Wildhüter: Durch Stadt und Land

Einst waren sie dazu da, Wildfrevel zu bekämpfen, heute bilden die Wildhüter eine Art Scharnier zwischen Mensch und Natur. Ihr Tätigkeitsfeld verschiebt sich mehr und mehr in die Siedlungsgebiete. Gefordert sind nebst Sachkenntnis auch Kommunikationsfähigkeit und psychologisches Geschick.

Junge Stadtfüchse vor ihrem Bau.
Junge Stadtfüchse vor ihrem Bau.
© Patrick Gutenberg/Ex-Press

Text: Martin Arnold

«Versuchen Sie festzustellen, ob die Taube verletzt ist. Wenn nicht, legen Sie sie am besten wieder auf eine Hecke.» Eine Weile noch berät Wildhüter Steven Diethelm die Anruferin, dann beendet er das Gespräch. Telefonate wie dieses ist er sich gewohnt. An einem Tag im Spätsommer 2015 zählte er deren 70. Die Anrufenden klagen über Wildtiere, die Blumen abfressen, oder über Füchse und Dachse, die auf der Wohnstrasse herumstreunen. Sie berichten über im Kompost versteckte Igel oder - wie in diesem Fall - über verletzte Vögel.

Steven Diethelm gibt bereitwillig Auskunft über seinen beruflichen Alltag und weiss die absonderlichsten Geschichten zu erzählen. Viele handeln von Konflikten, die entstehen, wenn urbane Gebiete in die Lebensräume der Wildtiere vordringen - oder umgekehrt.

25‘000 Hektaren misst der Aufsichtskreis des Schwyzer Wildhüters. Er erstreckt sich von der Linth am Drei-Kantone-Eck von Schwyz, Glarus und St. Gallen über das westliche Zürichseeufer mit den Gemeinden Pfäffikon und Wollerau bis zur Grenze des Kantons Zürich. Das Gebiet umfasst sowohl die dicht besiedelte Agglomeration der Linthebene mit 80‘000 Einwohnerinnen und Einwohnern als auch Landwirtschaftsgebiete, abgelegene Wälder und Bergregionen mit dem 2295 m hohen Redertenstock als höchstem Gipfel.

Beratung im Villenviertel

In Pfäffikon und Wollerau terrassieren Einfamilienhäuser die Hänge am Waldrand mit ausladenden Balkonen und verglasten Wänden. Wohnzimmer expandieren in den Garten. Es sind Lounches mit Möbeln, weissen Kissen und Tischdecken. «Bei uns tummeln sich Füchse im Garten und ruinieren die Polster. Sie sind doch der Wildhüter, Sie müssen sofort etwas dagegen tun!» So oder ähnlich melden sich einige der Anrufer. «Ich versuche dann, ihnen zu erklären, dass es Natur nicht nur in den Bergen gibt, sondern auch vor ihrer Haustür. Und dass sie die Füchse förmlich zum Besuch einladen, wenn sie den Futternapf der Katze neben die Sträucher und Bäume ihres Gartens stellen», berichtet Steven Diethelm.

Steven Diethelm
Bevor Steven Diethelm seine Stelle als Wildhüter im Kanton Schwyz antrat, war er in derselben Funktion in der Stadt Zürich tätig. Kindern und Erwachsenen die Natur in ihrer ganzen Vielfalt und mit ihrem Zauber näherzubringen, sei eine der schönsten Aufgaben seines Berufs, sagt er. In der Freizeit züchtet er Greifvögel, bildet einzelne davon für die Beizjagd aus und betreibt eine Pflegestation für Greife und Eulen. Das Bild im Hintergrund zeigt junge Stadtfüchse vor ihrem Bau.
© Flurin Bertschinger/Ex-Press/BAFU

Verirrte Ente auf dem Balkon

Er verbringt viel Zeit mit Beratungsgesprächen, gibt hilfreiche Tipps und legt auch mal Hand an, wenn es darum geht, eine verirrte Ente von einem Balkon eines Mehrfamilienhauses abzuholen. Ruft aber - wie schon geschehen - jemand an, weil ihn das Vogelgezwitscher am frühen Morgen stört, ist zuweilen etwas psychologisches Gespür nötig.

Viele Menschen hätten ein romantisches Bild vom Wildhüterberuf, sagt Steven Diethelm. Man stellt sich einen bärtigen Mann vor, der mutig einen Wilderer stellt und ihn zur Rechenschaft zieht; oder der - begleitet von seinem Hund und mit geschultertem Gewehr - gemütlich durch die Berge streift und mit dem Feldstecher Tiere beobachtet.

