GVO: Die Gentech-Nadel im Heuhaufen

12.02.2014 - In der Schweiz ist der Anbau von gentechnisch veränderten Pflanzen verboten, doch in manchen Agrar-Exportländern werden diese bereits heute grossflächig angebaut. Über verschiedene Kanäle können die Gentech-Pflanzen in unser Land gelangen. Das BAFU baut deshalb ein GVO-Monitoring auf.

Rapspflanzen neben einem Geleise
Rapspflanzen neben einem Geleise: Schienen und Strassen sind wichtige Ausbreitungspfade für Pflanzen.
© Bernadette Oehen

Text: Kaspar Meuli

Die Schweizer Bevölkerung will keine Gentech-Pflanzen. In Abstimmungen und Umfragen zeigt sich regelmässig, dass die grosse Mehrheit gegen den Anbau von gentechnisch veränderten Sorten ist und auch kein Interesse an Lebensmitteln aus solchen Pflanzen hat. Die Landwirtschaft sieht derzeit ebenfalls keine Vorteile in Gentech-Kulturen. Und das Parlament hat das Moratorium, das den Gentech-Anbau in der Schweiz verbietet, kürzlich bis ins Jahr 2017 verlängert.

Global sieht die Situation aber anders aus. Der Anbau von gentechnisch veränderten Pflanzen nimmt laufend zu, und diese können durchaus auch in die Schweiz gelangen. So besteht etwa die Möglichkeit, dass Samen solcher Pflanzen aus Ländern eingeschleppt werden, wo ihr Anbau praktiziert wird - etwa als Verunreinigung von konventionellem Erntegut, das aus Kanada oder den USA importiert wird. Auch versteckt in Vogel- und Haustierfutter könnten unter Umständen Gentech-Samen in unser Land kommen. Momentan wird abgeklärt, ob Feuerwerkskörper zur Erzielung von Spezialeffekten noch keimfähige Rapssamen enthalten, die allenfalls von gentechnisch veränderten Pflanzen stammen könnten.

Gentech-Raps im Rheinhafen und
auf Bahndämmen 

Für Aufsehen sorgten 2012 die Funde von Rapspflanzen, denen gentechnisch ein Resistenzgen gegen das Unkrautvertilgungsmittel Glyphosat eingebaut worden war, im Hafenareal von Kleinhüningen (BS) und auf dem Gelände des Bahnhofs St. Johann (BS). Bereits 2011 hatte man auf einem Bahndamm im Bahnhof Lugano transgene Rapspflanzen entdeckt. Deren Samen waren vermutlich im Zusammenhang mit Transporten von konventionellem Erntegut ins Tessin gelangt.

GVO-Monitoring 

Der wiederholte Nachweis der verbotenen Pflanzen kam für die Fachleute im BAFU nicht überraschend. «Wir befassen uns schon länger mit der Thematik und haben Methoden entwickelt, um gentechnisch veränderte Pflanzen frühzeitig in der Umwelt zu identifizieren», sagt Sara Restrepo-Vassalli von der Sektion Biotechnologie im BAFU.

Um den Zustand der Schweizer Umwelt in Bezug auf gentechnisch veränderte Organismen (GVO) beurteilen zu können, entwickelt das BAFU zurzeit eine Umweltüberwachung, das sogenannte GVO-Monitoring. Den gesetzlichen Auftrag dazu gibt ihm die Verordnung über den Umgang mit Organismen in der Umwelt (Freisetzungsverordnung).

Das Monitoring ist nach einer speziellen Methodik aufgebaut. Ihr liegen unter anderem folgende Überlegungen zugrunde: Welche verschiedenen Eintrittspfade von Gentech-Pflanzen in die Schweiz gibt es? Welche gentechnisch veränderten Arten könnten sich unerwünscht verbreiten und etablieren? Und an welchen Standorten ist vor allem mit dem Auftreten solcher Pflanzen zu rechnen?

