Siedlungsentwicklung nach innen: Die Stadt von morgen

Zersiedelung stoppen heisst Städte verdichten. Doch wie lässt sich dabei die Lebensqualität gewährleisten? umwelt hat sich in den urbanen Zentren Delsberg und Genf umgesehen, wo wegweisende Projekte realisiert werden.

Text: Cornélia Mühlberger de Preux 

© BAFU

Im Jahr 2018 werden in Delsberg/Delémont (JU) auf einem ehemaligen Schwemmgebiet die ersten Gebäude eines Ökoquartiers stehen, das aus dem EUROPAN-9-Wettbewerb hervorgegangen ist – einem Wettbewerb, der sich an junge und im Städtebau engagierte Architekten richtet. Weniger als zehn Gehminuten vom Stadtzentrum und vom SBB-Bahnhof entferntwird im Ökoquartier «Gros Seuc» das Beste zu finden sein, was ein solches Stadtviertel nur auszeichnen kann: ein vielfältiges Angebot von über 300 Wohnungen, soziale und intergenerationelle Durchmischung, mannigfaltige private und gemeinsame Innen- und Aussenräume. Und eine Bauweise, die auf lokale, nachhaltige Materialien und vorzugsweise auf erneuerbare Energiequellen und sanfte Mobilität setzt. Das Quartier wird sich bis an die Ufer der Sorne erstrecken, die gerade revitalisiert werden und damit vielen Tier- und Pflanzenarten einen Lebensraum bieten. Letztlich dürfte es entlang des Flusses Fussgänger-, Rad- und Spazierwege geben und einen naturnahen Stadtpark auf einer Fläche von über 10 000 Quadratmetern. «Hier entsteht mitten im Zentrum eine eigentliche grüne Lunge, der grösste Stadtpark im Jura», kommentiert der Gemeindeplaner Hubert Jaquier.

Lange Erfahrung

Um über seine Verdichtung nachzudenken, wartete der Hauptort des Kantons Jura nicht ab, wie sich die Gesetzgebung zur Raumentwicklung weiter entwickeln würde. Dies zeigt schon die «Cité Meister», wo seit Anfang des 20. Jahrhunderts auf 6000 Quadratmetern 24 Mehrfamilienhäuser erstellt wurden. Ihr Konzept inspirierte sicherlich auch die unlängst auf der anderen Seite der SBB-Gleise, gegenüber der Passerelle, erstellte Siedlung. Der Standort umfasst ein langgezogenes Wohnhaus, das ihn gegen den Lärm der Züge und der Strasse abschirmt. Den dahinterliegenden, von grünen Alleen durchzogenen Innenhof säumen Reihenhäuser mit privatem Umschwung. Parkiert wird unterirdisch.

2006 erhielt Delsberg den Wakker-Preis für seine klare Raumplanungsstrategie und die qualitativ hochwertige Stadtentwicklung. 2016 folgte der nationale Preis «Flux – Goldener Verkehrsknoten» für die Umgestaltung des Delsberger Bahnhofplatzes mit Terrassen, Wasserspiel, Fachhochschulcampus sowie Rad- und Fusswegen.

Die Gemeinde hat überdies den langfristig ausgerichteten Ortsplan «Delémont, cap sur 2030» gutgeheissen. Er bestehe im Grundsatz darin, «die Stadt auf der Stadt neu aufzubauen», erklärt Hubert Jaquier, will heissen, von der Zersiedelung zum Modell der kompakten Stadt überzugehen. So wurde beschlossen, die Grenzabstände zu verringern sowie eine minimale Bodennutzungsziffer ohne maximale Begrenzung festzulegen, um dadurch namentlich die Erstellung von Häusern auf kleineren oder bereits bebauten Flächen zu ermöglichen. Zudem ist vorgesehen, dass im Stadtzentrum gewisse Häuser, die nicht unter Schutz stehen, erweitert oder erhöht werden dürfen.

Aus der Vergangenheit lernen

«Eine dicht bebaute Stadt ist nicht zwangsläufig weniger grün oder lärmiger oder verschmutzter», hält die selbstständige Raumplanerin Monique Keller fest. Mittelalterliche Städte können im Übrigen als Vorbild dienen: Sie sind kompakt, ihre Bauten sind solide, und sie verfügen über öffentliche Räume, die zum Flanieren einladen. Diese Vorzüge finden sich auch in der Delsberger Altstadt. Eines der Ziele des Ortsplans betrifft übrigens den Schutz des bestehenden baulichen Erbes. «Man muss nicht überall und irgendwie verdichten», bekräftigt Hubert Jaquier. Und Monique Keller hebt hervor, dass heute menschliche Dichte wieder angestrebt werde, um das Zusammenleben zu fördern: «Im Allgemeinen fühlen sich die Leute in einem begrenzten Raum wohler als in einem allzu offenen.» 

