Aktionsplan Biodiversität: 71 Massnahmen für eine biologisch reiche Schweiz

20.05.2015 - Die biologische Vielfalt unseres Landes ist durch den stetigen Verlust an Lebensräumen und Arten stark gefährdet. Ein Aktionsplan soll diese Entwicklung aufhalten. Er formuliert 70 aufeinander abgestimmte Massnahmen mit dem Ziel, die Biodiversität und die vielfältigen Ökosystemleistungen zu bewahren und zu fördern.

Hauhechel-Bläuling
Der Hauhechel-Bläuling (Polyommatus icarus) ist eine von vielen Arten, die das Kulturland als Lebensraum nutzen. Die Landwirtschaft gehört denn auch zu den wichtigen Sektoren, in denen der Aktionsplan die Nutzung und Erhaltung der Biodiversität optimal aufeinander abstimmen will.
© Beat Schaffner, Anwil

Text: Claudio Looser und Beat Jordi

«Seit Beginn des 19. Jahrhunderts hat die Biodiversität in der Schweiz drastisch abgenommen», konstatiert Sarah Pearson Perret, die Chefin der Sektion Arten und Lebensräume beim BAFU. «Ihr Zustand ist alarmierend, wie das Forum Biodiversität als wissenschaftliches Kompetenzzentrum bestätigt, denn bei vielen einst häufigen Organismen sinken die Bestände, und von den rund 46‘000 einheimischen Tier-, Pflanzen- und Pilzarten sind heute rund ein Drittel bedroht.»

Als Hauptgründe dieser Entwicklung gelten der Verlust an wertvollen Lebensräumen durch die intensive Landnutzung und eine zunehmende Zerschneidung von Flächen - insbesondere durch den Bau von Verkehrsinfrastrukturen und Siedlungen. So wird bei uns jeden Tag eine Fläche von 10 Fussballfeldern für den Bau von Häusern und Strassen versiegelt. Dieser permanente Nutzungsdruck liess zum Beispiel die Trockenwiesen und -weiden auf 5 % der ursprünglichen Ausdehnung schrumpfen, und von den Mooren blieben nur noch 18 % der früheren Flächen erhalten. Pflanzen, Tiere und Pilze sterben zwar nicht direkt sichtbar, aber kontinuierlich aus. Weil der Artenverlust mehrheitlich unbeachtet erfolgt, ist es um die Biodiversität deutlich schlechter bestellt, als viele Leute meinen.

Es braucht eine Trendumkehr

«Leider genügen die seit Mitte der 1990er-Jahre unternommenen Anstrengungen zur Verbesserung der Situation nicht, um den Verlust an Biodiversität zu stoppen», sagt Sarah Pearson Perret. «Nötig ist vielmehr ein Massnahmenpaket, das unter anderem den Ausbau einer funktionsfähigen ökologischen Infrastruktur mit den dafür erforderlichen Schutz- und Vernetzungsgebieten umfasst.» Im Auftrag des Bundesrates ist ein Aktionsplan mit rund 70 aufeinander abgestimmten Massnahmen entstanden, der im Frühjahr 2015 den Kantonen in Vorkonsultation vorgelegt wird. Mit dem Ziel, eine Trendumkehr einzuleiten, verabschiedete die Regierung im April 2012 die Strategie Biodiversität Schweiz (SBS). Gleichzeitig erteilte sie dem BAFU das Mandat, einen entsprechenden Aktionsplan mit konkreten Vorschlägen zu realisieren. Dessen Erarbeitung fand in einem breit angelegten partizipativen Prozess mit 650 beteiligten Fachleuten von 250 eingeladenen Verbänden und Organisationen statt.

Wichtige Schutz- und Vernetzungsgebiete

Im Laufe der Arbeiten am Aktionsplan hat das BAFU die 110 Massnahmen aus dem partizipativen Prozess zu einem Bündel mit rund 70 Massnahmen zur langfristigen Erhaltung und Sicherung der Biodiversität konsolidiert. Sie decken einerseits den dringenden Handlungsbedarf ab, berücksichtigen andererseits aber auch die Ansprüche von Betroffenen. Ein Teil der Massnahmen fokussiert auf den Ausbau und Unterhalt der ökologischen Infrastruktur mit Schutz- und Vernetzungsgebieten sowie auf die Sicherung des dazu notwendigen Flächenbedarfs mit raumplanerischen Mitteln.

