Freie Bahn für freie Wiesel

24.08.2016 - Im Naturpark Thal wird der Lebensraum für Hermelin, Mauswiesel und Iltis zu einem Netzwerk ausgebaut. Das Vorhaben ist Teil des vom BAFU lancierten Pilotprojekts zur Förderung der ökologischen Infrastruktur in Pärken von nationaler Bedeutung. Dessen Hauptziel besteht darin, Ansätze für ein landesweites Verbundsystem aus ökologisch hochwertigen Habitaten und Vernetzungselementen zu erarbeiten.

Stein- und Asthaufen - wie hier im Naturpark Thal - dienen dem Hermelin als Unterschlupf und Schutz zur Aufzucht der Jungen.

Text: Gregor Klaus

Schneetreiben hüllt den Regionalen Naturpark Thal im Kanton Solothurn in ein weisses Kleid. Das ist die ideale Tarnung für das Hermelin, dessen Fell im Frühwinter ebenfalls weiss wird, sodass es für Feinde nahezu unsichtbar bleibt. Der warme und schneearme Winter 2015/16 konnte die Tiere allerdings die meiste Zeit nicht tarnen, was ihnen das Leben schwer gemacht hat. Heute aber verschmilzt das Hermelin endlich mit der Landschaft. Deshalb werden wir an diesem kalten Februarmorgen auch keines dieser Wiesel zu Gesicht bekommen. Dafür zeigt uns der Biologe Elias Bader das Streifgebiet des flinken Beutegreifers.

Die Landschaftskammer am Südhang des Thals mit Blick auf den Weissenstein ist reich strukturiert. Es gibt Hecken, Bachläufe mit Ufervegetation, Feldgehölze, mit dem Kulturland verzahnte Waldränder sowie extensiv genutzte Wiesen und Weiden, die dem Hermelin als Jagdrevier dienen. «Das reicht ihm aber noch nicht», sagt Elias Bader, der im Auftrag des Naturparks Thal das Projekt zur Förderung von Kleinsäugern betreut. «Von zentraler Bedeutung sind Stein- und Asthaufen als Unterschlupf und Aufzuchtstätte für die Jungen. Zudem müssen die einzelnen Gebiete im Naturpark, in denen noch Hermeline leben, untereinander vernetzt werden.» Erst dann etabliere sich eine stabile Population, die auch Jahren mit wenig Mäusen - und einem entsprechend eingeschränkten Nahrungsangebot - standhalten könne. «Gebiete, in denen Hermeline in schlechten Jahren aussterben, werden so rasch wiederbesiedelt. Zudem ist der Genaustausch gewährleistet, was Inzucht vorbeugt.»

Beitrag zur «Wiesellandschaft Schweiz»

Der Naturpark Thal setzt sich mit seinen drei Förderprogrammen Wald, Weide und Weiher für seltene Arten ein. Die Bemühungen zugunsten des Hermelins hat die vom BAFU unterstützte Stiftung Wieselnetz angeregt. Mittels intensiver Förder- und Vernetzungsmassnahmen will sie in einem quer durch die ganze Schweiz verlaufenden Ost-West-Band sowie einer Nord-Süd-Achse Lebensräume aufwerten oder neu schaffen und untereinander vernetzen. Zielarten sind das Hermelin und das bedrohte Mauswiesel, die beide als «Wiesel» (aus der Gattung Mustela) gelten. Aber auch unzählige weitere Arten wie Amphibien, Reptilien und Insekten profitieren von den Massnahmen. Die «Wiesellandschaft Schweiz» soll ähnlich funktionieren wie die Verkehrsinfrastruktur mit den Nationalstrassen als gut ausgebauten Hauptverbindungslinien zwischen den grossen Städten. Wichtig ist auch die regionale und lokale Vernetzung: Der Naturpark Thal ist beispielsweise einer der 10 bisher definierten Hermelin-«Ballungsräume» im Inland. Innerhalb dieser Gebiete muss - vergleichbar mit den Kantons- und Gemeindestrassen - ebenfalls eine «Infrastruktur» bestehen. Zudem soll das Überleben der Kleinsäuger in den lokalen Teilpopulationen sichergestellt sein.

