Ein globales Umweltproblem: Baldiges Aus für die weltweit letzte Quecksilbermine

25.11.2010 - Das Schwermetall Quecksilber (Hg) ist eines der gefährlichsten Gifte für Mensch und Umwelt. Weltweit wird es nur noch in einer völlig veralteten Mine im südkirgisischen Khaidarkan abgebaut. Im Rahmen einer freiwilligen Partnerschaft mit Kirgistan engagiert sich die Schweiz seit Längerem für die Stilllegung der umweltgefährdenden Anlage.

Khaidarkan und seine Quecksilbermine liegen im Südwesten der zentralasiatischen Republik Kirgistan, nahe der Grenze zu Tadschikistan.

Hinter dem geheimnisvollen Namen Khaidarkan verbirgt sich eine eher triste Stadt mit rund 10’000 Menschen im Südwesten der zentralasiatischen Republik Kirgistan. Die Landschaft vor der eindrücklichen Bergkulisse des Alaj-Massivs im westlichen Tien-Schan-Gebirge widerspiegelt die Quecksilbergewinnung der vergangenen 70 Jahre. Zu Hügeln aufgeschüttetes Gestein, eine Schmelzanlage mit rauchendem Kamin und ein Giftschlammbecken prägen das Bild. Khaidarkan entstand 1941 als volkseigener Betrieb mit rund 3500 Beschäftigten. Damals wurden die zuvor in der Ukraine installierten Bergbau-Apparaturen vor dem Einmarsch der deutschen Truppen in die unwegsame Gegend in Sicherheit gebracht.

Die in der Sowjetzeit ohne Rücksicht auf Mensch und Umwelt gebaute Anlage ist nach einem jahrzehntelangen Einsatz inzwischen hoffnungslos veraltet. Seit der Unabhängigkeit des Landes im August 1991 hat es die kirgisische Regierung nicht geschafft, das Kombinat zu privatisieren und damit die erhoffte Sanierung des Minenbetriebs einzuleiten. Doch auch die antiquierte Anlage bringt dem armen Staat dank dem Export von billig produziertem Quecksilber immer noch dringend benötigte Devisen ein.

Initiative für eine freiwillige Partnerschaft. Trotzdem akzeptierte die Regierung in der Landeshauptstadt Bischkek im Jahr 2007 den Vorschlag, einen nationalen Aktionsplan zur Schliessung der Mine auszuarbeiten. Federführend bei der Lancierung des Vorhabens war das Ausbildungs- und Forschungsinstitut Unitar der UNO in Genf. «Zur Unterstützung Kirgistans schlugen wir eine freiwillige Partnerschaft vor und kontaktierten dazu die Schweiz, deren führende Rolle im Bereich der internationalen Chemikalien- und Abfallpolitik weltweit anerkannt ist», sagt Craig Boljcovac, der bei Unitar die entsprechenden Programme für das Chemikalien- und Abfallmanagement leitet. Das BAFU nahm die entsprechende Initiative bereitwillig an: «Auf dem Weg zu einer globalen Quecksilberkonvention wollten wir einen wichtigen konstruktiven Beitrag leisten und die umweltbelastenden Emissionen der letzten Mine auf der Erde eindämmen», erklärt Franz Perrez, Chef der BAFU-Abteilung Internationales. In der Folge entschlossen sich auch die USA, die Partnerschaft für einen Aktionsplan finanziell mitzutragen. Das UNO-Umweltprogramm Unep übernahm dabei die Koordination der Arbeiten durch kirgisische Fachleute vor Ort.

