Flusskrebse: Sperren gegen invasive Krebsarten

Die Koordinationsstelle Flusskrebse Schweiz unterstützt die Kantone seit 2014 beim Schutz der drei einheimischen Krebsarten. Dabei erprobt sie unter anderem Flusssperren, die invasive exotische Krebse von den einheimischen Beständen fernhalten sollen. Der Nachteil dieser Verbauungen: Sie hindern auch schwimmschwache Fischarten wie die Groppe am Aufstieg.

Text: Mirella Wepf

© Koordinationsstelle Flusskrebse Schweiz (KFKS)

Importierte Crevetten oder Langusten kennt hierzulande praktisch jedes Kind, einen Schweizer Flusskrebs hingegen haben die wenigsten von uns je zu Gesicht bekommen. Kein Wunder: Zum einen sind diese Tiere nachtaktiv, zum anderen sind die Bestände der drei einheimischen Krebsarten stark zurückgegangen. Der Edelkrebs zählt in der Schweiz zu den gefährdeten Tierarten, der Stein- und der Dohlenkrebs gelten sogar als stark gefährdet.

Dafür gibt es mehrere Gründe: So setzt den Krebsen die hohe Schadstoffbelastung des Wassers zu, und sie leiden unter dem Verlust von Lebensraum in den stark verbauten Gewässern. Weiter macht ihnen die Konkurrenz von vier standortfremden Verwandten zu schaffen, die gezielt als Speisekrebs angesiedelt oder durch private Aquarienbesitzer ausgesetzt wurden. Und schliesslich werden sie von der Krebspest bedroht.

Krankheit mit verheerender Wirkung

Laut der Weltnaturschutzunion IUCN zählt der Krebspesterreger – ein mit Braunalgen verwandter Eipilz – zu den 100 gefährlichsten invasiven Arten weltweit. Bei europäischen Krebsen verläuft die Krebspest praktisch immer tödlich. Sie hat ihren Ursprung in Nordamerika und wird seit dem 19. Jahrhundert durch amerikanische Flusskrebse in europäischen Gewässern verbreitet, was zur Ausrottung von zigtausend Flusskrebspopulationen geführt hat. Doch auch Fischer, Bootsbesitzer oder Taucher können die Sporen des Erregers verschleppen, sofern sie Stiefel, Anzüge oder Bootsrümpfe nicht mit einem geeigneten Mittel desinfizieren, wenn sie von einem ins andere Gewässer wechseln.

Vier ungebetene Gäste

Die Bedrohung, die von den vier zugewanderten, nicht einheimischen Krebsarten ausgeht, ist unterschiedlich gross. Am harmlosesten ist Einwanderer Nr. 1, der aus Osteuropa stammende Galizierkrebs. Er lebt in Seen und Weihern. Dadurch steht er stellenweise in Konkurrenz zum Edelkrebs, der grössten einheimischen Art. Doch im Gegensatz zu den amerikanischen Krebsarten fällt der Galizierkrebs ebenfalls der Krebspest zum Opfer und trägt dadurch die Krankheit nicht weiter. 

Gestresste oder geschwächte amerikanische Flusskrebse können zwar auch an der Krebspest zugrunde gehen, aber viele Exemplare sind mit dem Krebspesterreger infiziert, ohne selber daran zu erkranken. Für die einheimischen Krebse hat dies fatale Folgen. Das Eindringen eines einzigen Krankheitsträgers genügt, um eine ganze Population innert Kürze auszurotten.

Der Signalkrebs – den Namen verdankt er bläulichen Stellen an den Scherengelenken – gilt als besonders invasiv. Einwanderer Nr. 2 ist sehr wanderfreudig und wagt sich auch in kleinere Seitengewässer vor. Er gefährdet die letzten in der Schweiz verbleibenden Stein- und Dohlenkrebsbestände.

Einwanderer Nr. 3, der Rote Amerikanische Sumpfkrebs, ist aufgrund seiner attraktiven Farbe bei Aquarienbesitzern beliebt. Er gräbt gerne Höhlen, was zur Destabilisierung von Dämmen und Böschungen führen kann. Und er ist äusserst anspruchslos und findet sich auch in feuchten Wiesen, temporären Gewässern und Sümpfen zurecht. Bei Trockenheit zieht er sich in seine Wohnhöhle zurück.

Einwanderer Nr. 4 schliesslich, der Kamberkrebs, bevorzugt schlammigen Untergrund und erträgt im Gegensatz zu den einheimischen Arten auch eine schlechtere Wasserqualität. Seine Verbreitung beschränkt sich auf grosse Flüsse und Seen im Mittelland.

