Amphibien: 1001 neue Weiher

22.05.2012 - Die Amphibien sind bei uns geschützt, und in den letzten Jahren hat man für sie unzählige Kleingewässer geschaffen. Doch die Tierbestände schrumpfen weiter. Ein Grund dafür ist, dass sich unsere Vorstellungen von einem lauschigen Weiher nicht mit den Ansprüchen der bedrohten Arten decken. Im Fokus des neuen Förderprojekts «1001 Weiher» stehen deshalb weniger gefällige Tümpel, die gelegentlich austrocknen.

Die herbstlichen Regenfälle füllen jeweils den Tümpel von Arborex (VD) und machen ihn fit für die Fortpflanzungszeit von Laubfrosch, Kammmolch und Kreuzkröte (von links). Im Spätsommer, wenn die Amphibien wieder an Land sind, fällt er trocken und lässt so deren Fressfeinden keine Chance.

Arborex auf dem Gebiet des Winzerdorfs Lavigny (VD) oberhalb des Genfersees ist eine Metropole der hiesigen Amphibienfauna. Acht Arten finden sich hier, darunter Kammmolch, Laubfrosch und Kreuzkröte, die in der Schweiz stark gefährdet sind. In den Frühsommernächten veranstalten die beiden Letzteren jeweils ein akustisches Spektakel. Rund 250 Sänger zählt der Männerchor der Laubfrösche – es gibt hierzulande bloss noch ein halbes Dutzend ähnlich grosse Populationen dieser Art. Ebenso zahlreich und nicht minder stimmgewaltig sind die Kreuzkröten.Entwässerte Landschaft.Die Amphibien gehören zu den am stärksten bedrohten Tiergruppen der Schweiz. 18 Arten von Fröschen, Kröten, Molchen und Salamandern kamen einst in unserem Land nachweislich vor. Davon ist 1 bereits ausgestorben und 13 sind mehr oder weniger akut gefährdet. Mit Ausnahme des Alpensalamanders pflanzen sich alle einheimischen Arten im Wasser fort. Darin liegt ihr Problem, denn im Lauf der letzten 200 Jahre sind in der Schweiz Hunderttausende von Kleingewässern verschwunden. So hat man die Auen der Flüsse eingedämmt und ihrer natürlichen Dynamik beraubt, und auch das Kulturland ist mit schweizerischer Gründlichkeit entwässert und von Tümpeln aller Art befreit worden. Rund ein Drittel der hiesigen Fruchtfolgeflächen verfügen mittlerweile über unterirdische Drainagesysteme.

Bedrohte Wasserwelt. Leidtragende dieses Umbruchs in der Landschaft sind nicht allein die Amphibien. Die Synthese aller Roten Listen der Schweiz zeigt, dass die ans Wasser gebundene (aquatische) Tier- und Pflanzenwelt deutlich stärker gefährdet ist als die terrestrische.

Gegen Ende des 20. Jahrhunderts hätte man eigentlich auf eine Wende zum Besseren hoffen dürfen, begann doch der Biotopschutz für Amphibien zu greifen. Es ist heute nicht mehr so leicht möglich, ein Amphibiengewässer zu zerstören, und allenthalben werden neue geschaffen. 2001 ist das Inventar der Amphibienlaichgebiete von nationaler Bedeutung (IANB) in Kraft getreten. Es listet rund 900 Feuchtgebiete auf, welche die Populationsschwerpunkte und Ausbreitungszentren unserer Amphibien bilden. Für sie gelten die strengen Schutzbestimmungen, welchen alle national bedeutenden Biotope unterstehen.

Negativtrend hält an. Doch die bisherigen Massnahmen haben die Abwärtsentwicklung nicht stoppen können, wie die jüngste Überarbeitung der Roten Liste zeigt. Weit über hundert Freiwillige und Berufsleute schickte die Koordinationsstelle für Amphibien- und Reptilienschutz der Schweiz (karch) 2003 und 2004 aus, um sich ein Bild über die Situation der hiesigen Amphibienfauna zu verschaffen. 289 repräsentativ ausgewählte Kleingewässer in allen Landesregionen, zu denen Daten über Amphi­bienvorkommen aus dem Zeitraum von 1970 bis 2002 vorliegen, wurden dabei mehrmals untersucht. Aufgrund der Bilanz aus bestätigten, verwaisten und neu gefundenen Vorkommen in der Stichprobe rechnete die karch für jede Art den landesweiten Populationstrend hoch, der fast durchwegs negativ ist. Einigermassen halten konnten sich in letzter Zeit bloss der ­Alpensalamander, welcher im Berggebiet noch genug intakte Lebensräume findet, sowie der Grasfrosch und der Bergmolch. Andererseits haben Kreuzkröte, Geburtshelferkröte, Gelbbauchunke, Laubfrosch sowie Teich- und Kammmolch in den letzten Jahrzehnten mehr als die Hälfte ihrer Vorkommen verloren.