Im Rahmen der Unep-Studie Umwelt und Sicherheit im Fergana-Tal war die Quecksilberbelastung in Khaidarkanbereits 2004 erstmals gemessen worden. Die Untersuchungen leitete die in Genf ansässige und auf Umweltfragen spezialisierte Nichtregierungsorganisation Zoï, die mit Unitar später auch am Aktionsplan mitwirkte. «Die Quecksilberwerte in Flüssen, Bodenproben und lokal angebauten Nahrungsmitteln wie Kartoffeln oder Karotten sind höher, als in Kirgistan erlaubt», stellt Zoï-Direktor Otto Simonett fest. Daten zur Gesundheit der Bevölkerung seien indes nie systematisch erhoben worden. Den Landwirten fiel jedoch auf, dass einige ihrer Nutztiere schwer erkrankten. «Solche Beobachtungen liessen sich aber nicht durch tiermedizinische Untersuchungen erhärten, weil jegliche Erhebungen fehlen», sagt Otto Simonett.

Die völlig veralteten Anlagen hinterlassen tiefe Wunden in der Berglandschaft und führen zu einer starken Belastung der Umwelt. Weil die Mine heute noch der wichtigste Arbeitgeber in der Region ist, müssen vor ihrer Schliessung neue Beschäftigungsmöglichkeiten geschaffen werden.

Minenbetrieb mit gravierenden Mängeln.
«Die Bevölkerung in Khaidarkan ist sich der negativen Auswirkungen dieser veralteten Quecksilbermine auf Mensch und Umwelt zum Teil durchaus bewusst», berichtet die BAFU-Expertin Gabi Eigenmann von der Sektion Globales. Sie koordiniert die Partnerschaft zur Minenschliessung und hat die Anlagen zusammen mit Fachleuten der UNO besichtigt. Die in den Bereichen Schmelzerei, Raffination und Absetzbecken festgestellten Mängel sind enorm: «Es fehlen Spezialisten und neue Technologien, etwa zur Reinigung der Abluft. Die Rohre zur Ableitung des verseuchten Abwassers in ein offenes Giftschlammbecken sind durchgerostet. Zudem müsste haufenweise kontaminiertes Gesteinsmaterial verarbeitet und entsorgt werden.» Der Minenleitung mangelt es indes an finanziellen Mitteln, um die Anlage standardkonform zu betreiben, stellt Gabi Eigenmann fest.

Gemäss ihrer Einschätzung erfordert eine nachhaltige Stilllegung der Mine mehr als Technologien zur Wiederherstellung der belasteten Umwelt. Sonst drohe nämlich die Gefahr, dass Quecksilber in der Folge illegal und unter noch gefährlicheren Bedingungen abgebaut werde. «Ihren Lebensunterhalt zu verdienen, hat für die Menschen vor Ort klar Vorrang. Wir suchen deshalb auch nach wirtschaftlich-sozialen Lösungen. In der Region müssen alternative Arbeitsplätze und neue Investitionsanreize für andere Industrien geschaffen werden», betont Gabi Eigenmann.

Der mit internationaler Hilfe erarbeitete Aktionsplan umfasst neben der Schliessung der Quecksilbermine auch die Förderung der lokalen Entwicklung, den Aufbau von neuen Industriebetrieben sowie die Sanierung der belasteten Umwelt.
© Unep/Unitar

Geplante Umsetzung des Aktionsplans.Mögliche Wege zeigt der nationale Aktionsplan auf, den die damalige kirgisische Regierung 2009 gutgeheissen hat. Damit er auch umgesetzt werden kann, braucht es aber noch mehr Geldgeber und neue Investoren. Norwegen hat seine finanzielle Hilfe bereits zugesagt. Die Schweiz will das Vorhaben über den Globalen Umweltfonds (GEF)unterstützen. Zentral für die Geber sind die umwelttechnische Sanierung der Minenumgebung in Khaidarkan sowie die Wiederherstellung der natürlichen Lebensgrundlagen.

