Waldschnepfe: Die Vogelfänger

Welche Faktoren haben Einfluss auf den Waldschnepfenbestand in der Schweiz: der Mensch, die natürlichen Feinde, die Veränderung der Wälder? Dieser Frage geht ein BAFU-Forschungsprojekt nach, für das Vogelschützer und Jäger partnerschaftlich zusammenarbeiten. Um Antworten zu erhalten, müssen auch ein paar Schnepfen gefangen werden - was keine einfache Sache ist.

Waldschnepfe
Waldschnepfe
© Michel Muriset
Henri-Armand Meister
Henri-Armand Meister ist Mitbegründer der Association suisse des bécassiers (ASB) und passionierter Waldschnepfenjäger. Auf seinen Pirschgängen durch die Neuenburger Jurawälder begleiten ihn jeweils seine Hunde Hope und Jeepsy. Der ehemalige Lehrer ist heute als freier Publizist tätig. Zum Ausgleich trainiert er die japanische Sportart Iaidō, die «Kunst des Schwertziehens».
© Valérie Anex

Wildtierbiologie erfordert Ausdauer und Frustrationstoleranz. Eine Stunde hat der Biologe Vincent Rocheteau gebraucht, um die Netze um die Pfütze zu spannen. Assistiert wurde er vom Neuenburger Schnepfenjäger Henri-Armand Meister. Waldschnepfen suchen gerne Wasserstellen auf, um sich zu putzen und auf dem feuchten Boden nach Fressbarem zu suchen.

Wir befinden uns in einem Wald unweit von La Brévine (NE). Es beginnt zu dämmern. Die Fangchancen sind intakt. Ein vor Ort gefundenes Federchen beweist: Kürzlich war eine Schnepfe da. Eine Amsel zetert, ein Sperlingskauz ruft. Sonst passiert nichts. Nach eineinhalb Std. wird die Übung abgebrochen.

Erlebnisreiche, aber erfolglose Fangnacht

Ortswechsel in ein Weidegebiet unterhalb des Creux-du-Van (NE). Nachts gehen Waldschnepfen oft ins Freie auf Futtersuche. Vincent Rocheteau leuchtet das Gelände mit einem Handscheinwerfer aus. Das Schnepfenauge würde das Licht gut sichtbar reflektieren, der Vogel selbst bewegungslos auf dem Boden verharren, erklärt er. Im Verlauf der nächsten Stunde erscheinen Rehe, Füchse, Hasen und ein Wildschwein im Lichtkegel, aber keine Schnepfe. Doch der Biologe gibt nicht auf. Und tatsächlich: Um Mitternacht entdeckt er einen runden Lichtfleck in der Vegetation. Adrenalinschub. Behutsam rückt er vor. Kurz vor dem Ziel endet auch dieser Versuch - das Vogelauge hat sich als Wassertropfen auf einem Pflanzenblatt geoutet. Vincent Rocheteau nimmt es gelassen. Seit Juni 2015 war er im Neuenburger Jura auf Schnepfenpirsch. Bis Mitte August erwischte er 7 Vögel. Hinzu kamen 5 Küken, die 2 Schnepfenjäger mithilfe speziell ausgebildeter Hunde fingen.Die Vögel wurden beringt und danach wieder freigelassen. Die Prozedur erfolgte im Rahmen eines vom BAFU unterstützten Forschungsprojektes. 2015 ging es primär darum, Fangmethoden zu testen. Namentlich die Weibchen sind extrem schwer zu behändigen. Für das Projekt sollen aber einige mit Sendern ausgerüstet werden. Und für bestimmte Fragestellungen braucht es Federproben, wofür ebenfalls Fänge nötig sind. Die Waldschnepfe steht in der Schweiz auf der Roten Liste der gefährdeten Arten, Kategorie «verletzlich». Im Mittelland ist sie verschwunden, bloss im westlichen Jura und in den Voralpen kann sie sich noch halten. Im Tessin sowie in der Romandie wird sie immer noch bejagt. Zwischen 1000 und 2500 Vögel werden jährlich in der Schweiz erlegt. Zum Vergleich: Pro Jahr werden in ganz Europa 4 Mio. Schnepfen geschossen.

François Estoppey
Die Waldschnepfe sei sein Totemvogel, sagt der Biologe François Estoppey. Vieles, was man heute über die Lebensweise dieser Vogelart in der Schweiz weiss, ist seiner nebenamtlichen Forschungstätigkeit zu verdanken. Seit seiner Pensionierung als Gymnasiallehrer hat er noch mehr Zeit dafür – sowie für sein zweites Hobby, die Naturfotografie.
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Streit um Schnepfenjagd

Ist die Jagd in der Schweiz noch zu verantworten? Nein, meinen manche Vogelschützer. Doch, entgegnen die Jäger, denn erlegt würden bei uns fast ausschliesslich ziehende Vögel aus Nordeuropa und Russland. Deren Populationen sind nach Einschätzungen der internationalen Naturschutzorganisation IUCN nicht gefährdet. Die bei uns brütenden Vögel seien hingegen längst in ihr Winterquartier im Mittelmeerraum abgeflogen, wenn die Jagd beginnt.

