Gebietsfremde Wirbellose: Von Gespenstschrecken und Soldatenfliegen

27.08.2014 - Zu Tausenden werden Spinnen, Käfer, Schmetterlinge und viele andere wirbellose Kleintiere in Terrarien gehalten oder als Futter- und Ködertiere gehandelt. Manche dieser Arten sind in der Schweiz gebietsfremd. Eine neue Studie im Auftrag des BAFU geht der Frage nach, inwiefern dadurch Risiken einer Verbreitung im Freiland bestehen.

Gespenstschrecke
Exotische Terrarientiere – wie etwa diese Gespenstschrecke (Haaniella echinata) aus Borneo – dürfen nicht ins Freie gelangen.
© Thomas Marent

Text: Hansjakob Baumgartner

Die bis zu 10 Zentimeter langen Vogelspinnen gehören bei uns zu den beliebtesten wirbellosen Kleintieren. Hierzulande gibt es schätzungsweise 5000 Menschen, die Exemplare dieser Krabbler zu Hause halten. Sie sind bestens organisiert und miteinander vernetzt, züchten die Tiere und tauschen sie untereinander aus. Ihr Hobby lässt sich rational viel besser begründen als die weit stärker verbreitete Spinnenangst, denn die faszinierenden Lebewesen erweisen sich meist als völlig harmlos. Vogelspinnen sind keineswegs so gefährlich, wie zuweilen behauptet wird. Ihr Biss ist zwar schmerzhaft, bleibt aber - mit Ausnahme von allergischen Reaktionen - ohne Folgen.

Nebst Vogel- und anderen Spinnen werden zahlreiche weitere wirbellose Tiere in Terrarien gehalten: Gespenstschrecken, Tag- und Nachtfalter, Skorpione, Käfer oder Ameisen. Mindestens tausend wirbellose Arten sind im Handel als Terrarientiere erhältlich. Dazu kommen etwa 40 landlebende Arten, die als Futter für Heimtiere - vor allem für Amphibien und Reptilien - oder als Köder an Anglerinnen und Angler verkauft werden. Zu diesen gehören etwa Mehlkäferlarven, Grillen, diverse Würmer, Asseln und Fliegen.

Gefahr einer Verwilderung?

Sowohl die wirbellosen Terrarienarten als auch die Futter- und Ködertiere sind meist nicht einheimisch. Gibt es unter ihnen Arten, die bei uns in freier Natur überleben und sich fortpflanzen könnten? Um diese Frage beantworten und allenfalls vorbeugende Massnahmen ergreifen zu können, beauftragte das BAFU den Biologen Christoph Bühler vom Ökobüro Hintermann & Weber mit der Risikostudie «Umgang mit exotischen wirbellosen Kleintieren». Sie sollte klären, welche Arten in welchen Mengen im Handel angeboten werden, wie die Branche funktioniert und bei welchen Tieren die Möglichkeit einer Etablierung im Freiland besteht.

Die Risikobeurteilung stützt sich vor allem auf den Vergleich der klimatischen Bedingungen im Herkunftsgebiet mit den Verhältnissen bei uns. Bestehen Ähnlichkeiten, ist nicht auszuschliessen, dass sich die betreffende Art auch hierzulande im Freien fortpflanzen und verbreiten könnte. Bei Tieren aus wärmeren Regionen ist diese Gefahr geringer, was sich mit dem Klimawandel allerdings ändern dürfte.

Vogelspinne Psalmopoeus ecclesiasticus
Vogelspinnen gehören zu den beliebtesten Terrarientieren. Die Art Psalmopoeus ecclesiasticus stammt aus Ecuador und lebt auf Bäumen.
© Thomas Marent

Getreideschädlinge als FuttertiereWie die Beurteilung zeigt, besteht bei einigen Arten tatsächlich ein gewisses Verwilderungsrisiko. Bei den Futter- und Ködertieren betrifft dies die Weizenblattlaus, den Kornkäfer und die Soldatenfliege. Weizenblattläuse werden gerne an Pfeilgiftfrösche, Chamäleons oder kleine Geckos verfüttert. Es gibt verschiedene Arten, und man weiss nicht genau, welche bei uns im Handel sind. Alle stammen aus Weltregionen mit gemässigtem Klima, mehrere gelten als Getreideschädlinge, die sich auf Weizenkulturen spezialisiert haben. Von ihnen sind einige durch den internationalen Weizenhandel zu Kosmopoliten geworden.

