Falknerei: Flugs mehr Sicherheit in der Luftfahrt

Die älteste Abhandlung über Vögel stammt aus fürstlicher Feder: Friedrich II. von Hohenstaufen (1194 - 1250) verfasste auf Lateinisch das Traktat «Über die Kunst, mit Vögeln zu jagen», das lange Zeit in der Zoologie als Standardwerk galt. Heute ist die Beizjagd eine Sonderdisziplin des Waidwerks, die nur noch wenige Spezialisten beherrschen. Im Einsatz für eine erhöhte Flugsicherheit könnte ihnen eine neue Aufgabe erwachsen.

Daniel Kleger ist Revierförster und Leiter des Forstbetriebs Werderamt (SO).
Daniel Kleger ist Revierförster und Leiter des Forstbetriebs Werderamt (SO). In seiner Freizeit geht er seit bald 30 Jahren auf die Beizjagd. Daneben betreibt er eine Pflegestation für verunglückte Greifvögel, züchtet Falken und bildet zukünftige Greifvogel- und Eulenhalter aus. Auf seinem Handschuh sitzt ein Wanderfalke, im Hintergrund sind fliegende Graureiher zu sehen.
© Markus Forte/Ex-Press/BAFU

Text: Lucienne Rey

Kann sein, dass sie noch zu hoch ist - und nicht trocken ist sie derzeit obendrein. Das mag erklären, wieso sie nach nur wenigen Runden gleich den nächsten Nussbaum anfliegt und dort sitzen bleibt. Bei der «Sie», von der hier die Rede ist, handelt es sich um ein Wanderfalkenweibchen mit offiziellem Auftrag: Es fliegt im Rahmen eines Pilotprojektes, das klären soll, ob Greifvögel, die zur Beizjagd abgerichtet wurden, Möwen, Krähen und Graureiher vom Flugplatz Buochs (NW) vertreiben könnten.

Daniel Kleger, Präsident der Schweizer Falkner-Vereinigung, engagiert sich für den Versuch. Mehrmals ist er bereits mit seinem Falkenweibchen von Schönenwerd (SO) nach Buochs gefahren, früh am Morgen, wenn sich viele Vögel auf dem Rollfeld tummeln. Ihnen soll der Schreck in die Glieder fahren, wenn sie sehen, wie ein Artgenosse vom Falken geschlagen und verzehrt wird - ein drastisches Erlebnis, das sie zumindest für eine gewisse Zeit vom Flugplatz fernhalten dürfte.

Verschiedentlich hat das erfahrene Weibchen schon eine Krähe erwischt. Doch an diesem Spätsommertag ist es nicht in Stimmung. Womöglich ist es noch nicht hungrig genug, weshalb seine Jagdmotivation zu wenig ausgeprägt ist - das meint der Falkner, wenn er davon spricht, der Vogel sei «zu hoch». Und «noch nicht trocken» ist ein Falke, wenn die Mauser in vollem Gang ist, was man daran erkennt, dass in den Kielen der frisch nachgewachsenen Federn nach wie vor Blut zu sehen ist.

Gedränge im Luftraum

Flugzeuge und Vögel teilen sich den Luftraum. Das geht nicht ohne Konflikte, stösst doch gelegentlich ein gefiederter Flugkünstler mit einer Maschine zusammen. «Im Jahr 2014 hatten wir etwa ein Dutzend Kollisionen mit Vögeln», berichtet Pascal Risi, zuständig für den Ground Service am Flugplatz Buochs. Die Europäische Agentur für Flugsicherheit (EASA) schätzt, dass die sogenannten Vogelschläge allein in der zivilen Aviatik weltweit jährliche Kosten von über einer Milliarde Euro verursachen. Zum Ausmass der Schäden, die in der Schweiz anfallen, gibt es keine Zahlen.

Für den Vogel endet ein solcher Zusammenprall tödlich. Doch auch die Flugsicherheit des Menschen ist gefährdet. Während Propellerflugzeuge relativ unempfindlich sind, kommt es bei Düsenjets rasch zu brenzligen Situationen: Die Schaufeln im Innern der Triebwerke verbiegen sich leicht, zudem können die Düsen verstopfen. Genau deswegen mussten sich die Verantwortlichen des Flugplatzes Buochs etwas einfallen lassen. Seit Mai 2015 testet hier nämlich die Pilatus Flugzeugwerke AG ihren neuen Business-Jet PC-24.

«Ein Abschuss der Vögel war kein Thema», erzählt Pascal Risi. Zum einen, weil es sich bei Möwen und Graureihern um geschützte Tiere handelt, die nicht ohne Weiteres gejagt werden dürfen. Zum andern aber auch, weil ein solches Verfahren nicht besonders effektiv wäre, wie Martin Baumann von der Sektion Wildtiere und Waldbiodiversität im BAFU erklärt: «Die getöteten Vögel würden rasch durch Neuankömmlinge ersetzt, denn das reiche Futterangebot in der unmittelbaren Umgebung ist allzu verlockend.» An den Flugplatz grenzt Landwirtschaftsland, und wenn Wiesen gemäht und Felder umgebrochen werden, lassen sich Mäuse und andere Kleintiere gut fangen.