Die Gelder der Schweiz sind noch eingefroren, bis Kirgistan ein Datum zur Schliessung der Mine festlegt. Laut Gabi Eigenmann hat die Übergangsregierung unter Rosa Otunbajewa zugesagt, sich an die eingegangenen Verpflichtungen zu halten. Nach den Wahlen im Herbst 2010 hofft man auf eine Stabilisierung der politischen Lage und einen verbindlichen Zeitplan. Die Schliessung könnte sich allerdings hinziehen, zumal mehrere Ministerien für die Mine zuständig sind und das Präsidialbüro die Schliessung zudem bewilligen muss.Sanierung des Giftschlammbeckens.Mit den GEF-Geldern sollen zunächst die Umzäunung und Abdeckung des Giftschlammbeckens finanziert werden. Es enthält neben Quecksilber andere giftige Substanzen wie Antimon und Fluorit, die alle in den nahe liegenden Fluss sowie in die Umgebungsluft gelangen können. Der sandige Schlamm entsteht durch das Zermalmen des quecksilberhaltigen Erzgesteins Zinnober, das anschliessend mit Wasser gespült wird, um die leichten Fraktionen auszuwaschen. Danach wird das Konzentrat mit dem Schwermetall erhitzt, wobei das Quecksilber verdampft und in gekühlten Röhren gesammelt werden kann.

«Zur Sanierung des Giftschlammbeckens könnte man Abbaumaterial aus der Umgebung von Khaidarkan einsetzen», erklärt Zoï-Direktor Otto Simonett. Dazu eigneten sich Vorkommen des tonhaltigen Bentonits, der unter anderem auch als Lebensmittelzusatz in der Nahrungsmittelindustrie sowie als Bestandteil verschiedener Kosmetika Verwendung findet. Der kirgisische Aktionsplan, an dessen Erarbeitung Otto Simonett mitwirkte, nennt ferner nutzbare Vorkommen von Gips, der zu Baumaterial verarbeitet werden könnte. Mögliche Beschäftigungsmöglichkeiten in der Region bietet zudem die Verarbeitung von Magnesit und Serpentinit zu Ziegeln.

Mögliche Nutzung der lokalen Goldvorkommen. Kirgistan setzt jedoch auch grosse Hoffnung in die zahlreichen Goldvorkommen im Süden des Landes. Sie könnten Khaidarkan dereinst zu einer Drehscheibe für das Edelmetall machen. Rund 1000 Menschen würden dadurch ein Einkommen finden. Allerdings wären für einen nachhaltigen Goldabbau hohe Investitionen in neue Technologien von 40 bis 60 Millionen US-Dollar erforderlich, erläutert Otto Simonett.

Im Interesse von Umwelt und Volksgesundheit sollte die Eröffnung kleiner Goldminen in Kirgistan möglichst vermieden werden. «Dies würde nämlich lokal zu einer hohen Nachfrage nach Quecksilber führen und so die Wiedereröffnung der Khaidarkan-Mine oder anderer Zinnober-Vorkommen in der Region nach sich ziehen», erklärt Gabi Eigenmann. Die kleingewerbliche Goldgewinnung ist mit einem Anteil von 18 Prozent weltweit die zweitgrösste Quelle der Quecksilberemissionen in die Umwelt. Das flüssige Schwermetall wird dabei eingesetzt, um die feinen Goldteilchen zu binden. Den unrühmlichen Spitzenplatz belegt jedoch die Verbrennung von Steinkohle zur Energiegewinnung mit 45 Prozent des globalen Quecksilberausstosses.

Suche nach einer internationalen Lösung. Die Partnerschaft zur Schliessung der Mine in Kirgistan hat aufgezeigt, dass sich nicht alle Probleme vor Ort lösen lassen. Dazu braucht es auch auf internationaler Ebene verbindliche Regeln, die in einer geplanten Quecksilberkonvention der UNO festgelegt werden sollen. Am Fallbeispiel Khaidarkan lässt sich aber auch das komplexe Zusammenspiel von Metallabbau, internationalem Rohstoffhandel, industrieller Verarbeitung und Recycling verfolgen. Das in Kirgistan geförderte Quecksilber wird zu 90 Prozent exportiert, wobei genaue Angaben zum Verbrauch im Ausland fehlen. Laut Fachleuten erschwert der Handel über Brokerfirmen, die verschiedene Abnehmer in diversen Ländern mit Quecksilber beliefern, die Verfolgung der Warenströme. Die angestrebte Reduktion des Angebots an billigem Quecksilber durch eine Schliessung der letzten Mine bedeute allerdings kein gänzliches Aus für diesen Handel, betont Gabi Eigenmann: «Für ausgewählte Produkte und Verarbeitungsprozesse, für die gegenwärtig noch keine akzeptablen Alternativen bestehen, wird das Schwermetall durch die in Recyclingbetrieben zurückgewonnenen Mengen weiterhin auf dem Markt bleiben.»

