Kleinraubtiere: Heimliche Verfechter einer naturnahen Kulturlandschaft

12.02.2014 - Für den Menschen meist unsichtbar, bewohnen Hermelin, Mauswiesel und Iltis unsere Landschaft. Deren Zersiedelung sowie die intensivierte Landwirtschaft führen zu starken Veränderungen des Lebensraums dieser Kleinraubtiere. Um die Auswirkungen zu klären und einem möglichen Rückgang der Arten zuvorzukommen, laufen derzeit verschiedene Überwachungs- und Förderprojekte.

Mauswiesel
Das Mauswiesel ist das kleinste und heimlichste Raubtier der Schweiz. Es kann Mäuse durch die Gänge im Boden verfolgen und bleibt so meist unsichtbar
© Paul Marchesi

Text: Simone Nägeli

Flink bewegt sich das jagende Hermelin über die Wiese. Plötzlich verschwindet es abrupt im Boden. Dort spürt es einer Wühlmaus nach und erbeutet sie. Die Sinne dieses Kleinraubtiers sind scharf und stehen denjenigen der Grossraubtiere in nichts nach. Über die vergleichsweise winzigen Jäger ist allerdings nur wenig bekannt.

Das verwundert nicht, denn die Lebensweise dieser einheimischen Beutegreifer gebietet es ihnen, nicht gesehen zu werden. Doch das ist nicht der einzige Grund für ihre fehlende ­Popularität: Die Bestände von Hermelin, Mauswiesel und Iltis, welche zur Familie der Marderartigen gehören, nehmen in einigen Gebieten ab. So bekommen auch stets weniger Menschen die Kleintiere zu Gesicht. Diesen Trend stellte die Wildtierbiologin Helen Müri bereits in den 1970er-Jahren fest. «Meine Beobachtungen der Tiere wurden immer seltener.» Jäger sowie Bauern, denen die geschickten Mäusejäger durchaus dienlich sind, bestätigten dies.

Verlust an Lebensraum

«Heute ist das Mauswiesel auf der Roten Liste der gefährdeten Tierarten und gehört mit dem Iltis zu den Natio­nal Prioritären Arten», sagt Caroline Nien­huis von der Sektion Wildtiere und Waldbiodi­versität beim BAFU. «Denn als Bewohner naturnaher Kulturlandschaften stehen die beiden stellvertretend für viele Tiere, deren Lebensraum durch die Intensivierung der Landwirtschaft eingeschränkt wird.» Neben der eintönigen Landschaft spielt auch deren fortschreitende Zerstückelung eine wichtige Rolle. So fehlen Strukturen - wie beispiels­weise Ast- und Steinhaufen - nicht nur für die Aufzucht der Jungen, sondern der Mangel an Lebensrauminseln hindert die kleinen Säuger auch an der Ausbreitung. Als beliebte Beute von Greifvögeln oder Füchsen sind die kleinen Jäger nämlich selbst auf Deckung angewiesen und bewegen sich deshalb vorwiegend in der Ufervegetation von Bächen, in Buntbrachen oder Altgrasstreifen.

Vielsagende Fussspuren 

Obschon die seltenen Beobachtungen und der Lebensraumverlust auf eine Abnahme von Hermelin, Mauswiesel und Iltis in der Schweiz hindeuten, wusste man bis vor Kurzem wenig über ihre Bestände. Da diese Raubsäuger seit 1986 nicht mehr gejagt werden dürfen, fehlten entsprechende Angaben aus der Jagdstatistik, die früher einen Überblick über ihre Verbreitung zuliessen. Deshalb hat das BAFU dem Schweizer Zentrum für die Kartografie der Fauna (CSCF) den Auftrag erteilt, die drei Arten im Rahmen einer nationalen Erhebung zu überwachen. Simon Capt, Verantwortlicher für Säuge­tiere beim CSCF, hat das im Jahr 2010 durchgeführte Monitoringprogramm betreut. «Weil die Kleintiere neugierig sind und in engen Durchgängen und Strukturen nach Nahrung suchen, legten wir sogenannte Spurentunnel aus», erzählt er. Im Boden dieser Holzröhren ist ein Tintenkissen angebracht, flankiert von zwei Papierstreifen. Darauf hinterlassen die Tiere bei ihren Streifzügen Fussspuren - der Beweis für das Vorkommen einer Art.

