Biodiversität in der Schweiz unter Druck

Der Verlust von Lebensräumen und die Verschlechterung der Lebensraumqualität bedrohen die Biodiversität in der Schweiz. Verantwortlich dafür ist vor allem die intensive Landnutzung, die zu wenig Rücksicht auf die Biodiversität nimmt.

Viele wertvolle Lebensräume haben im vergangenen Jahrhundert grosse Flächenverluste erlitten.

Die heute auftretenden Biodiversitätsverluste erfolgen zumeist schleichend. Sie sind eine Folge der kontinuierlich sinkenden Lebensraumqualität.

Jeder Organismus ist an ganz bestimmte Umweltbedingungen angepasst. Verschlechtern sich die Umweltbedingungen an einem Standort, gehen Arten verloren. Der Charakter des Lebensraums verändert sich. Halten die Bedrohungsfaktoren an, hört die Lebensgemeinschaft früher oder später auf zu existieren.

Die Belastung der Biodiversität ist in den meisten Fällen nicht auf einen einzelnen Faktor zurückzuführen, sondern auf das gleichzeitige Auftreten verschiedener Gefährdungsursachen. Dabei verstärken sich die Wirkungen gegenseitig. Hauptursachen für den Biodiversitätsverlust sind:


Intensivierung der Nutzung

Landwirtschaft

Die Landwirtschaft nutzt gut zugängliche Flächen immer intensiver. Folgende Belastungen können unterschieden werden:

  • Die Artenvielfalt in Wiesen und Weiden nimmt bei frühem, häufigem und nicht gestaffeltem Schnitt, hohem Tierbesatz, mehr Güllegaben, Bewässerung und beim Einsatz von Mähaufbereitern ab.
  • Mit der intensiven Anwendung von Düngern und Pflanzenbehandlungsmitteln gelangen diese Stoffe auch in die Böden und Gewässer, wo Organismen geschädigt werden und das ökologische Gleichgewicht gestört wird.
  • Nach wie vor gehen auf der landwirtschaftlich genutzten Fläche Kleinstrukturen und damit Lebensräume für zahlreiche Arten verloren. Feuchte Stellen werden entwässert oder zugeschüttet.

Siedlungsraum

Die Siedlungsfläche hat zwischen 1985 und 2009 um fast ein Viertel zugenommen. Dies entspricht der Grösse des Genfersees. Diese Ausdehnung geht auf Kosten von landwirtschaftlichen Kulturen sowie ökologisch wertvollen Lebensräumen wie z.B. Naturwiesen und Obstgärten.

Die Versiegelung von Grünflächen innerhalb des Siedlungsraums führt zu Biodiversitätsverlusten.

Energie

Die Erzeugung von erneuerbaren Energien kann zu Konflikten mit der Erhaltung der Biodiversität führen durch

  • den Raumbedarf
  • Bauwerke zur Energieerzeugung
  • ihre Betriebsregime
  • Störungen durch Lärmemissionen
  • indirekte Einflüsse (z.B. Erschliessungen).

Tourismus- und Freizeitaktivitäten

Diese können die Biodiversität schädigen, vor allem wenn sie abseits von Wegen und Pisten stattfinden. Outdoorsportler scheuchen beispielsweise Wildtiere auf und reduzieren dadurch deren Überlebenschancen.


Nutzungsaufgabe

Die landwirtschaftliche Nutzung von abgelegenen und steilen Wiesen und Weiden in den Berggebieten lohnt sich vielerorts aus ökonomischen Gründen nicht mehr. Diese Flächen holt sich der Wald zurück. Einige von ihnen sind ökologisch und landschaftlich wertvoll.

Im Wald selbst führt die Aufgabe von traditionellen Nutzungsformen (z.B. Wytweiden, Mittelwälder, Kastanienselven) oder eine ausbleibende Nutzung zunächst zu dichteren und damit dunkleren Beständen. Lichtbedürftige Arten verschwinden.


Lebensraumfragmentierung

Eine intensive Landnutzung, Strassen und Schienen fragmentieren Lebensräume. Tiere, Pflanzen und Pilze kommen dadurch nur noch in isolierten Beständen vor.

Die Schweiz verfügt über eines der dichtesten Schienen- und Strassennetze Europas. Unberührte, nicht erschlossene Geländekammern werden immer seltener.


Schadstoffbelastung

Stickstoff

Der Eintrag von Stickstoffverbindungen über die Atmosphäre führt zu einer unerwünschten Düngung von naturnahen oder natürlichen Lebensräumen. Hauptverursacher der Stickstoffbelastung sind die Landwirtschaft und Verbrennungsprozesse (z.B. Verkehr).

Von Natur aus beträgt der atmosphärische Eintrag von biologisch aktivem Stickstoff lediglich 0,5 Kilogramm pro Hektare und Jahr. Dieser Wert hat sich seit Mitte des letzten Jahrhunderts vervielfacht.

Mikroverunreinigungen

Sogenannte Mikroverunreinigungen im Wasser wirken sich auch bei niedrigen Konzentrationen negativ auf die Gesundheit von Lebewesen aus (z.B. Rückstände von Arzneimitteln oder Kosmetika).


Invasive gebietsfremde Arten

Als «gebietsfremd» gelten Organismen, die absichtlich (z.B. als Zierpflanzen) oder unabsichtlich (z.B. in Verpackungsmaterialien) durch menschliche Aktivitäten in Lebensräume ausserhalb ihres natürlichen Verbreitungsgebietes gelangen. Als «invasiv» werden sie bezeichnet, wenn sie sich in der Schweiz ausbreiten und Biodiversität, Mensch und Umwelt gefährden.

Von den über 800 gebietsfremden Tier- und Pflanzenarten in der Schweiz gelten rund 100 als invasiv.


Klimawandel

Die Änderung des Klimas wirkt sich auf die Verbreitung von Tier- und Pflanzenarten aus. Die Verbreitungsgebiete von Arten, die auf ein bestimmtes Klima angewiesen sind, verschieben sich. Die Fragmentierung der Landschaft erschwert es allerdings vielen Arten, in geeignete Gebiete auszuweichen.

Die Klimaerwärmung dürfte die Etablierung und Ausbreitung gebietsfremder Arten begünstigen und dazu führen, dass sich eine wachsende Zahl invasiv verhält.


Nicht nachhaltiger Konsum

Seit Mitte des letzten Jahrhunderts stieg der Konsum der Schweiz massiv an. Während die landbezogenen Wirtschaftssektoren (v.a. Landwirtschaft, Waldwirtschaft) direkte negative Auswirkungen auf die Biodiversität haben können, beeinflussen die anderen Sektoren die Biodiversität indirekt über

  • die Landnutzung,
  • den Bedarf an Rohstoffen,
  • die Umweltbelastung des Verkehrs und des Energiebedarfs,
  • über die gesamte vor- und nachgelagerte Wertschöpfungskette.

Die konsumbedingte Landnutzung zur Deckung der Bedürfnisse der Schweiz findet zu rund 70% im Ausland statt (u.a. Kraftfutter). Über den Konsum belastet die Schweiz deshalb auch die Biodiversität im Ausland (z.B. tropische Regenwälder).

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Letzte Änderung 04.10.2017

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