Aufwertung des Lebensraums

Für Hermelin, Mauswiesel und den ebenfalls bedrohten Iltis wird die Ökologische Infrastruktur im Naturpark Thal in den kommenden Jahren ausgebaut. Elias Bader hat 7 Kerngebiete ausgeschieden, die als Lebensräume infrage kommen. Diese Flächen will man künftig ökologisch aufwerten, um die Bestände zu stabilisieren. Denn tendenziell sinken die Populationsgrössen seit Jahrzehnten, vor allem beim Mauswiesel. Die ökologische Qualität der Landschaft nimmt nämlich nach wie vor ab - trotz Ökozahlungen an die Landwirte. «Problematisch ist vor allem der Mangel an Kleinstrukturen», erklärt Elias Bader. Geplant sind deshalb unter anderem Dutzende von Stein- und Asthaufen, die nach den Vorgaben der Stiftung Wieselnetz gebaut werden. Sind die Steine nicht zu klein und ist der Boden sandig und locker, dienen diese Strukturen den Tieren als trockene und sichere «Wohnungen» und «Kinderstuben».

Pro Steinhaufen werden 2 bis 4 Kubikmeter Material benötigt, das aus Steinbrüchen der Umgebung stammt. Die Asthaufen können mit dem vor Ort bei der Landschaftspflege anfallenden Schnittgut gebaut werden. Hinsichtlich der Standorte der Kleinstrukturen ist Elias Bader bereits mit Landwirten und Förstern im Gespräch. Er überzeugt sie, Schnittgut nicht abzuführen, sondern so aufzuschichten, dass es den Wieseln als Lebensraum dient. «Das braucht nicht viel Platz und sieht erst noch attraktiv aus.» Weil das Hermelin ein Sympathieträger ist, fallen diese Verhandlungen leichter als bei anderen Naturschutzmassnahmen, sind die Tiere doch äusserst effiziente Mäusevertilger. So zieht eine Hermelinmutter jährlich etwa 6 Nachkommen auf, wobei jedes Familienmitglied täglich 1 bis 2 Mäuse verzehrt, was pro Woche und Wieselfamilie einem Bedarf von 50 bis 100 Mäusen entspricht. Massnahmen zum Schutz des Hermelins finden daher vor allem bei den Bauern offene Ohren.

Pilotprojekt «Ökologische Infrastruktur»

Im Naturpark Thal ist das Kleinsäugerprojekt nicht das einzige Vorhaben zur Erhaltung und Förderung der Biodiversität. «Die Massnahmen zur Begünstigung der Wiesel werden mit anderen Aktivitäten abgesprochen», präzisiert Elias Bader. Alle im Parkgebiet tätigen Organisationen und der Naturpark haben sich zur «Interessengemeinschaft Naturschutz Thal» zusammengeschlossen. Naturschützer aus lokalen und regionalen Vereinen, Fachleute des Kantons Solothurn, Landwirte, Jäger und Imker treffen sich ein- bis zweimal im Jahr, um ihre Vorhaben zu koordinieren und die Kräfte zu bündeln. Synergien ergeben sich auch mit dem landwirtschaftlichen Vernetzungsprojekt, das den gesamten Parkperimeter betrifft. Wichtig ist, dass Vernetzungsgebiete wie Hecken, Brach- und Altgrasstreifen sowie stufig aufgebaute Waldränder angelegt werden und so - auch für das Hermelin - zur Verbesserung der Ökologischen Infrastruktur beitragen. Ist das Ökologische Netzwerk erst einmal im Park etabliert, werden die Vernetzungsachsen zu den anderen Hermelin-«Ballungsräumen» im Jura und im Mittelland geplant und erstellt.

Teilfinanzierung durch das BAFU

Das BAFU unterstützt die Bemühungen für den Lebensraum der Wiesel im Naturpark Thal im Rahmen eines Pilotprojekts zur Förderung der Ökologischen Infrastruktur in den Pärken von nationaler Bedeutung. Möglich wurde dies durch die vom Parlament im September 2014 beschlossene Verdoppelung der Bundesmittel von 10 auf 20 Mio. CHF zur Unterstützung der Pärke. Das BAFU setzt davon in der Programmperiode von 2016 bis 2019 in verschiedenen Regionen gesamtschweizerisch fast 4 Mio. CHF zweckgebunden für dieses Vorhaben ein.

Ziel ist es, nicht nur die Biodiversität in den Pärken zu stärken. «Die Erkenntnisse und Erfahrungen dienen Bund, Kantonen, Parkträgerschaften und Dritten bei der Förderung der Ökologischen Infrastruktur in der ganzen Schweiz», sagt Matthias Vögeli, der beim BAFU für dieses Thema verantwortlich ist. «In einer Anfangsphase helfen die vorhandenen Strukturen in den Pärken. Was innerhalb dieser Perimeter gut funktioniert, lässt sich später auch ausserhalb dieser Gebiete umsetzen.»

