Alpine Auen: Wasserwelten des Hochgebirges

16.05.2011 - Gletschervorfelder und alpine Schwemmebenen sind Landschaften im dauernden Umbruch. Durch den beschleunigten Rückzug der Gletscher infolge der Klimaerwärmung verändert sich das Landschaftsbild heute besonders rasch. Zwei der schönsten Gebiete lassen sich in einer Tageswanderung durch die Bündner Alpen erkunden.

Plaun Segnas Sut (GR)
Alpine Schwemmebene Plaun Segnas Sut (GR). In den Tschingelhoren (hinten) ist die Trennlinie der Glarner Hauptüberschiebung zu erkennen. Ihretwegen figuriert das Gebiet als Zeugnis der Alpenbildung auf der Liste des UNESCO-Weltnaturerbes.
© Peter Gsteiger, Geo7

Für Bahnbegeisterte ist schon die Bergfahrt von der Alp Naraus oberhalb von Flims (GR) auf den Cassonsgrat ein Ereignis. Der Schweizer Heimatschutz würdigt die Luftseilbahn aus den 1950er-Jahren als eines der schönsten Zeugnisse des touristischen Aufschwungs in der Nachkriegszeit. Die achtminütige Fahrt versetzt die Gäste um 794 Meter in die Höhe - und gefühlte 2500 Kilometer nordwärts: Die Schwemmebene Plaun Segnas Sura auf rund 2350 Metern über Meer erinnert an Bilder aus der ark­tischen Tundra. Der Gletscherbach des Glatschiu dil Segnas, der im Oberlauf noch zielstrebig talwärts tost, verliert hier mangels Gefälle die Orientierung. Er verästelt sich in zahlreiche Arme und Rinnsale, verweilt in Pfützen und vernässten Sand­böden. Erst im Bereich des Felsriegels Crap la Tgina, der den Talkessel nach unten abschliesst, findet er wieder den direkten Weg: Alles Wasser, das die knapp 1 Quadratkilometer grosse Ebene auf ihrer ganzen Breite durchrieselte, wird hier in einen schmalen Lauf gezwängt, der sich mit einem beherzten Schritt leicht trockenen Fusses überqueren lässt.

Nichts hat Bestand. Der Reiz dieser Gebirgslandschaft liegt in ihrer Kargheit und der offenkundigen Dynamik. Das Gelände ist dauernd in Bewegung. Stets rieselt, rutscht und poltert irgendwo ein wenig Material hinab, überall tropft, fliesst und sprudelt das Gletscherwasser und bearbeitet unaufhörlich die Topografie.

Vor 160 Jahren lag hier noch Eis. Seither hat sich der Glatschiu dil Se­gnas um rund 1300 Meter zurückgezogen. Sukzessive erobert die Vegetation das Terrain zurück. Die oberen Bereiche sind erst vor wenigen Jahren aper geworden und erscheinen deshalb noch nackt und bloss - ein Gemisch aus grobem Gestein, Schutt und Sand. Erst beim näheren Hinsehen zeigt sich, dass auch hier schon die ersten Pflanzen Wurzeln geschlagen haben. Rosa Farbtupfer setzt der Gegenblättrige Steinbrech, violette das Alpen-Leinkraut, hellblaue die Mont-Cenis-Glocken­blume, gelbe das Berg-Milchkraut und weisse der Gletscher-Hahnenfuss.

Es sind typische Pionierarten. Sie haben mit widrigen Bedingungen zu kämpfen. Nicht nur, dass in diesen Höhenlagen die Temperaturen frostig sind und die Zeit zwischen Schneeschmelze und erstem Schneefall kurz ist - die Pflanzen müssen auch mit der Instabilität ihres Standorts fertig werden. Erosion, Überschüttung und wechselnde Wasserstände erfordern spezielle Über­lebenstricks. Schuttwanderer durchdringen mit Kriechtrieben, die sich wieder bewurzeln können, den Untergrund; Schuttstrecker arbeiten sich durch Verlängerung aufrechter Triebe durch ihn hindurch, und Schuttstauer bremsen dessen Bewegung, indem sie Polster mit Pfahlwurzeln und einem dichten Feinwurzelnetz ausbilden.

