Wildschwein: Gefragter Hundetrainer

Damit die Schäden im Kulturland im Rahmen bleiben, müssen Wildschweine bejagt werden. Doch die traditionelle Ansitzjagd auf die cleveren Tiere ist äusserst zeitaufwendig. Mit Stöberhunden geht es effizienter - und schonender für das Wild. Die Hunde müssen aber sorgfältig dafür ausgebildet werden.

Wildschweine
Wildschweine
© Fotolia
Daniel Gerber
An durchschnittlich 60 Tagen pro Jahr geht der Landwirt und Jäger Daniel Gerber mit seinen Hunden auf die Wildsaujagd. Da bleibt keine Zeit für andere Hobbys: Die Arbeit auf seinem Landwirtschaftsbetrieb mit Ackerbau und Grünlandnutzung, Schafen, Rindern, Mutterkühen sowie Pferden sei abwechslungsreich genug, findet er. Auf dem Foto hat er die beiden Schwarzwildhunde «Danug», einen Westsibirischen Laika (links) und «Jamiro», einen Deutschen Wachtelhund, bei sich.
© Markus Forte, Ex-press/BAFU

Text: Nicolas Gattlen

«Haben Sie Angst vor Hunden? Nein? Also bitte, treten Sie ein.» Daniel Gerber öffnet das Metalltor und führt den Besucher über den Hof, den ein Dutzend Hunde frequentieren. Ein paar neugierige beschnüffeln die Hosen des Gastes, verlieren aber rasch das Interesse.

Daniel Gerber tritt in sein Arbeitszimmer. An der Wand hängen Trophäen einer 35-jährigen Jägerkarriere, unter dem Tisch lümmeln 5 oder 6 Hunde. «So, raus mit euch!», befiehlt der Chef. 2 dürfen bleiben, die etwas ältere Dame Jade von Uhlengrund und Vicky, ein Deutscher Wachtelhund mit nur 3 Beinen. Ein Autounfall? «Nein, ein Wildschwein hat ihn erwischt. Wahrscheinlich wars eine Bache. Sie hat ihm bei einer Drückjagd den Oberschenkel zermalmt.» Weibliche Schweine wehren sich vehement, wenn sie ihre Frischlinge verteidigen.

Respekt vor der Wildsau

Der damalige Besitzer wollte den Hund nach dem Unfall einschläfern lassen, Daniel Gerber nahm das verletzte Tier bei sich auf. «Eine Wildsau kann einen Hund auch töten», erklärt er. Sie habe einen ungemein kräftigen Biss. Männliche Tiere - Keiler - verfügten über messerscharfe Zähne. Gefährlich seien nicht unbedingt die grossen, 90 bis 100 kg schweren Tiere, sondern die agileren mittelgrossen und insbesondere die frisch- und altverletzten, weil sie nicht mehr gut flüchten könnten und unberechenbar reagierten. «Deshalb ist es wichtig, dass die Stöberhunde den Umgang mit dem Schwarzwild von Grund auf erlernen. Sie dürfen nicht zu ungestüm ans Werk gehen und schon gar nicht die gestellten Tiere verletzen. Andererseits sollen sie auch nicht zu zögerlich agieren, sonst bleiben die Sauen einfach im Unterholz liegen.» Aufgabe der Hunde sei es, die aufgespürten Wildschweine «auf die Läufe zu bringen» und in Bewegung zu halten. Das erfordere Ausdauer, Jagdpassion, Mut und eben auch: Köpfchen.

Daniel Gerbers Hunde sind gut geschult. Davon zeugen die zahlreichen Zertifikate an den Bürowänden, ausgestellt vom deutschen Bundesland Sachsen-Anhalt. Jago von der Schweinegrube etwa hat mit Erfolg die «Brauchbarkeitsprüfung für Jagdhunde» im Saugatter bestanden. Zuvor hatte er mehrmals zusammen mit Daniel Gerber im Gatter trainiert. Jago lernte die Wehrhaftigkeit der Wildschweine kennen und sein eigenes Verhalten anzupassen, lernte, wie er die Sauen zu stellen hat, wie er sie aus dornigen Büschen bekommt und auf Trab hält.

Alle 20 Stöberhunde aus Daniel Gerbers Meute haben diese Trainings absolviert. Dafür musste der Besitzer mit seinen Tieren weite Reisen nach Deutschland oder Frankreich in Kauf nehmen, denn entsprechende Möglichkeiten gab es bislang in der Schweiz nicht: Die Ausbildung an lebenden Wildschweinen war nicht erlaubt.

