Neue Chancen für den Bodenschutz

19.11.2013 - Damit die Böden möglichst zweckmässig genutzt werden können, muss die Raumplanung deren unterschiedliche Eigenschaften künftig besser berücksichtigen. Die Grundlagen dazu soll das Bodeninformationssystem NABODAT liefern. Bund, Kantone und Forschungsfachstellen arbeiten gemeinsam am Aufbau dieser Datenbank.

Unsere Böden verfügen je nach Standort und Zusammensetzung der verwitterten Ausgangsmaterialien über unterschiedliche Eigenschaften. So entscheiden unter anderem der Gehalt an Humus und Nährstoffen sowie die Speicherfähigkeit für Wasser und Luftporen über die Eignung als Ackerland. Dank besserer Kenntnisse der vielfältigen Bodentypen – wie Braunerde-Pseudogley, Parabraunerde und Kalkbraunerde (von links) – wollen die Umweltbehörden den Bodenverbrauch bewusster steuern.
© Agroscope (Gabriela Brändle, Urs Zihlmann) und LANAT (Andreas Chervet)

Text: Beatrix Mühlethaler

Im Archiv der Forschungsanstalt Agroscope Reckenholz-Tänikon (ART) lagert ein seltener Bodenschatz: Über 13‘000 Dokumente geben hier Einblick in den Aufbau landwirtschaftlicher Böden. Es handelt sich um Daten von Profilen und Karten, die der nationale Kartierungsdienst bis 1996 erarbeitet hat. Dieser Schatz wird nun von Fachleuten gehoben, indem sie ihn digitalisieren und in eine nationale webbasierte Datenbank (NABODAT) aufnehmen. Durch die Verknüpfung mit einem geografischen Informationssystem (GIS) sind alle erfassten Daten künftig in räumlich aufgeschlüsselter Form verfügbar.

Kartoffeln in fruchtbarer Braunerde
Kartoffeln in fruchtbarer Braunerde. Die Erfassung wichtiger Bodeninformationen in der neuen Datenbank NABODAT soll künftig einen gezielteren Bodenschutz ermöglichen.
© Agroscope (Gabriela Brändle, Urs Zihlmann) und LANAT (Andreas Chervet)

Zusätzlich können die kantonalen Bodenfachstellen schrittweise ihre aktuellen Kartierungsdaten sowie die Messresultate zur Schadstoffbelastung der Böden einspeisen. Der Bund seinerseits steuert die Informationen aus seiner Nationalen Bodenbeobachtung (NABO) bei. Später sollen auch neuere Erhebungen von Forschungsinstituten einfliessen. Mit NABODAT erhalten Bund und Kantone Zugang zu zentral abgelegten Bodeninformationen, die grösstenteils nach einem einheitlichen Standard erfasst worden sind. Damit lassen sie sich zumindest teilweise vergleichen. Dies eröffnet Chancen für eine stärkere Zusammenarbeit der Bodenfachleute und für einen effizienteren Bodenschutz. Allerdings bestimmen die Datenlieferanten, welche Informationen nur dem Eigengebrauch dienen sollen und welche sie auch allen übrigen Nutzern im Verbund zugänglich machen.

Planung erfordert Bodenkenntnisse

Aus klassischen Bodenkarten können Fachleute wichtige Schlüsse ziehen und zum Beispiel die Fruchtbarkeit eines Bodens oder sein Potenzial als Wasserspeicher einschätzen. «Die Informationen sollten allerdings nicht nur Bodenspezialisten, sondern idealerweise auch der Planung und weiteren Fachbereichen dienen», erläutert Fabio Wegmann von der Sektion Boden beim BAFU, der das Projekt NABODAT leitet. «Erst wenn klar ist, welche lebenswichtigen Funktionen ein Boden erfüllt, können Planer diese auch berücksichtigen.»

Saure Braunerde
Zwei Beispiele von Saurer Braunerde. Solche Böden sind typisch für gemässigte und feuchte Klimaregionen. Sie entwickeln sich auf kalkarmen Gesteinen – wie Nagelfluh, Granit oder Gneis – und sind hierzulande häufig in den Hügelregionen der Voralpen zu finden.
© Agroscope (Gabriela Brändle, Urs Zihlmann) und LANAT (Andreas Chervet)

Voraussetzung ist eine verständliche Bewertung der Ökosystemleistungen und Bodenfunktionen. Dabei stellen sich beispielsweise folgende Fragen: Ist ein Boden bestes Ackerland, oder hat er das Potenzial für eine wertvolle Trockenwiese? Kann er Wasser gut speichern, Nitrat zurückhalten, Schwermetalle binden und als Kohlenstoffspeicher dienen? Oder verfügt er kaum über Qualitäten dieser Art und lässt sich somit als potenzielles Baugebiet nutzen? Um aus den vorhandenen Daten solche Funktionsbewertungen und die entsprechenden Antworten abzuleiten, müssen die geeigneten Methoden hierzulande erst noch entwickelt werden. Andere Länder - wie etwa Deutschland - sind diesbezüglich bereits einen Schritt weiter.