«Auf Militärflugplätzen in Spanien wurden bei der Vergrämung von Vögeln mit Falken gute Erfahrungen gemacht», weiss Pascal Risi. Und so suchten die Verantwortlichen des Flugplatzes an einem runden Tisch mit dem BAFU, dem Bundesamt für Zivilluftfahrt (BAZL), der kantonalen Jagdverwaltung Nidwalden und Daniel Kleger gemeinsam nach einer Lösung.

Unterschiedliche Verhaltensmuster

Nicht alle Vögel sind für die Flugsicherheit gleich problematisch. Krähen etwa seien clever, hat Pascal Risi beobachtet. In der Regel würden sie die startenden Flugzeuge meiden. Möwen reagieren anders. Sie fliegen in Schwärmen, und wenn sie vom Boden aufgescheucht werden, pflegen sie an Ort zu kreisen und sich unberechenbar den Fliegern zu nähern. Graureiher wiederum halten sich oft auf der Piste auf, wo sie mit ihrem dezent gefärbten Gefieder nur schlecht zu erkennen sind und ihrer Grösse wegen ein Risiko für eine besonders folgenschwere Kollision darstellen.

So gilt es, den unterschiedlichen Eigenheiten der Vögel Rechnung zu tragen - auch jenen der Jagdfalken. Ein gut abgerichteter Beizvogel schlägt nämlich nur die Beute, auf die er trainiert ist. In der Schweiz sind das in der Regel Krähen.

Mit Blick auf die Vergrämungsaktionen in Buochs heisst das aber, dass eigens ein Beizvogel auf Möwen und andere unerwünschte gefiederte Gäste des Flugplatzes ausgebildet werden muss. Denn würde sich ein auf Krähen trainierter Falke damit begnügen, harmlos im Schwarm der Möwen mitzufliegen, verlöre er für diese rasch seinen Schrecken. Oder um es mit den Worten von Daniel Kleger auszudrücken: «Nur ein letales Ereignis hat einen Effekt.»

Sobald feststeht, dass das Vergrämungsprojekt weitergeführt wird, soll ein solcher «Präventionsvogel» abgerichtet werden, der alle grösseren Vögel angreift, welche die Sicherheit des Betriebs auf dem Flugplatz Buochs gefährden. Daniel Kleger schätzt, dass dafür zwei bis drei Monate intensive Schulung erforderlich wären.

Mit der Grundausbildung des Präventionsvogels ist es aber noch nicht getan. Es braucht ein regelmässiges Training, das heisst mehrmals wöchentlich, damit der Falke Kraft, Fitness und Geschicklichkeit entwickelt und bewahrt. Auch ist von allen Beteiligten viel Flexibilität gefordert: Der Falkner sollte möglichst rasch aufgeboten werden können, wenn gerade zahlreiche Vögel den Flugplatz bevölkern - und der kantonale Jagdverwalter muss ebenso schnell sein Placet erteilen. Pascal Risi lobt die unkomplizierte Zusammenarbeit, ohne die sich der Pilotversuch kaum erfolgreich durchführen liesse.

Auf das Gedächtnis setzen

Freilich sind in Buochs keine täglichen Vergrämungsaktionen mit dem Beizvogel vorgesehen. Vielmehr setzt man auf die Beobachtungsgabe und das Gedächtnis der Vögel. Haben sie erst einmal begriffen, dass der todbringende Beutegreifer aus dem Fahrzeug der Airport Buochs AG startet, kann schon das Erscheinen des Gefährts reichen, um sie in die Flucht zu schlagen. Der Präventionsvogel müsste dann nur noch gelegentlich angefordert werden, um die Erinnerung aufzufrischen - und stünde anderswo für Einsätze zur Verfügung, wo Vögel unerwünscht sind.

Ob die Beizjagd auch auf grösseren nationalen Flughäfen zur erhöhten Flugsicherheit beitragen könnte, bleibt abzusehen. Ohnehin stehen diesen mehr Möglichkeiten zur Verhütung von Vogelschlägen offen als dem Flugplatz Buochs: Sie besitzen im weiteren Umkreis der Pisten grosse Flächen, wo sie die Landschaftspflege nach ihren Bedürfnissen gestalten können. So belassen sie das Gras auf einer Mindesthöhe von 15 bis 20 Zentimetern, damit sich die kleinen Wirbeltiere gut verstecken können und das Nahrungsangebot für grössere Vögel nicht zu verführerisch ist.

In Genf Cointrin beugen ausserdem Drainagen der Staunässe auf dem Gelände vor, damit sich Möwen nicht allzu heimisch fühlen. Und auf dem Gelände des Flughafens Zürich werden künstliche Fuchsbauten angelegt und Wieselnester eingerichtet: Ihre Bewohner sind geschickte Mäusejäger und sollen verhindern, dass der Tisch für grössere Vögel allzu üppig gedeckt ist.

Einmal mehr gilt: Die Natur vermag die Technik oftmals am wirksamsten zu unterstützen.

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Letzte Änderung 17.02.2016

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