Vorgaben des Bundesrates

Die Förderung der Ökologischen Infrastruktur ist in der Strategie Biodiversität Schweiz des Bundesrates als nationale Priorität festgehalten. Das Ziel besteht darin, ein nationales Netzwerk aus natürlichen und naturnahen Lebensräumen und Strukturen zu schaffen. Es soll aus allen heute bestehenden und allfällig neuen Schutzgebieten sowie aus Vernetzungsgebieten und Vernetzungselementen bestehen. Ihre zentrale Aufgabe ist es, sämtliche charakteristischen und bedeutenden Lebensräume der Schweiz mit genügender Quantität, Qualität und Vernetzung langfristig zu sichern.

«Aufbau und Förderung einer funktionierenden Ökologischen Infrastruk-tur sind ein Generationenprojekt», sagt Matthias Vögeli. 2020 sollen die Planungsarbeiten und bis 2040 die Umsetzung abgeschlossen sein. Die bundesrätliche Strategie sieht für Schutzgebiete mit einer hohen ökologischen Qualität, die untereinander vernetzt sind, einen Zielwert von 17 % der Landesfläche vor. Gegenwärtig liegt der entsprechende Anteil bei 11 %, und weitere 3 % sind bereits geplant. Damit macht die Ziellücke noch 3 % der Landesfläche aus. Den Austausch sollen Vernetzungsgebiete mit einer angestrebten Ausdehnung von rund 13 % des Schweizer Territoriums gewährleisten. Sie umfassen unter anderem naturnahe Waldränder, Moorlandschaften und Biodiversitätsförderflächen der Qualitätsstufe I, die heute 9 % unseres Landes bedecken. «Eine funktionsfähige Ökologische Infrastruktur ist unerlässlich, wenn die Schweiz ihr Naturkapital erhalten will», ist Matthias Vögeli überzeugt. «Die dafür gesprochenen Mittel sind gut investiert, denn sie sichern Leistungen, die gesunde Ökosysteme unentgeltlich zur Verfügung stellen. Letztere versorgen uns unter anderem mit sauberem Trinkwasser und Nahrung und sind zudem attraktive Wohn- und Erholungsgebiete.»

Vielfältige Projekte in den Pärken

Das Wieselprojekt im Naturpark Thal erfüllt die Kriterien für Projekte zur Förderung der Ökologischen Infrastruktur. «Die von der Stiftung Wieselnetz Schweiz vorgesehenen Achsen durch die Schweiz sind ein Beitrag zum nationalen Netzwerk», sagt Matthias Vögeli. «Und das Thal ist ein wichtiger Knotenpunkt.»

Mittlerweile liegen dem BAFU Projekte aus allen Regionalen Naturpärken sowie aus dem Naturerlebnispark Sihlwald vor. Aufgrund der bestehenden Vorarbeiten konnte der Bund im Naturpark Thal bereits ein Vorhaben mit Umsetzungsmassnahmen finanzieren, wobei der Kanton Solothurn aus seinem Natur- und Heimatschutzfonds die erforderlichen Drittmittel zur Verfügung stellt.

In den restlichen Pärken finanziert das BAFU Arbeiten, um den Ist-Zustand der Ökologischen Infrastruktur sowie den Handlungsbedarf zu erheben, die Bevölkerung zu sensibilisieren und geeignete Umsetzungsmassnahmen zu definieren und zu planen.

Matthias Vögeli freut sich über die Vielfalt der Projekte, welche auf die natürlichen und kulturellen Verhältnisse in den einzelnen Pärken zugeschnitten sind. Stehen im Thal Hermelin, Mauswiesel und Iltis im Fokus, so sind es beispielsweise im Regionalen Naturpark Gruyère Pays-d’Enhaut Narzissenwiesen. «Mit der Hilfe von Sympathieträgern wird der Aufbau der Ökologischen Infrastruktur gelingen», ist Matthias Vögeli überzeugt.

In den farbig markierten Gebieten laufen im Rahmen des übergeordneten Projekts «Wiesellandschaft Schweiz» Förderprojekte der Stiftung Wieselnetz. Strassen mit hoher Verkehrsfrequenz und Siedlungsgürtel grenzen die Populationsräume voneinander ab. Die rot eingefärbte Fläche umfasst das Einzugsgebiet der Fördermassnahmen im Naturpark Thal.
© Quelle: Wieselnetz

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Letzte Änderung 24.08.2016

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