Das Potenzial des Bodens erfassen

Welche Chancen eine Datenbank mit Funktionsbewertungen bietet, zeigen konkrete Anwendungen in Hessen und Rheinland-Pfalz. Die beiden Bundesländer haben die Daten zu ihren historischen Bodenschätzungen - eine spezielle Kartierungsart - gemeinsam mit einem Ingenieurbüro digitalisiert und zu thematischen Bodenkarten aufbereitet. Diese geben unter anderem über das Ertragspotenzial, die Filterkapazität oder das Wasserrückhaltevermögen Auskunft. Dabei erfolgte eine Zuteilung der Flächen in fünf Bewertungsstufen - von einem sehr geringen bis zu einem sehr hohen Erfüllungsgrad der Bodenfunktion. Aus einer weiteren Karte lässt sich ablesen, wo Flächen mit hohem Biotopentwicklungspotenzial liegen. Die Karten stehen in hoher Auflösung mit parzellenscharfen Abgrenzungen zur Verfügung.

Den Anstoss zu den Bodenschätzungen in Deutschland gaben ursprünglich landwirtschaftliche Interessen. In diesem Bereich haben die digitalisierten Daten denn auch rasch Anklang gefunden. Gleichzeitig zeigte sich eine rege raumplanerisch motivierte Nachfrage. Deshalb hat man aus den Basisdaten weitere Bodenfunktionsbewertungen abgeleitet. Für Planungsaufgaben sind je nach Situation unterschiedliche Funktionen relevant, wie Ricarda Miller vom beteiligten Ingenieurbüro «Schnittstelle Boden» festhält. Zentral seien aber das Potenzial eines Bodens für die Entwicklung natürlicher Pflanzengesellschaften, das Ausmass der Bodenfruchtbarkeit im Hinblick auf einen hohen landwirtschaftlichen Ertrag, die Funktion für den Wasserhaushalt sowie die Bedeutung einer Fläche als Archiv der Natur- und Kulturgeschichte.

Gesamtnote kann nützlich sein

Weil für die Raumplanung oft eine integrale Aussage zum Wert eines Bodens nützlich sein kann, entwickelte Ricarda Miller auch eine Gesamtbewertung der Bodenfunktionen. «Das Resultat lässt sich nicht einfach aus dem Mittelwert der Einzelwerte gewinnen, denn dies würde zu einer Nivellierung der Ergebnisse führen und den Bodenschutz eher schwächen», erläutert die Bodenspezialistin. Die Gesamtbewertung der beiden Bundesländer beruht jetzt auf einem korrigierten Mittelwert: So werden ein hoher und sehr hoher Leistungswert bei einzelnen Funktionen zusätzlich gewichtet.

Fallbeispiele in einem Leitfaden der deutschen Bund/Länder-Arbeitsgemeinschaft Bodenschutz (LABO) zeigen den direkten Nutzen für die Planung auf. Eine Gesamtnote bildet eine gute Entscheidungsgrundlage, wenn man Landwirtschaftsland in die Bauzone überführen will und dabei Standortalternativen prüft. Aus Sicht des Bodenschutzes sind jeweils diejenigen Grundstücke einzuzonen, welche beim Gesamtwert der Bodenfunktionen schlechter abschneiden.

Anders verhält es sich bei der konkreten Bauplanung auf einem bereits eingezonten Grundstück. Ist die Fruchtbarkeit des Bodens auf einem Teil der Fläche hoch, puffert er hier auch Schadstoffe besser ab, und kann er zudem mehr Wasser speichern, so sind die nicht überbauten Grünräume vorzugsweise in diesem Bereich zu planen. Die Kenntnis einzelner Bodenfunktionen dient folglich in solchen Fällen dazu, die Auswirkungen der Bodenversiegelung kleinräumig zu optimieren.

Die Nachteile fehlender Bodendaten

Neben landwirtschaftlichen und planerischen Zwecken dienen Bodeninformationen vielen weiteren Anwendungsbereichen: Für das Nationale Treibhausgasinventar stellt sich etwa die Frage, welche Böden als CO2-Senken wirken, während beim Hochwasserschutz deren Speicherfähigkeit eine wichtige Rolle spielt.

Trotz grossem Einsatz steht NABODAT erst am Anfang. Für viele potenzielle Anwendungen müssen die Methoden erst noch entwickelt werden. Zudem sind noch nicht genügend Böden kartiert, damit sich detaillierte Karten der Bodeneigenschaften erstellen lassen. Gerade bei heterogenen Böden, wie sie für die Schweiz typisch sind, braucht es für flächenhafte Aussagen viele Punktdaten. Zurzeit liegen diese Angaben für weniger als 30 % der landwirtschaftlich genutzten Flächen vor. Aufgrund der beschränkten finanziellen und personellen Ressourcen von Bund und Kantonen ist auch offen, ob sich die Datenlage in absehbarer Zeit bessert. «Leider gibt es seit 1996 keine nationale Kompetenzstelle für Bodeninformationen mehr, welche die nationalen Standards festlegt, die Kantone bei der Bodenkartierung unterstützt und Methoden für die Bewertung der Bodenfunktionen erarbeitet», stellt NABODAT-Projektleiter Fabio Wegmann fest. Dies erweist sich nun als bedeutender Nachteil bei der zentralen Ablage und Auswertung der Bodeninformationen, die für eine nachhaltige Bodennutzung unerlässlich sind.

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Letzte Änderung 19.11.2013

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