Das ursprüngliche Verbreitungsgebiet des Kornkäfers liegt in Vorderasien. Auch dieser Getreideschädling hat sich als Begleiter von Getreidetransporten rund um den Globus ausgebreitet. In Europa ist er namentlich auf den Britischen Inseln häufig. Auch in Mitteleuropa hat man ihn bereits nachgewiesen, nicht aber in der Schweiz.

Starke Ausbreitung der Soldatenfliege

Sowohl Weizenblattläuse wie auch Kornkäfer werden bei uns nur in geringer Zahl verkauft. Dagegen setzt der Handel jährlich mehrere Mio. Larven der Soldatenfliege ab. Sie sind eine proteinreiche Fischnahrung und könnten dazu beitragen, dass Betreiber von Aquakulturen weniger Fischmehl verfüttern müssen. Die Fliege stammt aus Amerika und kam um die Mitte des 20. Jahrhunderts nach Europa. Truppen- und Gütertransporte während des Zweiten Weltkriegs haben ihre Ausbrei-tung stark begünstigt. In der Schweiz ist sie erstmals 1987 in einem Komposthaufen im Tessin nachgewiesen worden. Bislang machte sich die Soldatenfliege aber nirgends als Schädling bemerkbar, und ihre Präsenz hatte bisher auch nirgendwo negative Auswirkungen auf die Artenvielfalt.

Bei den Terrarientieren erfolgte die Risikobeurteilung in der erwähnten Studie nur für die Arten von vier ausgewählten Gruppen: Pfauenspinner, die zu den Nachtfaltern gehören, Spinnen, Gespenstschrecken und Ameisen. Dazu sind ausgewiesene Fachleute für die jeweilige Artengruppe beigezogen worden. Auch sie konnten indessen nicht abschliessend klären, bei welchen hierzulande die Gefahr einer Verwilderung besteht. Für schlüssige Befunde weiss man zu wenig über deren Lebensweise.

Es besteht ein Gefahrenpotenzial

Zudem haben manche Händler Mühe mit der Systematik. So gelangen verschiedene Arten mit teilweise unterschiedlicher Herkunft unter demselben Namen in den Verkauf, etwa bei den Pfauenspinnern. Bei den Vogelspinnen wurden gar Fantasienamen festgestellt, die wohl das Interesse von Sammlern wecken sollen. Bei den Ameisen ist das Problem am grössten: Für diese Artengruppe fehlen derzeit die wissenschaftlichen Grundlagen zu einer sicheren Bestimmung, und ihre Biologie ist noch ungenügend erforscht.

Pfauenspinner der Art Rothschildia hesperus
Dieser Pfauenspinner der Art Rothschildia hesperus ist in Französisch-Guayana heimisch. Schmetterlinge der gleichen Nachtfalterfamilie wurden in Lateinamerika zur Seidengewinnung gezüchtet.
© Thomas Marent

Trotz des regen Handels und privater Zuchtaktivitäten konnten sich aber erst sehr wenige wirbellose Arten via Tierhandel, Haltung und Zucht als Terrarien- und Futtertiere weitab ihres Herkunftsgebiets im Freiland niederlassen. Die einzigen bekannten Beispiele von wirbellosen «Haustieren», die in Mitteleuropa verwildert sind, betreffen zwei Pfauenspinnerarten, die zur Seidengewinnung gehalten wurden. Sie sind aber nicht invasiv und richten keine Schäden an.Dennoch gibt Christoph Bühler nicht Entwarnung: «Die schwierige Artbestimmung, die undurchsichtige Herkunft der Tiere und die fehlenden Kenntnisse zur Biologie und Ökologie führen zum Schluss, dass die Zootierbranche mit unabsehbaren Risiken agiert.» Dies umso mehr, als die Gefahr einer Verwilderung ansteigen könnte, sollten anstelle subtropischer und tropischer Arten künftig vermehrt auch solche aus Ostasien oder Nordamerika gehandelt und gehalten werden - also aus Gebieten mit ähnlichen Klimabedingungen wie in der Schweiz.«Personen, die exotische Kleintiere halten, züchten oder verkaufen, sollten sich des damit verbundenen Gefahrenpotenzials bewusst sein», mahnt deshalb Sara Restrepo-Vassalli von der Sektion Biotechnologie beim BAFU. «Sie müssen dafür sorgen, dass die Organismen Mensch und Umwelt nicht gefährden können.» Namentlich gilt es zu vermeiden, dass einzelne Tiere ins Freie gelangen können. Die gesetzliche Grundlage bilden das Verursacherprinzip und die daraus ableitbaren Sorgfaltspflichten, welche in der Freisetzungsverordnung über den Umgang mit Organismen in der Umwelt ausdrücklich erwähnt sind.

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Letzte Änderung 27.08.2014

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