Biber: Nagen für die Artenvielfalt

Auch wenn er gelegentlich für Ärger sorgt: Die Rückkehr des Bibers in unsere Gewässerlandschaft ist eine Erfolgsgeschichte des Artenschutzes - für den Nager selbst, aber auch für die zahlreichen Tiere und Pflanzen, die er als Landschaftsgestalter fördert.

Peter Bänteli
Mit dem Biber ist Peter Bänteli, Revierförster im Zürcher Weinland, seit Jahren vertraut. «Ich finde es schön, ihm ein Waldstück zu seiner Nutzung zu überlassen», sagt er. «Holz hat’s auf jeden Fall genug für ihn.» In der Freizeit mag er es sportlich: Im Winter besteigt er mit Schneeschuhen Gipfel und kurvt auf dem Snowboard ins Tal, im Sommer fährt er auf seinem Bike durch die Gegend.
© Flurin Bertschinger/Ex-Press/BAFU

Text: Hansjakob Baumgartner

Dass Peter Bäntelis Försterherz anfänglich blutete, ist begreiflich. Der rund 70-jährige, sorgfältig gepflegte Eschenbestand wäre demnächst hiebreif geworden und hätte wertvolles Holz geliefert. Doch vor der Motorsäge kam der Biber. Er staute den Schüepbach, der im Wehriwald bei Andelfingen (ZH) der Thur zufliesst, und setzte ein rund 2 Hektaren grosses Waldstück unter Wasser. Seither serbeln die Eschen. Einige tragen noch eine schüttere Krone, die meisten sind bloss noch ein Baumgerippe.

Bei der Ortsbesichtigung Anfang September 2015 ist der Boden wieder trocken. Aber das ist eine Ausnahmesituation. Der sehnlichst erwartete Regen nach dem Hitzesommer ist immer noch nicht gefallen. Der Schüepbach ist zu einem Rinnsal verkommen. Doch oberhalb des Biberdamms hat es immer noch genug Wasser, um den Eingang zum Wohnbau des Nagers zu verbergen.

Waldwildnis

Trotz Trockenheit sind die Auswirkungen der Biberaktivität auf das Waldbild gut sichtbar. Seit dem Absterben des Kronendachs kommt wieder Licht auf den Boden. Seggen und Sumpf-Vergissmeinnicht schiessen ins Kraut, Traubenkirschen wachsen zu einer neuen Strauchschicht heran. Flächen mit umgebrochener Erde zeugen davon, dass sich Wildschweine gerne in diesem Dickicht aufhalten. Es sei spannend zu verfolgen, wie sich dieser Waldlebensraum unter dem Einfluss des Bibers entwickeln wird, meint Peter Bänteli.

Als Förster wird er keinen Einfluss mehr nehmen. Denn seit 2014 ist der Wehriwald ein Naturwaldreservat. Die Waldeigentümerin - die Gemeinde Andelfingen - verpflichtete sich, 50 Jahre lang auf die forstliche Nutzung zu verzichten. Peter Bänteli trauert zwar dem wertvollen Eschenbestand immer noch ein wenig nach. «Andererseits gefällt mir, was das Nagetier alles fertigbringt», sagt er.

Ökosystem-Ingenieur

In der Tat: Der Biber kann, was ausser dem Menschen sonst kein Tier vermag - die Gewässerlandschaften gestalten. Und er tut dies nicht nur zu seinem eigenen Vorteil: Wo er sich ans Werk macht, entstehen Lebensnischen für eine Vielzahl von Tier- und Pflanzenarten. Mit seinen Dämmen erweitert er die Wasserfläche, lässt Buchten, neue Flachufer und Verlandungszonen entstehen. Durch seine Holzschläge strukturiert er das Ufergehölz, lichtet ganze Waldstücke aus, schafft ein Mosaik unterschiedlicher Stadien der Waldentwicklung. Dabei hinterlässt er auch Moderholz, das von Käfern und anderen Insekten besiedelt wird.

Dass er damit die Biodiversität effizient fördert, belegen viele Untersuchungen zur Vegetation sowie zur Amphibien-, Fisch-, Insekten- und Wasservogelfauna von Bibergewässern. In wissenschaftlichen Publikationen wurde der Nager denn auch schon als «Ökosystem-Ingenieur» bezeichnet.

Evolutionsfaktor

Es gibt sogar die Theorie, dass manche Arten in ihrer heutigen Form nur dank des Bibers überhaupt existieren. Denn als vor rund 15 Mio. Jahren die ersten Vertreter der Gattung Castor auftraten, mussten sie ihren Lebensraum selbst schaffen. Biber brauchen Bäche, die gemächlich fliessen und auch bei geringer Wasserführung mindestens einen halben m tief sind. Nur so können sie bequem schwimmen, Gehölze als Nahrungsvorrat für den Winter transportieren, bei Gefahr untertauchen und am Ufer einen Bau graben, dessen Eingang stets unter Wasser liegt, der Wohnraum aber trocken bleibt.

