Wert der biologischen Vielfalt: «Unsere Wohlfahrt hängt eng mit dem Naturkapital zusammen»

25.11.2015 - Der Pflanzenökologe Prof. Dr. Markus Fischer vom Institut für Pflanzenwissenschaften der Universität Bern präsidiert das Forum Biodiversität der Akademie der Naturwissenschaften. umwelt sprach mit ihm über die Bedeutung der Ökosystemleistungen vielfältiger Lebensräume und die vergleichsweise geringen Kosten zur Erhaltung der Biodiversität.

Prof. Markus Fischer leitet das Institut für Pflanzenwissenschaften der Universität Bern und ist Direktor des Botanischen Gartens (Bild), welcher ebenfalls der Hochschule angegliedert ist. Nach seinem Studium der Physik und Biologie in München und Basel habilitierte er 2001 an der Universität Zürich. In Bern lehrt der 53-Jährige seit 2007.
© Markus Forte/Ex-Press/BAFU

Interview: Gregor Klaus

umwelt: Die Schweiz ist bekannt für ihre schönen Landschaften und die reichhaltige Natur. Stimmt der Eindruck?

Markus Fischer: Die Schweiz hat schöne Landschaften. Doch was sich in ihnen abspielt, ist wenig erfreulich. Die Biodiversität ist in den letzten Jahrzehnten flächendeckend zurückgegangen. Dies haben 40 Fachleute namhafter Forschungsinstitute der Schweiz kürzlich klar aufgezeigt1. Beispielsweise beherbergt der grösste Teil unserer Wiesen heute viel weniger Pflanzenarten als noch vor 30 Jahren. Da die meisten Tiere und Mikroorganismen direkt oder indirekt von der Pflanzenvielfalt abhängen, setzt sich der Verlust kaskadenartig durch die anderen Organismengruppen fort.

Die Mehrheit der Leute ist mit der verbliebenen Vielfalt zufrieden.

Viele beklagen aber auch den Verlust an natürlichen Lebensräumen und die zunehmende Zersiedelung der Landschaft, nicht zuletzt weil ihre eigene Lebensqualität ganz unmittelbar darunter leidet. Die Abnahme der Biodiversität hat generell Auswirkungen auf die Leistungen, die wir von den Ökosystemen beziehen. Die Organismen regulieren beispielsweise die Kreisläufe des Kohlenstoffs, der Nährstoffe und des Wassers. Sie tragen dadurch ganz wesentlich zur Erhaltung der Fruchtbarkeit unserer Böden und zum Schutz des Grundwassers vor der Belastung durch ausgewaschene Nährstoffe bei.

Doch für einen Acker muss man nun einmal die Biodiversität drastisch reduzieren.

Das stimmt. Allerdings braucht auch ein Acker biologische Vielfalt. Neben den Pflanzensorten gehören dazu auch die Vielfalt der Bodenorganismen, die mit den Nutzpflanzen in Wechselwirkung stehen, sowie die Vielfalt der Nützlinge. Biodiversität und Lebensmittelproduktion sollten nicht gegeneinander ausgespielt werden. Ich betrachte beide als wichtige Funktionen, die in einer multifunktionalen Landschaft Platz finden und sich teilweise sogar gegenseitig bedingen.

Vielfalt umfasst aber auch Schädlinge.

Richtig - allerdings kommt es auf deren Menge an. Die Wechselwirkungen zwischen den verschiedenen Arten in biologisch vielfältigen Lebensräumen sind der beste Garant dafür, dass keine Art überhandnehmen kann. Und genau dies ist der Grund dafür, dass man nur in Monokulturen Angst vor Schadorganismen haben muss. Doch zurück zur multifunktionalen Landschaft. Es reicht nicht, wenn Ökosystemleistungen - wie die Bereitstellung von sauberem Trinkwasser, der Schutz vor Naturgefahren und Erosion oder die Erholungsfunktion - nur in Schutzgebieten erbracht werden. Sie müssen überall vorhanden sein.

Aber benötigen wir dafür jede Art? Auch einen seltenen Käfer, den noch kaum jemand zu Gesicht bekommen hat?

Die weitaus meisten Arten sind eher selten. Doch deren Beiträge summieren sich. Es gibt Hunderte von Ökosystemleistungen, und nicht jede Leistung wird jedes Jahr von den gleichen Artengruppen ermöglicht. Zudem haben seltene Arten im Zug der hochkomplexen Wechselwirkungen in Ökosystemen oft wichtige Funktionen für häufigere Arten.

Wenn der Zustand der Biodiversität so schlecht ist, wieso hat die Wissenschaft nicht schon viel früher Alarm geschlagen?

Die Besorgnis über den Verlust der biologischen Vielfalt ist uralt. Viele frühere Kulturen auf der ganzen Welt gingen wegen der Übernutzung ihrer natürlichen Ressourcen zugrunde. Am ersten Erdgipfel von 1992 in Rio de Janeiro mit fast 200 Teilnehmerstaaten war die Biodiversität ein zentrales Thema. In der Schweiz haben Forschende jährlich auf den schlechten Zustand der Biodiversität hingewiesen, 2004 sogar durch die medienwirksame Buchpublikation «Biodiversität in der Schweiz».

