Brennpunkt Gemeinde: Biodiversität ist ein wichtiger Standortfaktor

Die Gemeinden spielen bei der Erhaltung und Förderung der Biodiversität eine Schlüsselrolle: Hier wird Theorie zur Praxis. Bereits heute können die Kommunen auf verschiedene Werkzeuge zum Schutz von Natur und Landschaft zurückgreifen. Die Gemeinde Wohlen bei Bern hat sie erfolgreich angewendet.

Brennpunkt Gemeinde: Biodiversität ist ein wichtiger Standortfaktor
Brennpunkt Gemeinde: Biodiversität ist ein wichtiger Standortfaktor
© Flurin Bertschinger/Ex-Press/OFEV

Text: Gregor Klaus

Es ist Winter, es ist kalt, und es regnet seit Tagen ununterbrochen - nicht die besten Bedingungen für eine Exkursion zu den Naturobjekten in der Gemeinde Wohlen bei Bern. Nichts blüht, kein nennenswertes Tier weit und breit. Nur Stephan Lussi ist begeistert. Immer wieder zeigt er auf silbern glänzende Stellen in Feld und Flur. «Stehendes Wasser», erklärt der Biologe von der BAFU-Sektion Arten, Lebensräume, Vernetzung. «Viele Drainagen in den ehemaligen Moorböden sind hoffnungslos überfordert. Wenn es regnet, bilden sich für kurze Zeit überall kleine Gewässer.» Ursprünglich haben Feuchtgebiete die von Gletschern gestaltete Landschaft Wohlens geprägt. Bis auf wenige Reste wurden sie nach und nach in Wiesen, Weiden und Äcker verwandelt. Der anhaltende Regen lässt aber den wahren Charakter der Landschaft erahnen.

Stephan Lussi besteht darauf, das warme Auto zu verlassen und zwei Weiher zu besichtigen, die vor fünf Jahren neu angelegt wurden. «In der Regel reicht es, ein paar Baggerschaufeln Boden auszuheben, um ein Amphibienlaichgebiet entstehen zu lassen.» Im Frühjahr rufen hier Kreuzkröten, die in der Schweiz stark bedroht sind. In den letzten Jahren wurden mehrere solcher Weiheranlagen gebaut. Zu verdanken ist dies dem Engagement der Gemeinde Wohlen.

Wichtiger Zusatz im Baureglement

Im Gemeindehaus treffen wir Hansjörg Messerli, Leiter der Abteilung Liegenschaften, Land- und Forstwirtschaft. Seit bald 20 Jahren setzt er sich dafür ein, dass die Natur nicht zu kurz kommt. «Die biologische Vielfalt ist für eine Gemeinde wie Wohlen, die über keinen direkten Anschluss an das Schienennetz verfügt, ein wichtiger Standortfaktor», erklärt der ausgebildete Architekt. «Natur und Landschaft sind unsere Stärken!» Der Gemeinderat hat dies erkannt: Anfang der 1990er-Jahre wurden im Rahmen der umfassenden Ortsplanrevision ein Schutzzonenplan «Landschaft» und ein Richtplan «Landschaft» mit einem Natur- und Landschaftsschutzkonzept erarbeitet und 1994 in Kraft gesetzt. Zentrales Element war ein Zusatz im Baureglement, der dem Natur- und Landschaftsschutz das garantiert, was ihm am meisten fehlt: Geld für konkrete Projekte. Bis zu 125‘000 CHF pro Jahr stehen seither für die Erhaltung und Förderung der Biodiversität zur Verfügung.

Treibende Kraft war eine aktive Gruppe aus engagierten Einwohnerinnen und Einwohnern Wohlens, die erkannt hatten, dass die Gemeinde eine Schlüsselrolle beim Natur- und Landschaftsschutz spielt. Auf der kommunalen Stufe kondensieren sich nämlich die übergeordneten Planungen, Konzepte, Programme und Anreizsysteme von Bund und Kanton; hier sind die Akteure vor Ort am Werk.