Solche Gewässer waren schon damals rar. Fliessgewässer sind natürlicherweise geprägt vom Wechsel zwischen Hoch- und Niedrigwasser. Während der Schneeschmelze und nach heftigen Regenfällen schwellen sie an und fliessen zügig, bei Trockenheit führen sie nur wenig oder gar kein Wasser.

Der Auftritt des Bibers bewirkte, dass in den Flusstälern grossflächig Biotope entstanden, die vorher nur punktuell existiert hatten - Teiche, langsam fliessende Bäche, Sümpfe, Rodungsflächen im Auenwald. Der Nager wurde damit zu einem Evolutionsfaktor: Manche Arten der Gewässerflora und -fauna passten sich den von ihm geprägten Landschaften an, wandelten sich, erfanden sich neu.

Als der Biber Anfang des 20. Jahrhunderts in Europa weitgehend ausgerottet war, gerieten auch seine Begleiter in Bedrängnis. Dank seiner Rückkehr geht es mit ihnen nun mancherorts wieder aufwärts. So ist zum Beispiel der zeitweilig ausgestorbene Schwarzstorch mithilfe des Bibers nach Deutschland zurückgekehrt. Im Baltikum profitierte der Vogel vom üppigen Angebot an Insektenlarven und Fischen in den sich ausdehnenden Bibergebieten. Der Populationsanstieg führte zu seiner Ausbreitung westwärts, wo er wiederum in Bibergewässern geeignete Brutgebiete fand.

Geburtshelfer für Waldreservate

In Waldreservaten kann der Biber sein Potenzial als Landschaftsgestalter und Biodiversitätsförderer voll entfalten. Der Gewinn für die Natur übersteigt die Kosten bei Weitem. Für das 5,46 Hektaren grosse Reservat Wehriwald zahlte der Kanton Zürich der Waldeigentümerin eine einmalige Entschädigungssumme von bloss 22‘500 CHF. Der Verlust durch den Nutzungsverzicht war damit gedeckt.

Das Beispiel könnte Schule machen. Derzeit sind rund 60‘000 Hektaren oder annähernd 5 % der Waldfläche der Schweiz als Reservate ausgewiesen. Bis zum Jahr 2030 sollen es 10 % sein. «Wo immer Biber einen Waldbach besiedeln, ist es nahe liegend, das betroffene Waldstück als Reservat auszuscheiden», sagt Caroline Nienhuis von der Sektion Wildtiere und Waldbiodiversität im BAFU.

Der auenreiche Kanton Aargau hat kürzlich einen Beschluss für den Umgang bei Frassschäden durch Biber im Wald gefasst. «Wird Wald durch Dammbauten vernässt, streben wir eine Reservatslösung an», sagt Christian Tesini, Biberverantwortlicher des Kantons. Fällen die Tiere bloss Bäume, bietet der Kanton dem Waldeigentümer eine pauschale Entschädigung für 10 Jahre an, mit der Auflage, dass in einem 50 m breiten Streifen entlang des Gewässers die Nutzung beschränkt wird: So dürfen insbesondere Weichhölzer weder gefällt noch entfernt werden.

Spektakuläres Comeback

Der Biber hat in der Schweiz eine bemerkenswerte Karriere von einer ausgestorbenen Art zum überaus erfolgreichen Mitglied der Fauna hinter sich. 1957 wurden die ersten Tiere ausgesetzt. Heute leben schätzungsweise 2800 Biber in der Schweiz, 1200 mehr als vor 10 Jahren.

Die Kehrseite dieser Erfolgsgeschichte des Artenschutzes ist, dass der Nager mehr und mehr auch als Schadtier wahrgenommen wird. Gräbt er beispielsweise seinen Bau in die Uferböschung, kann er den Weg entlang des Bachs zum Einsturz bringen. Für Menschen zu Fuss, auf Pferden oder auf Fahrrädern besteht dann Unfallgefahr. Der Wegeigentümer kann für die Folgen haftbar gemacht werden. Das Problem stellt sich vielerorts: Drei Viertel der Fliessgewässer des Mittellandes sind ein- oder beidseitig von Fahrwegen gesäumt.

Auch wenn ein Biber am falschen Ort staut, sind die Folgen zuweilen ärgerlich. Der Grundwasserspiegel im Umland steigt an, angrenzendes Kulturland versumpft und lässt sich ackerbaulich nicht mehr nutzen. Letzteres passiert auch, wenn Drainageröhren aus flachem Agrarland in den gestauten Bach münden. Es kommt zu einem Rückstau. Einsickernde Sedimente verstopfen die Röhren, was zur Vernässung von Wiesen und Äckern führt.