Die wissenschaftlich abgestützten Antworten auf diese Fragen führten zu folgendem Schluss: Ein Monitoring konzentriert sich im Moment am besten auf die Suche nach glyphosatresistentem Gentech-Raps. Überwacht werden sollten in einer ersten Phase vor allem Transportwege und Umschlagplätze von importiertem Erntegut. Schienen, Stras­sen und Wasserwege sind für Pflanzen bedeutende Verbreitungspfade. Das zeigt sich nicht zuletzt daran, dass in den Rheinhäfen heute nicht nur Raps wächst, sondern auch Mais, Luzerne und Weizen.

Am Weg zur Rapsmühle 

Im Rahmen eines Pilotversuchs wurden in den Jahren 2011 und 2012 jeweils zweimal die Bahnstrecken bei Muttenz (BL) und bei Manno (TI) nach Gentech-Rapspflanzen abgesucht. Sie führen von der Grenze bis zu je einer Ölmühle, in denen Raps verarbeitet wurde. Die SBB erleichtern die Arbeit: Sie besprühen ohnehin aus Sicherheitsgründen systematisch den Geleiseschotter mit dem Glyphosat und töten so alle Rapspflanzen ab - ausser den gentechnisch veränderten.

Weiter haben die Monitoringspezialistinnen und -spezialisten in den Jahren 2011 und 2012 in jeweils verschiedenen Regionen der Schweiz Rapspollen untersucht. Dazu analysierten sie im Labor sogenannte Pollenhöschen von Bienen, die zur Zeit der Rapsblüte gesammelt wurden. Doch warum beschränkt sich das BAFU auf Raps und schliesst nicht etwa auch Mais mit ein? «Rapssamen bleiben über mehrere Jahre im Boden keim­fähig», erklärt Sara Restrepo-­Vassalli. «Mais hingegen ist frostempfindlich. Die Gefahr einer Überwinterung der Samen im Boden ist somit sehr klein, und deshalb geht man davon aus, dass sich keine Populationen entwickeln.» Vor allem aber sei der gentechnisch veränderte Raps ein weitaus grösseres Problem als Gentech-Mais, da er mit seinen natür­lichen Verwandten wie Ackersenf oder Ackerrettich auskreuzen könne. Mais dagegen hat bei uns keine nahen Verwandten.

Verbreitete Angst vor Gentech

Was aber geschieht mit den Ergebnissen des GVO-Monitorings? «Es ist wichtig, regelmässig den Zustand der Umwelt zu ermitteln, um notfalls reagieren zu können», sagt Sara Restrepo-Vassalli. «Zudem wollen wir auch die Bevölkerung über die Verbreitung von gentechnisch veränderten Pflanzen informieren, denn sie ist für dieses Thema sensibilisiert.» Tatsächlich kommt eine aktuelle Umfrage der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich (ETHZ) zum Schluss, dass gen­tech­nisch veränderte Lebens­mittel nach Atomkraft und Terrorismus den dritten Platz auf der Angst-Rangliste der Schweizerinnen und Schweizer einnehmen.

So wird das Monitoring denn auch weiter ausgebaut. 2014 werden erstmals auch Standorte untersucht, an denen das Auftreten von Gentech-Raps eher unwahrscheinlich ist. Und möglicherweise wird künftig nicht nur entlang von Bahnlinien nach verbotenen Pflanzen gefahndet, sondern auch an den Import­routen via Strassen. Zudem sollen die Kantone in die Überwachung eingebunden werden.

Sollte der politische Wind in Zukunft einmal drehen und der Gentech-Anbau hierzulande erlaubt werden, würde das GVO-Monitoring nicht etwa hinfällig - im Gegenteil, es würde sogar an Bedeutung gewinnen. «Durch ein erweitertes Monitoring», so Sara Restrepo-Vassalli, «würden wir zum Beispiel untersuchen, ob der Gentech-Anbau nicht auch indirekte Schäden für die Umwelt mit sich bringt, wie zum Beispiel Auswirkungen auf Insektenpopulationen.»

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Letzte Änderung 12.02.2014

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