Aktionsplan zur Rettung einheimischer Arten

Das BAFU hat dem Schutz der einheimischen Flusskrebsarten Priorität eingeräumt und bereits 2006 einen nationalen Aktionsplan Flusskrebse lanciert. Er hat zum Ziel, die Ausbreitung der invasiven Arten zu bremsen, und gliedert sich bestens in die nationalen Strategien zur Biodiversität sowie zu den invasiven gebietsfremden Arten ein, die der Bundesrat 2012 und 2016 verabschiedet hat.

Um Kräfte zu bündeln, wurden im Aktionsplan nach Rücksprache mit den Kantonen insgesamt 30 besonders schützenswerte Stein- und Dohlenkrebspopulationen definiert. Diese sogenannten Genpool-Standorte könnten künftig auch als Quelle für mögliche Umsiedlungen dienen. Etwa dann, wenn ein Bestand durch eine temporäre Wasserverschmutzung ausgelöscht würde, oder um die Verbreitung der Art zu fördern. Flusskrebse gelten als wichtiger Bestandteil eines natürlichen Gewässers. Sie vertilgen Pflanzenmaterial und Laub, sorgen dafür, dass tote Wassertiere schnell verschwinden, und ihre Jungen dienen Fischen als reichhaltiges Futter. 

Um die Kantone bei ihren Schutzbemühungen zu unterstützen, hat das BAFU die Gründung eines nationalen Kompetenzzentrums angeregt. Die vom BAFU finanzierte Koordinationsstelle Flusskrebse Schweiz (KFKS) hat ihre Arbeit an der Fachhochschule Nordwestschweiz 2014 aufgenommen.

Krebssperren bieten den besten Schutz

«Die exotischen Krebse werden wir in der Schweiz kaum mehr los», erklärt Armin Zenker, der Koleiter der KFKS. Durch Befischung oder das Aussetzen von Fressfeinden wie dem Hecht liessen sich die Einwanderer zwar dezimieren, ausrotten aber könne man sie kaum. Und im Sinne eines ausgewogenen Umweltschutzes stehe eine Bekämpfung der invasiven Krebsarten durch Gift nicht zur Diskussion. «Im Moment gehen wir davon aus», so Armin Zenker, «dass Krebssperren das beste Mittel sind, um die verbleibenden einheimischen Bestände vor der Zuwanderung fremder Krebsarten zu schützen.»

In Zusammenarbeit mit einzelnen Kantonen hat die Koordinationsstelle den Bau verschiedener Krebssperren lanciert, die als Pilotprojekte gelten. Eines davon befindet sich im malerischen Dörfchen Etzgen im Aargauer Mettauertal. Im Etzgerbach hat die kantonale Fischereibehörde eine Krebssperre montiert. Grund dafür sind die im Oberlauf des Baches lebenden Steinkrebse. Diese Population zählt zu den prioritären Genpool-Standorten im Kanton. Nur 700 Meter von der Sperre entfernt mündet der Etzgerbach in den Rhein, in dem sich Kamber- und Signalkrebse stark ausgebreitet haben. 

Im unteren Bereich des Baches wurden je rund 100 Forellen, Groppen und grös-senmässig mit den kräftigen Signalkrebsen vergleichbare Edelkrebsmännchen mit Sendern versehen. Nun kontrollieren die Krebsspezialisten mithilfe der Senderdaten ein Jahr lang, ob es den Tieren gelingt, die Sperre – ein mit einem Überhang versehenes Stahlband – zu überwinden. Bisher verläuft der Versuch erwartungsgemäss: Die Forellen steigen auf, die Krebse nicht. Ebenfalls am Aufstieg gehindert werden allerdings auch die schwimmschwachen Groppen, ein alles andere als willkommener Nebeneffekt der Sperre.

Die Tatsache, dass Groppen das Hindernis nicht überwinden können, widerspricht den Zielsetzungen der Fischerei- und Gewässerschutzgesetzgebung, die die Durchgängigkeit der Schweizer Fliessgewässer optimieren will, um den genetischen Austausch zu verbessern. Schweizweit müssen bis 2030 rund 1000 Fischwanderhindernisse bei Kraftwerken saniert werden. «An diesem Grundsatz halten wir natürlich fest», sagt Daniel Hefti von der BAFU-Sektion Lebensraum Gewässer. «Um die bedrohten Krebse zu schützen, kann es jedoch sinnvoll sein, an manchen Stellen eine Ausnahme zu machen.» 

