Ethischer Umgang mit Fischen: Fische sind kein Gemüse

11.02.2015 - Die Nachfrage nach Speisefisch nimmt weltweit zu. Dies erhöht den Druck auf die Fischbestände und führt zu einer Intensivierung der Fischzucht. Vor diesem Hintergrund ist die Eidgenössische Ethikkommission für die Biotechnologie im Ausserhumanbereich (EKAH) der Frage nach den ethischen Pflichten im Umgang mit Fischen nachgegangen.

Aus ethischer Sicht rechtfertigt die Ernährung von Menschen und ihr Bedürfnis nach abwechslungsreichen Lebensmitteln bestimmte Formen des Fischfangs. Hingegen findet die Eidgenössische Ethikkommission (EKAH), der Anspruch auf ein rein vergnügungsorientiertes Angeln lasse sich nicht verteidigen, wenn es nur darum gehe, Tiere zu fangen und anschliessend wieder auszusetzen.
© Beat Jordi

Text: Lucienne Rey

Dass es aus ökologischen Gründen pro­blematisch ist, wenn der Sonntagsbraten zum Alltagsgericht mutiert, hat sich mittlerweile herumgesprochen. Denn eine Ernährung mit hohem Fleisch­konsum hat negative Auswirkungen auf die Umwelt. In der Schweiz geht etwa ein Drittel der konsumbedingten Umweltbelastung auf die Herstellung von Lebensmitteln zurück. Dabei schlägt die Produktion tierischer Nahrungsmittel - wie Hamburger, Kotelett und Ragout, aber auch von Milch und Eiern - in der Ökobilanz besonders stark zu Buche, wie Studien im Auftrag des BAFU zeigen.

Demgegenüber erscheinen Fische als eine umweltschonende Alternative, wenn man ihre Futtereffizienz als Massstab nimmt. Während etwa das Huhn als exzellenter Verwerter 1,6 kg Futter in ­1 kg Körpergewicht umwandelt, be­nötigt ein Schwein für die gleiche Gewichtszunahme 3 Kilo Nahrung und ein Rind sogar deren 8. Fische hin­gegen kommen bei gleicher Leistung mit durchschnittlich knapp 1,2 kg Futter aus.

Von der Kirche abgesegnet

Deshalb gilt Fisch für viele als vergleichsweise unproblematische Quelle von tierischem Eiweiss. Sie haben die kirchliche Tradition auf ihrer Seite. 590 nach Christus untersagte es Papst Gregor I. den Gläubigen, in der Fastenzeit das Fleisch «warmblütiger Tiere» zu essen. Der Verzehr von Fisch blieb dagegen gestattet. Diese Ungleichbehandlung erklärte etwa der Universalgelehrte Paul Jacob Marperger gut 1100 Jahre später damit, dass Fische «kein rechtes wahres Fleisch» hätten. Die Auffassung hält sich hartnäckig - so zum Beispiel auch in «Das neue Küchenlexikon» von 1994, das Fisch zur «vegetarischen Ernährung im weiteren Sinne» zählt.

Als älteste fossil nachweisbare Wirbeltiere stehen Fische am Anfang der Evolution. Auch wegen ihres Lebensraums sind sie uns Menschen nicht besonders nahe. Dies dürfte dazu geführt haben, dass wir den Fähigkeiten und Bedürfnissen dieser Lebewesen wenig Beachtung schenken und ihrer Würde keine grosse Bedeutung beimessen. Dar­auf weist denn auch die Eidgenössische Ethikkommission für die Biotechnologie im Ausserhumanbereich (EKAH) in ihrem Bericht «Ethischer Umgang mit Fischen» vom Dezember 2014 hin. Sie stellt fest, die Auseinandersetzung mit deren moralischem Status habe «in ungleich geringerem Masse» stattgefunden als bei anderen Wirbeltieren.

Für ihre Analyse beruft sich die EKAH zum einen auf Artikel 120 der Bundesverfassung, wonach die Würde der Kreatur zu achten sei. Daraus folge, dass mit Blick auf die Überfischung und die intensivierte Fischzucht im Umgang mit den Tieren nicht nur Umweltschutzanliegen beachtet werden sollten. Die Überlegung, inwiefern auch dem einzelnen Fisch gegenüber ethische Pflichten wahrzunehmen seien, steht daher im Fokus der EKAH-Studie. Zur Beantwortung dieser Frage befasst sie sich mit Untersuchungen über das Schmerzempfinden von Fischen und prüft zudem, ob ihr Wohl auch dann zu berücksichtigen sei, wenn sie dem Menschen keinen unmittelbaren Nutzen bringen.