Farbtupfer im Gletschervorfeld Segnas Sura (GR)
Farbtupfer im Gletschervorfeld Segnas Sura (GR). Von oben nach unten: Mont-Cenis-Glockenblume (hellblaue Blütenblätter), Berg-Milchkraut und Alpen-Leinkraut.
© Hansjakob Baumgartner

Vom Pionier zum Wald.Je länger der Boden schon eisfrei ist, desto dichter wird er von Pflanzen bedeckt. Im unteren Teil des Gletschervorfeldes färben Moose, Gräser und Kräuter den Boden stellenweise flächig grün. Im Einflussbereich des Gletscherbachs wird die Entwicklung aber durch Überflutung, Erosion und Geschiebeablagerung immer wieder zu den Anfängen zurückgeworfen. «Gletschervorfelder gehören hierzulande zu den letzten Lebensräumen, in denen natürliche Prozesse ungestört ablaufen», sagt Evelyne Marendaz Guignet, Chefin der BAFU-Abteilung Arten, Ökosysteme, Landschaften. «Hier können wir beobachten, wie sich die Biodiversität entwickelt, wenn Dynamik zugelassen wird.» Nach etwa einem Jahrzehnt verdichten sich die Pioniere zu kleinen Rasen, nach etwa einem halben Jahrhundert hat sich genug Humus gebildet, dass sich Weiden, Alpenrosen und andere Zwergsträucher niederlassen können.

Auch die ersten Lärchen finden sich schon früh ein. Bis Bergwald aufkommt, dauert es aber auch bei optimalen Bedingungen mindestens hundert Jahre. Natürlich entwickelt sich die Vegetation nur in Lagen unterhalb der Waldgrenze bis zu diesem Endstadium. Weiter oben endet die Sukzession in alpinen Rasengesellschaften oder Zwergstrauchheiden. Im Vorfeld des Glatschiu dil Segnas fehlen Gehölze aufgrund der Höhenlage gänzlich.Verblüffender Artenreichtum.Mitte des 19. Jahrhunderts bedeckten die hiesigen Gletscher eine Fläche von 1800 Quadratkilometern. Damals endete eine rund 500-jährige Kaltphase, die auch als «kleine Eiszeit» bezeichnet wird. Im Jahr 2000 waren es noch 1050 Quadratkilometer. Die Flächen, aus denen sich die Eisströme in der Zwischenzeit zurückgezogen haben, bilden nicht bloss überaus dynamische Lebensräume, sie bieten auch unterschiedlichste Standortbedingungen auf kleinem Raum: steile, trockene Moränenwälle, humusreiche Verflachungen, Bachufer, Böden mit blockigem bis sandigem Schutt. All diese Flächen beherbergen eine eigene, spezialisierte Flora. Gletschervorfelder sind deshalb überaus artenreich, und manche bedrohte Alpenblumen finden auf ihnen einen Platz an der Sonne.

Die schönsten hiesigen Biotope dieses Typs sind als alpine Auen im Inventar der Auengebiete von nationaler Bedeutung aufgelistet. Kriterien für die Aufnahme in dieses Verzeichnis waren die biologische Vielfalt und das Vorkommen wertvoller Vegetationseinheiten, die Anwesenheit verschiedener Stadien der natürlichen Sukzession und das Spektrum unterschiedlicher, glazialer Landschaftsformen. Zudem muss ein Inventarobjekt Auencharakter aufweisen: Eine bedeutende Fläche muss von der Dynamik eines Gletscherbachs geprägt sein. Zusammen mit jenem des Glatschiu dil Segnas erfüllen 52 Gletschervorfelder diese Auflagen.

Alpine Schwemmebenen. Zugleich hat man auch die alpinen Schwemmebenen inventarisiert. Das sind flache Bereiche von Alpentälern in Höhen­lagen über 1800 Metern. Manche von ihnen stehen im Zusammenhang mit einem Gletscher. Sie werden dann als «Sander» bezeich-net und als Teil eines Gletschervorfeldes im Aueninventar erfasst. Andere bilden eigene Landschaftselemente, waren während der kleinen Eiszeit nicht vergletschert und werden vielfach auch seit Generationen alpwirtschaftlich genutzt. 14 Schwemmebenen dieses Typs haben als alpine Auen nationale Bedeutung.

Eine der eindrücklichsten ist die Plaun Segnas Sut oberhalb von Flims. Sie liegt 250 Meter unterhalb der ­Ebene Plaun Segnas Sura und ist ein Gesamtkunstwerk aus Wasser, Stein und Pflanzen. Von allen Seiten sprudelt Wasser auf den Grund des Talkessels, im vordersten Bereich schliesst sich der in mehreren Kaskaden aus der Höhe stürzende Gletscherbach des Glatschiu dil Segnas an. Zwischen den geschwungenen, reich verzweigten Bachläufen gedeiht Moor- und Schwemmufervegetation. Das Weiss der Wollgräser sprenkelt die sattgrünen Matten.