Clevere Signalkrebse umgehen Sperre

«Mit jeder neuen Sperre lernen wir hinzu. Sei es in Bezug auf die Bauart und das ver-wendete Material oder was den Einbau der Sperre in die Fischtreppen betrifft», erklärt Raphael Krieg, der zweite Ko-Leiter der Koordinationsstelle Flusskrebse. Ein besonderes Lehrstück sei eine im Jahr 2014 installierte Versuchsanlage in Winterthur (ZH) gewesen. Dort versuchten kräftige Signalkrebse, die Sperre an Land zu umgehen, und liessen sich erst durch sicherheitshalber am Ende des Zauns installierte Fallgruben aufhalten. «Diese Erkenntnisse flossen in die Konstruktion der Sperre in der Lützel bei Laufen (BL) ein», erzählt Raphael Krieg. «Um den Landgang der Krebse zu verhindern, wurde sie direkt an den senkrechten Mauern einer Brücke befestigt.»

Damit die Sperren ihre Funktion tatsächlich erfüllen können, braucht es jedoch auch die lokalen Fischereiaufseher. Sie müssen regelmässig Geschiebe und Schwemmgut entfernen und den Bewuchs der Sperren durch Dreikantmuscheln im Auge behalten, um den Krebsen möglichst keine Aufstiegshilfen zu verschaffen.

Koordiniertes Vorgehen nötig

Der langfristige Erfolg der Krebsschutzmassnahmen in der Schweiz steht und fällt mit dem Engagement der Kantone. «Einige sind zum Glück bereits seit Jahren sehr aktiv», hält Armin Zenker von der KFKS fest. Etwa der Aargau, Baselland, Zürich, Waadt, Genf oder St. Gallen. Doch auch bei vielen anderen Kantonen wachse das Interesse stetig.

In den nächsten vier Jahren möchte die KFKS in Zusammenarbeit mit den Kantonen die Genpool-Standorte nochmals eingehend überprüfen sowie nach weiteren Vorkommen Ausschau halten. Dabei soll unter anderem die sogenannte eDNA-Methode zum Einsatz kommen, die es erlaubt, in Wasserproben DNA-Spuren von Organismen nachzuweisen. «Langfristig», betont Armin Zenker, «wird es nur mit national koordinierten Massnahmen gelingen, die einheimischen Krebsarten vor dem Aussterben zu bewahren. Nötig ist aber auch der verstärkte Einsatz der Kantone.»

Aktuelle Forschung 

Revolution im Wasserglas: Krankheitsnachweis mit eDNA

Neben der Krebspest treten in der Schweiz noch weitere Wassertierkrankheiten auf, die schützenswerte Arten teilweise stark gefährden. Zu den problematischsten gehören die Proliferative Nierenkrankheit (PKD), die Forellen, Äschen und Hechte befällt, sowie Saprolegnia parasitica, ein Fischschimmel, der 2011 im Doubs und in anderen Gewässern zu hoher Mortalität geführt hat. Lange war das Monitoring solcher Krankheiten sehr aufwendig, denn um in einem Gewässer PKD sicher nachzuweisen, müssen beispielsweise 30 bis 40 Forellen gefangen und getötet werden. Seit rund 15 Jahren ist es nun aber möglich, in Wasserproben DNA-Spuren von Organismen nachzuweisen. Mit der Umwelt-DNA-Methode – kurz eDNA genannt – lässt sich auf kostengünstige Art und Weise belegen, dass eine bestimmte Art in einem Gewässer vorkommt – sei es nun ein Flusskrebs oder ein Krankheitserreger. Dementsprechend intensiv wird in diesem Bereich nach wie vor geforscht. Natalie Sieber etwa, Doktorandin beim eidgenössischen Wasserforschungsinstitut Eawag, entwickelt zurzeit eine verlässliche Probeentnahmetechnik, um die in der Schweiz relevanten Wassertierkrankheiten nachweisen zu können. Für ihre Forschungsarbeit, die im Herbst 2019 abgeschlossen sein sollte, arbeitet sie eng mit der Koordinationsstelle Flusskrebse Schweiz (KFKS) und der Universität Bern zusammen. «Diese Methode wird uns dabei helfen, umfassende Risikokarten für Wassertierkrankheiten in der Schweiz zu erstellen», sagt Armin Zenker von der KFKS. «Im Zusammenhang mit der Krebspest könnten wir solche Karten unter anderem für gezielte lokale Präventionskampagnen nutzen.»

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Letzte Änderung 29.11.2017

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