Es gibt indessen Hinweise darauf, dass sich zu Beginn der Jagdzeit noch einzelne einheimische Brutvögel in der Schweiz aufhalten. So konnte der Ornithologe und Schnepfenkenner François Estoppey bei 4 Männchen, die er in den Westschweizer Voralpen gefangen und mit Sendern ausgerüstet hatte, den Zeitpunkt des herbstlichen Wegzugs bestimmen. Dieser lag zwischen dem 10. und dem 27. Oktober. Im Kanton Neuenburg wird die Schnepfenjagd offiziell am 16. September eröffnet, doch warten die Jäger freiwillig zu bis Anfang Oktober. In den übrigen Westschweizer Kantonen und im Tessin beginnt sie zwischen dem 1. und dem 25. Oktober.

Aufgrund der Befunde seiner Studie plädiert François Estoppey für eine Verschiebung des Jagdbeginns auf Ende Oktober. Bei den von ihm festgestellten Abflugterminen handle es sich bloss um ein punktuelles Ergebnis, das in einem ausserordentlich milden Herbst erbracht wurde und sich deshalb nicht verallgemeinern lasse, hält Henri-Armand Meister dagegen.

Herkunftsbestimmung mittels Isotopen

Werden in der Schweiz auch einheimische Schnepfen erlegt, und wenn ja, wie viele? Diese Fragen zu klären, ist eines der Ziele des Forschungsprojekts. Dabei kommt die Isotopenmethode zur Anwendung: Sie basiert auf dem Verhältnis der Atome Wasserstoff (H), Stickstoff (N) und Kohlenstoff (C) zu ihren Isotopen 2H beziehungsweise 13C und 15N in den Federn der Vögel. «Je nach Region sind diese Verhältnisse in der Umwelt, in der Nahrungskette und damit auch in den Federn der Schnepfen unterschiedlich», erklärt Projektleiter Yves Gonseth vom Schweizer Zentrum für die Kartografie der Fauna (SZKF) in Neuenburg.

Neuenburger Jäger haben bereits in den Jahren 2012 bis 2014 erlegten Schnepfen Federn entnommen. Die Resultate der von einem Berliner Labor durchgeführten Analysen lagen bei Redaktionsschluss von umwelt 1/2016 noch nicht vor. Zu deren Interpretation braucht es zudem Referenzgrössen von Proben hierzulande geschlüpfter Vögel. «Je nach Ergebnis wird man den Jagdbeginn in der Schweiz eventuell anpassen müssen», meint der Biologe Nicolas Bourquin, der das BAFU in der Projektbegleitgruppe vertritt.

Unklarheit über Rückgangsursachen

Weiter soll das BAFU-Projekt Grundlagen für Förderungsmassnahmen erbringen. Um einer Art wirksam helfen zu können, muss bekannt sein, wo ihr Problem liegt. Leidet die Waldschnepfe an den Veränderungen der Wälder, die immer dunkler werden? Sind es die Störungen durch die Menschen? Ist der Druck durch natürliche Feinde - Fuchs, Wildschwein - zu gross geworden?

Eine Analyse der Landschaftsentwicklung von Gebieten, in denen die Waldschnepfe seit 1970 als Brutvogel nachgewiesen wurde, könnte bei einigen Fragen weiterhelfen. Was hat sich an Orten verändert, die in diesem Zeitraum verwaist sind - im Vergleich zu jenen, an denen die Art heute noch brütet? «Der Fokus richtet sich auf die Waldzusammensetzung und -struktur sowie auf die Bodenverhältnisse», sagt Kurt Bollmann von der Eidgenössischen Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft (WSL), der diesen Projektteil bearbeitet. Ist der Wald dichter geworden, sind Lichtungen eingewachsen, wurden Feuchtbiotope trockengelegt?

Durch Besenderung brütender Weibchen soll in Erfahrung gebracht werden, wie die Vögel ihren Lebensraum nutzen und was dieser alles bieten muss, damit sie sich erfolgreich fortpflanzen können.

Handeln, bevor man alles weiss

Mit konkreten Förderungsmassnahmen muss aber nicht gewartet werden, bis alle Ergebnisse vorliegen. Auch mit dem bereits vorhandenen Expertenwissen lässt sich zumindest versuchsweise schon einiges tun. Die Art brütet in weiten, nicht zu dichten Wäldern mit feuchten Böden, die reich sind an Regenwürmern, ihren wichtigsten Beutetieren. Lichtungen, unterholzreiche Partien und Flächen mit üppiger Krautschicht sind wichtige Elemente ihres Lebensraums. Gezielte Holzschläge, die Wiedervernässung drainierter Flächen oder die Beruhigung des Lebensraums etwa durch Sperren von Waldwegen, könnten ihr das Leben erleichtern. Wenn Jäger und Ornithologen dafür zusammenspannen, lässt sich für den Schnepfenbestand in der Schweiz mehr erreichen als über ein Jagdverbot.

 

Das Forschungsprojekt

In der Deutschschweiz ist die Waldschnepfe geschützt, in der Westschweiz, im Berner Jura und im Tessin wird sie hingegen im Herbst noch bejagt (Änderung des Jagdgesetzes von 1962). Allerdings sind die Faktoren, welche die Brutpopulationen bedrohen, nicht genau bekannt. Fest steht, dass die Bestände zumindest in einzelnen Kantonen, in denen die Art geschützt ist, weiterhin rückläufig sind. Mit dem Ziel, Massnahmen zur Erhaltung der Brutbestände zu entwickeln und - sofern mit diesem Ziel vereinbar - eine nachhaltige jagdliche Nutzung der Art zu ermöglichen, hat das BAFU ein Forschungsprojekt lanciert. Es soll die wissenschaftlichen Grundlagen schaffen, die zur Erfüllung der auf den ersten Blick widersprüchlichen Ziele nötig sind.

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Letzte Änderung 17.02.2016

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