Wildtiere kennen keine Grenzen: Luna lebt stationär, Lola migriert

Ein Forschungsprojekt zeigt, dass sich das Raumverhalten von Hirschen individuell unterscheidet. Einige leben standorttreu, andere pendeln zwischen Sommer- und Wintereinstand. Weil sie sich dabei nicht um Kantonsgrenzen kümmern, muss die Hirschjagd kantonsübergreifend geplant werden.

Hirsche
Hirsche
© Roland Kieser

Text: Elsbeth Flüeler

Die Rinde der jungen Ulme im Wald bei Broc (FR), nahe dem historischen Städtchen Greyerz, ist bis auf Augenhöhe weggeschält. Da hat sich ein Hirsch betätigt. «Dieser Schaden ist hier wenig gravierend», sagt Forstingenieur Robert Jenni. Die Ulme sei in diesem Bestand ein Begleitbaum und wachse im Unterwuchs. Gleich daneben jedoch steht eine Fichte. Auch sie weist Schälspuren auf. «Dieser Baum hingegen sollte unbeschädigt aufkommen, gross, stark und später geerntet werden», erklärt der Forstmann. Die Fichte wird absterben, oder zumindest wird ihr Holz massive Qualitätsverluste erleiden. Die Schälwunde wird deshalb als Schaden erfasst.

Lebensraum ist Lebensrecht

Wo der König der Wälder in sein Reich zurückkehrt, klagen die Waldbesitzer über Ertragsverluste, und die Förster fürchten um den Schutzwald. «Wo Lebensraum, da Lebensrecht», meint dagegen Reinhard Schnidrig, Chef der Sektion Wildtiere und Waldbiodiversität im BAFU. «Wo der Hirsch einen Lebensraum findet, in dem die naturräumlichen Bedingungen und die Ökologie sein Überleben erlauben, soll er auch bleiben dürfen.» Reinhard Schnidrig plädiert deshalb dafür, die Schadensproblematik im Wald auch unter dem Gesichtspunkt des Lebensraums der Wildtiere zu betrachten.

So wie dies der Kanton Freiburg mit der Definition von Toleranzgrenzen vormacht: Schälwunden, die der Hirsch an jungen Bäumen verursacht, werden nicht gezählt. Erfasst werden nur die Schäden an Zukunftsbäumen, an jenen Bäumen also, die das Grundgerüst der Wälder bilden und für den künftigen Waldbestand wichtig sind.

Der Verbiss zeigt, wie der Pflanzenfresser auf den Wald einwirkt. Eine beliebte Nahrung bilden die Knospen von Esche, Ulme, Linde und Fichte. Fressen die Hirsche zu viele davon, kann sich der Wald nicht verjüngen. «Der Verbiss im Wald ist ein Fiebermesser», erklärt Reinhard Schnidrig, «und ein Indikator für das Wald-Wild-Gleichgewicht.»

Ist der Hirschbestand einmal gesichert, braucht es die Jäger, die ihn dem Lebensraum anpassen. Allerdings: Die Jagd soll die Hirschpopulationen regulieren, aber nicht gefährden. Genau hier liegt das Problem im Fall von Broc. 253 Hirsche zählten die Wildhüter im Winter 2014/15 im engeren Umkreis der Gemeinde. Das ist ein hoher Bestand, entsprechend sind die Schäden in den Wäldern. Zur gleichen Zeit wurden in den Voralpen der angrenzenden Kantone Bern und Waadt vergleichsweise wenige Hirsche beobachtet. Wie hoch der gesamte Bestand im weiteren Umkreis von Broc ist, wissen die Wildhüter nicht. «Wie viele Tiere soll da der Kanton Freiburg zum Abschuss freigeben?», fragt sich Walter Schwab, Vorsteher des Amtes für Wald, Wild und Fischerei (WALDA).

Über politische Grenzen hinweg

Anders als Gämse oder Reh wechselt der Hirsch gerne saisonal sein Einstandsgebiet und wandert grossräumig. Politische oder administrative Grenzen kennt er dabei nicht. Wie die Wildtiere generell: Wale durchkreuzen die Weltmeere, Zugvögel brüten im frischen Norden und überwintern im warmen Süden, Wölfe können bei ihren Wanderungen mehrere Hundert km zurücklegen. Dass sie dabei zuweilen Landesgrenzen überschreiten, wissen sie nicht. Daher gibt es weder eine Schweizer noch eine italienische Population, sondern einfach eine in den Alpen.