Jagdstatistik 2014
© Quelle: Eidg. Jagdstatistik, BAFU

Schwarzwild-GewöhnungsgatterDas aber soll sich nun ändern. Auf Anregung aus Landwirtschaftskreisen hat das BAFU im Jahr 2012 die eidgenössische Jagdverordnung um einen Passus erweitert, wonach die Kantone zur Sicherung einer tierschutzgerechten Jagd die Ausbildung von Hunden für die Wildschweinjagd zu regeln haben. Schwarzwild-Gewöhnungsgatter sind dazu unabdingbar - und inzwischen auch rechtlich zulässig: Eine Revision der Tierschutzverordnung 2014 erlaubt neu die Ausbildung von Jagdhunden an lebenden Wildschweinen und legt die Grundsätze dazu fest. Zurzeit wird auch die gemäss Tierschutzverordnung notwendige Ausbildung der Gattermeister im Auftrag des BAFU konzipiert.

Eine Arbeitsgruppe der Jagd- und Fischereiverwalterkonferenz (JFK) - dem Zusammenschluss der kantonalen Jagdverwalter - prüft derzeit, wo ein erstes Gatter errichtet werden kann. Interesse zeigen etwa die Kantone Zürich und Aargau. Beide Kantone verbuchten in den letzten Jahren massive Wildschweinschäden in der Landwirtschaft - 500‘000 CHF jährlich sind es im Kanton Aargau.Cleveres SchwarzwildDie natürlicherweise tagaktiven Wildschweine haben sich dem Menschen angepasst und ihre Aktivitäten weitgehend in die Nacht verlegt. Entsprechend aufwendig ist die Jagd: Bis zu 50 Std. muss ein Jäger im Kanton Aargau durchschnittlich ansitzen, bis ihm eine Wildsau vor die Büchse läuft und erlegt werden kann. Die scheuen Tiere haben einen ausgezeichneten Geruchssinn, und sie hören sehr gut. Bereits das Klicken beim Einrasten des Gewehrverschlusses oder beim Entsichern der Waffe veranlasst sie zum Rückzug.

Hinzu kommt, dass das Schwarzwild lernfähig ist. Wenn eine Bache an einem Ort schlechte Erfahrungen gemacht hat, meidet sie diese Stelle für längere Zeit. Und weil Wildschweine - ausgenommen die älteren, allein lebenden Keiler - immer in der Rotte unterwegs sind, das heisst in Gruppen mit 2 bis 3 Bachen und mehreren Jungtieren, entsteht ein kollektives Wissen. Forscher glauben, dass die starke soziale Struktur einer der Hauptgründe dafür ist, dass Wildschweine so schwierig zu erlegen sind. Derart schwierig, dass beispielsweise die Jagdgesellschaft Berg, welche die Reviere Olsberg Nord und Rheinfelden West im Kanton Aargau bewirtschaftete, im Frühjahr 2013 entnervt ihre Flinten ins Korn warf. Sie sah sich nicht mehr in der Lage, für die von Wildschweinen angerichteten Schäden aufzukommen: Bis zu 25 % des jährlichen Jahrespachtzinses müssen Gesellschaften im Aargau dafür bezahlen.

Inzwischen sind die beiden Jagdreviere an eine andere Gesellschaft vergeben worden: Die Jagd auf Wildschweine mag nervenzehrend sein, sie ist aber auch interessant.

Daniel Gerber ist Mitglied der neu gegründeten Jagdgesellschaft. Als Landwirt in Olsberg hatte er selber immer wieder Schäden zu beklagen, vor allem in Weizen- und Maisfeldern. Dieses Jahr aber konnte er eine reiche Weizenernte einfahren, und auch der Mais steht an diesem glühend heissen Augusttag ohne Verluste im Feld. «Die Drückjagd mit unseren Hunden scheint Wirkung zu zeigen», freut sich der Landwirt, der auch bei anderen Jagdgesellschaften ein wachsendes Interesse an ausgebildeten Schwarzwildhunden feststellt. Rund 80 Anfragen hat er dieses Jahr schon erhalten, etwa 50 Mal will er während der Jagdsaison 2015/16 mit seiner Meute ausrücken. Je nach Grösse des Jagdgebiets nimmt er zwischen 6 und 15 Hunde mit, rund 30 CHF verlangt er pro Hund und Tag. «Die Jagd mit Hunden ist sehr effizient und damit auch schonender für das Wild», erklärt Daniel GerberEffiziente Regulation in NaturvorranggebietenRoman Eyholzer, Jagdverwalter im Kanton Freiburg, hat am südlichen Ufer des Neuenburgersees ein besonderes Problem zu managen: Die Wildschweine fressen hier nachts in den ufernahen Mais- und Kartoffelfeldern und ziehen sich tagsüber in die Schilfgürtel oder Uferwälder zurück, wo die Allesfresser auch Vogeleier und junge Vögel verspeisen. Nur wenn die Vegetation in den Feldern höher ist als 70 Zentimeter, verbringen die Sauen auch den Tag gern im Feld, wie ein Forschungsprojekt mit 10 GPS-besenderten Wildschweinen dokumentiert.