Es gibt in unserer Landschaft eben immer noch viel zu wenig Weiher und Tümpel, und die in den letzten Jahren gebauten werden den Bedürfnissen der bedrohten Arten oft nicht gerecht.Insbesondere fehlen Gewässer, die gelegentlich austrocknen. Temporäre Tümpel und Weiher waren einst der Normalfall in der hiesigen Kleingewässerlandschaft. Sie bildeten sich in den Auen entlang der grossen Flüsse oder an Seeufern in der Zeit der Schnee- und Gletscherschmelze und trockneten danach wieder aus. Oder sie entstanden in Senken, wenn herbstliche und winterliche Niederschläge den Grundwasserstand ansteigen liessen, und blieben dann bis in den Spätsommer bestehen. Das Amphibienlaichgebiet Arborex ist ein Relikt dieses Gewässertyps: Wo im Frühsommer die Frösche und Kröten quaken, grünt im Herbst eine Wiese.

Zwischendurch soll es trocken sein. Die saisonale Dynamik der temporären Kleingewässer trifft sich gut mit dem Lebenszyklus der Amphibien. Diese pflanzen sich zwischen Frühling und Frühsommer fort und machen in dieser Zeit auch die Entwicklung von der Larve zum ausgewachsenen Tier durch. Danach beziehen sie ihre Landlebensräume. Vom späteren Trockenfallen ihrer Fortpflanzungsgewässer merken sie deshalb nichts - wohl aber ihre natürlichen Feinde. Libellen- und Käferlarven sowie Fische, die dem Nachwuchs der Amphibien nachstellen, werden so immer wieder dezimiert.

Natürlich bergen temporäre Gewässer auch ein Risiko. Trocknen sie zu früh aus, sterben alle Kaulquappen und Molchlarven. Eine ganze Generation fällt dann aus, wie dies 2011 wegen des niederschlagsarmen Frühlings vielerorts geschehen ist. Doch die Amphibien können mit solchen Widrigkeiten umgehen. Entweder werden sie als fortpflanzungsfähige Tiere alt genug, um mindestens ein Jahr zu erleben, in dem ihr Nachwuchs durchkommt. Oder sie produzieren mehr als ein Gelege pro Saison und verteilen ihre Eier auf verschiedene Tümpel, was das Risiko eines Totalverlusts reduziert. Unter dem Strich ist der Gewinn durch die periodische Vernichtung der Feinde grösser als der Nachteil, dass zuweilen auch der eigene Nachwuchs eingeht. Die stark bedrohten Arten haben sich mit unterschiedlichen Präferenzen denn auch alle auf temporäre Weiher und Tümpel spezialisiert. Für die Kreuzkröte und die Gelbbauchunke optimal sind nackte Pfützen, die manchmal nur einige Wochen Bestand haben. Die Geburtshelferkröte hingegen mag es lieber, wenn ihr Laichtümpel bloss alle paar Jahre vor­übergehend austrocknet.

Gartenweiher sind wenig bedarfsgerecht. Die Bedürfnisse bedrohter Amphibien stimmen jedoch nicht mit unseren Vorstellungen von einem lauschigen Weiher überein. Kaum eines der zahlreichen Kleingewässer, die man in den letzten Jahrzehnten in Gärten, Schulanlagen oder in Naturschutzgebieten am Stadtrand gebaut hat, fällt je trocken. Vom Gartenweiherboom der letzten Jahrzehnte konnten denn auch nur wenige Arten wie Grasfrosch, Bergmolch und regional auch der Wasserfrosch profitieren.

Mit dem kürzlich lancierten Projekt «1001 neue Weiher» will die karch nun Gegensteuer geben. Das Ziel besteht darin, innerhalb von 10 Jahren mindestens tausend temporäre Kleingewässer wie ablassbare Flachweiher, Tümpel und zeitweise überflutete Wie­sen anzulegen. Sie sollen an naturschutzfachlich sorgfältig ausgewählten Standorten und in der Nähe von bestehenden Amphibienpopulationen entstehen, um diese zu vernetzen und ihr langfristiges Überleben zu sichern. Silvia Zumbach von der karch schätzt den Finanzbedarf auf 1 Million Franken pro Jahr. Damit die Fachstelle das Projekt im Lauf der nächsten 3 Jahre koordinieren, Einzelprojekte entwickeln und die Mittel für deren Realisierung beschaffen kann, leistet das BAFU eine Anschubfinanzierung an die karch.