Vor Wildschaden geschützte Eichen.
Vor Wildschaden geschützte Eichen.
© Flurin Bertschinger/Ex-Press/OFEV

Aktive LandschaftskommissionDer Gemeinderat von Wohlen wird von einer Landschaftskommission fachlich beraten. Das 7-köpfige Gremium koordiniert sämtliche Aufgaben im Natur- und Landschaftsschutz und initiiert und begleitet Renaturierungsprojekte. Sowohl der Ackerbaustellenleiter als auch der Revierförster sind Mitglieder der Kommission. «Beide tragen das kommunale Förderkonzept zu den Akteuren in der Landschaft und sind damit wichtige Bindeglieder und Botschafter», sagt Hansjörg Messerli. Jeder Landwirt kann Ideen für Aufwertungsmassnahmen einbringen. Für ökologische Leistungen, die über das hinausgehen, was vom Bund verlangt oder mit dem Kanton vereinbart wurde, erhalten die Landwirte zusätzliche Beiträge.

Die Vielfalt der bisher durchgeführten Projekte entspricht der reich strukturierten Landschaft Wohlens: So wurden neue Amphibienweiher geschaffen, Bachabschnitte revitalisiert, Buntbrachen angesät, Hecken und Hochstammobstbäume gepflanzt, Baumalleen angelegt und invasive Pflanzenarten bekämpft. Ein Glücksfall für die Natur war der Sturm Lothar, der im Dezember 1999 auch in Wohlen grosse Schäden verursachte. Um zu verhindern, dass die Windwurfflächen einseitig mit Fichten aufgeforstet werden, entwickelte die Gemeinde ein Förderprogramm Waldbiodiversität. Waldränder wurden aufgewertet, Eichen gepflanzt und Artenförderungsmassnahmen durchgeführt.

Planung und Zusammenarbeit als Erfolgsrezept

Als der Bund 2001 die Öko-Qualitätsverordnung (ÖQV) schuf, um die Menge, Qualität und Vernetzung der ökologischen Ausgleichsflächen im Kulturland zu verbessern, war Wohlen eine der ersten Gemeinden, die ein entsprechendes Vernetzungsprojekt ins Leben riefen und ihren Bauern dazu verhalfen, in den Genuss zusätzlicher Bundes- und Kantonsbeiträge zu kommen. Vor 4 Jahren vereinigte die Gemeinde den Vernetzungsplan mit dem Landschaftsrichtplan. «Die Biodiversität ist somit noch besser in die Planungsprozesse der Gemeinde integriert», sagt Stephan Lussi, der sich seit 2006 in der Landschaftskommission engagiert. Im Rahmen dieser Arbeiten wurden Gebiete definiert, in denen in den kommenden Jahren Aufwertungsmassnahmen durchgeführt werden sollen. Die Landschaftskommission legte ehrgeizige Ziele fest und bestimmte Tier- und Pflanzenarten, die speziell zu fördern sind.

Ein ganz wichtiger Erfolgsfaktor ist die enge Zusammenarbeit zwischen der Verwaltung sowie der angegliederten Landschaftskommission einerseits und den örtlichen Vereinen, allen voran dem Natur- und Vogelschutzverein Wohlen sowie dem Schutzverband Wohlensee, andererseits. «Erst die Nutzung von Synergien und die Kombination der beiden Aspekte ‹aktive Politik durch Behörden› und ‹engagierte Freiwilligenarbeit› macht die Biodiversitätsförderung in der Gemeinde wirksam», betont Lussi.

Lebendiger Friedhof

Ein immer wichtigeres Thema in der Gemeinde ist die Natur im Siedlungsraum. Im neuen Baureglement von 2009 wurde die Siedlungsökologie verankert. Die Gemeinde, die aus mehreren Bauerndörfern und Weilern mit zum Teil national geschützten Ortsbildern besteht, will nur noch dort weitere Baugebiete erschliessen, wo diese gut an das öffentliche Verkehrsnetz angebunden sind. Bauherren müssen bei Überbauungen auf vorhandene Bäume Rücksicht nehmen; werden diese beseitigt, muss für Ersatz gesorgt werden.

Der Friedhof als Lebensraum: Im Steinhaufen finden Blindschleichen und Zauneidechsen ein Versteck.
Der Friedhof als Lebensraum: Im Steinhaufen finden Blindschleichen und Zauneidechsen ein Versteck.
© Flurin Bertschinger/Ex-Press/OFEV

Die Gemeinde ist bereits mit gutem Beispiel vorangegangen und hat den Friedhof in ein «siedlungsökologisches Highlight» verwandelt, wie Hansjörg Messerli stolz betont. Die Fachleute geben ihm recht: 2010 erhielt die Gemeinde für den Friedhof den WWF-Preis für Naturvielfalt. Ein Augenschein auf dem Areal direkt unterhalb des Gemeindehauses zeigt, dass ein Friedhof nicht nur Ruheort der Toten ist, sondern auch Lebensraum sein kann. Artenreiche Magerwiesen, Steinhaufen als Versteck für Blindschleichen und Zauneidechsen, gekieste Bereiche mit einer vielfältigen und attraktiven Pioniervegetation. Dort, wo Blumenrabatten mit einheimischen Stauden bepflanzt wurden und alle Arten mit Namensschildchen versehen sind, gleicht der Friedhof eher einem botanischen Garten. Überall stehen Tafeln, auf denen Informationen zu Tier- und Pflanzenarten sowie zu ökologischen Zusammenhängen bereitgestellt werden.