In den Äckern entlang des Seeufers verursacht das Schwarzwild Schäden von 40‘000 bis 50‘000 CHF pro Jahr. Obwohl sich am Ufer des Neuenburgersees Wasser- und Zugvogelschutzgebiete von internationaler Bedeutung befänden, könne nicht auf die Reduktion der Wildschweinbestände verzichtet werden, erklärt der Freiburger Jagdverwalter. «Die Jagd aber stört die Wasservögel und kann sensible Vogelarten vertreiben. Deshalb sollte sie möglichst effizient sein. Wie ein kurzes, heftiges Gewitter.»

Zweimal hatte man es ohne spezialisierte Hunde versucht, einmal gänzlich erfolglos, einmal kam eine einzige Sau zur Strecke. Also begab sich Roman Eyholzer im Januar 2012 mit 5 Hundeführern und ihren 9 Schwarzwildhunden auf eine bewilligte Drückjagd in den ausgedehnten Schilfgebieten bei Portalban. Ulrich Bärtschi, ein erfahrener Berner Hundeführer, hatte die Aufgabe, mit seinen 4 Kollegen und ihren erfahrenen Stöberhunden die Schwarzwildrotten in den riesigen Riedgebieten zu finden und aus dem unwegsamen Schilf zu treiben. «Das Stöbern im dichten Schilf, in den scharfrandigen Seggen und auf den teils schwimmenden Böden war extrem anstrengend für die Hunde», erinnert er sich. «Am Ende des Tages aber waren 28 Wildsauen erlegt.»

Mit dabei war auch der Ornithologe Michel Antoniazza von der «Association de la Grande Cariçaie», die für die Betreuung der Naturschutzgebiete entlang des Südufers des Neuenburgersees zuständig ist. Er beobachtete das Verhalten der Wasservögel. Wie haben diese auf das «Gewitter» reagiert? «Die Schüsse haben sie aufgeschreckt, doch nach kurzer Zeit liessen sich die meisten von ihnen wieder im Gebiet nieder», bilanziert Michel Antoniazza. «Einzig die sensibleren Arten wie Reiherente, Tafelente und Kolbenente sind in den folgenden Tagen nicht zurückgekehrt, einige Tiere scheinen gar den See verlassen zu haben.»

Schliesslich aber ermöglichte die kleine Jagdtruppe, dass am Südufer des Neuenburgersees an einem einzigen Tag gleich viele Wildsauen erlegt werden konnten wie während 5 Monaten im ganzen Rest des Kantons. «Die Vögel werden nun nicht mehr länger gestört, und auch die verbleibenden Wildschweine können ohne weiteren Jagddruck im Schutzgebiet leben», erklärt Roman Eyholzer. «Ohne die sehr guten, am Schwarzwild ausgebildeten und erfahrenen Hunde wäre dies nicht möglich gewesen.»

Ausbildung im Schwarzwild Gewöhnungsgatter

Schwarzwild-Gewöhnungsgatter sind für die Ausbildung und Selektion von spezialisierten Jagdhunden unerlässlich. Im Gatter erkennt man, welche Hunde dazu geeignet sind, die Wildschweine zu jagen, ohne sie zu verletzen oder sich selber zu gefährden. Gemäss der revidierten Jagdschutzverordnung dürfen nur noch solche Hunde für Schwarzwildjagden eingesetzt werden.

Wie die Ausbildung der Hunde im Schwarzwild-Gewöhnungsgatter erfolgen soll, hält die Arbeitsgemeinschaft für das Jagdhundewesen (AGJ) in einem Musterreglement fest. Dieses lehnt sich an entsprechende Reglemente aus seit Jahren bestehenden deutschen Gattern an. Zuerst gilt es, die Junghunde an den Geruch und den Anblick von Frischlingen zu gewöhnen; Hund und Schwarzwild sind durch ein Gitter voneinander getrennt.

Danach setzt man einen einzelnen Junghund in einem kleineren Gatter auf Sicht und kurze Distanz auf mehrere Wildschweine an, die vor dem Hund davonlaufen, ohne sich ihm zu stellen. Der Hund lernt mit Unterstützung seines Meisters, den Tieren zu folgen. Sein Jagdtrieb wird gefördert. Hunde, welche die Sauen zu stark bedrängen oder sie gar zu packen versuchen, werden auf Wildschweine angesetzt, die sich nicht mehr ohne Weiteres vom Hund treiben lassen, sondern sich gegen diesen wenden - ohne bösartig zu sein. Der Hund lernt, dass Wildschweine wehrhaft sind und dass er besser Distanz hält. Gleichzeitig soll er zeigen, dass er sich nicht vom Wildschwein abwendet, sondern dieses auf Distanz hartnäckig verbellt.

Schliesslich folgt der Einsatz in einem grösseren Gatter mit dichtem Unterwuchs. Der Hund muss nun mit der Nase selbstständig Wildschweine aufspüren, diese im Unterwuchs verbellen und verfolgen, ohne sich ihnen zu stark anzunähern. Schafft er diese Prüfung, wird er für die Jagd zugelassen.

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Letzte Änderung 17.02.2016

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