Wiederherstellung und Ersatz im Natur- und Landschaftsschutz

Die Projektierung von Bauten und Anlagen kann zu unvermeidbaren Eingriffen in schützenswerte Lebensräumen führen. Das Bundesgesetz über den Natur- und Heimatschutz (NHG) verlangt, dass bei technischen Eingriffen in schützenswerte Lebensräume der Verursacher unter Abwägung aller Interessen Schutz-, Wiederherstellungs- oder angemessene Ersatzmassnahmen leistet (Art. 18 Abs. 1bis und 1ter NHG). Der Naturwert soll nach dem Eingriff gleich gross sein wie vorher (Null-Bilanz).  

Zur Anwendung dieses zentralen Instruments der Naturschutzgesetzgebung hat das BAFU eine Vollzugshilfe „Wiederherstellung und Ersatz im Natur- und Landschaftsschutz“ (2002) herausgegeben. Sie basiert auf den bis dahin gemachten Erfahrungen zur Leistung von Wiederherstellungs- und Ersatzmassnahmen und wurde unter Berücksichtigung der Rechtsprechung erstellt.

Vermeidung des Eingriffs

Bei der Planung eines Projekts ist in einem ersten Schritt zu prüfen, ob der Eingriff in den schützenswerten Lebensraum vermieden werden kann. Dafür ist insbesondere die Standortgebundenheit des Eingriffs anhand von ausgearbeiteten Varianten und deren Auswirkungen auf die Naturwerte darzulegen. Zudem sind alle Interessen nachvollziehbar gegeneinander abzuwägen, indem das Interesse am Eingriff der Erhaltung des betroffenen Lebensraums gegenübergestellt wird. Anhand dieser Beurteilung wird entschieden, ob der Eingriff in den schützenswerten Lebensraum gerechtfertigt ist.

Die Möglichkeit, Wiederherstellungs- und Ersatzmassnahmen zu leisten, rechtfertigt einen Eingriff nicht und befreit nicht von der Pflicht, Beeinträchtigungen von schützenswerten Lebensräumen so weit wie möglich zu vermeiden.

Massnahmenkaskade und Priorisierung

Die gesetzliche Vorgabe verlangt bei der Entscheidung, ob im konkreten Fall Schutz, Wiederherstellung oder (angemessener) Ersatz zu leisten ist, ein schrittweises Vorgehen nach der folgenden Massnahmenkaskade. 

1. Schutzmassnahmen 

Sind Eingriffe in schützenswerte Lebensräume aufgrund der Interessenabwägung unvermeidbar, sind in einem nächsten Schritt Schutzmassnahmen zu prüfen, indem das Projekt optimiert wird.

Das kann durch eine Redimensionierung, die Wahl der Arbeitsmethodik (z.B. Untertunnelung, Umfahrung) oder eine Anpassung des Projektperimeters (z.B. Zufahrten, Installationsplätze) erfolgen. Als weitere Massnahme können durch eine zeitliche Anpassung des Bauablaufs beispielsweise die Brutzeiten der Vögel respektiert werden.

Vermeidung des Eingriffs


Schutzmassnahme: Durch Bohrung des Tunnels bleibt das Biotop unverändert bestehen.
Schutzmassnahme: Durch Bohrung des Tunnels bleibt das Biotop unverändert bestehen.

2. Wiederherstellungsmassnahmen

Bei unvermeidbaren, aber temporären Eingriffen in schützenswerte Lebensräume werden die Lebensraumtypen nach Bauabschluss an Ort und Stelle flächen- und wertgleich wiederhergestellt. Verbleibt in der Bilanz ein Verlust zu Lasten der Natur, beispielweise durch entstandene zeitliche Lücken während der Bauzeit bis zur Wiedererlangung der vollen Funktionsfähigkeit des Lebensraums, ist dieser mit zusätzlichen Ersatzmassnahmen zu kompensieren.

Wiederherstellungsmassnahme: Das durch den im Tagbau erstellten Tunnel zerstörte Biotop wird wieder hergestellt .
© BAFU

3. Ersatzmassnahmen

Bei definitiven Eingriffen in schützenswerte Lebensräume müssen zur Kompensation des Eingriffs Ersatzmassnahmen geleistet werden.

Der beeinträchtigte Lebensraum ist durch einen neuen, gleichwertigen Lebensraum an einem anderen Ort, jedoch in der gleichen Gegend zu ersetzen. Der Ort des Ersatzes soll mit dem Ort des Eingriffs in einem funktionalen ökologischen Zusammenhang stehen. Als Grundsatz gilt der 1:1 Ersatz, jedoch besteht wegen den unterschiedlichen Ausgangslagen sowie unterschiedlichen lokalen ökologischen Potenzialen und der schwierigen Vergleichbarkeit der Lebensräume ein gewisser Ermessenspielraum. In begründeten Fällen kann der Ersatz an einem anderen Ort erfolgen oder anstelle von Realersatz beispielweise eine Massnahme aus einem Ersatzmassnahmenpool umgesetzt werden.

Ersatzmassnahme: Das zerstörte Biotop wird an einem anderen Ort in gleicher Form ersetzt.
© BAFU

Ersatzmassnahmen als Bestandteil des Projekts

Wiederherstellungs- und Ersatzmassnahmen sind Bestandteil des Projekts, das sie auslöst. Sie sind von der Bewilligungsbehörde zu beurteilen, mit dem Projekt öffentlich aufzulegen und mit der Plangenehmigung oder Baubewilligung verbindlich zu verfügen.

Ohne angemessene Ersatzmassnahmen ist auch ein im Rahmen der einleitenden Interessenabwägung als gerechtfertigt erachteter Eingriff unzulässig.

Bewertung der Eingriffe

Um die Höhe der Eingriffe in schützenswerte Lebensräume zu beurteilen, wurden Methoden entwickelt, mit denen die Lebensräume vor und nach dem Eingriff und die Ersatzmassnahmen bewertet werden können. Die Bewertung der Beeinträchtigungen erfolgt mit Punkten. Eine einheitliche, standardisierte Bewertungsmethode gab es bisher nicht. Die Konferenz der kantonalen Beauftragten für Natur- und Landschaftsschutz (KBNL) und das BAFU haben darum die „Bewertungsmethode für Eingriffe in schutzwürdige Lebensräume“ entwickeln lassen. Diese Methode stellt ein schweizweit anwendbares, einheitliches und nachvollziehbares Vorgehen für die Bewertung von Eingriffen in terrestrischen Lebensräumen bereit. Dank dem einfachen Grundprinzip zur Berechnung der Biotopwerte lässt sich die Methode je nach Bedürfnis ergänzen und verfeinern, zum Beispiel angepasst an Grossregionen oder Kantone. Die Anwendung dieser Methode stellt allerdings keine Pflicht dar.

Abschliessend ist festzuhalten, dass angesichts der Vielfalt und der Komplexität der natürlichen Zusammenhänge Experteneinschätzungen unverzichtbar bleiben werden und ein Ermessensspielraum bleibt.

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Letzte Änderung 10.09.2020

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