So erfolgreich scheint das Ganze aber doch nicht gewesen zu sein. Im aktuellen Bericht zum Zustand der Biodiversität in der Schweiz zeigt die Wissenschaft letztendlich, dass die Biodiversitätskonvention versagt hat.

Es ist richtig, dass die biologische Vielfalt weltweit abnimmt und die Weltgemeinschaft viele ihrer selbstgesteckten Ziele nicht erreicht. Trotzdem gibt es auch Fortschritte. In den meisten Ländern hat man Biodiversitätsstrategien und Aktionspläne mit konkreten Massnahmen erarbeitet, die jetzt umgesetzt werden.

Viele dieser Massnahmen sind doch einfach alter Wein in neuen Schläuchen.

Manche altbekannten Handlungsoptionen sind nach wie vor aktuell, und es ist immer noch sehr wichtig, sie umzusetzen. Es gibt aber auch zahlreiche neue Erkenntnisse, die weitere Handlungsmöglichkeiten eröffnen.

Aber werden diese Handlungsmöglichkeiten auch rechtzeitig genutzt?

Das ist der Knackpunkt. Je früher wir Massnahmen ergreifen werden, desto höher ist das verbleibende Naturkapital der Zukunft. Es gilt dabei zu bedenken, dass es aus biologischen Gründen bei manchen Massnahmen eine grosse Zeitverzögerung gibt, bis sie greifen. Das heisst für die Schweiz: Die Massnahmen eines umfassenden Aktionsplans müssen so bald wie möglich umgesetzt werden.

Wenn die Biodiversität doch unsere Lebensgrundlage ist: Wieso demonstriert niemand für ihre Erhaltung?

Demonstrationen richten sich meist gegen den Verursacher eines als Unrecht empfundenen Vorgangs. Der Biodiversitätsverlust ist durchaus ein so empfundener Notstand, doch wird er von zahlreichen Akteuren und direkt oder indirekt von der gesamten Gesellschaft verursacht. Wer soll also gegen wen demonstrieren? Hinzu kommt, dass der Leidensdruck für viele nicht gross genug ist. Viele Landschaften sind nach wie vor schön anzusehen, und zahlreiche Ökosystemprozesse funktionieren noch gut. Zudem ist das Bewusstsein über die Bedeutung der Biodiversität in unserer Gesellschaft noch nicht breit verankert.

Ist somit alles gut?

Eben nicht! Der fortschreitende Biodiversitätsverlust ist per se nicht gut, und er wirkt sich negativ auf die Ökosystemleistungen aus. Dies bedeutet einen realen volkswirtschaftlichen Verlust, der allerdings nicht sichtbar ist, da er nicht rechnerisch bilanziert wird.

Die Menschen in den Städten kommen auch ohne Ökosystemleistungen aus.

Auch Städterinnen und Städter essen und trinken jeden Tag. Beides ist ohne Biodiversität nicht zu haben. Nur dank naturnaher Lebensräume ausserhalb der Siedlungen ist zum Beispiel deren Versorgung mit sauberem Trinkwasser möglich. Viele Verbrauchsgüter und -materialien, die aus der ganzen Welt in die Zentren transportiert werden, haben einen engen Bezug zur Biodiversität. Zudem ist diese auch im Siedlungsgebiet präsent, wie etwa die für das Mikroklima unabdingbaren Grünflächen zeigen.

Nach wie vor gilt die Erhaltung der Biodiversität als ideologisch gefärbt.

Wir sprechen hier von unserer Lebensgrundlage. Das hat weder etwas mit Stadt-Land-Unterschieden noch mit ideologischen oder politischen Einstellungen zu tun. Auf internationaler Ebene haben Staaten mit ganz unterschiedlichen politischen Mehrheiten eine Biodiversitätsstrategie und einen Aktionsplan erarbeitet. In der Schweiz gibt es die beiden parlamentarischen Gruppen Biodiversität und Artenschutz beziehungsweise Natur- und Heimatschutz, in denen alle Parteien vertreten sind.

Der Schutz der Biodiversität benötigt Geld und Land. Beides ist begrenzt. Die Begeisterung wird sich in Grenzen halten.

Was sind die Alternativen? Eine Schweiz ohne biologische Vielfalt? Unsere Wohlfahrt hängt eng mit dem Naturkapital zusammen und ist nicht zu haben, ohne dass gleichzeitig der Biodiversität Sorge getragen wird. Alle wissenschaftlichen Untersuchungen zeigen, dass die Leistungen der Ökosysteme für uns Menschen von bedeutendem Wert sind. In der wissenschaftlichen Diskussion kristallisiert sich eine Grössenordnung von 1 CHF pro Quadratmeter naturnahen Lebensraum und Jahr heraus. Pro Hektare entspricht dies einer jährlichen Wertschöpfung von 10 000 CHF.

Massnahmen zum Schutz der Biodiversität würden die Schweiz längerfristig mehrere Hundert Mio. CHF pro Jahr kosten.

Das hört sich nach viel an, ist aber angesichts des Nutzens wenig. Verglichen mit dem Bruttoinlandsprodukt der Schweiz bewegen wir uns hier im Promillebereich. Als ich die Zahlen zum ersten Mal gehört habe, dachte ich: Wow, ich wusste nicht, dass unsere Lebensgrundlage so preiswert zu haben ist!

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Letzte Änderung 25.11.2015

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