Bestehende Schutzgebiete - wie etwa die Biotope von nationaler Bedeutung - sollen mit neuen Flächen ergänzt werden. Damit diese Lebensräume mit einer hohen Artenvielfalt nicht isoliert bleiben, müssen sie künftig besser miteinander vernetzt sein, um so den genetischen Austausch und die Erhaltung der Biodiversität gewährleisten zu können. Diesem Zweck dienen der weitere Ausbau sowie die Sanierung und der Unterhalt bestehender Schutzgebiete. Zudem sollen Hindernisse überbrückt oder eliminiert werden, welche die Landschaft heute noch zerschneiden und der Mobilität von Arten enge Grenzen setzen. Für die Realisierung dieser zentralen Infrastrukturmassnahmen ist ein Zeithorizont bis 2040 vorgesehen. Die konkrete Umsetzung soll nach Abschluss einer bis 2020 dauernden Vorbereitungsphase beginnen.

Nachhaltige Nutzung der Biodiversität

Nach dem Zeitplan des BAFU werden die anderen Massnahmen des Aktionsplans bis Ende 2025 umgesetzt. Zu den Kernanliegen gehören dabei die nachhaltige Nutzung und Förderung der Biodiversität, eine verstärkte Sensibilisierung der Bevölkerung sowie die Erhaltung der national prioritären Arten. So will man etwa die negativen Effekte von biodiversitätsschädigenden Nutzungen vermindern, zumal sie die Anstrengungen für eine ökologische Infrastruktur untergraben könnten. Das gilt insbesondere für Bereiche mit bedeutenden Wechselwirkungen wie die Schweizer Wirtschaft im Allgemeinen sowie für die Sektoren Landwirtschaft, Jagd und Fischerei, Waldwirtschaft, Verkehr, Militär, Energie, Tourismus oder Sport und Freizeit im Speziellen. Das Ziel besteht darin, die Nutzung und Erhaltung der Biodiversität in diesen Bereichen optimal aufeinander abzustimmen. «Die in der Strategie ursprünglich festgelegte Frist bis 2020 für die Umsetzung der Massnahmen lässt sich aufgrund ihres Umfangs und der Komplexität nicht einhalten», erklärt Sarah Pearson Perret. «Deshalb muss die Realisierung des Aktionsplans SBS zeitlich gestaffelt erfolgen. Damit stellen wir auch die Machbarkeit sicher und können gewährleisten, dass der finanzielle Mehraufwand in einem angemessenen Rahmen bleibt.»

Das Geld ist gut investiert

Die anstehenden Investitionen kommen Tieren und Pflanzen und somit unserer eigenen Lebensgrundlage zugute. Zudem ist eine widerstandsfähige Biodiversität auch von einem unschätzbaren volkswirtschaftlichen Wert, was leider oft vergessen geht. Ihr verdanken wir unter anderem fruchtbare Böden, eine reiche Auswahl an Nahrungsmitteln, sauberes Wasser, den Schutz vor Naturgefahren sowie eine Vielfalt weiterer Ökosystemleistungen. Somit gefährdet ein weiterer Rückgang der Biodiversität wichtige Wirtschafts- und Lebensgrundlagen und damit auch den Wohlstand der Gesellschaft. Gemessen an den Gesamtausgaben des Bundes bewegen sich die - im Vergleich zum heutigen Aufwand - zusätzlich benötigten Mittel für die langfristige Sicherung dieser Existenzbasis im tiefen Promillebereich.

Sobald die Resultate aus der Vorkonsultation der Kantone vorliegen, wird das BAFU die Vernehmlassungsgrundlage fertigstellen und dem Bundesrat unterbreiten. Eine öffentliche Vernehmlassung ist im Frühling 2016 vorgesehen.

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Letzte Änderung 20.05.2015

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