auszuarbeiten. Alle interessierten Organisationen und Personen wurden eingeladen, sich an diesem Prozess zu beteiligen. «Biodiversität ist endlich zu einer nationalen und gesamtgesellschaftlichen Aufgabe geworden», sagt Sarah Pearson, Projektleiterin der Strategie beim BAFU. Was zunächst als «mission impossible» erschien, entpuppte sich als Meilenstein auf dem Weg, dieses Thema endgültig aus der Naturschutznische zu befreien und ihm das Gewicht zu geben, das ihm zusteht.

Mehr als 250 Organisationen und über 650 Fachleute aus allen Gesellschaftsbereichen haben sich in der ersten Hälfte des Jahres 2013 in unzähligen grösseren und kleineren Workshops zusammengefunden, um gemeinsam darüber zu diskutieren, wie die Biodiversität geschützt und gefördert werden kann. «Unser Ziel war es, bei den Massnahmen einen möglichst breiten fachlichen Konsens zu finden», erklärt Sarah Pearson. In der Sache war man sich einig: Allen war bewusst, dass etwas geschehen muss, damit die heutige Lebensqualität in der Schweiz erhalten oder gar erhöht werden kann. «Auch die Wirtschaft hat ein vitales Interesse an der Erhaltung der Biodiversität», meint Urs Näf von economiesuisse.

Bis Juni 2013 wurden in den Workshops mehrere hundert Massnahmen identifiziert und diskutiert. «Es wurde ein gewaltiges kreatives Potenzial freigesetzt», berichtet Sarah Pearson. «Eine derart detaillierte Auslegeordnung hat es in der Schweiz im Bereich Naturschutz noch nie gegeben.»

Der Prozess entwickelte eine erfreuliche Eigendynamik. Mit Unterstützung des BAFU, des Forums Biodiversität Schweiz der Akademie der Naturwissenschaften sowie des Zentrums für Umweltbildung «sanu future learning» gründeten die kantonalen Fachstellen für Natur und Landschaft eine eigene Biodiversitätsplattform. Dabei entwickelten die Amtsleiter Massnahmen und einigten sich auf den grössten gemeinsamen Nenner. Dies ermöglichte es den Fachämtern, an den offiziellen Workshops mit einer einzigen Stimme zu sprechen.

Synergiepotenzial ausschöpfen

Der reichhaltige Fundus an Massnahmen wurde anschliessend unter der Leitung des BAFU weiterbearbeitet. Doppelspurigkeiten mussten ausgeräumt und die Massnahmen auf ihre Realisierbarkeit und Zielerreichung hin geprüft werden. «Das Endresultat ist eine gemeinsame Vision aus 110 Massnahmen», sagte Evelyne Marendaz, Chefin der Abteilung Arten, Ökosysteme, Landschaften beim BAFU, im November 2013 an der Schlussveranstaltung des Mitwirkungsprozesses, zu dem sich über 300 Personen eingefunden hatten. Markus Fischer, Präsident des Forums Biodiversität Schweiz und Professor an der Universität Bern, sprach von einem «historischen Moment».

Zu den meisten wichtigen menschlichen Aktivitäten, die Auswirkungen auf die Biodiversität haben, liegen Massnahmen vor. Die Palette reicht von der verstärkten Nutzung von Synergien zwischen Biodiversität und Waldnutzung über die Weiterentwicklung von Wiederherstellungs- und Ersatzmassnahmen, die Überprüfung, Optimierung und Entwicklung von Anreizen - beispielsweise für eine ökologische Gartengestaltung - bis hin zur Stärkung der Biodiversität in der schulischen und beruflichen Bildung. Von zentraler Bedeutung ist die Errichtung einer ökologischen Infrastruktur aus Schutz- und Vernetzungsgebieten.

Ziel vieler Massnahmen ist es, die menschlichen Tätigkeiten im Raum biodiversitätsfreundlich zu gestalten. «Überlappende Nutzung» heisst das Zauberwort. Pärke in der Stadt sind Refugien für die Flora und Fauna des Siedlungsgebiets und gleichzeitig Entdeckungsraum für Kinder. Auf ökologischen Ausgleichsflächen wie Ackerschonstreifen und Trockenweiden können viele Tiere und Pflanzen der Kulturlandschaft überleben und zugleich Nahrungsmittel produziert werden. Sonderwaldreservate liefern Holz und sind Lebensraum für wärme- und lichtliebende Waldbewohner. «Das Synergiepotenzial ist heute noch nicht einmal ansatzweise ausgeschöpft», sagt Sarah Pearson.

Die an der Schlussveranstaltung anwesenden Fachleute waren sich weitgehend darin einig, dass der Prozess vorbildlich geführt wurde: mutig, offen, neutral, konstruktiv und immer darum bemüht, die Massnahmen mit wissenschaftlichen Fakten zu untermauern. Geschätzt wurde zudem die regelmässige Information aller Beteiligten, bei der auch kritische Stimmen zu Wort kamen. Der Prozess hat die Beteiligten für die Biodiversitätsanliegen stark sensibilisiert. Marcel Locher von der Firma Weleda sagt, er sei sich dank des Austauschs in den Workshops der Nahtstelle zwischen Wirtschaft und Biodiversität bewusst geworden. Die Vermittlung von Wissen sei deshalb von grösster Bedeutung, glaubt Daniela Pauli, Geschäftsleiterin des Forums Biodiversität Schweiz: «Hat man erst einmal Biodiversität als Lebensgrundlage verstanden, liegen viele der vorgeschlagenen Massnahmen praktisch auf der Hand.»

Politik in der Verantwortung

Die Massnahmen sind zwar alle zielführend, wie an der Schlussveranstaltung mehrfach festgestellt wurde - doch lassen sie sich auch umsetzen? Werden den Worten auch Taten folgen? «Letztendlich wird dies im politischen Prozess entschieden», sagt Evelyne Marendaz. Im Herbst 2013 haben zwei Begleitgruppen aus Vertreterinnen und Vertretern der Politik, der Kantone, verschiedener Interessengruppen und der Bundesverwaltung die politische Mehrheitsfähigkeit und Durchführbarkeit der 110 Massnahmen beurteilt und die Fertigstellung des Aktionsplans begleitet. Zurzeit wird dieser bundesintern diskutiert. Ende 2014 wird der Bundesrat dann definitiv darüber entscheiden, ob sich der Aktionsplan entfalten und zum Nutzen aller mehr Leben in die Landschaft bringen darf.

«Die Natur kann uns nicht immer nur einfach lieb sein, sondern darf auch mal etwas kosten», sagt Sarah Pearson und fügt sogleich an: «Eigentlich handelt es sich auch gar nicht um ‹Kosten›. Vielmehr sind es Investitionen in eine bessere Zukunft.» Jeder Mensch habe Anrecht auf Biodiversität. Angesichts der unzähligen Organisationen, die an der Entwicklung des Aktionsplans beteiligt waren, könne ihn die Politik nicht ignorieren. Bertrand von Arx, Präsident der Konferenz der kantonalen Beauftragten für Natur- und Landschaftsschutz, freut sich auf jeden Fall, die Massnahmen mit den verschiedenen Partnern aus anderen Sektoren umzusetzen.

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Letzte Änderung 12.02.2014

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