Für Hubert Jaquier beruht Dichte nicht nur auf architektonischen Grundregeln. Sie ist vielmehr eine Vision, die gleichzeitig öffentliche Räume, den sozialen Aspekt, den Verkehr sowie die ökologische Dimension aufwerten will. «Verdichten bedeutet, ‹Volles› zu maximieren und ‹Leeres› attraktiver zu machen.» Delsberg hat denn auch bezüglich öffentlicher Flächen und Grünflächen einen Richtplan erarbeitet und zieht insbesondere in Erwägung, einen Grünkorridor zwischen Bahnhof und Altstadt anzulegen. Monique Keller stimmt dem zu: «Nur wenn ausser im finanziellen Bereich auch noch weitere Mehrwerte entstehen – insbesondere in der Lebensqualität –, ist Verdichtung zu erreichen.»

Um die Dichte zu messen, gibt es mehrere Instrumente (Bodennutzungskoeffizient, Beschäftigungsdichte, Bevölkerungsdichte, wahrgenommene Dichte usw.). Sehr schwierig hingegen ist es, die Typologie eines Quartiers oder einer Bauzone zu beziffern. «Es ist grösstenteils das Auto, das die Struktur unserer Städte aufgelöst hat», stellt Hubert Jaquier fest. «Diesbezüglich haben wir bereits zahlreiche Parkplätze aufgehoben beziehungsweise verlagert, und wir bemühen uns intensiv, den Transitverkehr aus dem Zentrum zu verbannen und zugleich den leichten Zugang dank Parkmöglichkeiten an peripherer Lage zu garantieren.»

Genf hat ein Ökoquartier auf Industriebrach

Während Delsberg ein Ökoquartier an den Ufern der Sorne plant, entsteht derzeit in Genf eines in Rhone-Nähe, zwischen zwei Grünzonen: dem Friedhof «Cimetière des Rois» und der «Pointe de la Jonction», wo Arve und Rhone zusammenfliessen. Das Ökoquartier «Jonction» liegt auf einer alten Industriebrache. Dort standen bis 1909 Gaskessel und danach bis 1995 Gebäude der Industriellen Werke der Stadt Genf (SIG), welche dann bis 2008 durch das Kulturzentrum Artamis zwischengenutzt wurden. Die diversen während 160 Jahren erfolgten Aktivitäten hatten zu starken Verschmutzungen des Untergrundes durch Kohlenwasserstoffe, Teer, Zyanid und Schwermetalle geführt, die das Grundwasser beeinträchtigten. Die Bodensanierung dauerte vier Jahre und kostete über 50 Millionen Franken. An der Finanzierung beteiligt war auch das BAFU über den Altlasten-Fonds VASA. 

Seither sind auf dem inzwischen sanierten Gebiet drei Wohngebäude aus dem Boden geschossen. Dereinst werden dort rund 1200 Personen in 315 Wohnungen leben. Jedes der Gebäude trägt den Anliegen in Bezug auf den privaten, halb privaten, gemeinsamen, halb öffentlichen und öffentlichen Raum Rechnung, wobei auch die Dachflächen optimal genutzt werden. Ein besonderes Augenmerk lag ausserdem auf dem Einsatz hocheffizienter Isolationsmaterialien – sowohl in thermischer wie in akustischer Hinsicht.

Die ideale Stadt

Auch wenn das Ökoquartier einen ausgezeichneten, nachahmenswerten Weg weist, muss dennoch darauf geachtet werden, dass nicht sämtliche unüberbauten Brachflächen aus den Städten verschwinden. «Es gilt, eine aktive Bodenpolitik zu betreiben und jeden Fall einzeln zu betrachten», unterstreicht Monique Keller. Und es gehe darum, identitätsstiftende Elemente zu bewahren, die verschiedenen Komponenten wie Verkehr, Bausubstanz oder qualitative Aspekte zu analysieren, im Vorfeld einen Quartierplan zu erstellen und offene, grüne Räume zu erhalten oder zu schaffen. Anschliessend empfehle es sich, etappenweise vorzugehen, denn bei einer massiven, schnellen Verdichtung falle die Akzeptanz schwerer. 