Erfolgversprechender Ansatz. Es hat sich in der Schweiz schon mehrfach gezeigt, dass mit dem Ansatz des Projekts bedrohte Amphibienarten wirksam gefördert werden können:

  • 1992 startete Pro Natura im Aargauer Reusstal das «Programm Laubfrosch». Seither hat man grossräumig bestehende Feuchtgebiete durch Kauf oder Verträge gesichert sowie Kleingewässer aufgewertet, neu geschaffen und gezielt gemäss den Bedürfnissen des Laubfroschs unterhalten. Dadurch hat sich sein Bestand im Gebiet ungefähr verdoppelt.
  • Im Saanetal (BE/FR) sind zwischen 2001 und 2007 ein gutes Dutzend besonnte Weiher mit einer Fläche zwischen 12 und 600 Quadratmetern errichtet worden. Sie verfügen teils über eine Ablassvorrichtung, damit man sie im Herbst trockenlegen und im Frühling mit Regenwasser wieder einstauen kann. Das Ziel war, 2 isolierte, 10 Kilometer von­einander entfernte Laubfroschpopulationen - die eine im Auried westlich von Laupen (BE), die andere in der Oltigenmatt bei der Saanemündung in die Aare - zu vergrössern und miteinander zu verbinden. Dies ist gelungen, sind doch sämtliche Gewässer rasch besiedelt worden. Seit Projektbeginn hat sich die Zahl der rufenden Männchen im ganzen Gebiet von 300 auf mehr als 550 im Jahr 2009 vergrössert.
  • Positiv ist neuerdings auch der Bestandestrend bei der Gelbbauch­unke in Gebieten des Kantons Aargau, wo die Art seit gut 10 Jahren durch das Anlegen von Laichgewässern gefördert wird. Vielfach handelt es sich dabei um mickrige Pfützen von 0,5 bis 4 Quadratmeter Grösse und etwa 20 Zentimeter Tiefe - genau das, was die Unken brauchen.

Es braucht mehr vernetzende Strukturen. Das neue Weiherprojekt der karch soll laufende Amphibienschutzprojekte keinesfalls ersetzen, sondern ergänzen. Denn um die negative Bestandsentwicklung der Amphibien zu stoppen, braucht es weit mehr als diese 1001 neuen Weiher. Hilfreich wäre etwa, wenn Vernetzungsprojekte gemäss der Öko-Qualitätsverordnung (ÖQV) besser auf die Bedürfnisse des Amphibienschutzes abgestimmt würden. Derzeit kommen Gewässerlebensräume im ökologischen Ausgleich in der Landwirtschaft praktisch nicht vor und werden auch nicht mit Öko-Beiträgen gefördert.

«Auch die Revitalisierung von Fliessgewässern kann einen wichtigen Beitrag zur Förderung der Amphibien leisten», sagt Francis Cordillot von der BAFU-Sektion Arten, Lebensräume, Vernetzung. In wiederbelebten Auen entstehen nämlich ebenfalls temporäre Pfützen und Tümpel für Pionierarten. «Als Ergänzung zum Bau von Kleingewässern braucht es zudem mehr vernetzende Strukturen sowie Amphibiendurchlässe unter Strassen und Schienen, welche deren Barrierenwirkung mildern und die Laichgewässer für die Lurche auch zugänglich machen.»

Hotspots der Biodiversität. Mit 1001 neuen Weihern wäre nicht bloss den Amphibien geholfen. Von allen Gewässertypen tragen die Kleingewässer am meisten zur Biodiversität bei. Dies belegt beispielsweise eine Ende der 1990er-Jahre durchgeführte Studie des Laboratoire d'Ecologie et de Biologie Aquatique der Universität Genf. Bei mehreren Artengruppen konnten die Forschenden in bloss 80 Weihern und Tümpeln einen Grossteil der einheimischen Flora und Fauna nachweisen - nämlich 88 Prozent sämtlicher Wasserpflanzen, 66 Prozent der Wasserschnecken, 72 Prozent der Libellen und 84 Prozent aller hierzulande vorkommenden Wasserkäfer. Naturschutzgelder für den Bau und Unterhalt von Kleingewässern sind somit gut investierte Mittel, die der gesamten Artenvielfalt zugutekommen.

Hansjakob Baumgartner

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Letzte Änderung 22.05.2012

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