Viera Malach, InfoSüd

Allmählicher Abschied vom Quecksilber

bjo. Das bei Zimmertemperatur flüssige Schwermetall Quecksilber (Hg) kommt in der Umwelt in unterschiedlichen chemischen Verbindungen vor, die zum  Teil hochgiftig sind. Weil die beständige Substanz via Luft und Wasser über weite Strecken verfrachtet wird, lässt sie sich auch in grosser Entfernung von der ursprünglichen Freisetzungsquelle noch nachweisen. Vor allem Verseuchungen von Gewässern können schwerwiegende Auswirkungen haben, da sich das Gift über die aquatische Nahrungskette unter anderem auch in Speisefischen anreichert. Besonders betroffen sind Menschen in Skandinavien und der Arktis, die viel Fisch konsumieren. Tragisches Beispiel für eine gravierende Quecksilbervergiftung ist die japanische Stadt Minamata, wo eine Kunststofffabrik ab den 1950er-Jahren grosse Mengen an organischen Quecksilberverbindungen in eine Meeresbucht leitete. In der Folge erkrankten tausende von Menschen in der Umgebung an Kopf- und Gliederschmerzen, Lähmungen und Psychosen oder fielen ins Koma, wobei die allmähliche Vergiftung durch verseuchte Fische und Muscheln für viele tödlich endete. Wer überlebte, trug oft schwere Schädigungen davon.

Konvention soll die Risiken senken. Um die Risiken für Mensch und Umwelt zu reduzieren, engagiert sich die Schweiz seit Jahren für eine globale Quecksilberkonvention, welche den Verbrauch und die Freisetzung des gesundheitsschädigenden Schwermetalls drastisch eindämmen soll. Zur Erinnerung an die tragischen Geschehnisse in Japan dürfte das angestrebte Abkommen dereinst Minamata-Konvention heissen und die bereits bestehenden internationalen Regelwerke in den Bereichen Chemikalien- und Abfallmanagement ergänzen. Die entsprechenden Verhandlungen haben im Juni 2010 in Stockholm begonnen und werden sich voraussichtlich über einen Zeitraum von drei Jahren erstrecken, wobei die letzte Runde Anfang 2013 in der Schweiz geplant ist. Das BAFU setzt sich für eine griffige Konvention ein, die Angebot und Nachfrage von Quecksilber einschränkt, umweltgefährdende Prozesse und Produkte sowie den grenzüberschreitenden Handel verbietet, einen raschen Ausstieg aus quecksilberhaltigen Technologien anstrebt, eine sichere Endlagerung von Hg-Abfällen garantiert und zudem die Emissionen in die Luft markant reduziert.

Verbote setzen sich durch. Einzelne Länder wie die Schweiz haben bestimmte Produkte, die Quecksilber enthalten, bereits vor Jahren untersagt, und der Vorreiter Schweden hat 2009 sogar ein absolutes Verbot für Handel und Industrie beschlossen. Die Europäische Union will bis 2011 mit einem Exportverbot nachziehen, und in den USA soll es 2013 so weit sein. Für häufig eingesetzte Produkte wie Thermometer, Fiebermesser, Barometer, Blutdruckmessgeräte oder Batterien ist die Industrie seit Längerem auf umweltverträglichere Ersatzstoffe oder Technologien ausgewichen.

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Letzte Änderung 25.11.2010

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