Angesichts der Probleme in den Wäldern bei Broc untersuchte ein Ökobüro im Auftrag der Kantone und des BAFU das Raumverhalten der Hirsche in den westlichen Voralpen der Kantone Bern, Freiburg und Waadt. 8 Hirsche - 6 Kühe und 2 Stiere - wurden in den Jahren 2009 bis 2011 gefangen, besendert und erhielten einen Namen. Danach wurden ihre Wege per GPS verfolgt.

Christian Willisch
Christian Willisch arbeitet als Wildtierbiologe im Berner Ökobüro Wildpunkt. Er lebt im Emmental (BE). Auf die Jagd geht er aber immer noch in seinem Heimatkanton Wallis. Auf dem Foto trägt er an der rechten Schulter ein Senderhalsband für Hirsche und in der linken Hand eine Ohrmarkenzange.
© Flurin Bertschinger/Ex-Press/OFEV

Die Population und ihr Lebensraum

Schliesslich standen Daten zu 7 Tieren und ihren Aufenthaltsorten während mindestens eines Jahres zur Verfügung. Sie bestätigten, was die Wildhüter aufgrund ihrer Beobachtungen vermutet hatten: Der Lebensraum des ansässigen Hirschvorkommens erstreckt sich über die Freiburger Kantonsgrenze hinweg in die Kantone Waadt und Bern. Er umfasst ein zusammenhängendes Gebiet, das von Spiez (BE) über Broc (FR) bis nach Villeneuve (VD) am Genfersee reicht.

Die Daten zeigten auch, dass es innerhalb dieser Population stationäre und migrierende Individuen gibt. 3 Hirschkühe verhielten sich standorttreu: Hota blieb in den Waadtländer Alpen am Col de la Croix, Rowa im Simmental bei Boltigen (BE) und Luna in den Wäldern südlich der Rochers de Naye (VD). Die Hirschkühe Kata, Zaja und Lola sowie der Stier Scotch hingegen migrierten.

«Von März bis Mai erweiterten diese 4 Hirsche ihren Sommerlebensraum Richtung Süden», sagt Projektleiter Christian Willisch. Kata etablierte sich südlich von Rossinière (VD), Zaja und Scotch liessen sich in der Region Château d'Oex (VD) - Rougemont (VD) - Saanen (BE) nieder, und Lola zog in den Raum Feutersoey - Lauenen (BE). Hier blieben sie bis Ende August. Ab September bis November zogen sie in die Wälder von Broc, wo sie zusammen mit 150 anderen Hirschen die Wintermonate Dezember bis Februar verbrachten.

Die unaufhaltsame Rückkehr

Die Konzentration des Hirschs in diesem Waldgebiet ist eine Episode in einer Entwicklung, die vor mehr als 150 Jahren ihren Anfang nahm. Mitte des 19. Jahrhunderts war die Art aus der ganzen Schweiz verschwunden. Um 1870 wanderten die ersten Tiere aus dem österreichischen Montafon wieder ein. Vom Prättigau (GR) und vom Schanfigg (GR) her breitete sich der Hirsch Richtung Westen aus. 1919 erreichte er das Tessin, 1925 wurde er erstmals wieder im Kanton Schwyz gesichtet. 1961 überschritt er den Brünig und begann, den Kanton Bern und das Oberwallis zu besiedeln. Seit den 1990er-Jahren wandern Hirsche auch aus Frankreich in den Jura ein, und seit 2006 ist die Art sogar im Fricktal (AG) wieder heimisch.

Inzwischen leben mehr als 30‘000 Individuen in der Schweiz. Im Kanton Freiburg tauchten die ersten Tiere 1978 auf. Sie fanden im Greyerzerland einen geeigneten Lebensraum. Saftige Alpweiden grünen hier bis unter die Gipfel der Freiburger Voralpen, ausserdem ist die Gegend vergleichsweise einsam. Der eher ängstliche Hirsch weiss das zu schätzen. Die Frage aber, warum genau er sich die Wälder bei Broc als Wintereinstandsgebiet aussucht, kann Christian Willisch nicht beantworten.

In Wildräumen denken

Die Studie beweist jedoch: Der Kanton Freiburg vermag das Problem in Broc nicht im Alleingang zu lösen. Denn während der Jagdzeit leben die Tiere, die im Winter die Schäden im Wald anrichten, über die Kantone Freiburg, Bern und Waadt verteilt. «Die Population», so Walter Schwab, «lässt sich nur über die Kantonsgrenzen hinweg steuern.»

Auf der Basis koordinierter und am gleichen Tag durchgeführter Hirschzählungen sollen in Zukunft die Abschusszahlen kantonsübergreifend bestimmt werden. Walter Schwab setzt dabei grosse Hoffnungen auf den Dialog mit allen betroffenen Parteien aus allen drei Kantonen. Gleichzeitig gibt er sich vorsichtig. Es gehe in einem ersten Schritt darum, dass sämtliche Beteiligten den Willen bekunden, die Sache gemeinsam anzugehen, sagt er. «Wir haben zwar eine Population, jedoch drei Kantone, je drei Jagd- und Waldgesetze und drei Jagdkulturen.»