Die Erfolge im Natur- und Landschaftsschutz werden aktiv kommuniziert. Im Gemeindeblatt wird regelmässig über die Aktivitäten berichtet. Das Veranstaltungsprogramm des Natur- und Vogelschutzvereins Wohlen sowie des Schutzverbands Wohlensee beinhaltet 30 bis 40 Exkursionen, Vorträge und Medienveranstaltungen pro Jahr.

Biodiversitätslabel für Gemeinden?

Von den rund 2500 Gemeinden in der Schweiz setzen sich erst wenige intensiv und auf allen Ebenen - von der Raumplanung über die Land- und Waldwirtschaft bis hin zur Kommunikation und Beratung - für die Biodiversität ein. «Das Potenzial für eine Förderung der Biodiversität in den Gemeinden ist noch lange nicht ausgeschöpft», findet Stephan Lussi vom BAFU. Im Rahmen der Arbeiten zum Aktionsplan zur Strategie Biodiversität Schweiz unterstützt das Bundesamt deshalb ein Projekt des WWF, das in rund 20 vorbildlichen Gemeinden Chancen und Hürden für die Förderung der Biodiversität analysiert und Erfahrungen zusammenträgt, um passende Instrumente und Anreizsysteme für alle Gemeinden vorzuschlagen. «Wir prüfen zudem ein Biodiversitätslabel für Gemeinden», erklärt Kim Rüegg, Projektleiter der Studie beim WWF. «Die Gründe für den Biodiversitätsschwund sind bekannt, nun gilt es zu handeln.» Erfolg versprechend ist die Weiterbildung und Beratung von Schlüsselpersonen in den Gemeinden (siehe Kasten).

Wohlen ist im Projekt eine wichtige Pilotgemeinde. Eine Erfolgskontrolle hat gezeigt, dass der Biodiversitätsverlust zumindest gestoppt werden konnte. «Während die Biodiversität auf nationaler Ebene immer noch zurückgeht, halten sich in Wohlen die Verluste und die Gewinne die Waage», sagt Stephan Lussi. Von der Strategie Biodiversität Schweiz erhoffen sich Lussi und Messerli vor allem zwei Dinge: Geld und Wissen. «Wenn eine Gemeinde ein Projekt zur Artenförderung oder zur Lebensraumaufwertung und damit zur Steigerung der Lebensqualität anpackt, muss sie damit rechnen können, dass Geld zur Verfügung steht», betont Messerli. Wünschenswert wäre zudem Informationsmaterial zu möglichen Massnahmen und Anreizsystemen im Bereich Natur- und Landschaft. «Es kann nicht sein, dass jede Gemeinde immer wieder alles neu erfinden muss.»

In Wohlen sind die wichtigsten Weichen schon gestellt. Die Chancen stehen gut, dass in den kommenden Jahren einige der vernässten Stellen im Kulturland die bestehenden Laichgebiete der Kreuzkröte ergänzen und vernetzen.

 


Bildung und Beratung für motivierte Gemeinden

In der Schweiz gibt es mehrere Bildungs- und Beratungsangebote für Gemeindepolitiker und -politikerinnen, Mitarbeitende des Werkhofs, Vereinsmitglieder und weitere interessierte Personen, die Biodiversität auf kommunaler Ebene erhalten und fördern wollen. Die sanu durabilitas - Schweizerische Stiftung für Nachhaltige Entwicklung bietet beispielsweise die Möglichkeit, im Rahmen eines eintägigen Kurses praxisbewährte Gestaltungsmöglichkeiten kennenzulernen und sich mit Fachpersonen auszutauschen. Das Angebot der Stiftung Praktischer Umweltschutz Schweiz Pusch umfasst unter anderem Kurse zur Gewässerpflege, Gewässerrevitalisierung und Gehölzpflege in Gemeinden.

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Letzte Änderung 22.05.2013

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