Doch Steven Diethelms Tätigkeit sieht anders aus. Gerade mal 20 % seiner Arbeitszeit kann er sich den - wie er sagt - «klassischen» Wildhüteraufgaben widmen. Dann ist er in wetterfester Kleidung und Wanderschuhen in der Natur unterwegs - zum Beispiel im Raum Tierberg, Schiberg und Zindelenspitz östlich des Wägitalersees; im Gebiet des Pragelpasses oder am Fluebrig mit dem 2092 m hohen Diethelm, dem er sich wegen der Namensgleichheit verbunden fühlt.

Die wilde Schönheit dieser Landschaft kontrastiert mit dem zersiedelten Zürichseeufer. Dort oben tummeln sich Gämsen und Steinböcke, leben Hirsche und Murmeltiere. Es herrscht noch Stille, und die Nacht taucht die Wälder in völlige Dunkelheit. Steven Diethelm zählt die Wildbestände, prüft, wie es um den Nachwuchs im Adlerhorst steht, sucht nach einem verletzten Tier, beurteilt einen Wildschaden im Wald oder auf einem Feld. Im Frühsommer behändigt er gelegentlich vermähte Rehkitze, und er hilft den Jägern, Schutzmassnahmen auf den Wiesen umzusetzen.

Blick über die Jägerschulter

Im Herbst, wenn die Jägerinnen und Jäger unterwegs sind, überwacht Steven Diethelm die streng reglementierte Jagd. Er kontrolliert die getätigten Abschüsse und meldet jeden Abend die Anzahl und Art der erlegten Tiere der kantonalen Jagdverwaltung, damit diese die Statistiken nachführen kann. Rund um die Uhr steht er mit seinem ausgebildeten Diensthund zur Verfügung, um auf der Jagd durch Schüsse verletzte Tiere möglichst schnell zu finden und zu erlösen.

In Steven Diethelms Tätigkeitsgebiet gibt es auch etliche Natur- und Vogelschutzgebiete. Hier wird er bei seiner Aufsichtsarbeit von teilzeitangestellten Reservatsaufsehern unterstützt. Die Naturschutzgebiete sind beliebte Ausflugsziele. «Das sollen sie auch sein», sagt der Wildhüter. «Doch müssen die Leute beachten, dass sie in einem Schutzgebiet unterwegs sind, wo bedrohte Arten ihre letzten Rückzugsorte und Brutplätze finden. Dies erfordert Rücksicht. Hier tolerieren wir wenig Übermut und keine Übertretungen. Wenn nötig, greifen wir auch mal zum Bussenzettel. Hunde gehören an die Leine, und die Menschen müssen auf den offiziellen Wegen verbleiben.»

Flexibler Allrounder

Zu Steven Diethelms Aufgaben gehört auch das Einsammeln und Entsorgen von Tierkadavern. Manchmal hilft er den Fischereiaufsehern beim Abfischen von Bächen oder Umsiedeln von Fischen. Er geht gegen Tierquälerei vor oder vertritt bei der Organisation von Orientierungsläufen oder Pfadilagern die Interessen der Wildtiere - vor allem, wenn solche Anlässe im Wald stattfinden. Er wird aber auch gerufen, wenn sich Wespen an unerwünschten Orten ansiedeln oder wenn sich Schädlinge breitmachen. «Für die Schädlingsbekämpfung gibt es Spezialisten, aber die sind den Leuten nicht so bekannt», sagt er. Wildhüter sind zu einem Scharnier zwischen Menschen und der Natur schlechthin geworden. «Man ist eine öffentliche Person. Die Bevölkerung kennt uns und ruft uns an, sobald Fragen oder Probleme mit Tieren auftauchen.»

Berater der Planungs- und Baubehörde

Ein Dauerbrenner in seinem Aufsichtsgebiet ist das Problem mit dem Wildtierkorridor Ruchried zwischen Siebnen und Schübelbach in der Linthebene, der als SZ 11 im einschlägigen kantonalen Register verzeichnet ist . Er wird vor allem in harten Wintern von Hirschen genutzt, die im Herbst ihre Sommereinstände in den schattigen Wäldern um die Hochebene von Rothenturm oder dem Wägital verlassen und zu den sonnigen Hängen des Buechbergs am Obersee oder des Rickenpasses im Toggenburg (SG) ziehen.

Auf dem Weg dorthin liegen mehrere Hauptstrassen, dicht besiedeltes Gebiet, der Linthkanal, eine Eisenbahnlinie und eine Autobahn. Beim Versuch, diese Hindernisse zu überbrücken, kollidierten schon mehrere Hirsche mit Autos. Um hier Lösungen zu finden, sind die lokalen Kenntnisse des Wildhüters über den Hirsch und sein Verhalten gefragt. Steven Diethelm wird dann zum Berater der Planungs- und Baubehörde.