Schweizer Exklusivitäten. Unser Land beherbergt einen Grossteil der Gletschervorfelder und alpinen Schwemmebenen Europas. Etliche Pflanzenarten, die hier wachsen, haben ihren Verbreitungsschwerpunkt denn auch in der Schweiz und zählen deshalb zu den hiesigen Prioritätsarten für den Artenschutz. Das gilt zum Beispiel für verschiedene Seggen und Binsen, für das Lappländische Knabenkraut oder die Kleine Lilien­simse, die alle an Schwemmufern blühen. Diese Pflanzen gelten zurzeit grösstenteils als ungefährdet, denn der ­Zustand ihrer Lebensräume ist - im Vergleich zu anderen Biotopen - er­freulich gut. Zwar sind etliche alpine Auen schon unter Stauseen verschwunden oder auf andere Weise verunstaltet worden, doch in den inventarisierten Objekten von nationaler Bedeutung sind gegenwärtig weniger als ein Prozent von schädlichen Eingriffen betroffen. «Es gilt, dafür zu sorgen, dass problematische Outdoor-Aktivitäten in diesen ruhigen Lebensräumen im Rahmen bleiben, die Beweidung nicht intensiviert wird und keine touristischen Infrastrukturanlagen und Wasserkraftwerke realisiert werden», fasst Stephan Lussi von der Sektion Arten, Lebensräume, Vernetzung beim BAFU den Handlungsbedarf zusammen.

Ungewisse Folgen des Gletscherrückgangs. Alpine Auen bilden auch die einzigen wertvollen Lebensräume mit zunehmender Fläche: Wenn sich der Gletscher zurückzieht, wächst sein Vorfeld. Seit der Inventarisierung Mitte der 1990er-Jahre geschah dies bei 47 der 52 na­-
tio­nal bedeutenden Gletschervorfelder. Für deren Lebensgemeinschaften ist das ein Gewinn, der sich allerdings längerfristig ins Gegenteil verkehren könnte. Selbst wenn es gelingt, die globale Temperaturzunahme auf 2 Grad Celsius zu begrenzen, werden die Alpengletscher in den kommenden Jahrzehnten bis auf kümmerliche Reste verschwinden. Dadurch verändern sich auch die Abflussverhältnisse in ihren Bächen stark, die Vorfelder werden trockener und verlieren ­ihren typischen Aspekt als von Gletschern geprägte Auengebiete. Welche Folgen dies für die ansässige Pflanzenwelt haben wird, lässt sich derzeit nicht abschätzen.

Hansjakob Baumgartner

Wandertipp

Vom Cassonsgrat, der mit Sessellift und Luftseilbahn von Flims (GR) aus erschlossen ist, führt ein Pfad über die breite Krete zum Joch Fuorcla Raschaglius und danach hinab zum Gletscherbach, den wir auf einem Steg etwa 100 Höhenmeter unterhalb der Gletscherzunge überqueren. Wir passieren dabei das Gletschervorfeld im oberen, von Pionierpflanzen schütter bewachsenen Bereich.

Weiter geht es durch den Südosthang des Piz Segnas. Zu unseren Füssen breitet sich nun die obere Schwemmebene Plaun Segnas Sura aus. Bei Pkt. 2459 oberhalb von La Siala bietet sich die Möglichkeit zu einem Abstecher hinab zur Stelle, wo der Gletscherbach in einer engen Schlucht die Ebene verlässt. Wieder zurück, folgen wir dem Pfad in Richtung des viel begangenen Pass dil Segnas. Eine etwas abschüssige Passage ist mit Ketten gesichert. Vor uns erscheint das berühmte Martinsloch.

Bei Pkt. 2456 verlassen wir den Passweg und steigen hinab zur unteren Schwemmebene Plaun Segnas Sut. Wir wandern dem nordöstlichen Rand der Schwemmebene entlang, queren den Gletscherbach des Glatschiu dil Segnas nochmals unterhalb eines Wasserfalls und gelangen dann zum Ausgang des Talkessels bei Muletg Veder. Es folgt der Abstieg durch den Südhang des ­Cassons nach Naraus, von wo aus die Sesselbahn zurück nach Flims fährt.

Vielleicht reicht die Zeit noch für einen Besuch im Restaurant Naraus Enzian. Empfehlenswert sind die hausgemachten Früchtekuchen mit Schlagrahm. Man hat dann die abmarschierten Kalorien gleich wieder intus.

Wanderzeit (ohne den Abstecher zur Plaun Segnas Sura) 4 bis 5 Stunden. Landeskarten 1:25‘000; 1194 Flims, 1174 Elm.

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Letzte Änderung 16.05.2011

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