An den Treffen am Runden Tisch wird auch Reinhard Schnidrig teilnehmen. Als Vertreter des Bundes will er dazu beitragen, die Diskussion zu versachlichen und die Lehren aus anderen Regionen der Schweiz einzubringen. «Wir müssen lernen, in Lebensräumen der Wildtiere zu denken und zu handeln», ist er überzeugt. Er kann sich dabei auf seine Erfahrungen stützen, die er mit den weiträumig herumstreifenden Tierarten Luchs und Wolf gewonnen hat. Die Populationen dieser Grossraubtiere werden heute gemäss den Konzepten Luchs und Wolf des Bundes in 5 Wildräumen betrachtet, die sich teils über mehrere Kantone erstrecken. Man wolle die Erfahrungen mit dem wildraumbasierten Ansatz für den Schutz und das Management von geschützten Wildtieren, wo sinnvoll, auf die weit wandernden jagdbaren Tiere übertragen, meint Reinhard Schnidrig.

Wildtiere mitten unter uns

Bei seiner Expansion beginnt auch der Hirsch, zunehmend stark von Menschen geprägte Landschaften zu besiedeln. Dabei erweist er sich als sehr dynamisch und anpassungsfähig. Es ist sogar eingetroffen, was lange Zeit als unmöglich galt: Der Hirsch ist ins Mittelland vorgedrungen. «Manche Wildtiere kommen gut mit den von Menschen geprägten Lebensräumen zurecht», sagt Reinhard Schnidrig. «Die Frage ist: Wie kommen wir Menschen mit ihnen zurecht?»

 

Hausaufgaben im internationalen Artenschutz

ef. Auch auf internationaler Ebene hat sich der länder- und kontinenteübergreifend abgesprochene Artenschutz längstens etabliert. Dabei gilt, dass Staaten, in deren Gebieten sich die Verbreitungszentren von geschützten oder bedrohten Arten befinden, eine besondere Verantwortung für deren Lebensräume übernehmen. Denn Arten schützt man am erfolgreichsten da, wo sie noch zahlreich sind. Zudem müssen bei saisonal ziehenden Arten alle Stationen entlang ihrer Zugrouten in die Schutzplanung einbezogen werden.

Der Schweiz kommt eine besondere Bedeutung für die Berg- und Zugvögel Mitteleuropas zu. So leben bei uns zum Beispiel 15 % des europäischen Bestandes der Ringdrossel, weshalb wir für die Erhaltung dieser Art eine hohe internationale Verantwortung tragen. Zu den Verantwortungsarten der Schweiz zählt auch der Rotmilan. Auch er ist durch internationale Konventionen geschützt. Während die Bestände in Frankreich und Deutschland rückläufig sind, brütet er hierzulande zurzeit in viel grösserer Zahl als noch Mitte des 20. Jahrhunderts.

Das älteste internationale Übereinkommen für den Arten- und Lebensraumschutz ist die 1971 verabschiedete Ramsar-Konvention. Sie will die Zusammenarbeit der Staaten innerhalb der Einzugsgebiete von Flüssen verstärken und hat den Schutz der Seen, Flussdelten, Auen, Moore und Wattgebiete zum Ziel. Diese Gebiete bilden für viele Vögel unersetzliche Lebensräume, in ihnen ist die Artenvielfalt besonders gross. Gleichzeitig gehören sie zu den empfindlichsten und meistgefährdeten Biotopen.

Die Ramsar-Konvention wurde bis heute von 168 Staaten unterzeichnet, darunter im Januar 1976 auch von der Schweiz. Unser Land ist ein wichtiges Mitglied: Eine halbe Million Wasservögel überwintern jedes Jahr auf hiesigen Gewässern. Die meisten von ihnen brüten im Osten und Norden Europas. Bei einzelnen Arten verbringen über 10 % des gesamten europäischen Bestandes den Winter hierzulande.

An den Ufern von Genfer-, Neuenburger, Bieler- und Bodensee finden sie geeignete und nahrungsreiche Lebensräume. Ebenso im Deltagebiet Bolle di Magadino (TI) oder am Rhonelauf unterhalb von Genf. Diese Biotope sind deshalb als Wasservogelreservate von internationaler Bedeutung ausgeschieden und durch die Ramsar-Konvention geschützt. 10 sind es derzeit in der ganzen Schweiz.

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Letzte Änderung 17.02.2016

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