Am Fuss des Buechbergs besteht noch eine kleine Feldhasenpopulation. Sie wird jeden Winter gezählt. Ein Netz von Wegen durchzieht ihren Lebensraum. «Hier gibt es Velos, Jogger, Wandernde mit und ohne Hund, Skater, Modellfugzeuge, Gleitschirmflieger und Helikopter-Landeübungen. Unter diesen Bedingungen ist es fast unmöglich, eine Feldhasenpopulation zu erhalten», bedauert der Wildhüter.

Im Dschungel der Städte und Siedlungen

Wir fahren vorbei am Wasser-Erlebnispark «Alpamare». Der Verkehr wird dichter und gerät ins Stocken. Oberhalb von Wollerau offenbart sich uns der Blick auf Einfamilienhauskaskaden. Er erinnert Steven Diethelm an seine Zeit als Wildhüter in der Stadt Zürich: «Wildtiere leben auch in den Städten mehr oder weniger auffällig unter uns», sagt er und zeigt auf ein kleines Quartier. «Dort unten zum Beispiel, mitten in der Siedlung, trifft man immer wieder auf Rehe und Füchse in den Gärten. Die Menschen finden die Natur toll, aber viele wissen nicht mehr, wie sie mit ihr umgehen sollen.» Deshalb werde eine intensive Aufklärungs- und Öffentlichkeitsarbeit immer wichtiger.

Wildhüter/in als Beruf

hjb.Wer den Wildhüterberuf ergreifen will, muss eine abgeschlossene Berufslehre vorweisen können, über ein breites naturkundliches und namentlich auch wildtierbiologisches Fachwissen verfügen, mit dem fraglichen Gebiet bestens vertraut, wetterfest und konditionell auf der Höhe sein.

Die Ausbildung beginnt nach der Wahl für eine freie Stelle. Sie erfolgt berufsbegleitend während 4 Kurswochen verteilt auf 2 Jahre nach einem gesamtschweizerisch einheitlichen Lehrplan. Nebst dem Besuch der an wechselnden Orten durchgeführten Grundkurse ist eine individuelle Wissensaneignung in Form von Fachliteratur, Vorträgen und kantonalen Kursen erforderlich.

Der 1999 gegründete Schweizerische Wildhüterverband (SWHV) organisiert die Berufsprüfung zum Wildhüter beziehungsweise zur Wildhüterin mit eidgenössischem Fachausweis nach den Richtlinien des Bundesamtes für Berufsbildung und Technologie (BBT). Geprüft werden die Fächer Ökologie, Biologie, Wildtier- und Lebensraummanagement, Recht und Polizei sowie Organisation und Administration und Technik.

StadtWildTiere: Erforschung der urbanen Wildbahn

ma. Die freie Wildbahn endet nicht an der Stadtgrenze. Auch Siedlungsgebiete sind Teil des Lebensraums von Wildtieren. Stadtfüchse sind mittlerweile ein allgemein bekanntes Phänomen, ebenso Marder in Wohnquartieren. Doch auch Dachse, gelegentlich gar Wildschweine und Rehe tauchen zuweilen in Wohngebieten auf, und einige Biber haben sich bei uns in städtischen Gewässern niedergelassen. Zudem bieten Städte Ersatzbiotope für Fledermäuse und Vögel, von denen einige Arten wie zum Beispiel Mauer- und Alpensegler stark profitieren.

Ein wachsender Teil der Bevölkerung lebt in städtischen Agglomerationen. Immer mehr Menschen erfahren Natur im Alltag deshalb vorwiegend in Siedlungsgebieten.

Hier setzt das von der Zürcher Arbeitsgemeinschaft für Stadtökologie und Wildtierforschung SWILD initiierte und vom BAFU unterstützte Projekt StadtWildTiere an. Zur Anwendung kommen dabei die Methoden von Citizen Science, zu Deutsch «Bürgerwissenschaften». Der Begriff bezeichnet eine Form der Wissenschaft, bei der Projekte unter Mithilfe interessierter Laien durchgeführt werden. Diese können ihre Beobachtungen melden und so einen Beitrag zum Monitoring der Stadtwildpopulationen leisten. Die Beobachtungen werden auf einer Plattform zusammengeführt und auf Karten dargestellt.

StadtWildTiere soll Bewohnerinnen und Bewohner von Städten auf die Vielfalt der Fauna in ihrer Wohn- und Arbeitswelt aufmerksam machen, Wissenslücken über das Vorkommen und die Verbreitung von Wildtieren in Städten und Agglomerationen schliessen sowie Grundlagen für eine gezielte Förderung der Tierwelt im Siedlungsraum erbringen.

http://stadtwildtiere.ch

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Letzte Änderung 17.02.2016

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