«Der Biber muss weg», heisst es dann nicht selten. Doch die Art ist in der Schweiz geschützt. Dies gilt auch für ihre Lebensräume: Burgen oder Dämme dürfen nur mit einer Ausnahmebewilligung der zuständigen Behörde entfernt werden.

Zwar ist der Schutz nicht absolut. Verursachen einzelne Individuen grosse Schäden, gefährden sie Siedlungen oder im öffentlichen Interesse stehende Bauten und Anlagen, können sie gemäss Jagdverordnung eingefangen und abgeschossen werden.

Doch die Ruhe, die danach einkehrt, ist meist vorübergehend: Bald wird der nächste Biber an derselben Stelle graben oder stauen. Dasselbe gilt, wenn ein Damm entfernt wird. Manchmal reichen wenige Nächte für einen Neubau.

Technische Konfliktlösungen

In bestimmten Fällen bieten sich technische Lösungen an:

Wo Biber nicht graben dürfen, können sie mit einem auf die Uferböschung gelegten Gitter oder Steinschlagnetz daran gehindert werden. Bietet man ihnen zugleich einen Kunstbau an, sind sie dennoch in der Lage, das fragliche Gewässer zu besiedeln.

Um den Nager an unerwünschter Stautätigkeit zu hindern, gibt es einen Trick: Durch den Damm wird ein Rohr verlegt, in dem das Wasser abfliessen kann. Wichtig ist, dass das Rohr lang genug ist. Liegt der Eingang zu nahe am Damm, wird der Biber ihn verstopfen - so wie er das bei Lecks natürlicherweise tut. Das Fliessgeräusch alarmiert ihn und weist ihn zur undichten Stelle. Hört er nichts, weil der Rohreinlauf weit genug vom Damm entfernt ist, unterbleibt die Reparaturtätigkeit.

Ein angepasstes Drainagesystem kann das Problem der Wiedervernässung entwässerter Böden lösen. Anstatt in den Bach wird das Drainagewasser in uferparellel angelegte Sammelleitungen geführt. Diese leiten es bis zu einer Stelle ab, wo das Gefälle gross genug ist, dass es dem Bach übergeben werden kann. Gemäss einer Erhebung des Bundesamtes für Landwirtschaft (BLW) aus dem Jahr 2008 werden heute 18 % der landwirtschaftlichen Nutzfläche künstlich entwässert. Viele Drainagen sind alt und in einem schlechten Zustand. Bei nötigen Sanierungen sollte in bestehenden oder potenziellen Bibergewässern eine solche Lösung zumindest geprüft werden.

Fehlender Gewässerraum

Letztlich haben alle Probleme mit Bibern eine gemeinsame Ursache: fehlender Gewässerraum. Mehr als 90 % der Konflikte mit Bibern stellen sich in einem bloss 10 m breiten Uferbereich entlang der Bäche. Für Wege ist die Einsturzgefahr bereits ab einem Uferabstand von 5 Metern weitgehend gebannt. Nur äusserst selten graben die Tiere weiter landeinwärts.

Auch die Vernässung des Umlandes durch die Stautätigkeit betrifft meist nur geringe Flächen. Ausser in sehr flachem Gelände beschränkt sie sich auf einen 10 bis 20 m breiten Uferstreifen.

Mit anderen Worten: Wo Fliessgewässern genug Raum zugestanden wird, ist das Zusammenleben mit Bibern problemlos.

Seit 2011 schreibt das Gewässerschutzgesetz einen minimalen Gewässerraum für Bäche und Flüsse vor - dies nicht nur aus ökologischen Gründen, sondern auch, um Hochwasserereignissen vorzubeugen. Dabei sollen einerseits die heute bereits bestehenden Pufferstreifen entlang der Ufer erweitert werden. Hierzu braucht es schweizweit rund 20‘000 Hektaren, hauptsächlich im Landwirtschaftsgebiet. Die betroffenen Böden gehen der Landwirtschaft aber nicht verloren. Extensive Grünlandnutzung bleibt möglich. Zudem gelten die Uferstreifen als beitragsberechtigte Biodiversitätsförderflächen.

Als Kulturland nicht mehr nutzbar werden hingegen die Flächen sein, die in den kommenden 80 Jahren für die Revitalisierung eingeengter Bäche und Flüsse benötigt werden. Es sind schätzungsweise 2000 Hektaren oder knapp 0,2 % der landwirtschaftlichen Nutzfläche der Schweiz.

Einen guten Teil davon wird der Biber zu wahren Ballungsräumen der Biodiversität aufwerten.

 

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Letzte Änderung 17.02.2016

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