Wiederholtes Monitoring nötig 

Die Spurendokumentation erfolgte in allen Grossregionen der Schweiz. Es zeigte sich, dass die drei Arten praktisch im ganzen Land noch zugegen sind. Einzig im Tessiner Untersuchungsgebiet erfolgte kein Nachweis. Das heisst nicht, dass Hermelin, Mauswiesel und Iltis hier gänzlich fehlen, doch sind sie offensichtlich selten.

Am häufigsten und am weitesten verbreitet ist das Hermelin. Der Iltis, der im Gegensatz zu den beiden Wiesel­arten auch Amphibien erbeutet, ist an Feuchtgebiete und Gewässer gebunden. Die seltenste Art ist das Mauswiesel, das nur im Unterengadin in verhältnis­mässig grosser Zahl durch Spurentunnels schlüpfte.

«Das Monitoring gibt uns eine grobe Übersicht über die Verbreitung in der Schweiz», sagt Simon Capt. «Genaue Angaben zur Häufigkeit können wir aber nicht machen.» Denn insbesondere die Bestände von Hermelin und Maus­wiesel schwankten je nach Bestand ihrer bevorzugten Beute - der Wühlmaus - äusserst stark. Entsprechend können einzelne Vorkommen innerhalb weniger Jahre entweder ganz verschwinden oder rasch zunehmen. «Eine Wiederholung des Monitorings in fünf bis zehn Jahren dürfte jedoch zeigen, ob die Bestände wachsen oder rückläufig sind.» Auf eine drastische Abnahme könnte so frühzeitig reagiert werden. Schliesslich soll den kleinen Raubtieren nicht passieren, was bereits ihrem direkten Verwandten, dem in der Schweiz ausgestorbenen Fisch­otter, widerfahren ist.

Wiesellandschaft Schweiz 

Ob die Bestände nun erwiesenermassen abnehmen oder nicht - der schleichende Verlust an Lebensraum für Hermelin, Mauswiesel und Iltis ist eine Tatsache. Bereits heute werden deshalb einige für das Überleben der Raubsäuger geeignete Gebiete aufgewertet. Die Umsetzung solcher Projekte übernimmt die Stiftung Wieselnetz. Sie hat sich der Förderung von Wieseln und anderen Kleinraubtieren in der Schweiz verschrieben und wird dabei vom BAFU unterstützt. «Derzeit arbeiten wir am Projekt Wiesellandschaft Schweiz», sagt die Wildtierbiologin und Präsidentin der Stiftung Helen Müri. Dieses ziele darauf ab, das westliche und östliche Mittelland zu verbinden und in einer zweiten Etappe auch die Nord-Süd-Achse für die Tiere zu erschliessen. «Zurzeit werden dafür von Olten bis ins St. Galler Rheintal in über zehn Flächen Massnahmen umgesetzt.» In enger Zusammenarbeit mit lokalen Naturschutzgruppen und Jägern baut die Stiftung Wieselnetz beispielsweise Asthaufen oder sät Buntbrachen. Dies soll schliesslich für eine nationale Vernetzung der Lebensräume sorgen und so die Bestände der kleinen Raubtiere in der Schweiz langfristig erhalten.

Mehr Freiraum schaffen

Neben der Umsetzung von Förder­projekten wäre laut Simon Capt vom CSCF aber auch ein Umdenken gefordert, denn «heute ist für diese Arten in unserer Landschaft kaum mehr Freiraum vorhanden». Den nötigen Platz müsste der Mensch den Tieren aktiv einräumen, indem er beispielsweise Agrarland weniger intensiv nutzt, Waldränder verbreitert und stufig gestaltet oder den Fliessgewässern mehr Raum lässt. Dies würde nicht nur den heimlichen Bewohnern unserer Kulturlandschaft zugutekommen, sondern wäre auch für den Menschen attraktiver als der Blick in eine leergeräumte Weite.

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Letzte Änderung 12.02.2014

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