Empfinden Fische Schmerz?

Tatsächlich bezweifeln etliche Fachleute, dass die stummen Kreaturen über die neurologischen Voraussetzungen verfügen, um überhaupt Schmerz zu fühlen. Angesichts der wissenschaftlich ungeklärten Streitfrage hat die EKAH selber eine Auswertung entsprechender Studien in Auftrag gegeben.

Damit ein Lebewesen Schmerz empfinden kann, muss es über sogenannte Nozizeptoren verfügen. Diese Sensoren wandeln Schädigungen oder Verletzungen des Gewebes in elektrische Signale um, die über verschiedene Arten von Nervenfasern an das Gehirn übertragen werden. Beim Menschen übermitteln schnell leitende Fasern kurzen und leichten Schmerz, während uns langsam leitende Fasern heftige und lang anhaltende Pein spüren lassen. Fische verfügen durchaus über Nozizeptoren. Sie weisen aber kaum langsam leitende Nervenfasern auf. Auch fehlt ihnen der entwicklungsgeschichtlich gesehen relativ junge Neocortex - der Teil der Grosshirnrinde, welcher beim Säugetier für die Sinneseindrücke zuständig ist. Einige Forschende schliessen daraus, Fische seien nicht in der Lage, Schmerzen zu empfinden. Sie erklären deren nachweisbare Reaktionen auf Reize, die für andere Lebewesen unangenehm sind, vornehmlich mit Reflexen.

Die EKAH-Mitglieder schliessen sich dieser Folgerung nicht an. Sie geben zu bedenken, das Schmerzempfinden der ­Fische sei womöglich nicht an die gleichen Hirnstrukturen gebunden wie bei anderen Wirbeltieren und beim Menschen. Angesichts der grossen biologischen Vielfalt unter den Fischen erachten sie es als plausibel, dass sich im Lauf der Evolution unterschiedliche Mechanismen für Schmerzempfinden entwickelt haben. Es sei auch nicht auszuschliessen, dass Wasserlebewesen Schmerz anders wahrnehmen als Landtiere.

Nicht nur schützen, was uns nützt

Je nach ethischem Standpunkt ist die Leidensfähigkeit ein wichtiges Kriterium, wenn es darum geht, einem Lebewesen einen Eigenwert zuzusprechen und ihm damit den Status einer Kreatur einzu­räumen, die es moralisch zu berücksichtigen gilt. In der EKAH waren die Anhänger dieser Position in der Minderheit. Die meisten Kommissionsmitglieder argumentierten, das Leben selbst sei ein wertvolles Gut und Fische verfolgten als Lebewesen eigene, artspezifische Ziele. Darüber dürfe sich der Mensch auch zu seinem eigenen Vorteil nicht ohne Weiteres hinwegsetzen.

Allerdings heisst dies nicht unbedingt, dass die Interessen von Fischen gleich viel wiegen wie diejenigen von Menschen. Vielmehr besteht nach Ansicht einer Mehrheit der EKAH ein hierarchisches Verhältnis zwischen den Lebewesen. Je komplexer ein Organismus, «desto höher werden seine als ethisch relevant erachteten Interessen gewichtet», hält der Bericht fest. Daraus leitet die Kommission Empfehlungen für die Praxis ab: Während etwa das (Über-)Lebens-Interesse von Menschen und ihr Bedürfnis nach abwechslungsreicher Nahrung bestimmte Formen von Fischfang rechtfertigen können, ist das rein vergnügungsorientierte Angeln nicht statthaft, wenn es nur darum geht, Tiere zu fangen und anschliessend wieder auszusetzen. Das entsprechende Interesse des Menschen vermag nämlich die Belastungen für den Fisch nicht aufzuwiegen. Ein zentrales Anliegen der EKAH ist zudem, dass Ergebnisse der Verhaltensforschung zu einer artgerechten Haltung von Fischen in Aquakulturen beitragen.

Die Erkenntnisse und Empfehlungen der EKAH stehen weitgehend im Einklang mit den Anliegen des Umweltschutzes. Wer das Wohl des einzelnen Fisches im Auge behält, muss zwangsläufig auch für Massnahmen zur Erhaltung der Qualität frei fliessender Gewässer einstehen. Nach Ansicht der EKAH sind Interventionen zum Schutz des Lebensraumes von Fischen in der Regel zugleich auch im Hinblick auf ihren moralischen Status relevant.

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Letzte Änderung 12.04.2017

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