Wie sieht also die ideale Stadt in den Augen der Stadtplanerin aus? «Es ist dies eine Stadt mit unterschiedlichen Quartiertypologien, welche die Identität und die Geschichte der jeweiligen Standorte respektieren. Eine Stadt, in der man seine Bezugspunkte erkennt, ein Mäuerchen, einen Brunnen, einen Baum, mit einem Netz von Fusswegen, mit Plätzen und Pärken, die sich verinnerlichen lassen. Eine gemischte Stadt in Bezug auf ihre Aktivitäten wie auch auf die Personen, die dort wohnen. Und letztlich eine Stadt, die sich der Bedeutung ihres Bodens bewusst ist, denn der Verlust von Boden ist nicht wiedergutzumachen.»

Das Schlusswort hat Hubert Jaquier: «Wir dürfen nicht vergessen, dass das Verdichten in der Stadt so viel heisst, wie den Boden in der Peripherie zu schützen. Danach hängt alles von der Art des Vorgehens ab, wobei durchaus echtes Potenzial für korrektes Handeln besteht.»

Drei Wohngebäude auf Genfer Industriebranche

Das 2015 fertiggestellte sechsstöckige Minergiegebäude der Fondation de la Ville de Genève pour le logement social (Stiftung für sozialen Wohnungsbau) zielt mit seinen 113 sub-ventionierten gemeinnützigen Wohnungen auf eine bestmögliche Dichte ab. Von aussen wirkt das viereckige Bauwerk recht urban, im Innern umfasst es jedoch einen Hof, Aussengänge und Lichtschächte. Das Erdgeschoss bietet Platz für handwerkliche, kulturelle und kommerzielle Aktivitäten. Diese grosszügigen Räumlichkeiten sind über das neue Langsamverkehrsnetz erreichbar, welches das gesamte Quartier durchzieht und es der Bevölkerung dank gedeckten Passagen ermöglicht, in «La Jonction» von einem Ort zum anderen zu gelangen.

Der zweite Block – ebenfalls sechs Stockwerke hoch und mit Minergielabel – gehört der Coopérative des Rois und hat drei begrünte Innenhöfe zu bieten. Im fünften Stockwerk dehnt sich eine grosse Terrasse mit Loggia und Kleingärten aus, die freie Sicht auf die Stadt, den Genfer Hausberg Salève und die Kathedrale gewährt. Im Erdgeschoss sind Restaurants, eine Schulkantine, Büros sowie diverse Detailhandelsgeschäfte untergebracht. Die grosse Parkfläche im Untergeschoss wird durch die Bewohnenden aller drei Gebäude genutzt und weist ein sehr tiefes Fahrzeug-pro-Einwohner-Verhältnis (weniger als 0,4 Fahrzeuge pro Wohnung) auf. Zusätzlich stellt sie 200 öffentliche Parkplätze für Quartiernutzende bereit. 

Das dritte, zehnstöckige Gebäude der Genfer Wohnbaugenossenschaft Codha wird eine Höhe von nahezu 40 Metern erreichen. Die ersten beiden Geschosse sind für unterschiedlich grosse Gemeinschaftswohnungen vorgesehen, die dem Wettbewerbskonzept entsprechend «Social Lofts» genannt werden. Die grösste Einheit soll 26 Zimmer, Familiensuiten, Gemeinschaftsräume, Küche, Wohnzimmer usw. umfassen, aber auch als «Clusters» bezeichnete Wohneinheiten für Einzelpersonen oder Paare, ältere Personen, junge Berufstätige oder Studierende. Das Gebäude wird über rund ein Dutzend gemeinschaftliche Bereiche verfügen, darunter einen grossen Saal mit 150 Plätzen. Die abgestuften Dachflächen werden dereinst als Hof, Terrasse oder Hausgarten genutzt.

In den oberen Stockwerken sind konventionellere Wohnungen vorgesehen, im Erdgeschoss unter anderem Codha-Büros, die Cinémathèque du Fonds municipal d’art contemporain (FMAC) sowie ein Veranstaltungssaal und in den Untergeschossen Lagerräume für die Museen der Stadt Genf. Im Ökoquartier «Jonction» wird die Ausnützungsziffer 2,3 betragen, was sehr hoch ist. «Es gibt weder den perfekten Koeffizienten noch die absolute Regel. Zudem hat jeder Kanton seine eigene Berechnungsmethode», präzisiert Monique Keller.

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Letzte Änderung 29.11.2017

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